Digital Lending
Chance für deutsche Banken?
 

Digitale Prozesse machen auch im Finanzsektor vieles einfacher. Bei der Kreditvergabe hilft die digitale Transformation, Kosten zu sparen, Prozesse zu rationalisieren und die Effizienz zu erhöhen. Durch die PSD2 erhält diese Entwicklung einen enormen Schub, da sie die Automatisierung des Prüfvorgangs antreibt. Können deutsche Banken davon profitieren und im internationalen Vergleich aufholen?

Wenn es um die Kreditvergabe geht, stehen die Zeichen auf „digital“. Denn die Herausforderungen des aktuellen Marktumfelds bringen Banken in eine schwierige Situation: Das Zinsniveau ist historisch niedrig, ohne Aussicht auf eine zeitnahe Veränderung. Die Erträge aus den Zinsen bei Kreditvergaben können also nur merklich gesteigert werden, indem sich die Anzahl der vergebenen Kredite erhöht. Ungesicherte Privatdarlehen sind ein margenreiches Massengeschäft, und Banken nutzen die Kreditvergabe als ihren Wachstumsschwerpunkt.

Zur Bewältigung des Spagats zwischen Wachstum und Profitabilität ist es entscheidend, dass Banken nicht nur auf Wachstum setzen, sondern auch die operativen Kosten sowie das Ausfallrisiko minimieren. Deshalb bauen viele Banken vor allem auf eine Steigerung der Anzahl der vergebenen Kredite über digitale Kanäle. Damit gelingt es, Prozesskosten zu senken. Ausschlaggebend ist dabei, dass die Antragsbearbeitung einschließlich der Prüfverfahren zur Bonität und Risikobewertung größtenteils automatisiert werden. Aus dieser modernisierten Anwendungsform lassen sich auch reelle Zahlen ableiten: Beispielswese verkürzte die Harborstone Credit Union in den USA die Entscheidungszeit für kleine Unternehmenskredite von Tagen bis Wochen auf Stunden oder gar Minuten. Dadurch ist das Kreditvolumen dort um 250 Prozent gestiegen – ohne die Zahlungsausfälle zu erhöhen.

Digital Lending in Deutschland

Digital Lending kann sich also erfolgreich auf das Bankengeschäft auswirken. In Deutschland haben Finanzinstitute im Vergleich zu anderen europäischen Märkten allerdings noch Nachholbedarf. Das liegt vor allem an den jeweiligen hausinternen Prüfvorschriften, sowie an der häufig unzureichenden technischen Prozessunterstützung und der damit fehlenden Möglichkeit, Kreditanträge nach definierten Kriterien zu segmentieren und unterschiedlich zu bearbeiten.

Während beispielsweise in Großbritannien und den USA Marktteilnehmer ihre Prüftiefe je nach Risiko variieren, wurde in Deutschland lange jeder Kreditantrag nach denselben Kriterien und auf dieselbe Art und Weise geprüft – egal um welchen Kreditbetrag es ging oder wie die Risikobewertung ausfiel. Die neue Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 gibt deutschen Banken aber nun die Gelegenheit, mit anderen Märkten gleichzuziehen. Sie schafft den rechtlichen Rahmen für eine Öffnung der Konteninformationen für Drittanbieter und gibt der Thematik des Digital Lendings einen enormen Schub. Dadurch kann nun im Kreditvergabe-Prozess der Kreditgeber Einblick in die Konten erhalten und automatisch eine Haushaltsrechnung durchführen. Dadurch liegen sämtliche notwendige Informationen bei der Prüfung in digitaler Form vor und müssen nicht mehr mit Papierbelegen wie Kontoauszügen oder Gehaltsnachweisen abgeglichen werden.

Dieser Schritt, der früher einen enormen Zeitaufwand bedeutete, lässt sich durch PSD2 nun vollautomatisiert und einfach durchführen. Automatisierung ermöglicht zudem eine spezifischere Bewertung der Einkommens- und Ausgabensituation über einen längeren Zeitraum und Zahlungsstörungen lassen sich systematisch auffinden.

Da Kundenangaben zum Einkommen überflüssig werden, lassen sich auch die meist erheblichen Zusatzaufwände und Ablehnungen vermeiden, die durch unzutreffende Angaben zum Einkommen entstehen, etwa weil der Kunde Brutto- und Nettoeinkommen verwechselt. Selbst eine Bonitätsvorhersage lässt sich anhand der offenen Daten treffen, indem mithilfe von Analytik aus den Kontobewegungen abgeleitet wird, wie sicher die Kreditrückzahlung ist. Ein Umstand, der für die klassischen Auskunfteien zur Herausforderung werden könnte.

Kundenorientierung durch Digitalisierung

PSD2 und Open Banking eröffnen dem Finanzsektor im deutschen Markt viele Chancen. Aber um diese zu ergreifen, müssen sie ihren Fokus ändern. Und zwar indem der Kunde, dessen Ansprüche und seine Erwartungshaltung in den Mittelpunkt gestellt werden. So scheint im Bankensektor langfristig nachhaltiges Wachstum nur möglich zu sein, wenn man sich von einer vertriebs- und produktfokussierten Denkweise verabschiedet und zu einer echten Kundenorientierung wechselt. Und das bedeutet auch: die digitalen Möglichkeiten nutzen und anbieten.

