Das deutsche Menetekel der Weltwirtschaftskrise
Am 16. August 1929, vor 80 Jahren also, erschien in der Frankfurter Zeitung eine kurze Information, dass der Aufsichtsrat der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs-AG (FAVAG) eine Sonderprüfung der Gesellschaft beschlossen habe. Diese Meldung erregte Aufsehen, denn die FAVAG zählte zu den ersten Adressen der deutschen Versicherungswirtschaft. Eine dramatische Entwicklung nahm ihren Lauf. | Eckhardt Wanner
Ihre Stellung als erste Adresse der deutschen Versicherungswirtschaft verdankte die FAVAG ihrem führenden Mann, Generaldirektor Paul Dumcke, der das Unternehmen seit 1892 verantwortlich geleitet hatte und am 14. Februar 1929, fast siebzigjährig, im Amt gestorben war. Sein Name hatte in der Versicherungswirtschaft einen guten Klang. Neben dem Primärgeschäft hatte er die FAVAG vor allem als Rückversicherer zu einer der ersten Adressen Deutschlands gemacht. Die FAVAG war an einer ganzen Reihe von Versicherungsgesellschaften - wie beispielsweise der Karlsruher Lebensversicherungsbank (später Karlsruher Lebensversicherungs-AG, 2007 von W & W übernommen) - beteiligt. Seit 1929 betrieb sie das als sehr risikoreich eingestufte Geschäft der Abzahlungsversicherung. Im August 1929 beschloss der Aufsichtsrat der FAVAG dann eine Sonderpüfung der Gesellschaft.
Sonderprüfung mit niederschmetterndem Ergebnis
Die Ergebnisse der Sonderprüfung waren niederschmetternd. Noch im August 1929 musste die Gesellschaft Konkurs anmelden und die Staatsanwaltschaft Frankfurt begann mit entsprechenden Ermittlungen. Erst nach und nach kristallisierten sich Ursachen und Umfang der Betrügereien heraus, die zum Zusammenbruch der FAVAG geführt hatten.
Ein Sohn Dumckes war mit der Leitung der Deutschen Keramik GmbH in Wien betraut und sollte sich daneben um die Interessen der FAVAG in den „K & K Nachfolgestaaten“ Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei kümmern. Als 1924 bei der Wiener Firma große Verluste entstanden, entschloss sich Vater Dumcke, diese durch die FAVAG übernehmen zu lassen, sie aber in den Büchern zu vertuschen. Ein Mitgesellschafter und Freund des jungen Dumcke nutzte dieses Wissen, um die FAVAG zu erpressen.
Gleichzeitig informierte der Erpresser die Aufsichtsbehörden der drei Staaten, die ihrerseits Regressansprüche an das Frankfurter Unternehmen stellten. Um die ganze Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen, bereinigte die FAVAG die Forderungen durch Zahlungen an die drei Regierungen, die ebenfalls in ihren Büchern nicht offen ausgewiesen wurden. Um die daraus entstandenen Verluste zu kompensieren, beteiligte sich die Gesellschaft an immer riskanteren Versicherungsgeschäften, wie der Abzahlungsfinanzierung. Sie ging sogar so weit, ein Schiff zu versichern, das erkennbar dem Alkoholschmuggel in die USA diente. Aus dem Totalverlust dieses Schiffes ergaben sich weitere große Verluste für die FAVAG.
Wie hatte es soweit kommen können?
Es gibt mehrere Erklärungen dafür, dass es so weit kommen konnte. Zunächst war es wohl die dominierende Persönlichkeit Dumckes, der seine Mitdirektoren über umfangreiche Privatspekulationen - die im Falle eines ungünstigen Verlaufs auf die FAVAG übertragen wurden - in die kriminellen Machenschaften einbezog. In der Öffentlichkeit aufkommende Zweifel konnten zunächst durch den guten Ruf Dumckes beschwichtigt werden.
Darüber hinaus aber trug auch der Aufsichtsrat ein gerüttelt Maß an Schuld. Seine Mitglieder blockierten sich gegenseitig bei der Wahl des Aufsichtsratsvorsitzenden, so dass schließlich ein Kompromisskandidat, Adolf Hoff, in das Amt gewählt wurde. Im späteren Prozess musste sich dieser vom Staatsanwalt vorhalten lassen, „dass ein untauglicheres Objekt zur Bekleidung eines so verantwortungsvollen Postens überhaupt nicht hätte ausfindig gemacht werden können“. Hoff war der Persönlichkeit Dumckes in keiner Weise gewachsen, was letztlich dazu führte, dass der Aufsichtsrat seinen Pflichten nicht nachkam.
Die noch gute Konjunktur erleichterte die Bereinigung dieser Angelegenheit. Die gerade aus einer Fusion hervorgegangene Allianz und Stuttgarter Verein Lebensversicherungs-AG (heute Allianz SE) gründete eine „Neue Frankfurter Versicherungs-AG“, deren Kapital voll beim Allianz-Konzern lag. Diese übernahm das operative Geschäft der FAVAG. Den alten Aktionären bot der Aufsichtsrat im Rahmen eines Vergleichs an, die auf 400 Reichsmark lautenden Aktien zu einem Satz von 15% (60 RM) zu übernehmen, obwohl das gesamte Grundkapital verloren war. Nur den Aktionären aus der Schweiz gelang es, einen Satz von 25% (100 RM) durchzusetzen, weil sie mit juristischen Verfahren gegen die Aufsichtsratsmitglieder drohten. Von Wirtschaftshistorikern wird der Zusammenbruch der FAVAG gerne als Sonderfall dargestellt, der mit der Weltwirtschaftskrise nicht im Zusammenhang stand. Als Auslöser für die Krise in Deutschland gilt üblicherweise der Zusammenbruch des Nordwolle-Konzerns (1930). Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der Bankrott der FAVAG erstmals das ausländische - besonders das amerikanische - Vertrauen in die Stabilität der deutschen Wirtschaft in Frage stellte. Im Rückblick zeigt sich, dass der Zusammenbruch der FAVAG das Menetekel der großen Depression Anfang der 30er Jahre in Deutschland gewesen ist.

