Gründerjahre und Gründerkrach
Nach der Reichsgründung 1871 erlebte Deutschland einen beispiellosen Aufschwung. Ein novelliertes Aktienrecht förderte die Gründung neuer Gesellschaften und beflügelte den Börsenhandel. 1873 wich die Gründer-Euphorie jedoch der Depression: Ein Zusammenbruch von Börsen, Banken und Aktiengesellschaften stürzte die Wirtschaft in eine langwierige Krise. | Eckhardt Wanner
Wer heute von den Gründerjahren spricht, meint die Zeit von der Reichsgründung 1871 bis zum „großen Krach“ 1873. Der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870/71 unterbrach einen langanhaltenden Aufschwung der deutschen Industrie. Motor dieser Konjunkturdynamik war der Bau von Eisenbahnen und die daraus abgeleitete Nachfrage nach Eisenbahnmaterial. Die Börse in Frankfurt war äußerst zurückhaltend bei der Zulassung solcher Gesellschaften zum Börsenhandel. Die Folge war, dass der Handel mit Eisenbahnpapieren sich an der Berliner Börse konzentrierte, die in der Folgezeit zur Leitbörse Deutschlands aufstieg.
Der nach Kriegsende 1871 einsetzende wirtschaftliche Boom, der häufig vereinfachend auf den gewonnenen Krieg und die französischen Kontributionen zurückgeführt wird, hat indes mehrere Ursachen. Eine der wichtigsten war das neue Aktienrecht, das kurz vor Kriegsbeginn vom Norddeutschen Bund beschlossen und dann vom Deutschen Reich übernommen wurde. War die Errichtung einer Aktiengesellschaft bisher von einer landesherrlichen Bewilligung abhängig, stellte das neue Gesetz die Gründung einer AG praktisch der eines Vereins gleich. Kontrollmöglichkeiten, ob eine Gründung seriös war, gab es praktisch keine mehr.
Der gewonnene Krieg, die Reichsgründung und vor allem die französischen Kontributionen in Höhe von 5 Mrd Goldfranc regten die Fantasie auf wirtschaftlichem Gebiet an. Verstärkt wurde diese Entwicklung dadurch, dass die deutschen Länder ihre Kriegsanleihen aus der Kontribution zurückbezahlten, so dass einem relativ geringen Kapitalbedarf große, Anlage suchende Kapitalien gegenüberstanden. Es kam – vor allem in Berlin – zu einer Welle von Unternehmensgründungen, die in der Mehrzahl nur Umgründungen waren: Einzelfirmen oder OHGs wurden in Aktiengesellschaften umgewandelt. Das „Strickmuster“ war stets das gleiche. Ein Gründungskomitee kaufte dem bisherigen Eigentümer seinen Betrieb zu einem meist überhöhten Preis ab, wandelte das Unternehmen in eine AG um, schlug auf die investierte Summe noch den Profit der Gründer auf und brachte die Gesellschaft an die Börse, wobei in den meisten Fällen das Grundkapital in keinem Verhältnis mehr zu den Vermögenswerten der Gesellschaft stand.
Bizarre Fantasien
Welche Fantasien dabei geweckt wurden, glossierte die „Neue Börsenzeitung“: „Wenn in einem einsamen Tal ein verlassener Schornstein steht, wird flugs daraus eine Maschinenfabrik; wenn irgendwo eine altersschwache Windmühle mit lahmen Flügeln sich dreht, ist schon ein Mühlenetablissement auf Aktien fertig; am Ufer stolpert der Gründer über einen Kahn, und ein binnenländischer Lloyd lässt seine Dampfer hin und her fliegen. Des Gründers Phantasie verwandelt den Zimmermann, der Balken ausschält, zum Liefergeschäft für Baumaterial und macht aus dem verwegenen Knaben, der eine Rakete aufsteigen lässt, eine chemische Fabrik.“
Vor allem an der Wiener Börse baute sich eine – modern ausgedrückt – riesige Blase auf. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie platzen würde. Anfang Mai 1873 in Wien war es dann soweit. Kurz nach der Eröffnung der Weltausstellung stellte die größte Bank Österreichs, die Wiener Kreditanstalt, ihre Zahlungen ein. Scheinbar handelte es sich um ein innerösterreichisches Problem, das die Nachbarstaaten nicht tangierte. Dann kam es im Laufe des Sommers zu Schwierigkeiten an der New Yorker Börse. Von da sprang die Krise auf Berlin über.
Das Quistorp-Debakel
Heinrich Quistorp war unter den vielen Gründern Berlins einer der ganz großen, der – glaubt man seinem Kritiker Otto Glagau – es auf mehr als 30 Gründungen gebracht haben soll. Sein Meisterstück sollte das Westend-Projekt werden. Er hatte im Westen der Stadt, an der „Chaussee nach Spandau“, ein großes Areal erworben, das er unter dem Namen „Westend“ mit Luxus-Villen bebaute. Die Westend-Gesellschaft war zuständig für die Entwicklung des Areals, die Zentral-Bauverein AG sollte die Bauten erstellen und die Vereinsbank Quistorp als Flaggschiff der Gruppe für die Finanzierung und den Verkauf verantwortlich sein, der allerdings stark hinter den Erwartungen zurückblieb.
Den ganzen Sommer über gab es Gerüchte um die Quistorp-Gesellschaften und um das Engagements des Kaisers bei Quistorp, dem Wilhelm II. freundschaftlich verbunden war. Ausgelöst wurde die Krise durch eine Meldung der „National-Zeitung“ vom 7. Oktober 1873. Sie dementierte ein Gerücht, der Kaiser habe eine Unterstützung Quistorps aus Staatsmitteln angeregt. Dann wurden Schwierigkeiten bei der Vereinsbank Quistorp bekannt, die durch ein Moratorium der Berliner Banken behoben werden sollten. Die Preußische Bank erklärte sich jedoch außerstande, fällige Wechsel der Vereinsbank zu prolongieren.
Danach kamen alle Rettungsversuche zu spät. Die Quistorp-Gruppe stellte ihre Zahlungen ein. Am 16. Oktober 1873 wurde der Konkurs über alle drei Gesellschaften eröffnet. Nun gab es, vor allem an der Berliner Börse, kein Halten mehr. Die Kurse stürzten auf breiter Front. Der „Gründerkrach“ war da, und viele der neugegründeten Gesellschaften verschwanden wieder vom Kurszettel und mit ihnen die Hoffnungen der düpierten Anleger. Die nun folgende, vom Zusammenbruch der Quistorp-Gruppe ausgelöste Rezession dauerte bis Mitte der 1890er Jahre an.
Von den Nichtbetroffenen wurde der Zusammenbruch offensichtlich als ein reinigendes Gewitter empfunden. So veröffentlichte 1875 die satirische Zeitschrift „Berliner Wespen“ eine Karikatur. Sie zeigt Moses als „Krach“, wie er mit seinem Besen zwischen die um das goldene Kalb tanzenden Spekulanten fährt und Kehraus macht. Im Arm hält er eine Gesetzestafel mit der Inschrift: „Du sollst nicht gründen.“

