Investitionen in FinTechs steigen
Deutschland als "Zugang zum Rest Europas"
 

Global betrachtet haben sich die Investitionen in FinTech-Unternehmen von 2017 auf 2018 auf 55 Mrd. US-Dollar mehr als verdoppelt. Vor allem aus China fließt dabei reichlich Geld, das Riesenreich pumpte 46 Prozent aller 2018 getätigten Investitionen in den Finanztechnologie-Sektor, so Accenture. In Deutschland schwanken die Angaben darüber, wie viel im vergangenen Jahr in den FinTech-Sektor investiert wurden, je nach Analyse zwischen 636 Mio. Euro (EY) und über 1 Mrd. Euro (Barkow-Consulting). Allein die Internetbank N26 konnte in einer Finanzierungsrunde im letzten Frühjahr 130 Mio. Euro einsammeln.

"Der Bedarf an FinTech-Innovationen von Banken und anderen Finanzdienstleistungsunternehmen steigt weiter an, da sie mit Druck von allen Seiten konfrontiert sind“, sagt Nils Beier von Accenture Strategy. Mit ihm sprach „die bank“ über den Wettbewerbsdruck für Banken, über europäische Vergleiche und Chancen für die Zukunft.

die bank: Herr Beier, warum boomt ausgerechnet der chinesische FinTech-Sektor so stark?

Nils Beier: Der chinesische Bankenmarkt wurde lange Zeit von einigen wenigen Staatsbanken dominiert. Im Zuge der Liberalisierung war es für FinTechs dann relativ einfach, chinesischen Verbrauchern neue Finanzdienstleistungen anzubieten. Diese Angebote treffen im chinesischen Markt auf eine sehr digital-affine Kundschaft. Die Durchdringung des Markts mit mobilen Endgeräten, die schiere Größe des Endkundenmarkts und der fehlende etablierte Wettbewerb haben außerdem geholfen. Hinzu kommen das günstige regulatorische Umfeld und die Offenheit dieser Region gegenüber der Nutzung von personenbezogenen Daten.
Chinesische FinTechs haben sich konsequent auf die Bedürfnisse der Endkunden ausgerichtet. Der erste Schritt sind immer hohe Nutzerzahlen, und dies konnte durch die problemlose Integration in die Ökosysteme- und Plattformlösungen der chinesischen Tech-Giganten beschleunigt werden.

Nach welchen Kriterien wählen Kapitalgeber die FinTechs aus, in die sie investieren wollen?

Beier: Diese Kriterien hängen zum einen von der Investmentphase ab. Sie umfassen zunächst Aspekte wie Attraktivität, Existenzfähigkeit und Machbarkeit. Später kommen dann Dinge wie Skalierbarkeit, Partnerschaftsoptionen und Investoren-Team dazu. Mittlerweile fließt das Kapital der Anleger immer häufiger in stärker ausgereifte FinTechs mit erprobten Geschäftsmodellen, da in manchen Bereichen und Regionen die Phase der Profitablisierung erreicht ist.
Vergleicht man einzelne Länder, zeigen sich deutliche Unterschiede: In Deutschland werden beispielsweise etwa drei Viertel aller Kapitalanlagen in den Bereichen Zahlungsverkehr, Lending und Wealth & Asset Management getätigt. In den USA hingegen bevorzugen Investoren Analytic-getriebene FinTechs, zum Beispiel aus dem Bereich Advanced Credit Scoring. Natürlich spielen auch die unterschiedlichen regulatorischen Vorgaben eine große Rolle. Während in den USA und Europa mehrheitlich internationale Investoren tätig sind, erfolgt die Finanzierung durch die ausgeprägte Marktisolation in China primär durch lokale Investoren.

Großbritannien ist derzeit der größte FinTech Hub in Europa. Was machen die Briten besser als andere?

