Die neue Commerzbank
Nach dem Zusammenschluss mit der Dresdner Bank verfolgt die Commerzbank ein ambitioniertes Ziel: Der neue Finanzkonzern soll die führende Bank für Privat- und Firmenkunden in Deutschland werden. Der Vorstandsvorsitzende Martin Blessing erläutert im folgenden Beitrag die Strategie, die Herausforderungen und die Perspektiven der neuen Commerzbank. Seine Prognose: „Wir werden die Commerzbank binnen drei Jahren zur vollen Profitabilität zurückführen.“ | Martin Blessing
Das Jahr 2008 wird unserer Branche noch lange in Erinnerung bleiben. Selten zuvor ist ein Jahr für den Bankensektor so turbulent verlaufen wie das vergangene. Selten zuvor hat ein Jahr uns Banken vor so große Herausforderungen gestellt. Und selten zuvor hat ein einziges Jahr für eine Branche derart drastische Umwälzungen gebracht wie das Jahr 2008 für die internationale Bankenwelt.
Kettenreaktion unvorhersehbaren Ausmaßes
Der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 verursachte an den internationalen Finanzmärkten eine Kettenreaktion unvorhersehbaren Ausmaßes. Zum Stillstand am Interbankenmarkt kamen schwere Kurseinbrüche an den Kapitalmärkten. Die Veränderungen in der Bankenlandschaft haben sich seither dramatisch beschleunigt - auch in Deutschland. Und längst hat dieses Beben weite Bereiche der Wirtschaft erreicht. Weltweit befinden sich Industrie- und viele Schwellenländer in einer schweren Rezession oder stehen kurz davor.
In diesem schwierigen Umfeld stellt sich die Commerzbank, die führende deutsche Mittelstandsbank, mit der Übernahme der Dresdner Bank neu auf. Wir haben ein äußerst ambitioniertes Projekt in Angriff genommen: die Zusammenführung von zwei deutschen Großbanken zu einem neuen Marktführer in und für Deutschland. Das Fundament dafür ist unsere klare Kundenorientierung. Die neue Commerzbank ist damit eine starke Universalbank, die die umfassende Erfahrung zweier traditionsreicher Häuser vereint. Wir bauen damit die führende Bank für Privat- und Firmenkunden in Deutschland. Mit dieser Aufstellung schafft die Commerzbank die Grundlagen für künftiges profitables Wachstum. Die Commerzbank ist auf dem richtigen Weg, gerade weil wir uns dabei ganz klar auf unsere Kunden fokussieren.
Keine Frage, die Finanzmarktkrise hat den Banken stark zugesetzt. Sie hat uns aber auch darin bestärkt, dass dieser Zusammenschluss strategisch richtig war und ist. Denn zusammen werden wir eine Bank schaffen, die stärker, robuster und krisenfester ist, als es die beiden Häuser für sich allein waren. Ein Beispiel dafür ist schon jetzt unsere starke Position im Auslandsgeschäft: Rund 25 % des deutschen Außenhandels werden von der neuen Commerzbank finanziell abgewickelt.
Mit der Finanzmarktkrise stiegen die Anforderungen von Regulatoren, Rating-Agenturen und Investoren an die Kapitalausstattung der Banken in Deutschland und weltweit schlagartig. Die Commerzbank hat sich vor diesem Hintergrund entschieden, ihr Kernkapital durch stille Einlagen und eine Kapitalbeteiligung des SoFFin bzw. des Bundes zu stärken. In der Summe floss uns Eigenkapital in Höhe von 18,2 Mrd € zu. Mit einer Kernkapitalquote von rund 10 % per Ende März 2009 gehören wir - auch im internationalen Vergleich - zu den gut kapitalisierten Banken.
Dreifache Herausforderung
2009 wird ein weiteres sehr schwieriges Jahr werden - für die gesamte Weltwirtschaft, für den Finanzsektor rund um den Globus und auch für die Commerzbank. Wir stehen vor der dreifachen Herausforderung, das schwierige Umfeld zu meistern, das Zusammenwachsen der beiden Banken voranzutreiben und gleichzeitig unsere Kunden noch stärker in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen.
