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Was die Deutschen besser machen müssen

Ein Land spart falsch

Wenn es ums Sparen geht, brauchen die Deutschen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen: Seit Anfang 2000 hat sich das private Geldvermögen hierzulande um beachtliche 43 % auf über 4,93 Bio € erhöht. Weniger positiv fällt indessen der Befund bei einer Analyse der Struktur der Geldanlage aus: Es dominieren niedrig verzinste Sparformen, während Investments, die langfristig deutlich höhere Renditen versprechen, wie beispielsweise Aktien(fonds), meist gemieden werden – ein fataler Fehler gerade mit Blick auf die Altersversorgung, so der Autor. Doch wie kann ein Wandel der Anlagementalität herbeigeführt werden? | Thomas Richter

Bundesbürger sind fleißige SparerDie Deutschen sind ein sparsames Volk: Pro 1.000 € verfügbarem Haushalts-Einkommen legen sie im Schnitt 110 € auf die hohe Kante. Das ist etwa doppelt so viel wie in den USA (57 €) oder Frankreich (51 €) (GRAFIK 1). Grundsätzlich handeln sie damit richtig, wie die zu erwartenden Einkünfte aus der gesetzlichen Rentenversicherung beim Eintritt in den Ruhestand zeigen. Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bekommt ein Neurentner (Westdeutschland) heute im Schnitt gut 1.100 € pro Monat vom Staat überwiesen. Ein Arbeitnehmer, der in 25 Jahren in den Ruhestand geht, wird wegen der weiteren Absenkung des Rentenniveaus und einer angenommenen Inflation von 2 % p.a. nur noch einen realen Betrag von knapp 660 € im Monat erhalten.

Die hohe Sparquote in Deutschland lässt vermuten, dass die Bevölkerung ihr „Versorgungs-Problem“ erkannt hat und gewillt ist, Vorsorge zu betreiben. 90 % der Bürger sind der Auffassung, dass es immer wichtiger wird, sich selbst um die Altersvorsorge zu kümmern. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Initiative „Investmentfonds. Nur für alle.“ hervor. Die Studie hat ergeben, dass die Bereitschaft zum Sparen nicht nur bei höheren Haushalts-Einkommen stark ausgeprägt ist, sondern auch bei Geringverdienern. 70 % der Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von unter 1.500 € sind in der Lage, Geld zurückzulegen. Das ist angesichts hoher Lebenshaltungskosten keine Selbstverständlichkeit.

„Kaufe nur, was Du verstehst“
Vorsorge für das AlterMehr noch als für andere Produkte gilt für Finanzanlagen, dass man sie verstehen sollte, bevor man sie kauft. Zu Recht erinnern Verbraucherschützer immer wieder an diese Regel. Die überwältigende Mehrheit der Anleger hält sich nicht an sie. Nur jedem zehnten Bundesbürger (11 %) ist es wichtig, seine Geldanlage nachvollziehen zu können, so ein Ergebnis der Studie. Bei vielen hat diese Grundregel sogar dazu geführt, lieber untätig zu bleiben, als etwas falsch zu machen: So geben 61 % der Deutschen an, mit Tagesgeld, Festgeld oder dem Sparbuch für das Alter vorzusorgen. Bei den unter 30-Jährigen sagen das sogar 80 %. Paradox, denn gleichzeitig haben auch 61 % richtig erkannt, dass diese Sparformen langfristig zu wenig Ertrag für die Altersvorsorge bringen (GRAFIK 2).

Rendite macht den Unterschied

Die Hemmung vor der Rendite scheint stark verwurzelt zu sein. So hat gut jeder Zweite Angst, mit renditeorientierten Sparformen Geld zu verlieren. 66 % sind nicht bereit, Risiken einzugehen, um ihr Kapital zu vermehren. Das Problem hierbei: Der Begriff des Risikos wird falsch verstanden. Man sollte sich nicht in Sicherheit wägen, wenn man jedes Jahr eine geringe Mindestverzinsung bekommt. Denn diese Vorgehensweise verhindert eine sinnvolle, langfristige Anlagestrategie zur Nutzung von Renditechancen und birgt das Risiko, im Alter kein ausreichendes Vermögen für ein auskömmliches Zusatzeinkommen aufgebaut zu haben. Anders gesagt: Die kurzfristige Anlage mit dem Ziel, Kapitalerhalt oder eine bestimmte Mindestverzinsung in jedem Jahr zu erzielen, führt mit Sicherheit dazu, ein angemessenes Versorgungsniveau zu verfehlen.