Beier: Großbritannien verfügt über hervorragende Standortfaktoren und weiß sie zu nutzen. Es gibt zum Beispiel einen stark ausgeprägten Talentpool. Verschiedene internationale Top-Universitäten, der große Bankensektor, die Attraktivität der Stadt London und der vergleichsweise einfache Zuzug ausländischer Experten zahlen darauf ein. Die Nähe zur in London etablierten Finanzszene fördert außerdem den Austausch fachspezifischen Know-hows und natürlich die notwendigen Netzwerke. Darüber hinaus profitieren die britischen FinTechs auch von einem starken lokalen Markt. Zudem sind einige regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen worden, die für den FinTech-Standort London sehr förderlich sind, insbesondere sogenannte Sandboxes und Open Banking-Initiativen.
Das alles schlägt sich in Zahlen nieder: Fünf der zehn europäischen Unicorns im FinTech-Bereich stammen aus Großbritannien. Das britische Investitionsvolumen ist deutlich höher als in Deutschland, und 2018 ist es FinTechs in Großbritannien gelungen, die Anlagensummen erneut um 58 Prozent zu steigern. Ob diese jedoch in Zukunft Großbritannien den Rücken kehren und sich auf dem europäischen Festland niederlassen, bleibt abzuwarten.

Wie ist der deutsche FinTech-Markt im internationalen Vergleich aufgestellt und wie wird sich das entwickeln?

Beier: Mit Blick auf die Investitionssummen, die in den deutschen FinTech-Markt fließen, belegt Deutschland nach Großbritannien Platz zwei in Europa. Das Investitionsvolumen steigt um rund 36 Prozent pro Jahr, und Berlin wird zurecht als deutscher Start-up-Hotspot gehandelt, der Talente aus aller Welt anzieht. Deutschland gilt als "Zugang zum Rest Europas", der Ausgangspunkt sind das EU-Passporting und der stabile regulatorische Rahmen. Außerdem macht allein die Größe des deutschen Markts einen Start in Deutschland interessant. Diese Faktoren haben dazu geführt, dass die deutsche FinTech-Szene bei Investoren als sehr attraktiv gilt.
Zudem konnten risikofreudige FinTechs viele Lücken erfolgreich schließen. Dabei arbeiten sie häufig auch mit deutschen Banken zusammen. Die Einführung von PSD2 hat diese Kooperationsbereitschaft zusätzlich gefördert. Der hohe Regulierungsgrad kann auch für Anleger klare Vorteile bringen, da sie sich auf einen kalkulierbaren und stabilen Markt verlassen können. Für Investoren ist das breite und noch nicht ausgeschöpfte Potenzial von FinTechs ein weiterer Grund, in den deutschen Markt zu investieren. So liegen in Deutschland zum Beispiel noch immer große Summen an nicht- oder nur niedrig verzinstem Kapital auf Giro- und Tagesgeldkonten. Auch die noch sehr verbreitete Barzahlung deutet auf ein großes Entwicklungspotenzial für FinTechs hin.

Nach den Insolvenzen von Cringle oder Lendstar: In welchen Geschäftsmodellen sehen Sie angesichts der beginnenden Konsolidierung auf dem Markt die größten Chancen für die nächsten Jahre?

Beier: Digitale Banken wie N26 oder Revolut haben beweisen, dass eine signifikante Zahl an Kunden bereit ist, neuen Akteuren eine Chance zu geben. Wie es aktuell aussieht, werden diese Spieler global expandieren und ihre Kundenzahlen weiter steigern. Die Investoren sehen hier in 5-10 Jahren globale, plattformbasierte Retail-Banken als dominante Spieler.
Der entscheidende Punkt wird dabei sein, das Geschäftsmodell zum richtigen Zeitpunkt profitabel zu machen. Hierfür werden die Service-Angebot selbst ausgebaut oder durch Kooperationen mit anderen FinTechs sukzessive ergänzt. Darüber hinaus gibt es jede Menge weiterer sehr interessanter Opportunitäten für Anbieter von innovativen Lösungen, insbesondere im Bereich Daten, Analytics, Künstliche Intelligenz, Learning sowie im B2B-Bereich, Reg- und Legal-Tech und in der Compliance. 

die bank: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Beier. (kra)

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
15.04.2019
Quelle(n):
Bildquelle: Leonardo Patrizi | istockphoto.com
Autor/in 
Nils Beier
(Foto unten) ist Geschäftsführer Finanzdienstleistungen bei Accenture Strategy.
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