Kriminalität
Diebstahl mit Wumms
 

Kaum ein Tag vergeht, an dem kein Geldautomat in die Luft gesprengt wird. Die kriminellen Täter sind logistisch gut vorbereitet, überregional tätig und gehen mit enormer Rücksichtslosigkeit vor.

Der erste Geldautomat, an dem Menschen auch außerhalb der Banköffnungszeiten Geld abheben konnten, wurde 1967 in der Nähe von London aufgestellt. Heute können Bankkunden weltweit an mehr als zwei Millionen Geldautomaten Bargeld erhalten, doch Kriminelle bringen mittlerweile das gesamte System ins Wanken. Die Sprengung von Geldautomaten ist zur modernen Form des Bankraubs verkommen. Die Serie nimmt bislang kein Ende. Kaum ein Tag vergeht, an dem kein Geldautomat in die Luft gesprengt wird. Die kriminellen Täter sind logistisch gut vorbereitet, überregional tätig und gehen mit enormer Rücksichtslosigkeit vor. Zuerst wird der Verschluss des Geldausgabeschachts gewaltsam geöffnet, anschließend ein Kabel mit Zündvorrichtung und einen Schlauch in das Wertbehältnis eingeführt. Durch den Schlauch wird ein explosives Gasgemisch eingeleitet und mit dem Zünder zur Explosion gebracht. Wird das Wertbehältnis durch die Druckwelle geöffnet, ist der Zugriff auf die Banknoten möglich. Dass bislang in Deutschland noch niemand ernsthaft verletzt wurde, grenzt an ein Wunder, denn Personen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in der Nähe eines Automaten befinden, würden nach Einschätzung des Landeskriminalamts NRW mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben. Auch Menschen im äußeren Umfeld sind extrem gefährdet, denn die Explosion kann selbst kleine Bruchstücke in tödliche Geschosse verwandeln. Erhebliche Sach- und Gebäudeschäden sind die Regel.
Neben den Kreditinstituten, deren Geschäftsbetrieb im Schadensfall massiv gestört wird, sind vor allem die Kunden die Leidtragenden. Um das Risiko von Sprengangriffen zu reduzieren, empfiehlt die Polizei kostenintensive Nachrüstungsmaßnahmen sowie zeitweise Schließungen des Selbstbedienungsbereichs. Dies reduziert die Bargeldversorgung und erhöht die Kosten. Da sich die Vorfälle schwerpunktmäßig nachts ereignen, sollten Geldautomaten mit höherem Angriffsrisiko in zwischen 1:00 und 4:00 Uhr von außen nicht mehr zugänglich sein. Dazu zählen Geräte, die sich in Bundesstraßen- oder Autobahnnähe befinden, zur tatkritischen Zeit wenig frequentiert werden oder in gewerblich genutzten Gebäuden stehen. Im Grunde genommen bedarf die gesamte Automateninfrastruktur einer grundlegenden Überprüfung. Dies betrifft die Videoüberwachung und Einbruchmeldeanlagen oder die Ausrüstung und Mechanik. Geldautomaten lassen sich mit Systemen ausstatten, deren Sensoren Gas erkennen und entsprechende Gegenstoffe freisetzen, um die für eine Gasexplosion erforderliche chemische Reaktion zu verhindern. Wertbehältnisse lassen sich mit Modulen nachrüsten, die eine höhere Druckenergie aufnehmen können. Elektronisch gesteuerte Einfärbesysteme können die Banknoten unbrauchbar machen. Doch absolute Sicherheit bieten diese Schutzmaßnahmen nicht.
Darüber hinaus gibt es nach Auskunft der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) keinen statistisch begründeten Nachweis zur Präventionswirkung solcher Systeme. Gemessen an der Gesamtzahl von mehr als 60.000 Geldautomaten in Deutschland ist die Zahl der Angriffe überschaubar – noch. Die Zahl der Sprengungen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. 2011 waren es bundesweit 38 Fälle mit erfolgtem oder versuchtem Diebstahl auf diesem Wege, 2013 schon 89 und 2015 dann 132 Fälle, wie das Bundeskriminalamt mitteilt. Nur bei 60 dieser Fälle gelang es den Tätern jedoch tatsächlich, Bargeld zu erbeuten. Seit dem Jahr 2010 gelangten die Täter in 179 Fällen an Bargeld. Dies entspricht einer Quote von ca. 37 Prozent an der Gesamtzahl der Fälle von Versuch und Vollendung der Sprengung von Geldausgabeautomaten. Bei diesen Straftaten wurden zwischen 500 und 380.000 € erbeutet. Durch die Straftaten entstand im Einzelfall ein Sachschaden zwischen mehreren hundert Euro und ca. 1 Mio. €. In vielen Fällen liegt der Sachschaden deutlich über dem Wert des erbeuteten Bargelds.
Das Phänomen ist allerdings nicht auf die Kreditwirtschaft beschränkt. Nach Erkenntnissen des BKA werden seit Jahren auch Fahrkartenautomaten, Zigarettenautomaten und andere Automaten auf ein ähnliche Art und Weise gesprengt.
Angesichts des erheblichen Aufwands und enormer Kosten für Banken liegt es nahe, die Zahl der Geldautomaten und damit auch die Bargeldversorgung zu reduzieren. Dies wäre jedoch eine regionale Aufgabe, denn aktuell sind deutliche Schwerpunkte in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu erkennen. Darüber hinaus sind auch die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Hessen überdurchschnittlich betroffen. Dies entspricht weitgehend auch den langjährigen Beobachtungen. Auffällig ist, dass die großen Flächenländer Baden-Württemberg und Bayern nur sehr selten betroffen sind.
Ist es vielleicht nicht ohnehin besser, auf Bargeld zu verzichten? Die Rechnung ist ganz einfach: Wird der Einsatz von Bargeld abgeschafft, gibt es auch keine Bargeld-Kriminalität mehr. Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen würde auf null sinken. Mit seiner Prognose, in zehn Jahren werde es kein Bargeld mehr geben, hatte sich zuletzt der Deutsche-Bank-Co-Chef John Cryan bereits weit vorgewagt. Es spricht noch ein anderes Argument gegen Bargeld: Die Hygiene. Einer Studie der Universität Ballarat in Australien zufolge ist ein Grippevirus auch nach über zwei Wochen auf einem Geldschein noch immer aktiv. Hinzu kommen Bakterien, Überreste von Drogen und andere Rückstände – insgesamt haben die Forscher bis zu 25.000 verschiedene Erreger auf einem Geldschein identifiziert. Dann doch lieber unbares Bezahlen.

 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
02.02.2016
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia, VRD
Autor/in 
Stefan Hirschmann
Dr. Stefan Hirschmann ist Chefredakteur der Zeitschrift "die bank".
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