Joint Audits
Bankensektor benötigt qualitätssteigernde Instrumente
 

Vier große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften dominieren seit langem den Markt für die Abschlussprüfung von Banken. Versuche, die Konzentration aufzubrechen, waren bisher wenig erfolgreich. Für mehr Qualität könnte das Modell Joint Audit sorgen – die Gemeinschaftsprüfung eines Unternehmens durch zwei voneinander unabhängige Prüfungsgesellschaften.

Im Frühjahr 2019 sorgte eine Premiere für Aufsehen: Die Investmentbank Goldman Sachs wechselte für ihre europäischen Einheiten ihren Abschlussprüfer – und ist damit die erste weltweit führende Bank, die in Großbritannien und Deutschland künftig nicht mehr von den Big Four geprüft wird, also den großen vier Anbietern auf dem Markt für Prüfungsleistungen.

Der Auslöser für den Schritt von Goldman Sachs: Die im Jahr 2014 mit der Audit-Reform eingeführte Abschlussprüferrotation verpflichtet kapitalmarktorientierte Unternehmen nunmehr dazu, ihre Abschlussprüfung nach zehn Jahren neu auszuschreiben. Für Banken und Versicherungen gilt: Sie müssen ihr Prüfmandat nach einer Dekade nicht nur neu ausschreiben, sondern auch zwingend den Abschlussprüfer wechseln.

Frischer Blick auf die Jahresabschlüsse

Ziel des Gesetzgebers ist es, mit den neuen Regeln einen frischen Blick auf die Jahresabschlüsse sicherzustellen und zugleich die Dominanz der Big Four zu verringern. Die stärkere Beauftragung von mittelständischen Prüfungsgesellschaften sollte für mehr Wettbewerb sorgen. Allerdings zeigt sich in der Praxis: Der Fall Goldman Sachs bleibt bisher eine Ausnahme, weiterhin findet der Prüferwechsel häufig nur zwischen den vier großen Playern statt. Alles deutet darauf hin, dass die Pflichtrotation allein nicht ausreicht, um einen dynamischen und innovativen Abschlussprüfermarkt zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund wird der Ruf nach gesetzlich verpflichtenden Joint Audits lauter, die sich in einigen Ländern bereits bewährt haben, beispielsweise in Frankreich. Hierzulande sind Joint Audits bisher eine freiwillige Option, die in den Prüfungsstandards des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW) verankert sind. Die Grundidee ist einfach: Bei einem Joint Audit bestellt ein Unternehmen mehrere – in der Regel zwei – voneinander unabhängige Prüfungsgesellschaften, die gemeinsam ein Prüfungsurteil über den Konzernabschluss des Mutterunternehmens beziehungsweise die Jahresabschlüsse der Tochterfirmen abgeben.

Doppelarbeit vermeiden

Das Modell ist nicht zu verwechseln mit einem Shared Audit, bei dem einer der beteiligten Abschlussprüfer federführend für die Konzernprüfung verantwortlich ist. Es unterscheidet sich auch von einem Dual Audit, bei dem die Abschlussprüfung zweimal erfolgt. Dagegen teilen sich bei einem Joint Audit die beiden beteiligten Prüfungsgesellschaften die Prüfungsgebiete auf, um Doppelarbeiten zu vermeiden.

Die Aufteilung kann beispielsweise nach Geschäftsbereichen oder geografischen Regionen erfolgen. Besonders sensible Sachverhalte nehmen die beiden Abschlussprüfer gemeinsam unter die Lupe. Am Ende erfolgt eine gegenseitige kritische Durchsicht der geleisteten Arbeiten. Beide Gesellschaften berichten im Wege eines gemeinsamen Bestätigungsvermerks an die Unternehmensleitung, den Prüfungsausschuss und die Aktionäre.

Die Vorteile für das geprüfte Unternehmen und die Finanzmärkte insgesamt liegen auf der Hand: Joint Audits stärken die Unabhängigkeit und Objektivität der Abschlussprüfer und reduzieren das Risiko einer zu großen Vertrautheit, weil die Prüfungsgebiete aufgeteilt werden und oftmals nach einer bestimmten Anzahl von Jahren rotieren. Zudem lässt sich über das Vier-Augen-Prinzip der Prüfer untereinander die Prüfungsqualität steigern – ohne denselben Sachverhalt zweimal prüfen zu müssen.

Branchenspezifisches Know-how erforderlich

Darüber hinaus profitieren Unternehmen bei einem Joint Audit von der Expertise und Erfahrung mehrerer Prüfungsgesellschaften. So wird auch eine umfassendere Diskussion über komplexe fachliche Fragen ermöglicht. Das erweist sich gerade bei Abschlussprüfungen von Banken als wertvoll, da hier besonders hohe Anforderungen bestehen und branchenspezifisches Know-how erforderlich ist – von der Beachtung ergänzender Rechnungslegungsvorschriften bis zu weitergehenden Prüfungsgegenständen wie die Einhaltung von Anzeigepflichten gegenüber den Aufsichtsbehörden.

