Brexit stellt alles auf den Kopf

Spitzenmanager der europäischen Großkonzerne reiben sich nach dem Brexit-Referendum voller Verwunderung und Sorgen die Augen. Die Briten haben sich gegen die EU ausgesprochen und damit das Plädoyer der größten Unternehmen des Landes, die Brüssel unbedingt die Stange halten wollten, in den Wind geschlagen. Die meisten in Großbritannien beheimateten Großfirmen sowie viele Konzerne in Europa und selbst den USA sowie Asien hatten vor einem Brexit gewarnt. Er würde für Unsicherheit sorgen und die Gewinne sowie die Arbeitsplätze gefährden. Das Land müsse womöglich Handelsabkommen Land für Land neu aushandeln, um die derzeit geltenden Export- und Importzölle beibehalten zu können. Der freie Fluss von Arbeitskräften über den Ärmelkanal könne abebben. Sofern der EU-Ausstieg langfristige Marktturbulenzen auslöst, könnten das Wirtschaftswachstum und zugleich die Unternehmensgewinne auf Jahre hinaus Schaden nehmen.

Die Märkte haben drastisch reagiert: UK-Aktienindex-Futures sind sofort eingebrochen und das Pfund Sterling fiel auf ein Niveau der 1980er Jahre. Sichere Häfen wie Gold, Bundesanleihen und US-Treasuries sehen erhebliche Investorennachfrage. Auch der Euro ist stark unter Druck geraten. Die starke Pfund-Abwertung wird die verschiedenen Unternehmen auf jeweils ganz unterschiedliche Art und Weise treffen. Britische Exporteure könnten dank Preisvorteilen auf der Gewinnerseite stehen. Doch wenn sie Vorprodukte von außerhalb der Insel importieren müssen, dürften diese Waren teurer werden. Britische Firmen, die sich etwa in US-Dollar verschuldet haben, könnten mit dem Schuldendienst Probleme bekommen, warnte die Ratingagentur Fitch.

Besonders hart hat es zunächst die Banken getroffen, die die Verliererliste in Europa anführten und nach dem Brexit europaweit besonders stark unter Druck gerieten. Dies hat mehrere Gründe: die fallenden Zinsen mit den Rendite-Rekordtiefs, die sich ausweitenden Spreads der Peripherie-Anleihen, die fallenden Kurse auf der Aktienseite und die Ungewissheit über den Finanzplatz London, an dem die Banken stark vertreten sind. Bei den britischen Banken fielen Barclays vorübergehend um 30 Prozent, Lloyds brachen um 19 Prozent ein, RBS um 17 Prozent. Am besten konnte sich zunächst HSBC mit einem Minus von 3,3 Prozent halten. In der Peripherie fielen Intesa und Unicredit um jeweils 21 Prozent. In Madrid gab Santander 20 Prozent ab. Schon kurz nach dem erstenb Brexit-Schock stellten sich jedoch sofort zaghafte Erholungstendenzen ein.

Die Deutsche Bank geht zwar derzeit nicht davon aus, dass sie ihre Struktur oder Geschäftsmodell in Großbritannien „kurzfristig wesentlich ändern“ muss. Aber sie schloss einen Umbau auch nicht aus. „Ebenso wie andere Finanzunternehmen werden wir die Verhandlungen Großbritanniens mit der Europäischen Union genau verfolgen", schrieb Bankchef John Cryan in einem Brief an die Mitarbeiter. „Sollte ein Umbau nötig sein, werden wir dafür sorgen, dass die Auswirkungen auf unsere Kunden und Mitarbeiter so gering wie möglich bleiben.“ Die Deutsche Bank erzielt rund ein Fünftel ihrer Gesamterträge in Großbritannien.

Großbritannien selbst wird voraussichtlich nicht nur bei der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) sein AAA-Rating verlieren. S&P hatte bereits vor dem Referendum angekündigt, das Kreditrating innerhalb kurzer Zeit zurückzustufen. Die Ratingagentur warnte davor, dass die politische Situation im Land bei einem Brexit weniger vorhersehbar und rational sei, auch weil es keinen wirklichen Plan für nach dem Brexit gibt. Jetzt hat die Phase der Unsicherheit begonnen.

