Meinung
Echte geografische Diversifikation ist wichtiger denn je
 

Weltweit wächst der private finanzielle Wohlstand. Damit wächst auch in Europa die Notwendigkeit, diesen Wohlstand zu sichern. Doch die konventionellen Diversifikationsmodelle greifen zu kurz.

Das globale Vermögen der privaten Haushalte wird weiter wachsen. Studienergebnisse der Boston Consulting Group gehen von einer Gesamtwachstumsrate von jährlich 6 % für die nächsten fünf Jahre aus. Trifft diese Prognose zu, würden die privaten Vermögen von 168 Billionen US-Dollar in 2015 auf 224 Billionen US-Dollar in 2020 ansteigen (1) Allerdings ist die treibende Kraft dahinter keineswegs Westeuropa. An der Spitze der Wachstumsraten sieht BCG die Asien-Pazifik-Region mit jährlich 10,3 % bis 2020, gefolgt vom Nahen Osten und Afrika (MEA) mit 8,2 % und Lateinamerika mit 8,1 %. Das nominale Wachstum der Privatvermögen in Westeuropa dagegen werde magere 3,6 % jährlich betragen. Angesichts einer Inflationsrate, die in Deutschland bereits im Dezember 2016 bei 1,7 % lag und nicht zuletzt durch die unveränderte Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank weiter anziehen wird, kann man mit einer derart niedrigen Prognose kaum zufrieden sein. Lediglich für Japan stellt die Studie mit jährlich 2,4 % bis 2020 ein geringeres Wachstum in Aussicht.

Die Ursachen dafür scheinen klar. Die Finanz- und Schuldenkrise dauert an und sorgt auch in den kommenden Jahren weiterhin für ein Niedrigzinsumfeld, in dem die negative Realverzinsung Anlagevermögen sukzessive an Wert verlieren lässt. Die Wirtschaft stagniert, auch in Erwartung des Brexit, dessen Folgen für den europäischen Finanz- und Wirtschaftsraum vollkommen unkalkulierbar sind, schlicht, da der Austritt eines Mitgliedstaates aus der EU ein noch nie dagewesenes historisches Ereignis darstellt. Die vermeintliche Unbekümmertheit der Öffentlichkeit täuscht darüber hinweg, dass die Risiken für europäische Anleger steigen. Die konventionellen Diversifikationsmodelle greifen zu kurz. Effiziente Gegenmaßnahmen werden nicht getroffen.

Blindes Vertrauen in einzelne Banken ist riskant
Die Finanzkrise ab 2007 hat gezeigt, wie instabil das europäische Finanzsystem tatsächlich ist, und, an den Beispielen von Irland, Griechenland und Zypern, wie weit die Staaten zu gehen bereit sind, um dieses Finanzsystem vor dem hausgemachten Kollaps zu bewahren. Noch immer zählen deutsche Großbanken in den europäischen Stresstests zu den schwächsten Instituten. Die geografische und geopolitische Diversifikation von Anlagevermögen nicht nur auf Basis der Investitionsentscheidung, sondern ebenso anhand der Auswahl des Finanzplatzes, an dem das Vermögen beheimatet werden soll, gewinnt angesichts dieser politischen und systemischen Unsicherheiten immer mehr an Bedeutung. Dennoch legen die privaten Haushalte aktuell nur einen Bruchteil ihres Vermögens an ausländischen Finanzplätzen an (2). Die allgemeine Dämonisierung von Offshore Banking erweist sich hier als falsch: Anstatt das eigene Vermögen über Rechts- und Währungssysteme hinweg zu diversifizieren, verzichten Anleger darauf, ihr Anlagerisiko zu minimieren, und bündeln ihr gesamtes Vermögen in nur einem Institut – der Großbank ihres Vertrauens. Indem sie ihren Aktionsradius auf das Produktportfolio dieses Instituts beschränken, beschneiden sie zugleich ihre Investitionsmöglichkeiten und die Chance einer tragfähigen Rendite. Dabei existieren heute mehr Möglichkeiten denn je, voll versteuertes Vermögen legal im Ausland zu investieren.

