Nachhaltige Investments: Instrument der Risikosteuerung
Nachhaltige Investments gehören zunehmend zum Spektrum in der Kapitalanlage von Banken. So verzeichneten gerade Kreditinstitute im vergangenen Jahr den höchsten Zuwachs an derartigen Anlageformen im Vermögensbestand. Viele Institute versprechen sich davon eine Optimierung ihres Risikomanagements. Sie setzen damit auf einen Ansatz in der Risikosteuerung, der immer wichtiger wird. | Alexander Schindler, Michael Schmidt
In den vergangenen Monaten starteten die deutschen Banken eine Aufholjagd in Sachen nachhaltiger Investments. Von 2009 auf 2010 erhöhte sich der Anteil entsprechender Anlagen in deren Vermögensverwaltung um 192 %. 3,5 % des Investmentvermögens sind heute nachhaltig investiert. Und in den kommenden fünf Jahren soll dieser Anteil weiter wachsen. Ablesen lässt sich diese Entwicklung an den Daten einer Untersuchung, zu der Union Investment in Zusammenarbeit mit der Schleus Marktforschung Hannover im Mai dieses Jahres 242 institutionelle Anleger befragte. 90 % der befragten Banken nutzen danach Nachhaltigkeitskriterien bei ihrer Anlageentscheidung. Damit liegen die Kreditinstitute deutlich über dem Gesamtdurchschnitt (68 % Nutzungsquote) aller institutionellen Investoren, zu denen – neben den Banken – zum Beispiel auch Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen und Großunternehmen zählen (GRAFIK 1).
Ökonomische Dimension rückt ins Blickfeld
Auffällig ist, dass eine zunehmende Zahl an Investoren nachhaltige Investments nicht mehr nur mit sozialen, ethischen oder ökologischen Kriterien in Verbindung bringt, sondern verstärkt auch deren ökonomische Dimension berücksichtigt. Gab in der vorjährigen Befragung mit 48 % nicht einmal die Hälfte der Befragten an, ökonomische Kriterien mit dem Thema Nachhaltigkeit zu verknüpfen, so lag der Anteil in der aktuellen Studie schon bei 66 %. Dieser kräftige Zuwachs lässt darauf schließen, dass eine wirtschaftliche Bewertung nachhaltiger Investments für viele institutionelle Vermögensmanager einen höheren Stellenwert erhalten hat.
In erster Linie ist damit aber nicht eine bessere Renditeerwartung verbunden, wie ein Blick auf die abgefragten Hauptmotive zu nachhaltigen Investments zeigt (GRAFIK 2). Dies gilt in besonderer Weise für die Vermögensmanager der Banken. Weniger als ein Drittel von ihnen entscheidet sich für nachhaltige Anlageprodukte, weil sie sich davon unmittelbar eine verbesserte Performance erhoffen. Ökonomische Vorteile erkennen sie vielmehr in einer Optimierung des Risikomanagements durch den Einsatz nachhaltiger Anlagekonzepte. Immerhin 84 % der befragten Bankmanager gaben dieses Motiv als Hauptgrund für ein Engagement in nachhaltige Investments an. Auch bei den übrigen Investorengruppen steht die Verbesserung des Risikomanagements als Beweggrund hoch im Kurs. Versicherungen, Stiftungen und Pensionskassen sehen darin die wichtigste Triebfeder für die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskonzepten.
Erweiterung der Risikosteuerung
Die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien im Risikomanagement stellt eine wichtige Ergänzung der Risikosteuerung von Kapitalanlagen dar. Den überwiegend quantitativ ausgerichteten Modellen wird so ein qualitativ geprägter Ansatz gegenübergestellt. Zwar bleibt die traditionelle, fundamentale und an Finanzkennziffern ausgerichtete Analyse weiterhin im Zentrum des Risikomanagements. Sie wird jedoch zunehmend flankiert von nachhaltigen Investmentüberlegungen, die vor allem der langfristigen Bewertung von Investments zugutekommen.
