Reich der Maxime
Im Reich der Mitte läuft die Wirtschaft auf Hochtouren, mit extrem hohen Zuwachsraten. Die Volksrepublik verfügt bereits über Devisenreserven in Höhe von mehr als 3 Bio US-$. Laut einer aktuellen HSBC-Studie wird China die USA im Jahr 2050 als größte Volkswirtschaft der Welt abgelöst haben. Ein Grund: Die Kauflust des 1,3-Milliarden-Volkes wächst immens. Für Anleger bietet der Aufschwung vielseitige Investitionsmöglichkeiten. | Christian Heger
Im Reich der Mitte läuft die Wirtschaft auf Hochtouren, mit extrem hohen Zuwachsraten. Die Volksrepublik verfügt bereits über Devisenreserven in Höhe von mehr als 3 Bio US-$. Laut einer aktuellen HSBC-Studie wird China die USA im Jahr 2050 als größte Volkswirtschaft der Welt abgelöst haben. Ein Grund: Die Kauflust des 1,3-Milliarden-Volkes wächst immens. Für Anleger bietet der Aufschwung vielseitige Investitionsmöglichkeiten.
Incredible China – so könnte das Werbefernsehen China anpreisen: Das mit rund 1,3 Mrd Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Erde beeindruckt seit Jahren mit immer neuen Maximen: 2009 hat China den langjährigen Exportweltmeister Deutschland auf den zweiten Platz verwiesen und Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft überholt. 2010 betrug das Wirtschaftswachstum 10,3 %. Für 2011 rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit immer noch beeindruckenden 9,6 % Wachstum. Während Deutschland einen Schuldenberg von rund 2 Bio € angehäuft hat, hortet China dieselbe Summe in Plus. In US-Dollar umgerechnet hält China also über 3 Bio an Währungsreserven (Quelle: People’s Bank of China). Der Bestand hat binnen eines Jahres um fast 25 % zugenommen, teilte die chinesische Zentralbank im April 2011 mit. Tendenz: weiter steigend.
China übernimmt auch politisch mehr und mehr Verantwortung. Eine immer weiter fortschreitende Professionalisierung in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Forschung trägt dazu bei, die enormen Potenziale des riesigen Landes besser zu nutzen. Der materielle Erfolg spiegelt sich im zunehmenden Selbstbewusstsein des „Drachen“ wider. Während der internationale Einfluss des Landes zunimmt, emanzipiert sich im Inneren eine wachsende Mittelklasse, deren Ansprüche mit zunehmender Autonomie stetig ansteigen.
Luxusgüter, Infrastruktur und Gesundheitssektor boomen
Seit Ende der 1970er Jahre setzt die Volksrepublik China auf zunehmende internationale Wirtschaftsverflechtung und erzielt damit seine beeindruckenden wirtschaftlichen Wachstumsraten. Einer Studie zufolge (vgl. HSBC Research: „Die Welt im Jahr 2050“, Februar 2011) wird die Weltwirtschaft durch das rasante Wachstum einen Wandel mit seismischen Ausmaßen erleben. In der Studie ordnet HSBC die 30 größten Volkswirtschaften nach Größe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2050. Demnach werden sich die Volkswirtschaften, die heute noch als „emerging“ bzw. „aufstrebend“ bezeichnet werden, in ihrer gesamten Wirtschaftsleistung verfünffacht haben – und damit bedeutender sein als die „entwickelte“ Welt. China wird an erster Stelle stehen und die USA auf den zweiten Platz verwiesen haben. Schon jetzt prognostizieren Experten: In fünf Jahren wird es für den Erfolg einer Marke entscheidend sein, wie gut sie in China ankommt. Denn in der Volksrepublik leben 477.000 Millionäre und 128 Milliardäre, die gerne in Luxusgüter investieren. Der Bedarf an Statussymbolen scheint in China noch größer als in der alten Welt. So erfreuen sich Modeunternehmen wie Hugo Boss oder Louis Vuitton und Automobilhersteller wie Daimler oder BMW hoher Absatzzahlen.
Neben dem Konsum wächst auch der Gesundheitssektor stark. Im Jahr 2020 werde das Land den weltgrößten Markt für nicht-verschreibungspflichtige Medikamente bilden, schreibt die Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte im November 2010 in einem Report zur Gesundheitsbranche in China. Der Bedarf der Chinesen an medizinischen Leistungen steigt rasant an. So lagen die Gesundheitsausgaben des Landes 2009 dem Report zufolge bei 1,6 Bio Yuan. Allein die Tatsache, dass die Bevölkerung 2025 voraussichtlich etwa 266 Mio Rentner umfassen wird, dürfte ein starkes Argument für den weiteren Ausbau des Gesundheitssektors sein. Der chinesische Markt für Pharmazeutika werde den Deloitte-Experten zufolge über kurz oder lang der größte der Welt sein. Derzeit liegt das Land auf Platz sieben. In zehn Jahren sollte es hinter den USA bereits den zweiten Platz einnehmen, so die Ergebnisse des Reports.