Es lässt sich nicht wegdiskutieren: Rendite macht den Unterschied. Dies zeigt folgende Beispielrechnung: Ein Bürger spart zwischen seinem 25. und 65. Lebensjahr 100 € pro Monat und entnimmt im Anschluss monatlich 800 €, um seine Lebenshaltungskosten zu finanzieren. Nachfolgend werden drei Renditeniveaus unterstellt. Bei einer Rendite von 2,0 % p.a. reicht das ersparte Vermögen in der Auszahlphase für etwa acht Jahre, das heißt, nach dem 73. Lebensjahr ist das Kapital aufgezehrt.

Wichtig zu wissen: Rendite macht den UnterschiedBei einer Rendite von 4,0 % p.a. kann man bis zum 81. Lebensjahr von der Zusatzrente profitieren. Dieses Szenario reicht schon fast an die zu erwartende Rentenbezugsdauer für Ruheständler heran. Bei einer Rendite von 6,0 % p.a. – und das ist mit Blick auf längerfristige Sparzeiträume ein durchaus realistischer Wert für zum Beispiel Aktienfonds oder Mischfonds – können sich Ruheständler wirklich „lebenslang“ jeden Monat 800 € auszahlen lassen, und das Vermögen wächst trotzdem weiter. Das liegt daran, dass der monatliche Auszahlungsbetrag geringer ist als der renditebedingte Zuwachs (GRAFIK 3).

An dem Beispiel wird deutlich, dass die Assetklasse Aktie unverzichtbar ist für eine ertragreiche langfristige Kapitalanlage – und darum geht es bei der Altersvorsorge. Langfristig gesehen, sind zwei oder drei Prozentpunkte mehr Rendite als bei konservativen Geldanlagen für die meisten Sparer unverzichtbar, um ein angemessenes Vorsorgekapital überhaupt erreichen zu können und der Inflation zu entkommen.

Eine bequeme Möglichkeit zur Teilhabe an der wirtschaftlichen Entwicklung von börsennotierten Unternehmen bieten Aktienfonds. Hierbei profitieren Anleger insbesondere von der Risikostreuung des investierten Betrags auf mehrere Dutzend einzelner Titel, die vom Fondsmanager entsprechend der Anlagerichtlinien ausgewählt werden. Die Vorzüge der so wichtigen Diversifikation überzeugen allerdings offensichtlich noch nicht. Denn nur für 6 % der Studien-Befragten ist die Risikostreuung bei der Geldanlage ausschlaggebend. Den besten Schutz vor Risiken lassen die meisten also außer Acht.

Noch immer ist oftmals zu hören, dass Aktienfonds viel zu riskant seien. Zugegeben, die Märkte schwanken seit über zehn Jahren stark, und die drastischen Kurseinbrüche zum Beispiel in den Jahren 2002 und 2008 haben gute Nerven beim Verfolgen von langfristigen Investments erfordert. Aber Fakt ist, dass kein Anleger, der 30 Jahre lang regelmäßig einen gleichbleibenden Betrag in Aktienfonds mit Schwerpunkt Deutschland eingezahlt hat, letztlich dabei Geld verloren hat – im Gegenteil. Im Schnitt haben Aktienfonds-Sparpläne über 30 Jahre immer attraktive Zuwächse verbucht – meist zwischen 6 und 8 % pro Jahr nach Abzug aller Fondskosten und auch des maximalen Ausgabeaufschlags.

Anleger benötigen Entscheidungshilfe

Noch immer liegt die Hemmschwelle bei den Deutschen, Entscheidungen über die Geldanlage zu treffen, so hoch, dass sie sogar lieber zum Zahnarzt als zum Bankberater gehen: 88 % vereinbaren beim Zahnarzt mindestens einmal im Jahr einen Termin – den Bankberater hingegen konsultieren regelmäßig nur 32 %. Der Grund dafür ist keine Verweigerungshaltung – nur 7 % sagen, sie sparen nicht, „weil es sowieso nichts bringt“. Auch geben die meisten an, „viel“ über Geldanlage zu wissen. Die Hälfte der Befragten beschäftigt sich mindestens einmal im Monat mit dem Thema.

Sie alle tun allerdings nicht den notwendigen nächsten Schritt, um diesem – an sich selbst formulierten – Anspruch nachzukommen. Sie setzen vielmehr ausschließlich auf Altbekanntes und vermeintliche Sicherheit. Offenbar fühlen sich die Menschen überfordert. Bei der Geldanlage bleibt es dabei, sich zu informieren – eine Entscheidung fällen viele dann aber nicht. Bei breiten Bevölkerungsschichten führt das dazu, dass sie beim ihnen vertrauten Modell „Sparschwein“ aus der Kindheit verharren – sie wollen ihr Geld in Sicherheit und jederzeit verfügbar wissen. Produkte, die für eine langfristige Altersvorsorge besser geeignet sind als das Sparkonto, nutzen deutlich weniger Anleger.

