Banken und Berater
Die totale FinTech-Vernetzung

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue FinTech-Innovation verkündet wird. Das Tempo ist mittlerweile atemberaubend. Die FinTech-Szene wächst weiter rasant. Gleichzeitig steigt die Halbwertzeit für digitales Wissen enorm. Nachdem die Bankenbranche es vorgemacht hat, geht nun auch in der Versicherungsvermittlung der erste Robo Advisor an den Start. Mit dem FinanzLotse 3.0, einer gemeinsamen Entwicklung von Fonds Finanz und Softfair, sollen Endkunden ihren Versicherungsbedarf vollkommen selbstständig ermitteln und den bestehenden Versicherungsschutz mit Vergleichsrechnern optimieren. Vorgestellt wird der Robo Advisor Ende des Monats auf der Hauptstadtmesse in Berlin. In kürzester Zeit soll der Assekuranz-Roboter umfassende Bedarfsanalysen, Preis-/Leistungsvergleiche und VVG-konforme Angebotserstellungen durchführen. Der FinanzLotse 3.0 gesellt sich damit zu derzeit etwa 200 FinTechs mit Schwerpunkt Robo Advisory, wovon rund 50 in Europa angesiedelt sind. Laut inoffiziellen Angaben beträgt das weltweit in neue Ansätze der Robo Advisory investierte Finanzvolumen rund 50 Mrd. US-$. Zwar hinkt Deutschland momentan noch hinterher, aber schon für das Jahr 2020 prognostizieren Experten ein Robo-Finanzvolumen von 20 bis 30 Mrd. € allein für den hiesigen Markt, global sogar annähernd 500 Mrd. €. Die Robos attackieren nicht nur das Private Banking, sondern auch Anlageprodukte im Retail Banking. Von Kooperation ist in diesem Segment jedoch wenig zu spüren. Höchstens ein Viertel der Banken setzt einen Online-Vermögensverwalter ein. Und das, obwohl Kunden für Innovationen in diesem Bereich offen wären.

Druck auf die Branche kommt zudem von den Großunternehmen. Internetkonzerne drängen ins Banking und sie haben den Zugang zum Kunden. Amazon, Google, Apple & Co. sind mächtige Angreifer mit dem Potenzial, die gesamte Branche auf den Kopf zu stellen. Die Deutsche Bank und der Axel Springer Verlag wollen künftig gemeinsam junge Technologieunternehmen aus der Banken- und Versicherungsbranche fördern und über den Start-up-Entwickler Axel Springer Plug & Play schneller Wachstumsfirmen auswählen, entwickeln und finanzieren. „Für uns ist das ein strategischer Schritt, um unser Kerngeschäft schneller zu digitalisieren und in neue digitale Geschäftsmodelle zu investieren“, sagte Markus Pertlwieser, Digitalchef der Deutschen Bank.

Und dennoch: „Offensive Strategien von Banken zur Eroberung neuer Zielgruppen sind selten und insgesamt können wir nur wenig Marktveränderungspotenzial identifizieren“, sagt Christine Spietz von der Unternehmensberatung PASS Consulting. Begründet wird dies vor allem mit der Systemkomplexität der Banken, daneben werden Punkte wie eine fehlende Kultur des Scheiterns oder zu wenig digitale Kompetenz genannt. Zusätzlich wirkt die Regulierung einschränkend, erhöht gleichzeitig aber auch den Innovationsdruck. Ein Indiz für die schwierige Marktlage, in der sich Banken aktuell befinden. Vor allem bei den Themen Kontowechselservice, Allfinanzberatung und Kapitalanlage lässt sich ein hohes Markt- und Marktveränderungspotenzial konstatieren. Im Ergebnis könnte die totale Vernetzung von Banken und FinTechs stehen.

Aus diesem Umfeld heraus hat sich ein ganz neues Beratungssegment entwickelt, das sich auf konzeptionelle, rechtliche und technische Felder erstreckt. Auch die Entwicklung von Communities spielt eine zunehmend größere Rolle. So hat die Strategie- und Managementberatung zeb mit dem FinTech-Hub eine Ideen- und Kooperationsplattform ins Leben gerufen, die einen umfassenden Überblick zu den innovativsten Geschäftsmodellen im deutschsprachigen FinTech-Sektor und gleichzeitig die Basis für eine vertiefte Vernetzung von FinTechs aus dem Banken- und Versicherungsbereich mit der europäischen zeb-FinTech-Community ermöglichen soll.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das TME Institut für Vertrieb und Transformationsmanagement e. V., das im gerade erschienenen „Factbook Digital Wealth Management“ Beispiele für Unbundling- und Rebundling-Strategien vorgestellt. Finanzdienstleistern wie Banken soll das Factbook mit seinen Best-Practice-Beispielen zeigen, wie stark sich die Vermögensberatung wandeln wird – und sie damit dazu anregen, sich rechtzeitig an die Transformation anzupassen. „Das kann mit neuen, eigenen Konzepten geschehen oder aber auch dadurch, dass man sich FinTechs ins Boot holt. In jedem Falle bietet die sinnvoll eingesetzte Digitalisierung einen Mehrwert für alle Beteiligten im Private Banking“, so TME-Chef Stephan Paxmann.

Und die Unternehmensberatung d-fine bündelt künftig in dem neu geschaffenen Bereich d-fine next ihre Beratungsleistungen zu Innovationen in der Finanzbranche. Das Lösungsportfolio umfasst u.a. Projekte in den Bereichen Blockchain, RegTech, Machine Learning oder Robo-Advisory. Damit soll auf die tiefgreifenden Veränderungen reagiert werden, die sich aktuell in der Finanzbranche vollziehen. Die von IT-Experte Dr. Matthias Hirtschulz geleitete Initiative will neue und etablierte Anbieter zusammenbringen, damit beide Seiten voneinander profitieren können. Zu diesem Zweck kooperiert d-fine next auch mit dem neuen Unternehmen Accelerator Frankfurt und unterstützt Start-ups dabei, ihr Angebot hinsichtlich Geschäftsmodell, bankfachlichen Anforderungen, Prozessen und IT zu optimieren.

„Aber auch für Banken und Fondsgesellschaften eröffnet die Digitalisierung große Chancen“, ist Gerald Prior, Vorstand der Management- und Technologieberatung Cofinpro, überzeugt. Im Spannungsfeld aus Kostendruck durch Regulierung und Niedrigzinsumfeld würden digitale Geschäftsmodelle die Chance bieten, Prozessketten maximal zu straffen, Bestandskunden wie Neukunden durch angepasste Geschäftsmodelle zu adressieren und sich so frühzeitig in neu entstehenden Marktfeldern zu positionieren.

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Artikel veröffentlicht am:
20.09.2016
Erschienen in Ausgabe:

Bildquelle: Fotolia.com/Thaut Images

Autor/in 
Stefan Hirschmann
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