SAP S/4HANA Readiness Check gibt Planungssicherheit
Bereit für den Umstieg auf S/4HANA?
 

Wann ist eine Bank bereit für die Umstellung auf SAP S/4HANA? Welche Hausaufgaben sind vor, während und nach der Konvertierung zu erledigen? Der sogenannte Readiness Check gibt Antwort auf diese Fragen und unterstützt die Fachabteilungen wesentlich bei der erfolgreichen Planung der Konvertierung. Unser Autor erklärt kurz das Werkzeug und stellt wichtige Erkenntnisse aus dem praktischen Einsatz bei einer Großbank in Deutschland vor.

Der S/4HANA Readiness Check 2.0 ist uneingeschränkt für alle Banken, die SAP-Systeme nutzen, empfehlenswert. Er sollte so früh wie möglich durchgeführt und etwa halbjährlich wiederholt werden, gemäß dem Rhythmus neuer Releases und Software-Änderungen.

Da sich Banken bei der Konvertierung auf S/4HANA i. d. R. für den Brownfield-Ansatz entscheiden, ist es wichtig zu prüfen, wie „ready“ die bestehende Anwendungslandschaft für die Umstellung ist. Im Gegensatz zum Greenfield-Ansatz (d. h. dem umfassenden Umbau bzw. Neuaufbau der IT-Systeme, verbunden mit unbekannten Risiken und Gefahren für die laufenden Geschäftsprozesse) kommt es beim Brownfield-Ansatz mittels eines Upgrades der vorhandenen Software zu einer automatischen Konvertierung der Daten während der Umstellung auf S/4HANA. Damit diese reibungslos läuft, müssen im Vorfeld alle möglichen Fehlerquellen identifiziert, analysiert und behoben werden.

 Die beiden Programmläufe, die in der SAP-Systemlandschaft durchzuführen sind, erzeugen zwei Dateien, die innerhalb des SAP One Support Launchpads (ehemals OSS) im Readiness-Check-Tool hochgeladen werden müssen, um ein übersichtliches Dashboard zu erhalten. Der Readiness Check nimmt dabei die verwendeten Geschäftsprozesse, den Source Code und die Datenbank ins Visier. Er schafft einen Überblick über den individuellen Systemstatus und liefert Ergebnisse bzw. Hinweise, welche Komponenten nicht S/4HANA-fähig sind und wann und wie reagiert werden muss. Er schätzt die Größe einer Datenbank (Datenbanksizing), gibt Hinweise, wie die Datenbank aussehen müsste, und macht Vorschläge, an welchen Stellen Daten gelöscht werden können. In der Abbildung 1 (siehe unten) ist eine Beschreibung der Vereinfachungselemente mit weiterführenden Links auf Detailinformationen und feinerer Selektionsmöglichkeiten nach Zeitpunkt und Durchführungsoption zu sehen.

Im Gegensatz zur Version 1.0 weist der Readiness Check 2.0 nicht nur auf technische Mankos hin, sondern durchläuft, wie oben beschrieben, die Geschäftsprozesse. Er ist insgesamt wesentlich detaillierter und besser aufbereitet; das zeigt sich u. a. in der Sortierbarkeit der Daten. Der Check klassifiziert die Aufgaben, die vor, während und nach der Konvertierung zu erledigen sind, in den Kategorien obligatorisch (mandatory), bedingt (conditional) und optional (optional). Er liefert damit eine wichtige Grundlage für die weitere Projektplanung.

Lessons Learned aus dem Readiness Check bei einer deutschen Großbank:

  • Entfall der Objekt- und Sicherheitenverwaltung: Das wichtigste Ergebnis des Readiness Check bei Banken, die SAP CML zur Darlehensverwaltung einsetzen, ist der Entfall der Objekt- und Sicherheitenverwaltung in SAP CML bei der Umstellung auf S/4HANA. Hierfür muss die Bank vor der Konvertierung SAP CMS einführen und die SAP CML-Objekte und -Sicherheiten dorthin migrieren. Der Aufwand lohnt sich: Aufgrund der ausgeprägteren Prozesssicht und einer enthaltenen Prozesssteuerung ist SAP CMS für die Abbildung der Geschäftsprozesse wesentlich besser. Außerdem sind die Möglichkeiten der Sicherheitenabbildung (z. B. Abbildung von Schiffs- und Flugzeugsicherheiten) vielfältiger und detaillierter. Mittels SAP CMS lassen sich ebenfalls externe Systeme an die Sicherheitenverwaltung anbinden.
  • Integration von Geschäftspartnern: Bisher ist es in den SAP-Systemen bis auf Ausnahmen möglich, einen Kreditor oder Debitor auch ohne einen korrespondieren Geschäftspartner einschließlich all seiner Rollen zu führen. Der Readiness Check ergibt, dass dies in S/4HANA nicht mehr durchführbar ist. Jedem Kreditor und Debitor muss ein Geschäftspartner zugeordnet sein. Bankkunden mussten auch in der Vergangenheit immer schon einen Geschäftspartner als Pendant haben. Betroffen sind in Banken aber beispielsweise Kreditoren wie Lieferanten oder auch die vollständige Synchronisation bzw. das Synchronisations-Customizing des Geschäftspartners mit dem Debitor. Die Integration muss während der Konvertierung auf S/4HANA erfolgen und gehört mit zum Einführungsprojekt.
  • Custom Code Check für kundeneigene Entwicklungen: Wie die SAP-Anwendungen sind auch die Eigenentwicklungen der Bank auf ihre S/4HANA-Fähigkeit zu prüfen. Der Readiness Check gibt Auskunft darüber, ob kundenindividuelle Entwicklungen von der Umstellung auf S/4HANA betroffen und welche Vereinfachungselemente relevant sind. Für die detaillierte Untersuchung empfiehlt sich dann das Automated Test Cockpit (SAP ATC). Die Analyse ist aufwendig, aber unabdingbar, gerade in der Bankenlandschaft, die durch kundenindividuelle Entwicklungen geprägt ist. Der Aufwand ist schwer zu quantifizieren, geht aber über den einstelligen Bereich von Personentagen hinaus. Für den Custom Code Check notwendig sind das Basissystem SAP NetWeaver 7.52 (Minimalrelease ist 7.51) und das Hochladen der Vereinfachungsdatenbank in das NetWeaver-System.
    Das Tool liefert nach dem Check sogenannte „Findings“, d.h. konkrete Code-Stellen, die vor der Umstellung auf S/4HANA zu prüfen sind, und es liefert entsprechende Anweisungen, was zu tun ist und in welchem Programm welche Codezeile betroffen ist. Der Custom Code Check bietet zwei entscheidende Vorteile: Zum einen gibt er einen ersten Stand der S/4HANA Readiness der Eigenentwicklungen aus; zum anderen wird frühzeitig weiteres inkompatibles Coding in der zukünftigen SAP-Anpassung vermieden.
  • Empfehlenswerte Datenarchivierung: Häufiges Ergebnis des Readiness Check bei Banken ist, dass die Datenvolumina für die Überführung in das neue SAP S/4HANA-System zu groß sind. Daher werden verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen. Bei technischen Tabellen ist es möglich, Daten zu reorganisieren, bei fachlichen Daten ist deren Archivierung vor der Konvertierung sehr empfehlenswert.
  • Fehlende Unterstützung für LSMW: Bei der Legacy System Migration Workbench (LSMW) handelt es sich um eine Komponente zur Migration von Altdaten aus Fremdsystemen auf dem PC und dem Applikationsserver in SAP-Anwendungen. LSMW unterstützt die einmalige Übernahme von Daten (Initial Data Load) und mit Einschränkungen permanente Schnittstellen. Der Readiness Check zeigt, dass LSMW in S/4HANA nicht mehr unterstützt wird. SAP nennt als eine Alternative für die einmalige Übernahme von Daten die Rapid Data Migration. Eine frühzeitige Evaluierung mit dem Ziel, ein geeignetes Framework für die benötigten Zwecke zu finden, ist empfehlenswert.

Fazit

Erfahrungsgemäß lässt sich der Readiness Check in einer einstelligen Zahl an Personentagen erledigen. Diesem Aufwand für die Durchführung steht wie beispielhaft dargelegt ein großer Nutzen für die Bank gegenüber. Auf dem Weg zu einer möglichst reibungslosen Umstellung auf SAP S/4HANA liefert er im Vorfeld entscheidenden Hinweise und gibt Planungssicherheit.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
11.11.2019
Quelle(n):

Artikelbild: Photo by Faris Mohammed on Unsplash

Autorenbild: Innobis AG

Autor/in 
Gerald Peuser


Der Diplom-Wirtschaftsingenieur Gerald Peuser ist bei der innobis AG im Bereich Development & Integration Services tätig. Er betreut Projekte bei Banken und Kreditinstituten rund um Release-Wechsel und Migration und ist SAP S/4HANA Experte.
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