Ein Investment wird hierbei multidimensional beurteilt. In die Bewertung des zu Grunde liegenden Unternehmens fließen nicht nur kurzfristig ausgerichtete ökonomische Kennziffern ein, sondern alle seine internen und externen Beziehungen – vom Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten über das Umweltverhalten bis hin zur Interaktion mit den Kapitalgebern. Nur so können das komplexe und vielschichtige Handlungsumfeld von Unternehmen in die Risikoanalyse mit einbezogen und harte Zahlen mit weichen Faktoren zu einer umfassenden Gesamtrisikosicht verknüpft werden. Schon heute ist zu erkennen, dass sich die globalisierte, moderne Investmentwelt allein mit den klassischen Modellen der Risikoanalyse nicht mehr verlässlich erfassen lässt. Eine vernetzte, um Aspekte der Nachhaltigkeit erweiterte Risikoanalyse kann hier einen größeren Nutzen stiften.
Gefahren des Geschäftsmodells bewerten
Worin dieser Nutzen konkret besteht, lässt sich an folgendem Beispiel gut erläutern: Zwar können schlechte Arbeitsund Umweltschutzbedingungen sowie der Einsatz von Kinderarbeit in Schwellenländern im ersten Schritt zur Reduktion der Produktionskosten führen und sich somit positiv auf die Profitabilität eines Unternehmens auswirken. Vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, erscheint dies vordergründig sinnvoll. Im zweiten Schritt führt eine solche aus ethischen und ökologischen Gesichtspunkten bedenkliche Unternehmenspraxis bei Bekanntwerden jedoch nicht selten zu Konsumentenboykotts oder zu rechtlichen Konsequenzen. Unter Umständen können daraus sogar Strafzahlungen resultieren. Diese wiederum können zu deutlich negativen Aktienkursreaktionen führen und sind durch eine klassische Fundamentalanalyse kaum aufzuzeigen.
Der amerikanische Bekleidungseinzelhändler
GAP und der Spielzeughersteller Mattel hatten mit diesen Problemen gerade in der jüngeren Vergangenheit zu kämpfen. Mattel musste rund 18 Mio Spielzeuge wegen der Verwendung gesundheitsschädigender Materialien zurückrufen. Der Umsatz- und Gewinneinbruch ist dabei eine Sache, der langfristige, schwerwiegende Imageschaden eine andere. Beides ist nicht wünschenswert, weder für das Unternehmen, noch für den Investor. Kern einer langfristigen Investmentstrategie sollten daher auch nachhaltige Überlegungen zum Geschäftsmodell sein. Denn nur, wenn ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet, sich mithin umwelt- und sozialverträglich verhält und die Stakeholder des Unternehmens respektiert, bleibt das Geschäftsmodell langfristig tragfähig.
Extremrisiken besser erkennen
Die Berücksichtigung extremer Risiken mit niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit gilt als eine der zentralen Schwachpunkte der auf Erwartungswerten und Varianzen beruhenden finanzmathematischen Risikomodelle. Diese auch als schwarze Schwäne bezeichneten Extremereignisse traten in der Vergangenheit deutlich häufiger auf als von den Modellen vorhergesagt. Natürlich lassen sich auch Extremrisiken durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsanalysen nicht prognostizieren. Durch die nachhaltige Betrachtungsweise eines Investments kann jedoch der Blick für solche Gefahren geschärft und das entsprechende Gefährdungspotenzial in die Risikobewertung einbezogen werden. Dies kann je nach Präferenzen des Investors dazu führen, das Investment nicht oder wegen des ungünstigen Risiko-Rendite-Profils nur in geringem Ausmaß zu tätigen.
Wie wichtig eine solche Betrachtung sein kann, zeigt der tiefe Absturz von BP infolge der vom Unternehmen im Golf von Mexiko verursachten Umweltkatastrophe. Innerhalb weniger Wochen brach der Börsenwert um fast die Hälfte ein. Die Anleger verloren 65 Mrd €.
Umsetzung nachhaltiger Kriterien in die Investmentpraxis
Die Frage, welche Folgen die aus nachhaltiger Sicht gewonnenen Erkenntnisse für das tatsächliche Investitionsverhalten haben, stellt eine grundsätzliche Herausforderung für die Anleger dar. In der Investmentpraxis existieren hierzu verschiedene Vorgehensweisen, die in unterschiedlicher Intensität angewandt werden (GRAFIK 3). Banken präferieren offensichtlich das Ausschlussverfahren. Dabei werden Werte, die bestimmten Kriterien der Nachhaltigkeit nicht entsprechen, aus dem Investmentuniversum gestrichen.
