Jeroen Blokland
Coronavirus: „Es ist noch zu früh, Aktien allzu skeptisch zu sehen“
 

Nach wie vor sprechen viele positive Faktoren für Aktien – und das trotz des Coronavirus in China, das sich derzeit weltweit ausbreitet. Der unerwartete und fatale Ausbruch der Viruserkrankung wirft jedoch die Frage auf, ob sich das globale Wirtschaftswachstum weiterhin stabilisieren wird.

Das Momentum der Konjunkturerholung hatte gerade erst damit begonnen, sich zu verbessern. Daher ist es relativ anfällig für etwaige negative Schocks. Hinzu kommt: Es ist noch unsicher, welche Möglichkeiten es gibt, um das Virus einzudämmen. Daher erfordern die zugehörigen wirtschaftlichen Effekte eine angemessen vorsichtige Haltung gegenüber riskanten Anlagegattungen. Angemessen bedeutet jedoch nicht, vorzeitig zu skeptisch zu werden, da weiterhin einige positive Faktoren für riskante Anlagen – insbesondere für Aktien – sprechen.

Eindämmungsmaßnahmen können Wachstum belasten

Das Coronavirus hat sich mittlerweile in China und darüber hinaus ausgebreitet. Die Regierung in Peking hat darauf reagiert: So ist beispielsweise die Stadt Wuhan abgeriegelt und die Bewegungsfreiheit in anderen chinesischen Städten erheblich eingeschränkt. Maßnahmen wie diese mögen drastisch wirken, verbessern aber wahrscheinlich die Chancen auf eine Eindämmung des Erregers. Allerdings dürften sich diese Schritte gleichzeitig negativ auf das chinesische und damit das globale Wirtschaftswachstum auswirken.

Aus dieser Perspektive sind Vergleiche mit dem Ausbruch des SARS-Virus im Jahr 2003 unangebracht. Der Anteil Chinas an der globalen Wirtschaftsleistung hat sich seitdem verdreifacht und das Land ist zu einem wesentlichen Käufer praktisch jedes Rohstoffs geworden. Die schiere Größe der chinesischen Volkswirtschaft führt dazu, dass andere aufstrebende Länder in der Region zumindest zeitweilig ebenfalls eine Wachstumsdelle erleiden werden.

Aufgrund der Kombination aus einem Wachstumsschock in China – dem mit Abstand wichtigsten Land gemessen an der weltwirtschaftlichen Bedeutung – und der Unsicherheit über Dauer und Stärke dieses Schocks haben wir die Übergewichtung von Aktien in unserem Multi Asset-Fonds neutralisiert. Das bedeutet aber nicht, dass wir Aktien nun negativ sehen.

Drei Gründe sprechen jetzt für Aktien

Legt man, erstens, vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit zugrunde, wurde eine Wachstumsdelle während des Ausbruchs eines Virus nach dessen Eindämmung wieder weitgehend ausgeglichen. Beispielsweise nach dem Ausbruch des SARS-Virus: Die Einzelhandelsumsätze in China halbierten sich kurzzeitig, bevor sie sich wieder kräftig erholten, nachdem das Virus unter Kontrolle gebracht worden war. Auch andere Wirtschaftsbranchen wie das Baugewerbe waren betroffen, erholten sich aber ebenfalls, als sich das Tempo der Ausbreitung des Virus zu verlangsamen begann. Wir rechnen diesmal mit einem ähnlichen Muster und erwarten keine größere Unterbrechung der globalen Zulieferketten.

Zweitens deuteten vor dem Ausbruch des Virus zahlreiche Signale auf eine Erholung der Weltkonjunktur hin. So stieg der globale Einkaufsmanagerindex im Produzierenden Gewerbe im Januar auf 50,4 Punkte, den höchsten Stand seit April 2019. Auch der Citi Global Economic Surprise Index ist wieder nach oben geklettert, auf den höchsten Stand seit beinahe zwei Jahren. Das Exportwachstum in sehr offenen Volkswirtschaften wie Südkorea hat sich spürbar verbessert. Das zeigt, dass der Abwärtsdruck infolge des Handelskonflikts zwischen China und den USA nachlässt. Und: Nachdem etwa die Hälfte der US-Unternehmen ihre Ergebnisse für das vierte Quartal 2019 bekannt gegeben hat, sind die positiven Gewinn- beziehungsweise Umsatzüberraschungen die stärksten der letzten drei beziehungsweise vier Quartale gewesen.

Die Gewinnrevisionen haben sich mit der Aussicht auf ein stärkeres Wachstum der Weltwirtschaft erheblich verbessert. In den Schwellenländern fallen sie aktuell höher aus als in den USA. Das deutet darauf hin, dass das Gewinn-Momentum eine zunehmend breite Basis erhält.

Lockere Geldpolitik der Notenbanken
Drittens sollten Anleger die sehr lockere Geldpolitik im Hinterkopf behalten. Die kurzfristigen Zinsen bleiben niedrig oder sogar negativ, während die Zentralbanken wieder vermehrt Wertpapiere am Markt ankaufen. Zudem haben die Notenbanken deutlich gemacht, dass einer Straffung der Geldpolitik sehr hohe Hürden entgegenstehen. Sowohl die US-Notenbank als auch die Europäische Zentralbank (EZB) denken derzeit über ihre künftige Geldpolitik nach. Wahrscheinlich werden sie zulassen, dass die Inflation über den Zielwert hinaus ansteigt, um das Unterschreiten des Werts in der Vergangenheit auszugleichen. Gleichzeitig besteht bei den Notenbanken eine große Bereitschaft, noch einmal verstärkte geldpolitische Anreize zu setzen, wenn ein negativer Schock wie das Corona-Virus die Weltkonjunktur bedrohte.

Die chinesische Notenbank hat den Finanzmärkten nach dem chinesischen Neujahrsfest bereits beträchtliche zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt. Auch weltweit liegt die Liquidität auf außerordentlich hohem Niveau und wird in den nächsten Quartalen weiter zunehmen.

Angemessene Vorsicht angebracht

Alles in allem ist es noch zu früh, um Aktien allzu skeptisch zu sehen. Mit Blick auf das Corona-Virus ist angemessene Vorsicht angebracht. Die Tatsache, dass der Erreger seinen Ursprung in China hat – dem bedeutendsten Wachstumsmotor der Weltwirtschaft –, ist zweifellos von Bedeutung. Wir möchten jedoch betonen, dass daneben andere Faktoren existieren, die sich stützend auf Aktien auswirken. Da sich Ereignisse wie der Ausbruch des Corona-Virus eher vorübergehend als strukturell auf das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne auswirken, sehen wir von einer negativen Einschätzung der Aktienmärkte ab.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
11.02.2020
Autor/in 
Jeroen Blokland
 
                                                                                                    Senior Portfoliomanager und Head of Multi Asset von Robeco.
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