Im Mittelpunkt von Offshore Banking steht längst nicht mehr die Steueroptimierung. Grenzüberschreitende Finanzströme werden transparenter, die Regulierung der Banken und Finanzmärkte wurde und wird weiterhin sukzessive erhöht, und die Zusammenarbeit zwischen Staaten bis hin zum automatischen Austausch von Steuerinformationen nimmt zu. Gleichzeitig profitieren Anleger an Offshore-Finanzplätzen mitunter von schärferen bankrechtlichen Regelungen als in ihrem Heimatland. Darunter fallen auch höhere Kernkapital- und Liquiditätsquoten, Kennzahlen, an denen sich die Schwachstellen der größten deutschen Banken bereits in der Vergangenheit besonders deutlich zeigten. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung und revolutionäre Technologien wie Blockchain die Vorteile der großen, international vertretenen Institute einschmelzen. Vergleichsweise kleine Banken bieten neue, leistungsstarke Ansätze und Produkte, die den Home Bias der konventionellen Großbanken überwinden, und profitieren zudem von der Sicherheit einer starken Eigentümerschaft. Kooperationen mit Branchenriesen wie dem Vermögensverwalter BlackRock ermöglichen den Zugriff auf Technologien, Services und Produkte, die denen der großen Banken in nichts nachstehen. Anlegern erschließen sich so die gleichen, wenn nicht umfangreichere und leistungsfähigere Investitionsmöglichkeiten. Eine kleinere Bank kann auf dem Aktienmarkt agieren, ohne Verwerfungen zu verursachen, und drohenden Verlusten zuvorkommen. Sie ist regelmäßig flexibler, agiler, weniger überschuldet, transparenter, liquider, krisenfester und deutlich näher am Kunden – und sie ist idealerweise in einem Staat beheimatet, der nicht Mitglied der Europäischen Union ist.

Anleger verzichten auf echte Diversifikation – und damit auf Chancen
Mit der Beschränkung ihrer Investitionsmöglichkeiten auf das Produktportfolio eines bestimmten Instituts ihres Heimatlandes nehmen Anleger sich den Aktionsraum, der angesichts des real stagnierenden Vermögenswachstums in Westeuropa dringend gefordert ist. Gleichzeitig verzichten sie darauf, die Risikodiversifikation ihres Vermögens auf eine neue Stufe zu führen. Eine umfassende geografische Diversifikation schließlich wird erst dann erreicht, wenn Vermögen in unterschiedlichen Rechts- und Währungssystemen beheimatet ist, anstatt vollständig von der angenommenen Stabilität eines einzelnen Finanzraumes abzuhängen. Die Konzentration der westeuropäischen, insbesondere deutschen Anleger auf die konventionellen Diversifikations- und Investitionsmodelle der Großbanken führt so nicht nur dazu, dass Chancen auf eine rentablere Anlage ungenutzt bleiben, sondern sorgt zudem für das zusätzliche – vermeidbare – Risiko, alles auf eine Karte gesetzt zu haben. Valide Argumente für diese Zurückhaltung existieren nicht; weltweit erhöhen staatliche Regulierungen und multilaterale Abkommen Stabilität und Transparenz der Finanzmärkte. Anleger wären gut damit beraten, die überkommene Sicht auf Vermögensanlagen im Ausland abzulegen und stattdessen kritisch zu prüfen, welche Bank an welchem Standort ihnen die Instrumente und Services bietet, die sie zum Erhalt und Ausbau ihres Vermögens benötigen. Es wäre schon ein außerordentlicher Zufall, wäre es ausgerechnet die Großbank nebenan.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
12.02.2017
Quelle(n):

Anmerkungen:
(1) BCG, Global Wealth 2016: Navigating the New Client Landscape, 06/2016.
(2) Ebd., im Jahr 2015 betrug der Anteil des an ausländischen Finanzplätzen gebuchten globalen Vermögens der privaten Haushalte am Gesamtvermögen 5 %.

Foto (oben): Gundolf Renze/Fotolia.com
Foto (unten): privat

Autor/in 
Christoph Lieber
Unser Gastautor (Foto unten), geboren 1970 bei Zürich, ist CEO der Andorranischen Vall Banc, S.A.U., einer Holdinggesellschaft des Private Equity Funds J.C. Flowers. Nach einem Studium der Soziologie und der Volkswirtschaft in Zürich war er im Bereich Customer Management Offshore für die UBS in Zürich, London und Singapur tätig. Von 2000 bis 2004 arbeitete er für die UBS als Direktor in Nassau, auf den Bahamas und in Frankfurt am Main, von 2004 bis 2006 leitete er das Europageschäft der UBS auf den Bahamas. Danach koordinierte er bis 2008 das Cross-Border-Geschäft der UBS Deutschland und leitete ab 2008 in Zürich die Entwicklung des deutschen Marktes. Von 2009 bis 2015 zeichnete er als CEO für die St.Galler Kantonalbank Deutschland AG verantwortlich. Christoph Lieber lebt in Andorra und Frankfurt am Main.
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