Plattform-Geschäftsmodelle
Der Schlüssel zum Wachstum
 

Die amerikanischen Online-Riesen greifen mit ihren Plattform-Modellen das klassische Bankgeschäft zunehmend an, wie zuletzt Facebooks Ankündigung der Krypto-Währung Libra eindrücklich unterstrich. Das soziale Netzwerk nutzt seinen Einfluss auf über mehr als eine Milliarde Kunden, um ihnen Zahlungs- und Bankdienstleistungen anzubieten.

International waren Finanzdienstleistungsunternehmen in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich darin, wirtschaftlich effiziente Geschäftsmodelle aufzubauen und sich die Fähigkeit anzueignen, mit weniger mehr zu erreichen. Womit sie sich jedoch schwertun, ist die Fähigkeit, ihre Umsätze zu steigern, indem sie neue Services und Produkte entwickeln, um den veränderten Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. Und hier liegt das Problem einer ganzen Branche. Denn nur, wenn Banken ihr Geschäftsmodell über ihre Kernkompetenzen hinaus weiterentwickeln, werden sie konkurrenzfähig bleiben.

Die von Technologieunternehmen entwickelten Plattform-Geschäftsmodelle haben schon jetzt einen erheblichen Einfluss auf traditionelle Banken und Vermögensverwaltungen. Die Auswirkungen reichen von veränderten Nutzererwartungen bis hin zu höherem Wettbewerbsdruck. Klassische Banken sind daher gezwungen, sich aggressive Ziele zu setzen und ihre strategischen Fähigkeiten dafür zu nutzen, eigene Ökosysteme aufzubauen:

Die Märkte ändern sich radikal

Finanzinstitute haben Schwierigkeiten, ihre Einnahmen innerhalb ihrer traditionellen Dienstleistungspalette zu steigern. Die Verluste im Rahmen gesunkener Kapitalmarkt- und Handelserträge können nicht mehr mit steigenden Marktanteilen durch Kreditvergaben und Kreditkarten ausgeglichen werden. Plattformen bieten Finanzdienstleistern die Möglichkeit, neue Einnahmequellen zu erschließen, die über traditionelle Produkte und Dienstleistungen hinausgehen.

Kunden verlangen heute ein personalisiertes Erlebnis, das auf sie zugeschnitten ist. Sie erwarten den Komfort, frei zu entscheiden, wann, wo und was sie mit einer Bank abwickeln. User setzen bei Banken die gleichen Standards voraus, die sie etwa aus dem Apple Store gewohnt sind.

FinTechs wie Nichtbanken – alle jagen den Bankkunden. Die Verantwortlichen müssen vermeiden, dass sie zum White Label Service anderer Plattformen werden. Es gilt, die Kontrolle über ihre Kundeninteraktionen zu übernehmen und das Kundenvertrauen zu verteidigen.

Kernelemente einer Bankenplattform

Für die Entwicklung eines erfolgreichen und nachhaltigen Ökosystems ist es – neben dem grundlegenden Vertrauensverhältnis von Kunde und Bank – entscheidend, User Experience, Datenstrategie und Technologie zusammenzuführen. Konzentrieren sich Unternehmen auf nur einen dieser drei Faktoren, müssen sie am Ende zwangsweise erkennen, dass die Investitionen zwar zu einem kurzfristigen, aber keinem nachhaltigen Wertanstieg führen. So entwickeln Banken beispielsweise sehr benutzerfreundliche mobile Schnittstellen, die den Kunden aber nur wenig bis gar keinen Mehrwert bieten.

Andere Unternehmen setzen auf massive „Data Lakes“ und konsolidierte Datenquellen, um dann festzustellen, dass große Datenmengen nicht mit Kundenzufriedenheit gleichzusetzen sind. Beim Übergang von traditionellen Servicemodellen hin zur ganzheitlichen Kundenzentrierung geht es also nicht rein um eine technologische Umsetzung, sondern darum, im Zusammenspiel der drei Elemente User Experience, Datenstrategie und Technologie die Grundlage für eine erfolgreiche Plattform zu schaffen.

