Studie zu Staatsschulden
„Deutschland hat echte Trendwende geschafft“
 

Infolge der Finanzkrise sind die Staatsschulden in vielen Ländern in die Höhe geschnellt. Laut einer neuen Studie stellt ein starker Konjunkturabschwung ein hohes Risiko für eine neue Schuldenkrise dar.

Die Finanzkrise vor zehn Jahren hat fast überall auf der Welt zu einem kräftigen Anstieg der Staatsschulden geführt. Der Schuldenberg ist in den meisten Ländern trotz guter Konjunktur in den letzten Jahren nach wie vor hoch. „Eine neue Schuldenkrise ist dennoch nach unserer Einschätzung vorerst nicht zu erwarten, wenn die Welt noch ein bis zwei gute Konjunkturjahre erlebt“, erklärte Jörn Quitzau, Volkswirt bei Berenberg in der aktuellen Studie „Staatsverschuldung“ der Privatbank Berenberg und des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) am Montag in Frankfurt. „Das größte Einzelrisiko besteht in einem kräftigen Konjunkturabschwung bzw. Wachstumseinbruch.“ Auslöser könne etwa ein normaler zyklischer Abschwung sein, ein nicht vorhersehbares wirtschaftliches Ereignis oder verfehlte Wirtschaftspolitik eines hochverschuldeten Landes, betonte Quitzau. 

Deutschland habe als eines der wenigen Länder eine echte Trendwende geschafft. Die Schulden seien von 66 Prozent im Jahr 2008 auf rund 60 Prozent 2018 gesunken. Zwischenzeitlich sei der Schuldenstand aufgrund der Krise im Jahr 2010 auf über 80 Prozent gestiegen. Der Schuldenabbau werde durch das Niedrigzinsumfeld begünstigt.

Positiv wirkten sich insbesondere das kräftige Wirtschaftswachstum und die dadurch gestiegenen Steuereinnahmen aus. Viele andere Länder der Eurozone stünden vor einer ganz anderen Situation. „Die Weltwirtschaft befindet sich noch immer nicht im Normalzustand. In vielen Ländern sind die Schulden aufgrund der Krise zum Teil deutlich gestiegen. Es wäre gefährlich, allein auf expansive Geldpolitik zu setzen. Zumal viele Notenbanken bei einer neuerlichen Krise kaum Spielraum haben, um mit geldpolitischen Mitteln einer krisenhaften Entwicklung erneut entgegenzuwirken“, sagte der Direktor des HWWI, Henning Vöpel. 

Der Experte zeigte sich zugleich besorgt über das immer noch zu starke Abhängigkeitsverhältnis zwischen Banken und Staaten. Dieses müsse dringend verringert werden, um die Schuldenproblematik nachhaltig in den Griff zu bekommen, erläuterte Vöpel auf Anfrage von „die bank“. Stattdessen hätten die Länder und die Institute ihre gegenseitige Abhängigkeit während der Finanzkrise sogar noch vergrößert, indem immer neue, die Staatshaushalte belastende, schuldenfinanzierte Konjunkturpakete aufgelegt worden seien. Zielführender wäre es gewesen, wenn mehr angebotsorientierte Politik umgesetzt worden wäre, etwa Reformen am Arbeitsmarkt oder Steuersenkungen für Unternehmen.

Derzeit steht Italien im Fokus der Finanzmärkte. Die Schuldenquote lag dort 2017 bei über 130 Prozent des BIP. „Italien könnte das erste Land sein, das in der nächsten Rezession in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, sofern die Regierung nicht vorher von ihren wirtschaftspolitischen Plänen abgerückt ist“, warnte Berenberg-Volkswirt Quitzau. „Mittelfristig müssen auch die USA ihre Staatsfinanzen konsolidieren – was der größten Volkswirtschaft der Welt in der Vergangenheit schon mehrfach gelungen ist. Und langfristig wird Japan zeigen müssen, wie der Schuldenberg bewältigt werden kann. Die Zentralbank allein kann nicht die Lösung sein.“

Staaten nahmen schwere finanzielle Lasten auf sich

Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hatte 2018 ihren Höhepunkt erreicht. Mit Konjunkturprogrammen und direkten Hilfen für angeschlagene Finanzinstitute nahmen die Regierungen schwere finanzielle Lasten auf sich. Teile der zuvor privaten Schulden wurden in öffentliche Schulden umgewandelt. In der Eurozone legte die Staatsschuldenquote im Zeitraum 2008 bis 2018 um 14,5 Prozentpunkte auf knapp 85 Prozent des BIP zu. Im gleichen Zeitraum stieg die Schuldenquote der großen Industrienationen (G7) um 27 Prozentpunkte auf rund 117 Prozent. Einen großen Anteil an diesem kräftigen Anstieg hatten die USA, deren Schuldenstand im entsprechenden Zeitraum um 31 Prozentpunkte auf über 100 Prozent des BIP nach oben schoss. Japan ist Schuldenspitzenreiter unter den Industrieländern. Die Staatsschulden beliefen sich 2017 in dem Land auf über 230 Prozent

Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlichte Anfang Januar Daten zur weltweiten Verschuldung. Demnach erreichte der globale Schuldenstand Ende 2017 mit 184 Bio. US-Dollar ein Allzeithoch. Die Summe entspreche 225 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Statistisch gesehen stehe damit jeder Bürger auf der Welt mit 86.000 Dollar in der Kreide. Laut IWF sind die Länder mit den größten Schuldenständen zugleich die reichsten Staaten. Die Top Drei Schuldner seien die USA, China und Japan. Die Staatsschulden seien seit den 1970er-Jahren vor allem in den Industrienationen kontinuierlich angestiegen. (ud)

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Artikel veröffentlicht am:
21.01.2019
Quelle(n):
Bildquelle: ©James Brey | istockphoto.com
Autor/in 
Redaktion die Bank
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