Digilution
Agile Entwicklung innovativer und digitaler Services
 

Die Digitalisierung ist eines der sich am schnellsten ausbreitenden Phänomene der letzten Jahre. Die International Data Corporation (IDC) geht davon aus, dass das weltweite Datenvolumen bis zum Jahr 2020 auf 44 Bio. Gigabyte ansteigt. Die Digitalisierung hat große Umwälzungen in vielen Branchen angestoßen und tatsächlich auch das Ende mancher Unternehmen und Geschäftsmodelle eingeläutet. Sie hat sich aber auch auf Sektoren wie Finanzen, Versicherungen und Gesundheitsweisen ausgedehnt und dort zu besseren Kundenerlebnissen und damit zu größerer Kundenbindung geführt. Gleichzeitig ist die Digitalisierung Grundlage für neue Geschäftsideen, und ihr kreatives Potenzial ist mindestens so groß wie ihre umwälzende Kraft.

Gemäß einer aktuellen Studie der Credit Suisse dürften deshalb die sogenannten Digitalisierer, deren Umsatzwachstum über dem Marktdurchschnitt liegt und die dank Skaleneffekten und Effizienz steigende operative Margen vorweisen, zu den großen Gewinnern der kommenden Jahre zählen. Ferner werden Unternehmen, die basierend auf dem Internet der Dinge und Cloud-Computing neue Ökosysteme schaffen, langfristig die größten Chancen haben.

Um die Innovationsfähigkeit zu stärken und Transformationseffekte bestmöglich zu nutzen, hat die DZ Bank einen Innovationsmanagement-Prozess ins Leben gerufen, der im Kern einen Trend-Radar und eine Trendbewertung sowie ein Ideenmanagement und die Projektierung von Innovationsentwicklungen umfasst. Ausgangspunkt sind die bestehenden, vielfältigen dezentralen Innovationsaktivitäten innerhalb der DZ Bank-Gruppe. „Auf dieser Basis bildet das Innovation Lab eine ergänzende Plattform für die Fachbereiche und Gruppenunternehmen, um mithilfe zentraler Ressourcen geeignete Themen zu beschleunigen und im Zuge eines strukturierten, agilen Lab-Prozesses bis zur Prototypenreife zu entwickeln“, erklärt Franz Welter, der bei der DZ Bank das Innovationsmanagement leitet.

Die Entwicklung der Prototypen im Lab erfolgt nach Scrum-Methodik in Kombination mit Build-Measure-Learn, d.h. explizit nicht mit klassischem Wasserfall-Projektmanagement sondern agil in vier iterativen Sprints à drei Wochen. Der Product Owner verfasst dafür ein Product Backlog, das relevante User Stories und Features der zu entwickelnden Lösung beschreibt. „Das Team setzt die jeweils am höchsten priorisierten Punkte in Eigenverantwortung in den Sprints um. Jeder Sprint schließt mit einem Review ab, in dem relevante Stakeholder – insbesondere auch tatsächliche Zielkunden – Feedback geben“, so Welter vor Mitgliedern des european center for financial services (ecfs) in Duisburg. Das agile Arbeiten sei für die Mitarbeiter durchaus eine Herausforderung, da sich die Methodik fundamental von der Vorgehensweise in der Linien- und Projektarbeit unterscheidet. „Agile Entwicklung nach Scrum-Methodik lässt sich Führungskräften nicht in Form von Referaten oder Bildungsmaßnahmen beibringen. Man muss es selber machen, es erleben“, sagt Welter.

Die zentrale Rolle pro Team nimmt bei der DZ Bank ein sog. Product Owner ein, der in Vollzeit vom themengebenden Fachbereich in das Lab entsendet wird und die Vision für das Thema im Kopf hat, um damit die Weichen für die Umsetzung zu stellen. Er ist die wichtigste Schnittstelle zu sämtlichen internen und externen Stakeholdern. Daneben besteht ein Team aus zwei Entwicklern, die das für das jeweilige Thema notwendige Know-how mitbringen, beispielsweise in den Bereichen Frontend-Entwicklung oder Datenbank-Programmierung. Aus den Fachbereichen unterstützen weitere Experten in Teilzeit; auch Nachwuchskräfte können mit eingebunden werden. Alle Teams werden durch einen zentralen Scrum Master betreut sowie den gesamten Prozess über jeweils durch einen Innovations-Coach begleitet. Für einen Zweijahreshorizont stehen dem Innovationsmanagement rund 150 Mio. € zur Verfügung. Dieses recht üppige Budget verdeutlicht die strategische Bedeutung der Digitalisierung für die DZ Bank, ist jedoch auch der Größe des Konzerns geschuldet. Kleinere Institute tun sich mit der Finanzierung von größeren Digitalisierungsvorhaben dagegen oft ungleich schwerer.

