Revolution oder Evolution?
Blockchain im Trade-Finance-Bereich
 

Blockchain bietet enormes Potenzial für die Neuausrichtung des Trade-Finance-Geschäfts. Die Kosten der Abwicklung können durch die Technologie um bis zu 80 Prozent gesenkt werden. Zudem wird die Bearbeitungszeit signifikant verkürzt bei vollständiger Transparenz für alle Vertragsparteien. Auch in Anbetracht der enormen Effizienzgewinne sind keine disruptiven Veränderungen des Geschäfts zu erwarten. Stattdessen werden die Banken und deren Kunden einen dreistufigen Veränderungsprozess bis hin zu einer finalen Blockchain-Plattform durchlaufen.

Das Potenzial der Blockchain manifestierte sich erstmals in der Kryptowährung Bitcoin. Diese eroberte die Finanzmärkte im Sturm und konnte sich als neues Zahlungssystem etablieren. Der Peer-to-Peer-Austausch der digitalen Währung war jedoch lediglich ein erster Use-Case in einem Nischensegment. Die Blockchain hat das Potenzial, die Steuerung, Verwaltung und Abwicklung von Transaktionen zwischen multiplen Parteien zu revolutionieren. Um die Folgen der Technologie für das wirtschaftliche Handeln der Zukunft antizipieren zu können, ist ein grundlegendes Verständnis der technischen Funktionalität zentral. 

Im Mittelpunkt von Blockchain steht der Verzicht auf einen Intermediär als Vertrauensorgan zur Verifizierung und Abwicklung von Transaktionen. Dieses Vertrauen wird durch eine dezentrale Datenbank hergestellt, die jede Transaktion zwischen zwei Parteien erfasst, verifiziert und verschlüsselt für jeden Teilnehmer sichtbar auf der Blockchain speichert. Mehrere Transaktionen werden zu „Blocks“ zusammengefasst und durch einen mathematischen Code an die Kette angeschlossen. Die Blockchain gilt als nicht manipulierbar, da jede nachträgliche Verfälschung einer Transaktion die Änderung der gesamten Historie nach sich ziehen würde. 

Blockchain als Enabler für die Neuausrichtung von Trade-Finance 

Die Blockchain, die der Distributed-Ledger-Technologie zugeordnet wird, bietet enormes Potenzial für die Neuausrichtung des Trade-Finance-Geschäfts. Die Finanzierung und die Absicherung des Außenhandels blieben von der Digitalisierung bisher weitgehend verschont – trotz einiger Versuche der Banken, die Trade-Finance-Abwicklung durch Bank Payment Obligations (BPO) zu standardisieren. Der durchschlagende Erfolg ist trotz guter Ansätze bisher ausgeblieben. 

Fundamentale Veränderungen der Geschäftsabwicklung im Bereich Trade-Finance sind nunmehr überfällig. Intern wird der Veränderungsdruck der Banken getrieben durch die hohen Kosten, die durch die manuelle Prüfung und Übersendung von Dokumenten entstehen, sowie die enorme Komplexität durch die jüngste Zunahme der regulatorischen Anforderungen. 

Doch auch die Kundenseite bemängelt die zu langen Abwicklungszeiten und den manuellen Aufwand. In der Folge nimmt der Anteil an Open-Account-Geschäft zulasten der Akkreditivprodukte stetig zu. 54 Prozent der Trade-Finance-Erträge von 36 Mrd. Euro im Jahr 2016 wurden über Open Account generiert. Dieser Anteil soll bis 2025 jährlich um 4 Prozent ansteigen. Trotz dieser verhaltenen Marktaussichten stellt Transaction-Banking aufgrund der geringen Volatilität der Erträge und des Cross-Selling-Potenzials weiterhin ein attraktives Geschäftsfeld dar. 

In der Folge verschärft sich der Wettbewerb; nicht zuletzt, da nun auch große Investmentbanken ihre Aktivitäten in Richtung Transaction-Banking verschieben. Durchsetzen werden sich letztlich diejenigen Banken, die nutzenstiftende Use-Cases entwickeln und gemeinsam mit dem Kunden neue Geschäftsmodelle etablieren werden. Die Blockchain dient hierbei als zentrales Vehikel. 

Zu den Erfolgsfaktoren im Trade-Finance-Geschäft zählen die Integrität von Daten und die Optimierung von Kommunikationsprozessen entlang eines komplexen Beziehungsgeflechts heterogener Vertragsparteien. Eben diese Elemente können durch die Blockchain erheblich verbessert werden. Innerhalb einer geschlossenen Blockchain werden Daten in Echtzeit für alle Parteien sichtbar und können verifiziert werden. Die digitale Bereitstellung von Dokumenten verkürzt Wartezeiten, die ansonsten durch die Sendung über Kurier entstehen. Dieses Maß an Transparenz sorgt dafür, dass Aktivitäten verschiedener Parteien simultan ausgeführt werden können. Für weitere Effizienzgewinne sorgt die Funktionalität „Smart Contracts“. Hierbei werden Verpflichtungen aller Vertragsparteien erfasst und an konkrete Handlungen geknüpft. 

Die Überwachung der Einhaltung der Vertragsbedingungen und der Vollzug der Transaktion werden in einen automatisierten Prozess überführt. So wird beispielsweise die Zahlung automatisch ausgeführt, sobald die Ware den Einfuhrhafen erreicht hat. Beispielhaft könnte ein Akkreditiv auf der Blockchain wie in der ► Abbildung 1 („Lebenszyklus eines Akkreditivs auf der Blockchain“) dargestellt abgewickelt werden. 