An zweiter Stelle rangiert das so genannte Negativ-Screening. Unternehmen, Branchen oder Länder werden dahingehend überprüft, ob sie Kriterien erfüllen, die eine negative Wirkung auf ihre Nachhaltigkeitsperformance haben. Im Rahmen des Negativ-Screening führen Negativkriterien nicht zum direkten Ausschluss aus dem Anlageuniversum, wirken sich allerdings negativ auf das Ratingurteil aus. Über die Aufnahme in das Anlageuniversum kann der Anleger anschließend entsprechend seiner Präferenzen entscheiden. Immerhin die Hälfte der Bankmanager wendet auch das Best-in- Class-Verfahren an, bei dem aus verschiedenen Branchen jeweils die nachhaltigsten Unternehmen ausgewählt werden.
Welches der Verfahren am besten geeignet ist, lässt sich grundsätzlich nicht bestimmen. Für eine kirchliche Stiftung mit hohem Interesse an einem lupenreinen nachhaltigen Portfolio kann das Ausschlussverfahren der richtige Weg sein. Das muss jedoch nicht automatisch für andere Investoren wie beispielsweise die Banken gelten.
Eine Fokussierung auf den Ansatz, nicht nachhaltige Werte konsequent auszuschließen, würde bei strenger Auslegung deren Investmentuniversum erheblich beschränken und die angestrebten Ertrags- und Risikoziele in Frage stellen.
Denn verstößt ein chancenreiches oder Portfolio-stabilisierendes Unternehmen auch nur in geringem Maße gegen Nachhaltigkeitskriterien, müsste es streng genommen komplett aus der Investmentliste gestrichen werden.
Eine Alternative zu dieser eher puristischen Vorgehensweise bietet der Best-in-Class-Ansatz. Der Investor akzeptiert in diesem Fall die offensichtliche Tatsache, dass ein zu 100 % nachhaltiges Portfolio nicht realistisch und zielführend ist. Er entscheidet sich daher für die aus Nachhaltigkeitssicht „Klassenbesten“ einer Branche und konzentriert sich so auf ein ausgewogenes, breit diversifiziertes Risikoprofil seiner nachhaltigen Anlage.
Ein zweiter Vorteil liegt in der Tatsache, dass der Investor durch seine finanzielle Beteiligung an den im Portfolio gehaltenen Unternehmen Einfluss auf deren weitere Entwicklung nehmen kann. Die praktische Erfahrung zeigt, dass ein mit Stimmrechten unterlegter Dialog mit den Unternehmen die Möglichkeiten einer positiven Einflussnahme verstärken kann. Hierzu gehören neben regelmäßigen Gesprächen mit Unternehmensvertretern, eine transparente und nachvollziehbare Abstimmungspolitik sowie in besonderen Fällen auch die persönliche Präsenz mit Redebeiträgen auf den Hauptversammlungen. Ein solcher dynamischer Best-in- Class-Ansatz erlaubt es damit, auch auf jene Unternehmen aktiv Einfluss zu nehmen, die bereits auf einem guten Weg sind, sich nachhaltiger aufzustellen und diesen Prozess zu beschleunigen.
Wenngleich der ethische Aspekt im Zusammenhang mit nachhaltigen Vermögensanlagen positiv zu bewerten ist, so spielt diese Facette nicht unbedingt die ausschlaggebende Rolle. Im Vordergrund stehen mehrheitlich das verbesserte Risikomanagement und die umfassendere Perspektive auf die eingegangenen Beteiligungen. Denn Investoren ist es zunehmend wichtig, genauer zu verstehen, worin die Risiken liegen, um versteckte „Haken und Ösen“ bereits im Vorfeld aufzudecken. Hierzu tragen auch die Erfahrungen der vergangenen Jahre bei, die allen Entscheidern eindringlich vor Augen geführt haben, dass nicht alles Gold ist, was oberflächlich glänzt. Die Bereitschaft, tief in die Materie einzutauchen, ist gestiegen, und nachhaltige Vermögensanlage ist ein weiterer Baustein, um den Blick auf die Kapitalmärkte zu verfeinern.

