Verbot der Weitergabe von Strafgebühren
„Ein Markteingriff erscheint mir nicht notwendig“
 

Der Finanzexperte Peter Barkow hält es für sehr wahrscheinlich, dass die EZB ihren Negativzins weiter absenken wird. Ein gesetzliches Verbot der Weitergabe der Strafgebühren sei jedoch ökonomisch verfehlt, erklärt er im Interview.

die bank: Banken in der Eurozone müssen derzeit 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) deponieren. Die Andeutung von EZB-Präsident Mario Draghi, dass die Notenbank den negativen Einlagenzins womöglich schon in ihrer nächsten Zinssitzung am 12. September verschärften könnte, hat die Finanzbranche in Aufruhr versetzt. Für wie wahrscheinlich halten Sie eine weitere Absenkung des Strafzinses auf minus 0,5 Prozent?

Peter Barkow: Eine kurzfristige Absenkung des Negativzinses gilt aktuell als sehr wahrscheinlich und ist im Kapitalmarkt auch entsprechend eingepreist. Gleichzeitig hat die EZB aber auch kommuniziert, dass sie kompensatorische Maßnahmen prüft. Es ist also auch davon auszugehen, dass die Notenbank in irgendeiner Art einen Freibetrag einführen wird, der über das sogenannte Mindestreserve-Soll hinausgeht. Ob dies zeitgleich geschehen wird, ist allerdings offen.

die bank: Die EZB will mit dem Strafzins erreichen, dass die Institute ihr Geld möglichst nicht bei der Notenbank parken, sondern Kredite an Firmen vergeben, damit die Konjunktur stimuliert wird. Welche Alternativen zu einer Absenkung des Strafzinses hat die EZB?

Barkow: Seit Juni 2014 stellt die EZB den Banken über sogenannte TLTRO-Programme (targeted longer-term refinancing operations) zusätzliche Liquidität zur Verfügung, deren Zinssatz sinkt, je mehr Kredite die jeweilige Bank vergibt. Über die TLTRO-Programme haben die teilnehmenden Banken also bereits klare Anreize, mehr Kredite zu vergeben.

die bank: Könnten einzelne Geldinstitute durch eine Absenkung des Zinses in ernsthafte Schwierigkeiten geraten?

Barkow: Die Belastung durch den Negativzins ist in der Tat unterschiedlich groß. Eine Analyse des FinTech-Unternehmens Deposit Solutions hat ergeben, dass der Ertrag der Banken in der Eurozone durch den Negativzins 2018 durchschnittlich um 4 Prozent rückläufig war. Für deutsche Banken war der negative Ertragseffekt sogar doppelt so hoch. Man kann also sagen, dass insbesondere deutsche Banken erheblich unter den Negativzinsen leiden. Es ist entsprechend auch offensichtlich, dass einzelne Institute unterschiedlich stark belastet sind bzw. sein werden. Wie hoch die zusätzliche Ertragsminderung ausfallen wird, hängt allerdings vom Zinsschritt der EZB und von der Höhe etwaiger Freibeträge ab. Hierbei kann es dann durchaus auch zu Entlastungen der Banken kommen. Für eine abschließende Beurteilung müssen aber erst einmal Fakten auf den Tisch.

die bank: In der Politik wird derzeit über ein gesetzliches Verbot der Weitergabe der Strafgebühren diskutiert – zumindest für Sparer mit einem Barvermögen von bis zu 100.000 Euro auf dem Konto. Ist so ein Vorhaben realistisch?

Barkow: Ob es realistisch ist, kann ich kaum einschätzen. Allerdings halte ich ein solches Vorgehen für nicht notwendig bzw. ökonomisch verfehlt. Die zusätzliche Regulierung eines Marktes ist dann notwendig, wenn der Markt alleine nicht funktioniert, es also zu einem Marktversagen kommt. Das ist bei der Verzinsung von Einlagen allerdings aktuell überhaupt nicht zu erkennen. Banken würden ja nur die Ihnen von der EZB auferlegten negativen Zinsen weiterleiten. Ein Markteingriff erscheint mir daher nicht notwendig. Die aktuelle Diskussion ist eher politisch als ökonomisch motiviert. Und letztlich: Banken sind wahrlich schon reguliert genug.

die bank: Ist ein solches Verbot überhaupt nötig? Schließlich stehen die Kreditinstitute in starker Konkurrenz zueinander. Wer mit Strafzinsen droht, könnte Kunden verlieren.

Barkow: Wie gesagt, halte ich ein Verbot nicht für notwendig. In Deutschland herrscht ein sehr starker Wettbewerb der Banken untereinander und der Markt ist über Vergleichsportale zudem auch noch sehr transparent. Kunden können also leicht die Konditionen miteinander vergleichen und entsprechend die Bank wechseln. Insbesondere für deutsche Anleger sollte die aktuelle Zinssituation aber auch ein Anreiz genug sein, ihr Anlageverhalten zu überprüfen. Es gibt ja aktuell kaum noch verzinste Investitionsmöglichkeiten. Man könnten daher überlegen, einen größeren Anlageteil direkt oder indirekt in Aktien zu allokieren.

die bank: Welche Alternativen haben die Kreditinstitute zu einer etwaigen Erhebung von Strafgebühren?

Barkow: Die Alternative zur Erhebung von negativen Zinsen besteht in der Erhöhung von Gebühren. Hier waren die Banken in der Vergangenheit allerdings bereits aktiv. Den Rückgang des Zinsergebnisses konnte dies allerdings nicht auffangen. Es ist damit zu rechnen, dass Banken auch weiterhin versuchen werden, Ihr Provisionsergebnis zu steigern. Bei den Kontoführungsgebühren ist das Potenzial aber vermutlich weitgehend ausgereizt.

Die Fragen stellte Dogan Michael Ulusoy.

Lesen Sie hier die englischsprachige Studie „Negative Rates & Banking Profits – How negative interest rates impact banks in the eurozone and Switzerland“.


Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
26.08.2019
Quelle(n):

Bildquelle: iStock.com/bririemoments

Autor/in 
Redaktion die bank


Der Finanzexperte Peter Barkow gründete im Jahr 2009 das Finanzanalysehaus Barkow Consulting, deren geschäftsführender Gesellschafter er heute ist.
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 07/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv