Welchen Bankenmarkt braucht die deutsche Wirtschaft?
Kapital ist der Treibstoff für das Wachstum der Volkswirtschaft. Der hohe Finanzierungsbedarf der deutschen Wirtschaft macht es umso wichtiger, dass der Bankensektor hinreichend profitabel ist, denn nur das verschafft den Instituten eine Eigenkapitalbasis, die auch unter den neuen regulatorischen Anforderungen eine Ausweitung der Unternehmensfinanzierung erlaubt. Im internationalen Vergleich leidet das deutsche Kreditgewerbe allerdings an einer strukturellen Ertragsschwäche. Daher bedarf es einer Reform und Stärkung des Bankensystems. | Josef Ackermann
Die deutsche Volkswirtschaft ist durch eine bemerkenswerte Asymmetrie gekennzeichnet. Einerseits weist sie eine große Zahl auch mittelständischer Unternehmen auf, die sich nicht nur erfolgreich auf Weltmärkten behaupten, sondern in vielen Fällen sogar Weltmarktführer sind. Andererseits gibt es nur eine global erfolgreiche deutsche Bank. Mehr noch: Nicht nur der deutsche Bankensektor, auch die hiesigen Kapitalmärkte sind trotz einiger Fortschritte in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich unterentwickelt.
Aufgrund der engen Verbindung von Real- und Finanzwirtschaft braucht Deutschland aber nicht nur Unternehmen der Realwirtschaft, sondern auch Banken, die im globalen Wettbewerb mithalten können. Nur starke, international konkurrenzfähige Banken sind in der Lage, die vielfältigen Finanzierungs-, Anlage- und Zahlungsverkehrs-Anforderungen unserer Unternehmen zu erfüllen. Nur solche Banken haben hinreichende Möglichkeiten, Kreditmittel bereitzustellen, nur solche Banken verfügen über die Fähigkeit, alle Produkte in ausreichender Vielfalt und Menge bereitzustellen, und nur solche Banken verfügen über ein verlässliches internationales Netzwerk, das Unternehmen auch in Krisenzeiten aus einer Hand reibungslos mit Leistungen versorgen kann.
Besondere Charakteristika der deutschen Wirtschaft
Die deutsche Volkswirtschaft ist im internationalen Vergleich durch die folgenden Charakteristika geprägt:
- starke internationale Verflechtung,
- diversifizierte Branchenstruktur,
- Dominanz des Medium-Tech-Segments,
- mittelständische Struktur,
- hoher Anteil des Bankkredits an der Finanzierungsstruktur.
Aus diesen Charakteristika erwachsen besondere Anforderungen an das deutsche Bankensystem.
Internationale Verflechtung: Die international stark verflochtene und exportorientierte deutsche Wirtschaft braucht ein Bankensystem, das die Unternehmen finanzwirtschaftlich umfassend und kompetent begleiten kann. Dazu zählen neben der klassischen Außenhandelsfinanzierung die Finanzierung von Investitionsprojekten im Ausland sowie das multinationale Cash Management. Auch das Anlagegeschäft mit dem Ziel einer internationalen Diversifizierung ist für viele Unternehmen zunehmend ein Thema.
Eine starke Präsenz deutscher Banken in den wichtigsten Partnerländern ist daher für die deutsche Wirtschaft unentbehrlich. Zwar wären die oben genannten Bedürfnisse grundsätzlich auch über ein System von Korrespondenzbanken und syndizierte Finanzierungen zu befriedigen. Für die Firmenkunden erweist sich ein Angebot aus einer Hand allerdings als einfacher, sicherer und kostengünstiger: Sie arbeiten mit einem Partner zusammen, der ihre Bedürfnisse und ihren finanziellen Status kennt und der in der Lage ist, autonom die Qualität der Dienstleistung zu garantieren. So war etwa die Deutsche Bank dank ihres weltumspannenden Netzes auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder nach der Insolvenz von Lehman Brothers immer in der Lage, ihren Kunden alle Zahlungsverkehrs-Dienstleistungen weltweit ohne jede Unterbrechung anzubieten.
Eine große Bedeutung haben auch Absicherungsinstrumente für Währungs-, Zins- und Rohstoffpreisrisiken: Ohne die Möglichkeit, Risiken abzusichern, könnten viele Unternehmen ihr internationales Geschäft nur in geringerem Umfang betreiben oder müssten sogar ganz darauf verzichten. Es sind dabei nicht zuletzt die oft gescholtenen Produkte des Investment Banking, wie etwa Derivate, die diese Absicherungsfunktion effektiv erfüllen helfen.
Diversifizierte Branchenstruktur: Anders als viele andere Volkswirtschaften ist die deutsche Volkswirtschaft durch eine große Branchenvielfalt gekennzeichnet. Dies erfordert Banken, die in der Lage sind, diese Vielfalt mit entsprechend vielfältigen Finanzprodukten zu bedienen; es erfordert Banken, die die Fähigkeit haben, mit Blick auf die Risikoabschätzung – und damit das Bepreisen von Krediten – eine differenzierte Analyse der verschiedenen Branchen vorzunehmen.