Der Aufbau von Plattformen für Banken erfordert einen strategischen Ansatz. Dabei gilt es, folgende Schlüsselfaktoren zu berücksichtigen:

  1. Die richtigen Talente gewinnen: HR-Verantwortliche können passende Mitarbeiter entweder im eigenen Unternehmen identifizieren oder durch den Aufbau von Partnerschaften an Bord holen.
  2. Agile Methoden etablieren: „Agile at Scale“ bedeutet, Silos abzubauen und die Bereiche Business, User Experience, Entwicklung, Testing und Infrastruktur eng zusammenzuführen.
  3. Kunden in den Fokus stellen: Es ist entscheidend, die Kundenbedürfnisse zu kennen und zu befriedigen. Die Möglichkeit, Kundenfeedback in Echtzeit zu erhalten und auszuwerten, erlaubt es, Kunden im Zentrum der Plattformdienste zu halten.
  4. Die richtigen Daten nutzen: Big Data ist der Schlüssel zum Erfolg, aber die Verfügbarkeit der richtigen Daten zur richtigen Zeit ist noch wichtiger. Das bedeutet, dass allen voran eine umfassende Data Governance und Implementierungsstrategie entwickelt werden muss, um sicherzustellen, dass die Silos aufgebrochen und die richtigen internen und externen Daten genutzt werden.
  5. Innovationen skalieren: Es gibt diverse Beispiele für Automatisierung im Bankenwesen, insbesondere durch Künstliche Intelligenz und Machine Learning. Der Schlüssel zum Übergang von einem reaktiven zu einem prädiktiven Modell ist Kundenzentrierung und Innovationsentwicklung, entweder im eigenen Unternehmen oder durch Partnerschaften. Innovation kann dabei nach einem Fail-Fast Modell erfolgen. Wichtig ist, dass Banken über die Fähigkeit verfügen, Innovationen schnell zu skalieren, wenn sie echten Wert generieren.
  6. Partnerschaften und offene Plattformen aufbauen: Partnerschaften mit Wettbewerbern, die Nutzung der Fähigkeiten von Start-ups und die Gestaltung offener Plattformen ermöglichen es, Dritte zu integrieren und weitere Dienstleistungen und Produkte einzubinden. Es gibt bereits Beispiele für Banken, die beim Aufbau von Plattformen zusammenarbeiten. So ging die HSBC Bank USA mit dem Software-Unternehmen Roostify eine Partnerschaft ein, um eine digitale Hypothekenplattform einzuführen. Die sehr erfolgreiche Marcus-Plattform für digitales Kredit- und Einlagengeschäft bei Goldman Sachs ist ein weiteres Beispiel.

Vertrauen schaffen – Mehrwert bieten

Banken verfügen über wertvolle Datensätze zu den Konsumgewohnheiten ihrer Kunden. Kreditkarten, Hypotheken, Autokredite und andere Finanztransaktionen eröffnen ihnen eine holistische Sichtweise. Dadurch sind sie in der Lage, den Lebensweg ihrer Kunden nahtlos zu begleiten. Dieses Wissen gilt es zu nutzen. Doch damit die Plattformen und Dienste von den Kunden akzeptiert werden, ist ein starkes Vertrauensverhältnis zu den Kunden für Finanzunternehmen elementar, ebenso wie ein echter Mehrwert und eine komfortable User-Experience für den Kunden.

Fazit

Die richtige Plattform ermöglicht Banken, ihr Geschäftsmodell auszuweiten, indem sie beispielsweise in den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen wie Autos, Versicherungen oder Mobiltelefone einsteigen. Wenn sie die Kundennachfrage verstehen und über das Vertrauen der Kunden verfügen, können sich Banken neue Märkte eröffnen, ihren Umsatz signifikant steigern – und zum One-Stop-Shop der Zukunft werden.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
17.07.2019
Quelle(n):
Bildquelle: © iStock.com/Jasmina007
Autor/in 
David Donovan


Executive Vice President, leitet das Financial Services Kundenportfolio von Publicis Sapient in Amerika und verantwortet die Strategie des Beratungsunternehmens als Partner für die digitale Business Transformation von  Banken und Finanzdienstleistern.
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