Drohender harter Brexit
„Die Banken prüfen ihre Risikopositionen“
 

Der Experte für Finanzmarktökonomik, Markus Demary, warnt vor den Folgen eines harten Brexits. Vielen Firmen drohe dann ein finanzieller Engpass. Dies hätte zur Folge, dass sie ihre Bankkredite nicht mehr bedienen könnten.

die bank: Einer Studie des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität zufolge halten 86 Prozent der deutschen Finanzmanager einen harten EU-Austritt Großbritanniens für wahrscheinlich. 61 Prozent der Befragten fürchten, dass es zu Verwerfungen auf den Märkten kommt. Für wie wahrscheinlich halten Sie nach den jüngsten Einlassungen von Premierminister Boris Johnson und seines Kabinetts einen harten Brexit?

Markus Demary: In Europa herrscht derzeit eine große politische Unsicherheit, wie es mit dem geplanten EU-Ausstieg Großbritanniens weitergeht. In London agieren nun Politiker bar jeder ökonomischen Vernunft. Eine Einigung auf ein erneutes Handelsabkommen liegt in weiter Ferne. Die Wahrscheinlichkeit für einen harten Brexit ist jetzt in der Tat sehr hoch. Auf einer Skala von null bis 100 sind wir aus meiner Sicht jetzt bei einer 80 angekommen.

die bank: Sind die Finanzmärkte und Europas Banken auf das Szenario harter Brexit genügend vorbereitet?

Demary: Auf den harten Brexit sind die Finanzinstitute nicht genügend vorbereitet. Für die Banken besteht das Risiko darin, dass durch einen Ausstieg ohne Abkommen der Handel zwischen dem europäischen Festland und dem Vereinigten Königreich weitgehend zum Erliegen kommen wird. Die Lieferketten brechen dann quasi über Nacht ab. In der Folge erhalten Unternehmen für ihre Güter keine Zahlungen mehr, wodurch für sie ein finanzieller Engpass entsteht. Dann aber können sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ihre Kredite bei den Banken nicht mehr bedienen. Von den Zahlungsausfällen der Firmen sind dann letztendlich die Banken betroffen. Sie sind die Leidtragenden, wenn die Unternehmen in finanzielle Not geraten. Die Geldhäuser prüfen daher im Moment sehr genau, welche Risikopositionen sie gegenüber britischen Unternehmen oder solchen Firmen, die mit Großbritannien starken Handel betreiben, aktuell haben.

die bank: Die Bank of England warnte davor, dass etwa die Hälfte der EU-Firmen, die in Großbritannien registrierte Banken nutzen, nach dem 31. Oktober von ihren Bankdienstleistungen ausgeschlossen werden könnten, da sie sich noch nicht vollständig auf den Brexit vorbereitet hätten. Daher seien Störungen bei den grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungen zu befürchten. Um welche Beeinträchtigungen geht es hier?

Demary: Gemeint sind Störungen an den Derivatemärkten. Dabei handelt es sich allerdings um ein Risiko, das schon länger bekannt ist. Ich gehe davon aus, dass die Finanzmärkte darauf vorbereitet sind. Wenn ernsthafte Gefahren entstehen, dann nicht so sehr aufgrund von Finanztransaktionen. Ein großes Problem besteht darin, dass beim ungeordneten Brexit noch am Tag des Austritts Unklarheit über die Höhe der Zollsätze bestehen wird und der Güterfluss zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU zum Erliegen kommt – und dann drohen die von mir zuvor geschilderten Zahlungsausfälle mit den negativen Rückwirkungen auf die Banken.

die bank: Der Notenbanker Gertjan Vlieghe erklärte jüngst, dass die britische Notenbank bei einem harten Brexit die Zinsen schnell nahe null Prozent senken könnte. Würde so eine Maßnahme vor dem Hintergrund ohnehin schon niedriger Zinsen nicht verpuffen?

Demary: Nein, die Bank of England muss auf jeden Fall die Zinsen senken. Denn bei einem EU-Ausstieg Großbritanniens ohne vertragliche Grundlage droht ein Abgleiten des Landes in eine Rezession. Die britische Notenbank muss expansiv werden, um für die exportierenden Firmen im Land attraktiven Wechselkurs zu schaffen, sodass wenigstens noch Wachstum über den Export erzielt werden kann.

die bank: Nach einem ungeordneten Brexit wird Großbritannien EU-Regulierungen wie die Finanzmarktrichtlinie MiFID II, die eine Harmonisierung im europäischen Binnenmarkt anstrebt, quasi über Nacht nicht mehr anwenden. Welche Bankenregulierungen greifen für Großbritannien im Falle eines harten Brexits?

Demary: In diesem Fall werden europäische Verordnungen in Großbritannien nicht mehr gelten. Allerdings hängt dies auch davon ab, ob und welche Vereinbarungen zwischen London und der EU noch geschlossen werden. Rein nationale Gesetze zur Bankenregulierung werden im Land auch weiterhin gelten. Zwar beschloss die EU-Kommission Ende letzten Jahres Notfallmaßnahmen für den Fall eines Brexits ohne Abkommen, die auch Finanzdienstleistungen betreffen. Doch die Frage wird sein, welches Regulierungsregime greift. Ich rechne mit einer hohen Rechtsunsicherheit für Banken und Finanzinstitute im Land, die Juristen noch lange beschäftigen wird.

die bank: Die Angst vor einem ungeordneten EU-Austritt schickte das Pfund zuletzt auf Talfahrt. Analysten befürchten bereits eine Pfund-Kernschmelze wie 1992, als der Spekulant George Soros die Bank of England massiv unter Druck setzte. Für wie wahrscheinlich halten Sie einen weiteren Absturz der britischen Währung?

Demary: Das ist ein reeles Szenario. Wir sehen ja bereits jetzt, dass die Unsicherheit über den Ende Oktober geplanten Brexit die britische Wirtschaft immer stärker belastet. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sank im zweiten Quartal zum Vorquartal um 0,2 Prozent. Das was der erste Rückgang seit dem Jahr 2012. Wenn die Bank of England versucht, jetzt expansiv gegenzusteuern, wird es zusätzlichen Druck auf das Pfund geben. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Währung weiter abstürzen wird. Das wird für die exportierenden Unternehmen jedoch kein Nachteil sein – im Gegenteil. Denn die Firmen könnten ihre Waren dann günstiger verkaufen, was wiederum einen stabilisierenden Effekt haben auf die Wirtschaft hätte.

die bank: Kann ein harter Brexit im Zusammenspiel mit den aktuellen Handelskonflikten am Ende in eine weltweite schwere Rezession münden?

Demary: Die Weltwirtschaft wächst ohnehin nicht mehr so stark. Und die großen Zentralbanken wie etwa die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank bereiten sich bereits auf einen Abschwung vor. Ich denke, dass ein ungeordneter Brexit der berühmte Tropfen sein könnte, der das Fass zum Überlaufen bringt und die wirtschaftliche Lage nochmal verschärft – gerade auch im Zusammenwirken mit dem aktuellen Handelskonflikt.

Die Fragen stellte Dogan Michael Ulusoy

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
13.08.2019
Quelle(n):

Bildquelle: iStock.com/Mario_Hoppmann

Autor/in 
Redaktion die bank


Dr. Markus Demary ist Experte für Geldpolitik und Finanzmarktökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.
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