Das Bot-Interview
Effizientere Arbeit heißt nicht Personalabbau
 

Macht die Digitalisierung menschliche Intelligenz überflüssig? Im Gegenteil, ist Bot-Experte Sven Ewert (Foto unten) vom gleichnamigen Softwareunternehmen überzeugt. Sein Standpunkt: Menschliche Intelligenz wird, digital aufbereitetet, so mächtig, dass es Gesellschaften weltweit komplett verändert – am meisten dort, wo Wissen immer noch die knappste Ressource ist.

die bank: Herr Ewert, Sie beschäftigen sich mit Effizienzsteigerung im Unternehmen und dem Wissenstransfer im Zuge der Digitalisierung. Wie passt das zusammen?
Ewert:
Wissenstransfer folgt dem immer gleichen Muster: Grundwissen erlernen, Expertenwissen ausbilden, Wissen durch Experten anwenden lassen. Das ist ein sehr langsamer und ineffizienter Prozess. Mangelndes oder verzögertes Feedback hemmt die Weiterentwicklung von Expertenwissen zusätzlich. Davon losgelöst wird Expertenwissen im Zuge der Spezialisierung in den Unternehmen immer bedeutsamer. Unser Ansatz ist, jegliche Art von Expertenwissen, sei es im gewerblichen, wissenschaftlichen oder privaten Bereich, auf Laien übertragbar zu machen, indem wir es in leistbare und im Kontext gestellte atomare Aufgaben gliedern.

die bank: Das klingt etwas theoretisch. Wie kann die Digitalisierung ganz konkret die Wissensaneignung unterstützen? Durch Künstliche Intelligenz?
Ewert:
Nicht unbedingt. Digitalisierung hat immer dieses eine Ziel: Wie bringe ich einen Computer dazu, das zu tun, was ich bisher selber machen musste? Wir setzen dabei auf Menschliche Digitale Intelligenz (MDI). Im Gegensatz zur Künstlichen Intelligenz (KI), die durch Bilderkennung, Sensorik oder maschinelles Auslesen von Informationen riesige Datenmengen gewinnt, operiert MDI mit kleinen, aufgespaltenen Datenmengen. Experten strukturieren sie, ergänzen sie mit weiteren multimedial aufbereiteten Informationen und stellen sie dem Laien prozessbegleitend zur Verfügung. Solche prozessbegleitenden Aufgaben nennen wir Bots. Kurz gesagt: MDI berücksichtigt den Faktor Mensch – und holt menschliches Feedback ein, um zu einer optimalen Lösung zu kommen.

die bank: Zumindest im privaten Bereich haben Online-Tutorials den Wissenstransfer bereits jetzt stark verändert. Sehen wir hier schon im Voraus, was sich auch im professionellen Segment durchsetzen wird?
Ewert:
Ja, ich glaube schon. Die Art des Lernens und die Anwendung von Wissen werden sich in der zukünftigen Generation komplett auf neue Füße stellen. Sie wird darauf verzichten können, sich im Moment nicht benötigtes Wissen anzueignen. Es wird dann eher darum gehen, das, was aktuell in einer bestimmten Situation gebraucht wird, zu vertiefen. Selektives Wissen abzurufen, ist heute längst nicht mehr das Problem, aber es wird noch weitgehend falsch angewandt.

die bank: Wie wirkt sich diese Art des Wissenstransfers konkret auf die Effizienz von Arbeitsprozessen aus?
Ewert:
In einem normalen Bürobetrieb hat man einen wertschöpfenden Anteil an Arbeit von rund 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent sind aus der Perspektive der Arbeit gesehen verschwendete Zeit. Im gewerblichen Bereich liegt die Effizienz bei etwas über 60 Prozent, weil dieser Bereich maschinenbedingt besser organisiert ist.