Die Deutsche Bank zum Beispiel hält dafür Expertenteams bereit, die solche Branchenkenntnisse unter Berücksichtigung geographischer Schwerpunkte bündeln. So gibt es etwa ein Expertenteam für Automobil- und Maschinenbau in Stuttgart, eines für Green Tech in Berlin sowie für Life Sciences in Frankfurt/Main. Diese Teams beobachten nicht nur die wirtschaftliche Situation der Branche, sondern auch die technologische Entwicklung, um fachlich kompetent mit den Kunden sprechen zu können.
Dominanz des Medium-Tech-Segments: Die Stärke der deutschen Wirtschaft liegt weniger im so genannten High-Tech- als im Medium-Tech-Segment. Dabei handelt es sich um technologieintensive, aber etablierte Branchen, in denen in erster Linie inkrementeller technischer Fortschritt realisiert wird. Weniger das Hervorbringen völlig neuer Produkte und Dienstleistungen als die Weiterentwicklung bestehender Technologien und Produkte und die Verfeinerung durch High-Tech-Elemente ist kennzeichnend für diese Branchen.
Typischerweise weisen sie einen stabilen Cashflow und hohen Finanzierungsbedarf für Kapitalgüterinvestitionen auf – eine Struktur, für die sich die Finanzierung durch Bankkredite besonders gut eignet. In den High-Tech-Industrien und generell bei Unternehmensneugründungen sind dagegen eher Venture Capital, Aktienmärkte und andere Formen der Risikokapitalbeteiligung gefragt.
Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob die Struktur des deutschen Bankensystems eine bestimmte Branchenstruktur bewirkt hat oder ob der Kausalzusammenhang in die andere Richtung wirkt. Fest steht, dass Real- und Finanzsphäre im Zeitablauf eine Beziehung zueinander entwickelt haben, die zu stabilen, beiderseitig vorteilhaften Finanzierungsstrukturen geführt hat. Die Erfahrungen aus anderen Ländern deuten aber darauf hin, dass ein Finanzsystem, das ein breiteres Spektrum von Instrumenten bereitstellt und dabei besonders auch das Segment der Risikokapitalfinanzierung umfassend abdeckt, die Dynamik und Innovationsfähigkeit einer Volkswirtschaft befördert. Dieses Marktsegment auszubauen, liegt auch im Interesse Deutschlands.
Mittelständische Struktur: Ein herausragendes Merkmal der deutschen Volkswirtschaft ist ihre mittelständische Struktur – vom Einzelunternehmer bis zum inhabergeführten, weltweit tätigen Industrieunternehmen. Im Vergleich zu einer von Großunternehmen geprägten Volkswirtschaft folgt daraus, dass das Bankensystem in der Lage sein muss, auch Finanzierungspakete von durchschnittlich kleineren Volumina effizient bereitzustellen. Die relativ zum Kreditvolumen höheren Fixkosten einer Kreditwürdigkeitsprüfung müssen in Grenzen gehalten werden. Automatisierte Prozesse auf der Basis von Scoring-Modellen sind hierzu unerlässlich. Große Banken haben hierbei einen Vorteil, denn sie verfügen über eine hinreichend große Zahl an Krediten, um belastbare statistische Modelle aufzusetzen, und über hinreichende Mittel, um die notwendigen Investitionen in Sach- und Humankapital vorzunehmen.
Hoher Anteil des Bankkredits an der Finanzierungsstruktur: Eine Konsequenz der mittelständischen Struktur, aber auch anderer Charakteristika des deutschen Finanzmarkts, ist eine relativ geringe Inanspruchnahme des Kapitalmarkts. Gerade bei den inhabergeführten Unternehmen ist die Sorge vor einem Kontrollverlust nach wie vor ausgeprägt und der Bankkredit die bevorzugte Form des Fremdkapitals. Gemäß Eurostat lag der Anteil der Bankkredite an der Passivseite deutscher Unternehmen Ende 2009 bei 37,5 % – in Frankreich waren es dagegen 24,3 % und in Großbritannien 30,8 % (GRAFIK 1).
Profitables Bankensystem
Die Kreditlastigkeit der deutschen Wirtschaft macht es umso wichtiger, dass der Bankensektor hinreichend profitabel ist, denn nur das verschafft den Banken eine Eigenkapitalbasis, die auch unter den neuen regulatorischen Anforderungen eine Ausweitung der Kreditvolumina erlaubt. Im internationalen Vergleich leidet das deutsche Bankensystem allerdings an einer strukturellen Ertragsschwäche. Dies schränkt die Fähigkeit der Banken ein, Finanzierungs-Mittel für die Wirtschaft bereitzustellen. Hinzu kommt: Bankensystemen, die durch eine strukturelle Ertragsschwäche gekennzeichnet sind, fällt es schwerer, die neuen Eigenkapitalregeln von Basel III zu erfüllen. Dies gilt umso mehr, wenn Bundesregierung und Bundestag nationale Sonderwege gehen und die deutsche Kreditwirtschaft über die international ohnehin vereinbarten regulatorischen Änderungen hinaus weiter belasten.