Im beschriebenen Szenario wird die Wertschöpfungstiefe der Banken deutlich gemindert. Der zeitaufwendige Prozess der Prüfung und Weiterleitung der Dokumente wird automatisiert. Bereits jetzt können Banken auf intelligente Systeme zurückgreifen, die die unstrukturierten Daten eines Frachtbriefs in Formulare transferieren und gleichzeitig auf Richtigkeit überprüfen. 

Die Processing Time wird somit verkürzt, und die Kosten der Banken werden rapide gesenkt. 

  • Die Kosten der Dokumentenprüfung und -bearbeitung werden um circa 50 bis 80 Prozent verringert. 
  • Die digitale Bereitstellung von Daten und Dokumenten ermöglicht den Einsatz von dezentralen Bearbeitungszentren und eine Follow-the-Sun-Abwicklung.
  • Das Fehlerpotenzial durch die digitale Abwicklung und den Einsatz von KI und Big Data wird insbesondere bei Standardgeschäften deutlich gemindert.

Diese Dynamik in Kombination mit der angespannten Wettbewerbssituation wird automatisch sinkende Preise und damit einhergehend eine Konsolidierung des Angebots nach sich ziehen. 

Dreistufiger Evolutionsprozess hin zur Blockchain-Plattform

Die Effizienzpotenziale der Distributed-Ledger-Technologie sind offensichtlich. Offen bleibt die Frage, wie schnell sich alternative, Blockchain-basierte Geschäftsmodelle am Markt etablieren werden. Nach ausführlicher Marktrecherche erwarten wir keine disruptive Veränderung des Geschäfts. Stattdessen wird es einen dreistufigen Veränderungsprozess in Richtung einer finalen Blockchain-Plattform geben. ► Abbildung 2  („Dreistufiger Veränderungsprozess des Trade-Finance-Geschäfts“)

Banken befinden sich bereits in der ersten, sogenannten Trial-and-Error-Phase. Budgets sowie personelle Ressourcen zur Entwicklung von ersten Use-Cases werden bereitgestellt. Nach dem Design-Thinking-Ansatz arbeiten Banken wettbewerbsübergreifend mit Technologieunternehmen und Kunden zusammen, um Geschäftsmodelle zu konzipieren – mit positiven ersten Ergebnissen. 

So konnte die HSBC gemeinsam mit dem Nahrungsmittelkonzern Cargill und der ING ein Akkreditiv zur Verschiffung von Sojabohnen auf der Blockchain erfolgreich abwickeln. Die Transaktionsgeschwindigkeit war etwa zehnmal so hoch wie die der derzeitigen manuellen Abwicklung – ein offensichtlicher Kundennutzen. Das Geschäft wurde auf der Blockchain-Plattform „Voltron“ durchgeführt, die von insgesamt acht Banken genutzt wird.  

Im Rahmen der zweiten Evolutionsstufe werden sich verschiedene Plattformen am Markt etablieren, die mithilfe einer Programmierschnittstelle (API) die direkte Interaktion mit allen Transaktionsteilnehmern herstellen und die Informationen auf einer Plattform konsolidieren. Zudem kann das Ecosystem jederzeit durch neue Funktionen erweitert werden. Diese Transparenz und die Benutzerfreundlichkeit bieten einen Nutzen für alle an der Plattform Beteiligten. 

In der dritten Evolutionsstufe wird die Blockchain den Großteil des Trade-Finance-Geschäfts abwickeln. Die Technologie wird zunächst vorwiegend von Multinationals genutzt, die sich aufgrund der Skalierbarkeit ihres Handels als Pioniere mit der Technologie auseinandersetzen. KMU hingegen werden weiterhin auf konventionelle Weise und unter Nutzung von SWIFT-Nachrichten mit Banken interagieren. 

Sobald die Skalierbarkeit auf der Blockchain gewährleistet ist, können Banken ihre konventionellen Trade-Finance-Systeme sukzessive außer Betrieb nehmen und die Transition der letzten Kunden zur Blockchain-Plattform vollziehen. Wir rechnen mit einem Zeithorizont von zehn Jahren bis zur breiten Marktakzeptanz der Distributed-Ledger-Technologie. 

Die Senkung der Bearbeitungskosten wird einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Provisionserlöse der Banken haben. Die Zinserlöse werden aber nicht direkt beeinflusst. Ceteris paribus werden die Banken mit geringeren Bearbeitungskosten mehr Geschäft akquirieren, wenn sie die Kostenreduzierungen durch attraktivere Preise an die Kunden weitergeben. Somit können Banken der zunehmenden Handelsabwicklung durch Open-Account-Geschäfte entgegenwirken. 

Banken, die diese Entwicklung verschlafen, werden den Anschluss verlieren und letztlich der Marktkonsolidierung zum Opfer fallen. 

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
22.01.2019
Quelle(n):

Bildquelle: ©track5 | istockphoto.com
Autorenbild: Consileon Frankfurt GmbH

Autor/in 
Alexander Hönig


ist als Senior Consultant bei Consileon Frankfurt GmbH tätig. Seine Beratungsschwerpunkte liegen im Bereich Strategie, Digitalisierung und Geschäftsmodellentwicklung im Privat- und Firmenkundengeschäft von Banken.
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