die bank: Bei den Menschen erzeugt die Digitalisierung im Hinblick auf ihre berufliche Tätigkeit oft erst einmal eine Abwehrhaltung.
Ewert:
Natürlich bringt die Digitalisierung etwas Disruptives mit sich, und das macht Angst. Effizientere Arbeit bedeutet aber nicht unbedingt Personalabbau, sondern kann auch eine Steigerung wertschöpfender Tätigkeiten bewirken. Bei einem Unternehmen kann dies etwa die Erweiterung des Angebots sein. Wegrationalisiert werden vor allem die schlechten Jobs. Und wieso sollten die Jobs, die danach kommen, noch schlechter sein? Arbeit wird sich dann so verändern, dass ich lauter kleine Doings mache, die ich aufgrund meiner Spezialisierung besser kann als ein anderer. Ich habe also kein statisches Arbeitsverhältnis mehr. Noch sind die nötigen Plattformen dafür aber nicht wirklich gut ausgebildet.

die bank: Der Konsum und das Informationsverhalten haben sich bereits durch das Internet und sehr stark durch das Smartphone verändert. Welche Bereiche folgen als nächstes?
Ewert:
Niemand ist vor fundamentalen Änderungen im Hinblick auf die bisherigen Geschäftsmodelle sicher. Für mich ist es nicht eingängig, dass sich der Handel derart wenig um Prozessveränderungen kümmert. Wenn ich mir Amazon anschaue: Die machen nichts anderes als die Digitalisierung ihrer Prozesse. Der Handel lässt da Effektivitätschancen liegen, die Amazon nutzt und Branche um Branche schluckt – als nächstes ist mit „Amazon fresh“ die Lebensmittelbranche im Visier. Bei den Bezahlverfahren ist es ähnlich. Viele Branchen müssen sich dringend bewegen.

die bank: Die größten Skaleneffekte sind immer dort, wo die meisten Prozesse abgeleistet werden müssen. Aber werden hier im Transformationsprozess nicht neue Kosten verursacht, die den Vorsprung durch mehr Effizienz wieder schmälern?
Ewert:
Nein, denn Bots haben wesentliche Kostenvorteile. Ein Bot wird nicht in einer Programmiersprache verfasst wie etwa eine App, sondern den kann jeder schreiben. Außerdem sind Bots viel feingranularer auf die verschiedenen Problematiken zugeschnitten, also auch inhaltlich viel effizienter. Die Qualität stimmt aber nur dann, wenn das gemeinsame Wissen wiederum mehreren zur Verfügung steht und nutzbar ist. Wenn beispielsweise jemand in seinem Spezialgebiet eine bestimmte Branchenlösung mit unserer Lösung entwickelt, die andere aus der Branche adaptieren können, dann kriegt er von uns eine Provision, sobald wir diese Branchenlösung verkauft haben.

die bank: Können das Apps nicht schon längst leisten?
Ewert:
Nein, Apps sind viel zu allgemein und zu statisch. Eine Fitness-App beispielsweise kann gerade noch nach Mann und Frau unterscheiden, aber nicht nach Persönlichkeitstyp. Der Bot kann das berücksichtigen. Oder ein anderes Beispiel: Ein Brunnenbau-Bot, der hier in Deutschland funktioniert, interessiert Afrikaner nicht, weil sich der Brunnenbau-Bot hier hauptsächlich um die gesetzlichen Vorschriften kümmert. In Afrika geht es zuerst darum, wo ich überhaupt Wasser finde. Eine App ist also dann sinnvoll, wenn man eine sehr große Zielgruppe damit adressieren kann. Wenn ich aber eine Zielgruppe habe, bei der es darauf ankommt, dass mein Inhalt dem Charakter und den jeweiligen Skills entsprechend formuliert ist, dann kann ich nicht mit einer App arbeiten.

Herr Ewert, haben Sie vielen Dank für dieses Interview.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
26.04.2017
Quelle(n):
Foto: Niki Siegenbruck (Bank-Verlag); privat
Autor/in 
Redaktion die bank
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