Artikelaktionen
Wirtschaftsgeschichte

Schwarzer Freitag

Die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten verhalfen einem Begriff zur Renaissance, der ein Synonym für Börsen-Crashs geworden ist: dem Schwarzen Freitag. Der historische Hintergrund dieser Wortschöpfung wird indessen häufig falsch interpretiert. | Eckhardt Wanner

„Im Oktober 1929 fand das größte Ungewitter statt, das je die kapitalistische Ordnung erfasste. In einer knappen Woche brach das Börsen- und Bankengefüge des reichen Amerika zusammen und zog die Welt in eine Katastrophe … Obwohl nur ein Tag in dieser Woche ein Freitag war, wurde der Schwarze Freitag zum Symbol des großen Krachs.“

Mit diesen Sätzen leitete ein Hamburger Montagsmagazin 1979 eine Serie über die Weltwirtschaftskrise 1929/32 ein. Der Begriff „Schwarzer Freitag“ soll belegen, dass Wirtschaftskrisen vornehmlich an Freitagen ausbrechen. Entspricht dies dem historischen Befund? Welches Ereignis hat diesen Ausdruck geprägt? Der 29. Oktober 1929, der Tag, an dem die New Yorker Börse zusammenbrach, war ein Dienstag. Auf Deutschland griff die Krise am 13. Juli 1931 über, als der Zusammenbruch des Bremer Nordwolle- Konzerns die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) zur Zahlungseinstellung zwang. Dieser 13. Juli war ein Montag, genauso wie der 13. Oktober 1987, als der große Crash rund um den Globus fegte.

Jay Gould 1836–1892Aber bereits 1929 war der Schwarze Freitag ein feststehender Begriff. Die meisten Historiker verbinden mit dem Schwarzen Freitag den 9. Mai 1873. An diesem Freitag fallierte die Wiener Börse. Dieser Crash gilt als der Beginn des Gründerkrachs. Er traf den Bankenplatz Wien unvorbereitet. War doch gerade die Weltausstellung mit großen Erwartungen am 1. Mai vom Kaiser feierlich eröffnet worden.

Als im April 1874 – die Krise war auf ihrem Höhepunkt – die Uraufführung der Operette „Die Fledermaus“ über die Bühne ging und Johann Strauss seine Landsleute mit dem Lied „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ gewissermaßen trösten wollte, hörte für die Wiener die Gemütlichkeit auf. Sie ließen „Die Fledermaus“ durchfallen. Am 9. Oktober 1873 – einem Donnerstag – sprang die Krise mit dem Zusammenbruch der Vereinsbank Quistorp auf die Berliner Börse über. Aber auch die Ereignisse vom 9. Mai bzw. 9. Oktober 1873 haben den Begriff „Schwarzer Freitag“ nicht geprägt.

Der 23. September 1869
Er geht auf das Jahr 1869 und eine Börsenspekulation an der New Yorker Börse zurück. In seinem Buch „Geschichte der Handelskrisen“ (aus dem Jahre 1874 auf den Seiten 425 ff.) beschreibt Max Wirth diese Spekulation des berüchtigten Jay Gould. Zur Finanzierung des Bürgerkrieges hatte die US-Regierung den Papiergeldumlauf durch Ausgabe der wegen ihrer grünen Rückseite so genannten „Greenbacks“ stark vermehrt und nach Ende des Krieges das Geldvolumen nicht zurückgeführt. Die Folge war, dass Goldmünzen gegenüber Papiergeld ein Agio von etwa 15 % aufwiesen.

Im September 1869 gab Gould die Order aus, Goldmünzen zu jedem Preis zu kaufen. Innerhalb weniger Tage stieg das Agio auf 65 %. Während er seinen Agenten noch Kauforder erteilte, verkaufte Gould heimlich am 23. September 1869 seine gesamten Goldbestände zum Höchstpreis, düpierte seine eigenen Mitstreiter und stürzte die Börse in New York in eine tiefe Krise. Dieser 23. September 1869 war ein Freitag. Wirth schreibt abschließend: „Er (Gould) war der Urheber des so genannten Black Friday…“. Der Schock über dieses Manöver war so groß, dass sich der Name „Schwarzer Freitag“ als Synonym für Börsenzusammenbrüche bis heute erhalten hat.
 

Prof. Dr. Eckhardt Wanner war langjähriger Vorsitzender des Ersten Deutschen Historie- Actien-Clubs.

 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 10/2009
Finanzmarkt Trends
Unternehmen müssten nur wollen
»
Mittelstand hat Börsenpotenzial
Benchmark misst Gewinn statt Zins
»
Neuer islamischer Interbankensatz
DVFA-Vorschlag zur Wertermittlung
»
Abfindungen bei Squeeze-outs
Wichtige Zielgruppen für IR-Arbeit
»
SW- und EM Fonds
Anzeige
Stichwort
  • » Finanztransaktionssteuer – die möglichen Auswirkungen : Sollen Finanztransaktionen künftig besteuert werden? Diese Frage wird derzeit nicht nur in Deutschland von der Politik diskutiert. Eine Finanztransaktionssteuer funktioniere nur, wenn sie international vorgeschrieben sei, nicht ausschließlich in Deutschland - das ist das bekannteste Gegenargument, aber nicht das einzige.
Buchtipp (FM)
  • » Kapitalmarktrechts-Kommentar: Nunmehr in der 4. Auflage ist der ehemals von Schwark als Börsengesetz-Kommentar begonnene Kapitalmarktrechts-Kommentar von Schwark/Zimmer erschienen.

 

Top100
Facts + Figures