Ein weiterer Vorteil ergibt sich in Bezug auf die oben erwähnte neue Rotationspflicht: Bei asynchronen Bestellungen – also zeitlich versetzten Beauftragungen mehrerer Abschlussprüfer – ermöglichen Joint Audits einen reibungslosen Übergangsprozess. Vorhandenes Fachwissen geht nicht mit einem Schlag verloren, sondern lässt sich vom verbleibenden auf den hinzukommenden Joint Auditor übertragen. Davon profitieren auch internationale Konzerne mit Tochtergesellschaften für Finanzdienstleistungen im Konsolidierungskreis. Denn in Fällen mit unterschiedlichen Rotationsfristen kommt es aufgrund der neuen gesetzlichen Regeln zu asynchronen Bestellzeiten.

Umfassende Reform verlangt

Besonders hohe Wellen schlägt das Thema Joint Audit derzeit in Großbritannien: Nach dem Zusammenbruch des Baukonzerns Carillion verlangte die Wettbewerbsbehörde CMA (Competition and Markets Authority) im Frühjahr 2019 eine umfassende Reform der Abschlussprüfung. Eine Kernforderung ist die Einführung von verpflichtenden Joint Audits. Eine aktuelle Studie in Großbritannien zeigt, dass die Öffentlichkeit diese Forderung unterstützt. Lediglich 17 Prozent der Briten vertrauen dem bestehenden Audit-¬System. 72 Prozent der Befragten befürworten einen Wandel auf Basis von Joint Audits.

Andere Länder sind längst einen Schritt weiter. Beispielsweise sind Joint Audits in Frankreich schon seit 1966 für alle börsennotierten Unternehmen vorgeschrieben. Einer der positiven Effekte: Weniger Marktkonzentration und mehr Wettbewerb. Der Anteil der von den Big Four geprüften Abschlüsse im französischen Leitindex CAC 40 liegt aufgrund der verpflichtenden Joint Audits lediglich bei rund 80 Prozent. Das ist im europäischen Vergleich ein geringer Wert: Im deutschen DAX beträgt der Anteil der vier großen Wirtschaftsprüfer rund 95 Prozent. Im britischen Aktienindex FTSE 350 sind es sogar 97 Prozent.

Keine hohen Kosten

Kritiker wenden ein, dass Joint Audits mehr kosten würden als Einzelprüfungen – ein Einwand, der sich widerlegen lässt. Denn Joint Audits erzeugen ein Marktumfeld mit hoher Wettbewerbsintensität – so wird ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis für Prüfungsleistungen gefördert. Ein Länder-Vergleich der Top-100 börsennotierten Unternehmen zeigt: In Frankreich kostet die Prüfung eines Unternehmens mit Joint Audit 220.000 Euro je eine Mrd. Euro Börsenwert. In Großbritannien sind es ohne Joint Audit 346.000 Euro.

Hinzu kommt: Mögliche Mehrkosten lassen sich von vornherein durch verschiedene Maßnahmen vermeiden. So sollte etwa sichergestellt werden, dass die Anteile beider beteiligten Partner an der gemeinsamen Prüfung etwa gleich hoch sind. Das gilt auch für die Aufteilung der Honorare: Ideal ist ein Verhältnis von 50 zu 50 Prozent, gerade noch akzeptabel wären 70 zu 30 Prozent. Und: Zusätzlicher Zeitaufwand in den geprüften Unternehmen lässt sich auf ein Minimum begrenzen, wenn der Umfang einer Gemeinschaftsprüfung von Beginn an klar definiert wird, um Doppelarbeit zu vermeiden.

Fazit

Joint Audits erweisen sich als zukunftsweisender Baustein, der sich international bewährt hat. Sie stimulieren nicht nur den Wettbewerb und fördern Innovationen im Markt, sondern erhöhen auch die Unabhängigkeit und Objektivität der Abschlussprüfer sowie die Prüfungsqualität. Gerade der Bankensektor braucht nach den Erfahrungen der Finanzmarktkrise im Jahr 2008 qualitätssteigernde Instrumente wie Joint Audits, die das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Investoren in die Abschlussprüfung stärken.

Autor

Dr. Christoph Regierer ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwalt sowie Managing Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars in Deutschland. Ab 2021 übernimmt Mazars die Abschlussprüfungen von Goldman Sachs.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
09.01.2020
Quelle(n):

Bildquelle: iStock.com/Ivan-balvan

Autor/in 
Christoph Regierer
Dr. Christoph Regierer ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwal sowie Managing Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars in Deutschland.
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