Infrastruktur ist Basis für Wachstum
Als Basis für weiteres Wachstum ist der Ausbau der Infrastruktur längst in vollem Gange. Mit Milliardeninvestitionen versucht die Regierung, das Wachstum auch in den Provinzen im Landesinneren zu fördern. Damit möchte China seine Wettbewerbsfähigkeit als Massenhersteller behaupten. So plant die Regierung in den kommenden fünf Jahren den Bau von 86 neuen Flughäfen. Damit würde sich die Zahl der Flughäfen in China auf 252 erhöhen.
Zum Vergleich: Die Liste der Verkehrsflughäfen in Deutschland enthält 39 Flughäfen, die derzeit von der zuständigen Landesluftfahrtbehörde als Flughafen nach LuftVZO in Verbindung mit § 12 Luftverkehrsgesetz (LuftVG) klassifiziert sind. Dies sind zum einen Verkehrsflughäfen, die der kommerziellen und der allgemeinen Luftfahrt dienen, zum anderen Sonderflughäfen.
Den größten Beitrag des Bruttoinlandsprodukts liefern aktuell die Exporte. Es gibt kaum ein Spielzeug, Kleidungsstück oder Autoradio aus dem günstigen Preissegment, das heutzutage nicht aus China stammt. China ist seit 2009 Exportweltmeister. Aufgrund der sehr geringen Löhne war die Volksrepublik in den vergangenen Jahren stets in der Lage, Massenware zu unschlagbar günstigen Preisen zu produzieren. Doch auch wenn die Löhne und Gehälter chinesischer Arbeitnehmer im internationalen Vergleich nach wie vor niedrig sind, steigen sie kontinuierlich. Allein in den fünf Jahren zwischen 2004 und 2009 hat sich das durchschnittliche Einkommen verdoppelt. Zum Vergleich: In Deutschland sind die Löhne von 2004 bis 2009 um gerade einmal 10 % gestiegen.
Binnenkonsum wird gestärkt
Der bereits blühende Binnenkonsum soll als Wachstumstreiber noch stärker ausgebaut werden. Auf der Sitzung des Nationalen Volkskongresses hat die chinesische Regierung im Frühjahr ihren zwölften Fünf-Jahres-Plan verkündet. Ein wichtiger Punkt: Es sollen 9 Mio neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Damit investiert die Regierung in den Binnenkonsum, um die Abhängigkeit vom Export zu verringern. Noch macht der chinesische Konsum nur 37 % des BIP aus. In Deutschland sind dies 59 %, in den USA 71 %. Das birgt nicht nur Potenzial für einheimische Unternehmen, sondern auch für internationale Großkonzerne.
Der Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen wird der Lohnanstieg aber kaum schaden, denn die Produktivität steigt seit 20 Jahren beständig schneller als die Löhne. Wenn die Unternehmen auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften ihre Produktion auslagern möchten, werden die meisten ins Landesinnere ziehen. Denn während Arbeitgeber in Metropolen wie Schanghai und Peking ihren Beschäftigten umgerechnet knapp 7.300 € bzw. 6.650 € jährlich zahlen, können in vielen Provinzen durchschnittlich ausgebildete Arbeitskräfte schon für weniger als die Hälfte des Lohns beschäftigt werden. Da die dortige Infrastruktur dank der hohen Investitionen der chinesischen Regierung heute wesentlich besser ausgebaut ist, sinken Transportkosten und Transportdauer zudem extrem.
Bausektor und Banken weiterhin attraktiv
Die Sparrate ist in China sehr hoch. Ende 2008 lag sie bei rund 35 %. Ein Grund für die Sparsamkeit der Chinesen ist die fehlende soziale Absicherung. Sie legen ihr Geld vor allem für Wohnen und Krankheitskosten zurück. Ziel der Regierung ist es, die Sparrate zu senken und das Vertrauen der Bürger zu erhöhen, damit sie mehr Geld ausgeben. Dazu will die Regierung laut dem Fünf-Jahres-Plan in den nächsten Jahren 36 Mio kostengünstige Wohnungen bauen.
Für Investoren sind damit Bauunternehmen interessant, die im kostengünstigen Wohnungsbau in China aktiv sind und vom geförderten Wohnungsbau profitieren. Vor allem der Zementsektor wird zu den Gewinnern gehören. Hier schlägt auch positiv zu Buche, dass das Zementangebot begrenzt ist, da die Regierung im November 2009 eine Ausweitung der Kapazitäten untersagt hat. Als Folge wird es dieses Jahr keinen zusätzlichen Zement geben – 2012 könnte das Angebot sogar sinken.