Die schwere Rezession in Deutschland und international wird für den Bankensektor insgesamt zu höheren Kreditausfällen und steigendem Risikovorsorgebedarf führen. Für die Commerzbank erwarten wir eine Risikovorsorge auf dem Niveau von 2008. Dazu kommen die im Jahr 2009 zu erwartenden Integrationskosten. Mittelfristig wird die Commerzbank gestärkt aus der Krise hervorgehen, weil sie ein nachhaltiges, kundenorientiertes Geschäftsmodell hat, weil sie ihr Leistungsangebot stetig verbessert und weil sie eine angemessene Kapitalausstattung hat. Und weil unsere Mitarbeiter mit Hochdruck und Engagement daran arbeiten, die neue Commerzbank zu einer Erfolgsgeschichte zu machen.
Wir haben die vergangenen Monate dazu genutzt, die neue Commerzbank nicht nur rechtlich und organisatorisch, sondern vor allem strategisch auf den Weg zu bringen. Im Mai 2009 haben wir das strategische Drei-Punkte-Programm „Roadmap 2012“ verabschiedet. Damit werden wir die Commerzbank binnen drei Jahren zur vollen Profitabilität zurückführen. Das Programm besteht aus drei Eckpfeilern: Fokussierung, Optimierung und Reduzierung.
Fokussierung: Unter dem Stichwort Fokussierung konzentrieren wir uns auf unsere Kernaktivitäten, die wir in einer leistungs- und ertragsstarken Kundenbank zusammengefasst haben und die wir gezielt weiterentwickeln wollen. Dazu zählen alle Segmente, in denen wir nachhaltig eine führende Position behalten werden oder anstreben. Das sind das Geschäft mit Privatkunden, die Mittelstandsbank, das Deutschland-bezogene Investment Banking, aber auch das Geschäft in Mittel- und Osteuropa.
Im Privatkundengeschäft stehen die Kernmärkte Deutschland und Polen im Mittelpunkt. Insbesondere in Deutschland haben wir nach der Übernahme der Dresdner Bank mit rund elf Millionen Kunden, dem dichtesten Filialnetz aller Banken und einer herausragenden Produkt- und Beratungskompetenz optimale Voraussetzungen, unsere starke Marktposition weiter auszubauen.
Im Firmenkundengeschäft fokussieren wir uns auf die Begleitung deutscher Unternehmen im In- und Ausland. Schon heute ist die Commerzbank die klare Nummer eins im Geschäft mit dem Mittelstand und der wichtigste Exportfinanzierer der deutschen Wirtschaft. Diese Position werden wir weiter festigen. Zudem werden wir alles daran setzen, die erste Adresse für deutschlandbezogene Aktivitäten ausländischer Unternehmen zu werden.
Unser Investment Banking werden wir noch weit deutlicher als bisher geplant zurückfahren. Wir konzentrieren uns strikt auf Dienstleistungen für unsere Kunden. Die neue Commerzbank wird so als der Deutschland-Spezialist von europäischem Format im Investment Banking profitabel arbeiten. Auch für unser Geschäft in Mittel- und Osteuropa sehe ich ungeachtet der aktuellen Krise gute Perspektiven. Wir werden dort allerdings vorerst nicht in neue Märkte investieren, sondern uns auf unsere bestehenden Aktivitäten konzentrieren. Die Stichworte sind hier Kostensenkung, Optimierung der Refinanzierung und Risikoreduzierung.
Die Kundenbank ist unser Herzstück. Sie war im Krisenjahr 2008 profitabel und hat auch das erste Quartal 2009 positiv abgeschlossen. Durch eine schnelle Integration der Dresdner Bank gewinnen wir an Ertragsstabilität und steigern unsere Marktanteile. Unsere Profitabilität über alle Zyklusphasen hinweg sichern wir durch straffe Kostenkontrolle.
Optimierung: Den zweiten Eckpfeiler unseres Programms nennen wir Optimierung. Gepaart mit einer deutlichen Redimensionierung ist das die Zielsetzung für unser Realkredit- und Staatsfinanzierungsgeschäft. Dieser Bereich umfasst das Commercial-Real-Estate- und das Public-Finance-Geschäft sowie Schiffsfinanzierungen. Diese Segmente sind von der Finanzmarktkrise besonders stark betroffen. Hier ist das professionelle Management von Positionen und Portfolien mit dem Ziel des Werterhalts bzw. der Wertaufholung sowie des Abbaus risikogewichteter Aktiva entscheidend.