Bevorzugte InformationsangeboteMit verantwortlich für diese Fehlentwicklung sind optimierungsfähige Informationsangebote. Sparer können die auf sie einströmenden Informationen zu häufig nicht auf ihre persönliche Lebenssituation oder -planung anwenden. Es fehlen den Menschen individuell auf sie zugeschnittene Entscheidungshilfen. Laut der Umfrage wünschen sich drei Viertel eine individuelle Beratung, 41 % wollen auf sie zugeschnittene Info-Abende. Die Suche nach persönlicher, passgenauer Hilfe und vertrauten Gesprächspartnern spiegelt sich auch in der Aussage, dass 63 % in Geldanlagedingen am ehesten den Rat von Freunden oder Verwandten suchen (GRAFIK 4).

Hilfen anzubieten, ist aber auch eine zentrale Aufgabe der Finanzdienstleistungsbranche. Es gilt, Vertrauensdefizite zu beseitigen und sich bei den Anlegern als kompetente Informationsquelle zu profilieren. Ein wichtiger Schritt zu einer noch besseren Beratung und Aufklärung ist das ab 1. Juli 2011 für Investmentfonds erhältliche „Key Information Document“ – kurz KID. Anleger und Berater erhalten mit dem KID entscheidungsrelevante Informationen in standardisierter und prägnanter Form, so dass die Angaben mehrerer Investmentfonds nebeneinander gelegt und direkt verglichen werden können.

Lösungswege für besseres Sparen
Was muss darüber hinaus getan werden, um das Sparverhalten der Deutschen in die richtige Richtung zu bringen? Erstens muss die finanzielle Allgemeinbildung gefördert werden. In diesem Zusammenhang engagiert sich der BVI über sein Projekt „Hoch im Kurs“ seit knapp fünf Jahren bundesweit mit Schulmaterialien für die Klassen 10 bis 12 an Gymnasien, Realschulen sowie Berufsschulen. Dabei wurden bislang insgesamt gut 830.000 Schülerbroschüren von Lehrkräften angefordert. Zudem sind seit etwa einem Jahr 120 BVI-Finanzexperten an Schulen unterwegs, um zum Beispiel über richtiges Geldmanagement sowie die Funktionsweise der Märkte und des Wirtschaftskreislaufs zu informieren. Bislang haben 220 Schulen einen Vortrag gebucht. Das kann aber nur eine Behelfslösung sein. Denn Finanzbildung ist ein öffentlicher Auftrag und muss vom Staat als Schulfach vermittelt werden. Dies wäre auch die wirksamste Maßnahme für den Verbraucherschutz. Nichts schützt die Verbraucher besser als eigenes Wissen.

Zweitens, das Vertrauen der Anleger muss wieder gewonnen werden – auch mit dem Ziel, dass sich deutlich mehr Deutsche mit dem Sparen oder der Geldanlage beschäftigen. Auf diesem Feld hat die Investmentfondsbranche denn auch Initiative ergriffen. Die Kapitalanlagegesellschaften haben im Oktober 2010 mit „Investmentfonds. Nur für alle.“ eine Kampagne unter dem Dach des BVI gestartet. Sie will dazu beitragen, die Scheu der Anleger gegenüber Investmentfonds abzubauen und zeigen, was sie wirklich sind: Eine Geldanlage, die sich für alle eignet – abgestimmt auf Anlagetyp, Lebenssituation und Zukunftsplan.

Drittens sollte der Staat Finanzprodukte gleich behandeln und keine Fehlanreize setzen, indem er vergleichbare Produkte steuerlich unterschiedlich behandelt. So werden Steuervorteile zum Grund einer Investitionsentscheidung und nicht die Bedürfnisse des Anlegers in seiner Lebenssituation. Dies ist insbesondere bei der Altersvorsorge fatal, weil hier besonders lange gespart wird und sich Fehler somit erheblich auswirken

Bei Kapital-Lebensversicherungen werden Erträge aus mindestens zwölf Jahre laufenden Sparprozessen und einer Entnahme des Kapitals nicht vor Vollendung des 60. Lebensjahres nur zur Hälfte mit dem persönlichen Einkommensteuersatz belegt. Dieser Ansatz muss entweder abgeschafft oder auf alle Altersvorsorge-Sparformen ausgeweitet werden, damit ein Wettbewerb um neue Kunden entsteht, mehr Kunden erreicht werden und so die Versorgungslücke geschlossen und Altersarmut bekämpft wird.

Die Deutschen sparen viel, aber sie sparen falsch. Gelänge es, das Sparen zu verbessern, hätten nicht nur die Anleger etwas davon, sondern auch der Staat. Denn je mehr der Einzelne vorgesorgt hat, desto weniger muss der Staat über Transferleistungen zuschießen.

 

Thomas Richter ist Hauptgeschäftsführer des BVI Bundesverband Investment und Asset Management, Frankfurt/Main.

 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 08/2011
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