Als Ergebnis droht daraus eine Schwächung der deutschen Wirtschaft. Oder ausländische Banken werden die Lücke füllen: Letzteres ist in einer offenen Volkswirtschaft zwar nicht grundsätzlich problematisch. Gleichwohl liegt es im Interesse der deutschen Wirtschaft insgesamt, die Ertragsschwäche des deutschen Bankensystems zu überwinden, um die Finanzierung durch die heimische Finanzindustrie sicherzustellen, die den weit überwiegenden Teil des Kreditvolumens bereitstellt.
Die dafür erforderlichen Schritte sind vom IWF in seinen Länderberichten zu Deutschland sowie hierzulande seitens des Sachverständigenrates wiederholt beschrieben worden. Es liegt insoweit kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem vor. Bewegung ist durch die Beihilfeauflagen der Europäischen Kommission in die Sache gekommen. Eine Lösung aus eigenem Antrieb und nicht unter äußerem Druck wäre jedoch vorzuziehen.
Weiterentwicklung der Kapitalmärkte
Parallel zur Reform und Stärkung des Bankensystems müssen die Kapitalmärkte in Deutschland weiterentwickelt werden. Auch künftig werden die Banken als Partner im Kreditgeschäft bereitstehen. Als Folge der veränderten regulatorischen Rahmenbedingungen und der Umstrukturierungen in der hiesigen Bankenlandschaft – insbesondere auch dem Rückgang der Geschäftsvolumina sowie der Zahl der Landesbanken – wird Kredit für deutsche Unternehmen künftig nicht nur teurer, sondern auch knapper werden.
Die Unternehmen in Deutschland haben daher ein Interesse daran, dass sich die Kapitalmarktfinanzierung hierzulande weiter verbreitet. Dazu muss das Desinteresse der Deutschen an der Anlageklasse Aktien ebenso überwunden werden wie die nach wie vor geringe Neigung von Unternehmen, sich der Eigenkapitalaufnahme durch Aktien zu bedienen. Das gleiche gilt für die Fremdfinanzierung über Unternehmensanleihen. Auch dieses Marktsegment ist in Deutschland unterentwickelt. Zwar hat es in den vergangenen drei Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung bei Unternehmensanleihen gegeben. Gleichwohl ist das absolute Marktvolumen noch immer vergleichsweise gering. Nicht nur mittelgroße, sondern auch große Unternehmen nutzen diese Form der Refinanzierung deutlich weniger als ihre ausländischen Wettbewerber. Der Anteil von Anleihen an der Passivseite der Bilanz von Unternehmen in Deutschland lag Ende 2009 nach Eurostat bei gerade einmal 3,3 %. Bei Unternehmen in Frankreich betrug die Quote 5,8 %, in Großbritannien 13 % (GRAFIK 1).
Leistungsstarke heimische Investmentbanken, die die Unternehmen bei der Emission von Aktien und Anleihen begleiten können, sind daher im Interesse der deutschen Wirtschaft. Dies gilt sowohl für die Expertise bei der Emission verschiedener Kapitalinstrumente als auch mit Blick auf die Platzierungskraft der Banken. Längst ist der potenzielle Anlegerkreis für deutsche Schuldtitel über die Grenzen des Landes hinaus gewachsen. Die Platzierungskraft einer global agierenden Bank kann Unternehmen somit helfen, ihre Finanzierungskosten zu senken.
Fazit
Die deutsche Wirtschaft ist durch bestimmte Charakteristika geprägt, die im Bankensektor entsprechende Fähigkeiten und Strukturen erfordern. Bisher ist das deutsche Bankensystem den Bedürfnissen der deutschen Wirtschaft gerecht geworden. Um dies auch in Zukunft zu gewährleisten, bedarf es in einem von neuen regulatorischen Rahmenbedingungen und größerem Wettbewerb gekennzeichneten Umfeld einer Strukturreform des Bankensektors, die zu einer nachhaltigen Steigerung der Profitabilität führt. Nur so können die Banken auch in Zukunft die erforderlichen Finanzierungsmittel für die deutschen Unternehmen bereitstellen. Parallel dazu müssen die Kapitalmärkte in Deutschland weiter konsequent gestärkt werden; zum einen durch die Bereitschaft der Unternehmen, sich mehr der Kapitalmarktinstrumente zu bedienen, zum anderen durch einen Ausbau der Aktienkultur, um die Nachfrage insbesondere nach Eigenkapitalinstrumenten zu erhöhen.