Eine wichtige Säule dieses Asset-basierten Kreditgeschäfts, ist die Eurohypo. Sie ist, trotz der Auswirkungen der Krise, ein attraktives Asset. Wir werden die Eurohypo bis spätestens Ende 2014 verkaufen. Das ist eine ausreichend lange Zeit. Und das Interesse potenzieller Käufer ist da. Wir werden jetzt die nötigen Restrukturierungen vornehmen und so die Voraussetzungen für eine nachhaltig erfolgreiche Zukunft der Eurohypo schaffen.
Reduzierung: In einer dritten Einheit werden wir unter dem Stichwort Reduzierung Portfolien separieren, von denen wir uns trennen wollen. Dabei handelt es sich um Positionen, die nicht mehr zu unserem Geschäftsmodell passen, weil sie nicht auf Kundenbeziehungen basieren, und um Assets, die von der Finanzmarktkrise besonders betroffen sind. Die Verwertung treiben wir nicht im Hauruckverfahren voran, sondern mit Bedacht. Wir haben nichts zu verschenken und stehen nicht unter Zeitdruck. Klares Ziel ist ein für unsere Gewinn- und Verlustrechnung möglichst schonender Abbau der Portfolien. Durch die systematische Trennung dieser Portfolien in der Abbau-Einheit, der Portfolio Restructuring Unit, gewährleisten wir zum einen eine hohe Transparenz. Zum anderen können sich die Kundenbank und die Asset-basierte Einheit voll auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.
Gewinn-Perspektive
Unser Drei-Punkte-Programm werden wir zügig abarbeiten. Die neue Aufstellung wird seit dem 1. Juli 2009 umgesetzt. Aus heutiger Sicht wird die Commerzbank spätestens im Jahr 2011 wieder Gewinne erwirtschaften. Bis 2012 wollen wir zur vollen Profitabilität zurückkehren. Die neue Commerzbank hat eine klare Perspektive: Wir kennen die Lösungen für die Herausforderungen der Finanzmarktkrise, und wir bauen bei der Umsetzung auf unsere Stärke als Hausbank für Privat- und Firmenkunden in Deutschland.
Fazit
Wir haben die neue Commerzbank in schwieriger Zeit erfolgreich stabilisiert. Mit der „Roadmap 2012“ ” 3 verfügen wir über eine tragfähige Strategie und eine zukunftsfähige Struktur, um die Position der Commerzbank als Marktführer im Privat- und Firmenkundengeschäft in Deutschland weiter zu stärken. Auf dieser Basis werden wir schon in drei Jahren zur vollen Profitabilität zurückkehren. Schließlich haben wir die Mitarbeiter, um diese schwierige Zeit zu meistern. Das ist unser größtes Asset. Ich weiß, es ist keine Selbstverständlichkeit. Wir muten unseren Mitarbeitern viel zu, aber der Kraftakt wird sich lohnen.
Niemand kann heute verlässlich sagen, wie lange wir noch mit den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise leben müssen und wann sich das Marktumfeld normalisiert. Wir wissen aber, dass die Commerzbank beste Voraussetzungen hat, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen. Ich bin davon überzeugt, dass die neue Commerzbank eine Erfolgsgeschichte werden wird. Die Commerzbank als integrierte Großbank ist das zweitgrößte Kreditinstitut in Deutschland und eines der bedeutendsten Europas. Insgesamt betreut die neue Commerzbank über 14 Millionen Privat- und Firmenkunden. Mit künftig rund 1.200 Filialen im Inland hat das neue Finanzinstitut das dichteste Filialnetz aller deutschen Banken. Darüber hinaus sind wir weltweit in fast 50 Ländern vertreten.
Gerade mit ihrem klaren Bekenntnis zum deutschen Markt ist sie ein langfristiger und künftig noch stärkerer Partner ihrer Kunden.