Denn unabhängig von dem Ergebnis ist das Umfeld immer noch geprägt von langsamen Wachstum, niedriger Inflation, Niedrigzinsen sowie von träger Produktivität und wenig Investitionen. Der Brexit wurde als Tail Risk gesehen, das die Märkte genauso verfolgt wie der Ölpreis, der starke Dollar und Befürchtungen wegen China, die im Januar und Februar hohe Volatilität verursacht haben. „Der Brexit ist auch eine willkommene Ausrede, um weitere Unternehmensgewinnrevisionen vorzunehmen und das Weltwirtschaftswachstum noch stärker nach unten zu revidieren. Und davor haben die Finanzmärkte wohl mindestens genau so viel Angst wie vor dem Brexit selbst“, sagt Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank. Das größte Risiko droht, wenn nun auf den Austritt weiterer Länder aus der EU bzw. der Währungsunion spekuliert würde. In diesem Fall könnten an den südeuropäischen Börsen die Aktienkurse tief fallen und die Renditen stark steigen. Für Deutschland wären klar negative Renditen in allen Laufzeitbereichen die Folge, der DAX allerdings käme auch unter Druck. Es ist die Frage, inwieweit die EZB hier etwas abfedern kann. „Die Gefühlsbörse nach dem Referendum wird aber nicht lange anhalten“, so Lang – möglicherweise nicht einmal eine halbe Woche. Doch stehen die Aktienmärkte auch unabhängig vom Brexit unter Druck: Vor allem die zunehmende politische Fragilität und die anhaltende – tatsächliche – weltweite Konjunkturschwäche übertragen ihre negativen Schwingungen auf die Börsen. Die Europäische Union ist schwer beschädigt, die bereits bestehenden wirtschaftlichen und auch politischen Risiken könnten sich nun weiter potenzieren.

Doch nicht überall herrscht Pessimismus und Skepsis. So hat etwa die Oldenburgische Landesbank AG (OLB) das Votum sehr unaufgeregt zur Kenntnis genommen. „Wir sind auf alle Szenarien eingestellt“, sagte Patrick Tessmann, Vorstandsvorsitzender der OLB, „insgesamt wird der Brexit nun einen längeren Prozess bedeuten, sodass bis auf Weiteres viele Fragen über die nächsten Schritte oder die künftige Zusammenarbeit zwischen der EU und Großbritannien sowie auch eine politische und wirtschaftliche Ungewissheit bestehen bleiben werden.“ Ihre Kunden hatte die Bank auf diesen Fall vorbereitet: Im- und Exporteure beispielsweise durch Absicherungen des Devisenkurses. Dies verschafft den Unternehmen eine verlässliche Kalkulationsbasis. Währungskonten auf direkter Pfund-Basis unterhält nur ein überschaubarer Teil der Firmenkunden. Eine nachhaltige Beeinträchtigung der Finanzstabilität in Europa erwartet die Bank nicht. Negativszenarien seien bereits im Markt eingepreist. Wohl aber sei mit kurzfristigen Marktverwerfungen zu rechnen, möglicherweise auch mit Eingriffen der Notenbanken.

Die German Startups Group, zweitaktivster Venture-Capital-Investor in Deutschland, erwartet sogar positive Auswirkungen des Brexit auf Deutschland als Standort für Tech Start-ups und damit auf deren Wettbewerbssituation und ihre Bewertungen. Christoph Gerlinger, CEO der German Startups Group: „Der Brexit ist eine gute Nachricht für die deutsche Start-up-Szene“. Erst 2015 ist Berlin in Anzahl und Gesamtvolumen der Finanzierungstransaktionen von Start-ups an dem zuvor in Europa dominanten Standort London vorbeigezogen. Nun wird sich diese Entwicklung beschleunigen und sich der Abstand von Berlin vs. London zügig vergrößern. „Wir rechnen sowohl mit der deutlichen Verringerung der Neuansiedlung von Start-ups in London zu Gunsten von Berlin als auch mit dem Zuzug erfolgreicher Londoner Start-ups. Das dürfte in besonderer Ausprägung für den besonders dynamischen Sektor der FinTechs zutreffen“, glaubt Gerlinger.

 

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Artikel veröffentlicht am:
24.06.2016
Quelle(n):
Bild: © pixs:sell - Fotolia.com 
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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