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Die Methodik der Länderrisiko-Analyse

Die Bonitätsanalyse bei der Staatsfinanzierung muss prognose-orientiert sein, denn erst in der Zukunft entscheidet sich, ob ein heute gewährter Kredit problemlos verzinst und zurückgezahlt werden kann. Um eine präzise Einschätzung vornehmen zu können, sind zahlreiche quantitative und qualitative Kriterien zu beachten. Länder sind in Bonitätsklassen einzustufen, um international tätigen Kreditmanagern Entscheidungen zu erleichtern. | Bruno Hake

Banken werden als Gläubiger von der Regierung eines Problemlandes bis zuletzt umworben. Die Finanzlage wird mitunter verschleiert: Kredite – insbesondere Handelskredite – werden nur unvollständig erfasst, Schieflagen daher meist zu spät aufgedeckt. Der politische Druck ist stark, weitere Kredite zu vergeben oder bestehende über den Fälligkeitstag hinaus zu prolongieren. Die im internationalen Geschäft tätigen Kreditinstitute müssen trotz dieser Schwierigkeiten ihr Auslandsgeschäft weiterhin betreiben.

Künftig wird es immer weniger sichere, dafür aber sehr viel mehr finanziell labile Länder geben. Deshalb ist die frühzeitige und zuverlässige Beurteilung eines Landes, ob es seine gegenüber ausländischen Gläubigern eingegangenen Verpflichtungen in harter Währung erfüllen kann und will, die Voraussetzung für ein rentables internationales Export- und Kreditgeschäft.

Eine Länderrisiko-Bewertung muss prognoseorientiert sein, denn erst in der Zukunft entscheidet sich, ob ein heute gegebener Kredit problemlos verzinst und zurückgezahlt werden kann. Sie muss ferner eine größere Zahl von quantitativen und qualitativen Kriterien beachten und ein Land in eine Kreditwürdigkeitsklasse (das Rating) einstufen, die dem international tätigen Kreditmanager bestimmte Entscheidungen empfiehlt.

Kennzahlen für die Kreditwürdigkeitsprognose
Das BERI-Institut (Business Environment Risk Intelligence) benutzt seit über 30 Jahren eine „FORELEND“ (Forecast of Country Risk for international Lenders) genannte Länderrisiko-Bewertung, die alle für die Kreditwürdigkeit relevanten Komponenten berücksichtigt:

Die quantitative Kennzahl kennzeichnet die Fähigkeit eines Landes, harte Devisen zu verdienen, ausreichend hohe Währungsreserven zu unterhalten, seine Auslandsverschuldung zu begrenzen und den Staatshaushalt auszugleichen.

Die qualitative Kennzahl beurteilt die „technokratische Kompetenz“ der Regierung: die Struktur der Auslandsschulden, die Vorschriften für Devisentransfers, die Rolle von Korruption und Vetternwirtschaft bei finanzwirtschaftlichen Vorgängen sowie die Entschlossenheit der Politiker zur Erfüllung der Verpflichtungen des betreffenden Staates gegenüber ausländischen Gläubigern.

Die soziale Kennzahl beurteilt das politische und soziale Umfeld: die politische Stabilität (zum Beispiel die Zersplitterung des politischen Spektrums durch Parteien, ethnische Gruppen, Religionen), das Geschäftsklima (bürokratische Hemmnisse, Infrastruktur, Wirtschaftswachstum, Inflation) sowie die sozialen Verhältnisse (wie Analphabetentum, Arbeitslosigkeit, Armut, Bevölkerungswachstum).

Die quantitative Kennzahl wird mit Hilfe der Statistiken von Weltbank und IMF errechnet. Zur Ermittlung der qualitativen und der sozialen Kennzahl werden die in der Konjunkturforschung bewährte Panel-Methode sowie die Delphi-Methode eingesetzt: 21 Kriterien werden regelmäßig von einer größeren Zahl von Fachleuten aus den Bereichen der Wirtschaft, der Politologie und der Soziologie benotet. Bei der Auswertung der Statistiken und bei der Befragung der Panel-Mitglieder werden auch Schätzungen der Entwicklung in den nächsten fünf Jahren erhoben. Dieses ermöglicht eine zuverlässige Prognose der künftigen Kreditwürdigkeit.

Die Kreditwürdigkeits-KlassenEin ideales Land würde für jede der drei Kennzahlen 100 Punkte erreichen, in der Praxis bedeuten 65 Punkte „gut“. Das Gewicht der quantitativen Kennzahl für die Berechnung der Gesamtzahl ist 50 %, das der beiden anderen Kennzahlen jeweils 25 %. Die Gesamt-Kennzahl wird durch Addition der drei gewichteten Kennzahlen ermittelt. Mit dieser werden die Länder in acht Kreditwürdigkeits- Klassen eingestuft GRAFIK 1.

Kreditwürdigkeit der PIGS-LänderDie Beurteilung der Kreditwürdigkeit der derzeit im Mittelpunkt der Kreditkrise stehenden so genannten PIGS-Länder vor fünf Jahren, jetzt und die Prognose für 2015 zeigt GRAFIK 2. Die Kennzahlen für stabile Länder wie Österreich und die USA erleichtern einen Vergleich. Klasse 5 bedeutet ein Warnsignal bei der Vergabe neuer Kredite, jedoch kein Ausfallrisiko. Mit dem Aufstieg in Klasse 4 – und erst recht in Klasse 3 – verlässt ein Land die Problemzone. Das wird für Portugal, Italien und Spanien bis spätestens 2015 erwartet, nicht jedoch für Griechenland. Schon vor über zehn Jahren wurde dieses Land in Klasse 5, seit 2005 in Klasse 6 eingestuft. Für die Steuerzahler in den Euro-Ländern keine frohe Botschaft.

Die FORELEND-Methode zeigt seit 1975 in der Praxis, dass die Kombination von quantitativen und qualitativen Kriterien aus den Bereichen der Volkswirtschaft, der Politologie und der Soziologie ein zuverlässiges Frühwarnsystem für Länderrisiken im Kreditgeschäft bildet. Während der derzeitigen Kreditkrise brauchten die FORELEND-Bewertungen nicht weiter angepasst zu werden. Im Gegensatz dazu stuften die bekannten Rating- Agenturen einige Länder um zum Teil gleich mehrere Stufen zurück und verstärkten dadurch die Unruhe auf den Kreditmärkten. Das erschwerte die Refinanzierung fällig gewordener Darlehen.

Die zu spät erfolgten Rückstufungen lassen vermuten, dass die überwiegend mit quantitativen Analysen arbeitenden Agenturen die Bedeutung qualitativer und sozio-politischer Kriterien für die Kreditwürdigkeit eines Landes unzureichend berücksichtigen und die Prognosefähigkeit ihrer Bewertungssysteme verbessert werden muss.
 

Dr. Bruno Hake ist Unternehmensberater in Wiesbaden.
Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 08/2010
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