Ein anderer Bereich, um den sich die Regierung in Zukunft verstärkt kümmern will, ist der Energieverbrauch. Für die vergangenen Jahre hatte die Regierung geplant, den Kohlendioxidausstoß um 20 % zu reduzieren. In den nächsten fünf Jahren soll dieser um 17 % sinken. Das neue Ziel liegt zwar unter den anfänglichen Markterwartungen. Aber Sektoren aus dem Bereich der alternativen Energien – wie etwa Solar – werden weiterhin von diesem Trend profitieren. Solarenergie macht zurzeit 1,1 % des chinesischen Energieverbrauchs aus. Der Anteil wird sich in einem Jahr verfünffacht haben. China will sich insgesamt bemühen, erneuerbare Energien weiter zu unterstützen und zu subventionieren, um deren Entwicklung voranzutreiben.
Auch der Bankensektor bietet nach wie vor beachtliches Potenzial. Der Sektor ist – bezogen auf das Kurs-Buchwert-Verhältnis – bei einer nachhaltigen Eigenkapitalrendite von 15 bis 17 % sehr günstig bewertet. Die Maßnahmen der Regierung zur Kontrolle der Kreditvergabe haben die Verhandlungsmacht der Banken gesteigert. Früher haben Banken Geld unter dem Referenzzinssatz verliehen. Nach den Straffungsmaßnahmen wird ein höherer Anteil der Kredite zu Zinsen über dem Referenzsatz vergeben. Dadurch sind die Gewinnmargen gestiegen.
Außerdem ist die zusätzlich erforderliche Risikovorsorge für notleidende Kredite an Kommunalregierungen viel geringer ausgefallen als anfangs erwartet. Im Juni 2010 hatte die Bankenaufsicht die Finanzinstitute aufgefordert, zusätzliche Rückstellungen für solche Kredite zu bilden. Investoren fürchteten daraufhin, dass sich die höhere Risikovorsorge negativ auf die Erträge der Banken auswirkt. Rund 13 bis 14 % der ausstehenden Kredite chinesischer Banken sind an Kommunalregierungen vergeben. Nach der Überprüfung der Kredite rechnen Banken jetzt damit, dass sie nur für 5 bis 10 % dieser Kredite eine zusätzliche Vorsorge treffen müssen. Zudem können sie die Rückstellungen über mehrere Jahre verteilen und so die Auswirkung auf ihr Ertragswachstum im Jahr 2011 reduzieren.
Geldpolitischer Kurs ist bedeutend
Ein Problem bleibt indes die Inflation. Global betrachtet könnte China seinen geldpolitischen Kurs entschärfen, wenn das Wachstum in den wichtigsten Industrienationen durch den steigenden Ölpreis sinkt. So würde sich zum Beispiel ein höherer Ölpreis auf das US-amerikanische Wachstum auswirken und die Nachfrage von dort senken. Ökonomische Modelle zeigen, dass ein Ölpreisanstieg um 10 % das US-Wirtschaftswachstum um rund 0,2 % senken würde. Denn: Amerikaner geben rund 5 % ihres verfügbaren Einkommens für Energie aus.
Als interner chinesischer Faktor spricht der nachlassende Inflationsdruck für eine gelockerte Geldpolitik. Das Wachstum der Geldmenge sinkt, und auch der Anstieg der Nahrungsmittelpreise lässt nach. China versorgt sich zu 95 % selbst mit landwirtschaftlichen Produkten und ist daher in diesem Bereich nicht so stark auf Importe angewiesen. Der Großteil der straffenden Maßnahmen hat am Anfang des Zyklus stattgefunden. Es könnten noch ein oder zwei weitere Zinssteigerungen hinzukommen. Die Inflation hat im zweiten Quartal bei rund 6 % wohl ihren Höhepunkt erreicht.
Die Zentralbank wird weitere Erhöhungen des Mindestreservesatzes nicht nur dazu nutzen, die Liquidität im Bankensektor zu kontrollieren. Sie dienen auch dazu, den Zufluss ausländischen Kapitals aufzufangen und die Liquidität aus fälligen Anleihen der chinesischen Zentralbank zu absorbieren. Wenn der Markt tatsächlich die Intentionen der Zentralbank versteht, die hinter den Erhöhungen des Mindestreservesatzes stehen, sollten die Marktteilnehmer diese Schritte nicht negativ beurteilen.
Es gilt nach wie vor und erst recht für die Zukunft: Kaum ein Land wächst so rasant wie China. Im Vergleich zu westlichen Industrieländern, deren Wirtschaft jährlich nur um circa 2 % wächst, sind die Wachstumsraten Chinas beeindruckend. Auch Investoren können über verschiedene Anlagevehikel an dem Höhenflug des „Drachen“ teilhaben. Einfach ist beispielsweise die Investition über Investmentfonds. Denn hier wird gleichzeitig eine gewisse Diversifikation über die verschiedenen Sektoren sichergestellt. So können Anleger an den vielseitigen Chancen des Reichs der Maxime teilhaben.