Denn durch die technologischen Möglichkeiten erhöhen sich auch hierzulande die Kundenerwartungen. Ob Reiseplanung und -buchung, Shopping oder der Einkauf von Lebensmitteln – alles lässt sich mit wenigen Klicks durchführen. Warum also sollte der Kunde noch komplizierte Wege gehen, wenn die einfachen Optionen doch gegeben sind? Diese Erwartung haben Kunden auch, wenn es um ihre Bankgeschäfte geht.

Diese Entwicklung ist in den vergangenen Jahren enorm vorangeschritten. Zwar kann man schon seit einigen Jahren seine Daten für die Beantragung eines Kredits online angeben. Doch beim traditionellen Antrag warten im Anschluss mehrere Hürden und eine Menge Papierarbeit, die den Prozess verlangsamen und Wochen in Anspruch nehmen können. Ein solches Verfahren entspricht nicht mehr den Kundenerwartungen. Die Affinität mit digitalen Medien wächst, nicht nur bei der jungen Generationen. Gemäß einer aktuellen Studie von FICO erwarten 40 Prozent der deutschen Bankkunden, dass alle notwendigen Schritte für die Beantragung eines Kredits online durchführbar sind. Für Banken ist es deshalb wichtig, den Kreditantragsprozess digital zu ermöglichen und eine Kreditentscheidung möglichst schnell und unkompliziert herbeizuführen. Wartezeiten und Medienbrüche erhöhen die Gefahr, dass der Antragsteller im laufenden Prozess abspringt.

Digitalisierung fördert den Wettbewerbsvergleich

Der Wettbewerb ist nur einen Klick entfernt. Vergleichsportale schaffen zwar eine Plattform, aber die Kreditsuchenden sehen dort auch das Angebot der Konkurrenz. Auch wenn die Konditionen bei einem Anbieter besser sind, ist es wahrscheinlich, dass der Kunde die zweitbesten Konditionen wählt, wenn der Antragsprozess einfacher und schneller gestaltet ist. Modernes Digital Lending, das profitables Wachstum ermöglicht, arbeitet deshalb mit automatisierten Kreditentscheidungen. Heute soll ein Kreditantrag idealerweise ganz einfach über das Smartphone gestellt werden können, beispielsweise in der App des Finanzinstituts. Der Antragsteller gibt einfach die Nummer seines Girokontos an und die Bank erhält durch Open Data Zugriff auf das Konto und die Transaktionen für einen speziellen Zeitraum.
Der Kreditantrag wird weiterhin auf die klassischen Merkmale (verfügbares Einkommen, Beschäftigungsdauer beim aktuellen Arbeitgeber usw.) geprüft und hinsichtlich seines Risikos bewertet. Auf dieser Basis errechnet sich das Kreditangebot mit dem zugehörigen Zinssatz. Wichtig ist, dass sich dieser an die aktuellen Markt- und Wettbewerbskonditionen unkompliziert anpassen lässt. Im Anschluss an die Angebotserstellung erfolgt auch die Authentifizierung des Antragstellers online – beispielsweise per Video, in dem der Antragssteller seinen Ausweis vor eine Webcam hält. Ein gänzlich digitaler Kreditantrag ist also technologisch und rechtlich inzwischen möglich.

Liegt die Zukunft in der Dunkelverarbeitung?

Mehr Flexibilität, kombiniert mit einer variablen Prüftiefe ist ein Trend, der sich durch die Möglichkeiten der Digitalisierung abzeichnet. Es stellt sich zunehmend die Frage: Welche Auskünfte brauche ich bei welchem Antrag wirklich? Wenn beispielsweise eine automatisierte Risikobewertung glatt erscheint, kann die Genehmigung sofort erfolgen, ohne möglicherweise noch Belege und weitere Prüfdaten zu fordern. Da durch PSD2 und Open Banking die Bankdaten einfach und automatisiert zur Risikobewertung herangezogen werden können, kann durch diese Schritte zukünftig auch die Abhängigkeit von Auskunfteien verringert werden.

Fazit

Das große Ziel der Digitalisierung im Kreditantragsprozess ist zweifelsohne eine komplett automatisiert ablaufende Prüfung. Von einem Zustand, in dem die Bearbeitung des überwiegenden Teils der Anträge in einer solchen „Dunkelverarbeitung“ erfolgt, sind die meisten Banken derzeit aber noch weit entfernt. Der Weg der digitalen Transformation im Lending-Prozess ist noch nicht abgeschlossen und es gibt noch einiges zu tun. Der Antragsprozess lässt sich aber für beide Seiten – Kreditgeber und Kreditnehmer – deutlich schlanker gestalten, um die Entscheidungsprozesse zu verbessern.

Kontakt  
Diesen Artikel ...  
Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
29.07.2019
Quelle(n):
Bildquelle: © iStock.com/Jacob Ammentorp Lund
Autorenfoto: © FICO
Autor/in 
Eckart Gärtner


ist Sales Director bei FICO in Bensheim.
Weitere Artikel 
Webkiosk 

Die Zeitschrift

Ausgabe 10/2019

Jetzt online lesen »

 

 

Newsletter

die bank | Newsletter

Abonnieren Sie den kostenlosen redaktionellen Newsletter der Fachzeitschrift „die bank“.
Der Newsletter erscheint mindestens einmal im Monat und informiert Sie über aktuelle Beiträge und News.

 Anmeldung

 Newsletter-Archiv