So spielt bei der Merck Fink Privatbankiers AG die Weiterentwicklung des Front- und Back Office-Bereichs sowie eine Verbesserung der IT-Infrastruktur eine vordringlichere Rolle. „Unsere Hauptaufgabe liegt zunächst in der Prozessverbesserung, der Verkürzung von Bearbeitungszeiten und der Bereitstellung von modernen BankingApps, um einen multikanalfähigen Dialog mit unseren Kunden zu gewährleisten“, sagt Bankvorstand Joachim Gorny. Parallel muss die bankinterne IT fit für die Zukunft gemacht werden. Dafür entwickelt Gorny und sein Team gemeinsam mit anderen Anwendern das im Einsatz befindliche Kernbanksystem OBS (Online Banken System) weiter. Auch ein weitgehendes Outsourcing von IT- und OBS-Services scheint denkbar. OBS ist eine vollständig integrierte, modulare Lösung, die bankspezifische Prozesse und damit verbundene Services von der Kontoführung bis zum Wertpapiergeschäft abdeckt. „Wir werden unser Kernbanksystem dort sinnvoll durch Drittsysteme ergänzen, wo wir Mehrwerte identifizieren“, sagt Gorny. Der Fokus liege auf einem verbesserten Portfoliomanagement von Geschäftsprozessen und der Digitalisierung. Gemeinsam mit der Adesso AG soll OBS künftig in einer Private Cloud zur Verfügung gestellt werden.

Für stärker retailorientierte Institute zeigt sich die künstliche Intelligenz (KI) als ein wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung. Die Fortschritte, welche die IT-Branche auf dem Gebiet der Erfassung, Verwaltung und Analyse von Daten in Echtzeit erzielt hat, ermöglichen es heutzutage, intelligente Maschinen und Computerprogramme zu entwickeln, die selbstständig lernen können und in der Lage sind, Problemlösungen zu finden, die vorher menschlicher Intelligenz bedurften. Es ist davon auszugehen, dass die Kreditwirtschaft auf die eine oder andere Weise künftig stärker mit KI arbeiten wird, da man sich dadurch eine deutliche Steigerung der Produktivität, Senkung der Kosten und Wettbewerbsvorteile verspricht. Laut Untersuchungen von Statista wird der KI-Umsatz weltweit von 2016 bis 2025 mit einer geschätzten jährlichen Wachstumsrate von rund 57 Prozent auf 36,8 Mrd. US-$ ansteigen. Derzeit stehen autonome Fahrzeuge, Spracherkennung und die Verarbeitung natürlicher Sprache im Fokus. Produkte wie Alexa von Amazon oder Googles Heim-Assistent erfreuen sich aber wachsender Beliebtheit. Zwar dürften diese Großunternehmen ihre führende Stellung auch weiterhin verteidigen, aber es gibt im KI-Bereich auch ein starkes Ökosystem für Start-ups, die sich eines großen Interesses seitens Venture-Kapitalgebern erfreuen.

Die Digitalisierung hat aber auch ihre negativen Seiten, wobei insbesondere Datendiebstahl und Hackerangriffe große Risiken darstellen. Aus diesem Grund halten die Ökonomen der Credit Suisse Cybersicherheit für einen der stabilsten Bereiche im Hinblick auf IT-Ausgaben, zumal die Zahl digitaler Bedrohungen stetig steigt. Des Weiteren könnte die exponentiell zunehmende Flut an Daten, die automatisch gespeichert werden, zu steigenden Kosten führen. Laut dem Veritas Global Databerg Report sind 52 Prozent aller von Unternehmen weltweit gespeicherten und verwalteten Informationen sogenannte Dark Data, deren Geschäftswert bislang noch unbekannt ist. Weitere 33 Prozent, so die Studie, sind als redundant, obsolet oder trivial (ROT) einzustufen. Wenn dieses Problem nicht angegangen wird, könnten sich die Kosten von Unternehmen und Organisationen für die Datenverwaltung bis 2020 auf insgesamt 3,3 Bio. US-$ belaufen. Hier bietet sich eventuell ein wachstumsstarker Geschäftsbereich für Unternehmen, die sich auf die Qualifizierung, Verwaltung und Bereinigung von Datenspeichern als Dienstleistung konzentrieren. Auch für Unternehmen außerhalb des IT-Sektors bietet die Digitalisierung interessante Möglichkeiten.

Die Notwendigkeit, Innovationen voranzutreiben und die betriebliche Effizienz zu steigern, wird langfristige Trends wie Big Data, Internet der Dinge und die virtuelle Welt beflügeln. Die Innovationsfähigkeit hängt jedoch in hohem Maße von der Bereitschaft der Unternehmen ab, verstärkt in die Digitalisierung ihres Geschäfts zu investieren und die Kooperationsbereitschaft zu erhöhen. Das auf Banken fokussierte Consulting- und Softwareunternehmen Targens (vormals Cellent FS) hat sich aus diesem Grund mit ApiOmat zusammengetan, um digital kreative Ideen zu entwickeln, Prototypen schnell und effizient zu testen und neue Geschäftsmodelle zu validieren. Lösungen sollen sich so risikoarm und unmittelbar in das operative Geschäft überführen lassen. ApiOmat und Targens wollen durch das Zusammenführen von Technologie und Kompetenz ein Kernproblem der digitalen Transformation lösen: Bislang scheiterten viele innovative Ideen durch die Entkoppelung von Produkt und Innovation sowie letztendlich an der konkreten Umsetzung. „Wir wollen die Möglichkeit für Banken und Finanzdienstleister schaffen, neue Ideen und Geschäftsmodelle regulatorisch abgesichert auszuprobieren und im Erfolgsfall schnell in die Progression zu überführen“, erklärt Targens-Chef Thomas Wild. Dabei soll die agile Entwicklung innovativer und digitaler Services auf allen Kanälen wie Web, Mobile, Bots und neuen Devices wie Wearables oder Sprachassistenten (z.B. Alexa oder Siri) beschleunigt werden.

 

 

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Artikel veröffentlicht am:
24.05.2017
Quelle(n):
Bildquelle: Fotolia.com/karashaev
Autor/in 
Stefan Hirschmann
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