Kommt der Mittelstand jetzt an die Börse?
Es gab immer wieder erfolglose Versuche, den Mittelstand an die Börse zu holen. Selbst die Welle der Börsengänge um die Jahrtausendwende ist am klassischen deutschen Mittelstand vorbeigegangen. Nur die wenigsten Unternehmen schienen bereit zu sein, ihre Zahlen offenzulegen und unternehmerische Mitsprache durch Aktionäre bzw. Investoren zu akzeptieren. Nun bietet sich jedoch eine interessante Variante: So will beispielsweise die Börse Düsseldorf mit dem neuen „Mittelstandsmarkt“ die Unternehmensfinanzierung per Anleihen erleichtern. | Dirk Elberskirch
Die Kapitalmarktabstinenz des deutschen Mittelstands ist vielleicht auch damit zu begründen, dass der Druck bisher nie groß genug war. Schließlich gab es für gute Unternehmen immer ausreichend Finanzierungsmöglichkeiten in Form klassischer Kredite, Schuldscheindarlehen, Leasing oder Factoring. Ein Börsengang mit der Aufnahme von Eigenkapital war insofern nicht unbedingt nötig.
Doch nunmehr tritt die Finanzierung mittelständischer Unternehmen über die Börse aus ihrem Schattendasein heraus. Die Nachwirkungen der Finanzkrise begünstigen einen veränderten Finanzierungsmix, bei dem Anleihen ein größeres Gewicht erhalten. Denn es besteht die Gefahr, dass den Banken und Sparkassen das Kreditgeschäft durch immer neue regulatorische Anforderungen – Stichwort „Basel III“ – spürbar erschwert wird.
Kapitalmarkt bietet attraktive Konditionen
Erkennbar ist, dass zunehmend Mittelständler nach Alternativen Ausschau halten, um Finanzierungsengpässen frühzeitig entgegenzuwirken. Sie entdecken dabei den öffentlichen Kapitalmarkt als Quelle zur Aufnahme von Fremdkapital für sich. Dieser präsentiert sich derzeit mit einem niedrigen Zinsniveau und einer großen anlagesuchenden Liquidität. Eindeutiges Indiz hierfür sind die seit etwa einem Jahr zu beobachtenden Unternehmensanleihen mittelständischer Unternehmen, die auf große Nachfrage gerade auch bei privaten Anlegern treffen. Viele Marktbeobachter gehen davon aus, dass diese Entwicklung erst am Anfang steht und zunehmend auch institutionelle Investoren anzieht.
Die Vorteile für die Unternehmen liegen auf der Hand: Eine Anleihe ist vergleichsweise einfach zu begeben, sie lässt dem Unternehmen neutrales, das heißt nicht an weitere Vorgaben gebundenes Kapital zufließen. Gleich, ob AG, GmbH oder KG, aus jeder Rechtsform heraus ist eine Anleiheemission möglich.
Zudem ist die Abwicklung und Platzierung einer Anleihe unkompliziert zu bewerkstelligen. Unterschiedliche Partner bieten alle notwendigen Services und Unterstützungen: Neben Banken stehen heute auch Börsen, Maklergesellschaften und Wertpapierhandelshäuser hierfür zur Verfügung und bieten attraktive Konditionen, die gepaart mit dem niedrigen Zinsniveau eine Anleiheemission wirtschaftlich interessant machen.
Börsen verfügen zum Beispiel mit dem Börsensystem Xontro über einen marktbreiten Zugang zu allen Bankkunden und machen die Zeichnung einer neuen Anleihe für Kunden so einfach wie den Kauf einer Aktie. Durch die Bildung von Marktsegmenten entsteht eine große Aufmerksamkeit, und über das Internet werden alle notwendigen Informationen für die Anleger auf sehr effiziente Art und Weise geliefert. An zentralen Punkten sind alle Information zur Zeichnung, aber auch über die gesamte Laufzeit einer Anleihe jederzeit abrufbar. Bieten interessante Unternehmen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell und einem starken Markennamen eine markt- und risikogerechte Verzinsung, steht dem Erfolg einer Anleiheplatzierung kaum noch etwas im Wege.
Auf Nachhaltigkeit und Qualität ist zu achten
Soweit so gut. Wie bei jedem neu entstehenden Markt stellen sich die Fragen der Nachhaltigkeit und der Qualität. Diese versuchen die Börsen als Plattformanbieter in unterschiedlicher Intensität zu beantworten. Beispielsweise können Unternehmen bereits ab einem Anleihevolumen von 10 Mio € und einem Mindest-Rating von BB als Kapitalmarktneuling die Börse Düsseldorf für ihre Emissionen im Mittelstandsmarkt nutzen.
Die Transparenz für die Anleger wird hergestellt durch die Einreichung BaFin-gebilligter Verkaufsprospekte, der jährlichen Erneuerung der verpflichtenden externen Unternehmensratings sowie durch freiwillige Zusatzinformationen wie Investmentreports oder -studien. Die laufenden Berichts- und Informationspflichten nach der Notierungsaufnahme erzeugen den notwendigen kontinuierlichen Informationsfluss für die Anleger. Sanktionsmechanismen greifen, wenn ein Unternehmen seinen Pflichten nicht nachkommen sollte.
Geht man davon aus, dass in der nächsten Zeit monatlich circa drei bis vier Neuemissionen an den Markt kommen, ist allen Beteiligten klar, dass für eine dauerhafte und positive Entwicklung dieses Marktsegments in den nächsten ein bis zwei Jahren keine Fehlschläge im Sinne von nicht gezahlten Zinsen oder Insolvenzen vorkommen dürfen. Darauf ist schon bei der Auswahl der Unternehmen zu achten. Sie müssen kapitalmarktfähig sein und ausreichende Qualität und Substanz haben, um die planmäßige Erfüllung von Zinszahlungen sowie die Kapitalrückzahlung am Ende der Laufzeit zu gewährleisten. Restrukturierungsfälle oder gar Venture Capital haben hier nichts zu suchen.
Auch muss darauf geachtet werden, dass ungeeignete Unternehmen die Plattformanbieter nicht gegeneinander ausspielen. Fehlschläge würden nicht nur zu Lasten eines Platzes, sondern zu Lasten des gesamten Marktes gehen, der einmal in Misskredit gekommen, genauso schnell wieder verschwinden könnte, wie er jetzt entsteht. Darauf sollten alle Akteure penibel achten.
Kein Ende der Kreditfinanzierung durch Banken
Ersetzt der öffentliche Kapitalmarkt die Bankfinanzierung? Soweit wird es nicht kommen. Zum einen ist nur ein überschaubarer Teil der Mittelständler im notwendigen Sinne kapitalmarktfähig. Auch dürften die Mindestvolumen für manchen Mittelständler sogar deutlich zu groß sein. Die größeren Mittelständler werden den Kapitalmarkt in ihren Finanzierungsmix mit aufnehmen, jedoch immer auch eine Position in der klassischen Fremdfinanzierung über Banken behalten. Banken können sogar neues Geschäft generieren, haben sie doch die Möglichkeit Anleiheemissionen ihrer Unternehmenskunden selbst mitzubegleiten, sei es in der Strukturierung oder auch im Vertrieb. Erste Banken haben dies erkannt und sind Kapitalmarktpartner des Mittelstandsmarktes in Düsseldorf geworden.
Die Chancen stehen gut, den Mittelstand über die Fremdkapitalaufnahme an die Börse zu holen. Einmal Geschmack gefunden, könnten Mittelständler im zweiten Schritt auch beginnen, über Aktienemissionen nachzudenken. Dem Kapitalmarkt würde das gut tun.

