Aufstieg und Fall des Ivar Kreuger
Der schwedische Unternehmer Ivar Kreuger galt als introvertiert, aber blitzgescheit. In den 1920er Jahren verfestigte sich bei ihm die Idee, ein Weltmonopol für Zündhölzer unter seiner Regie aufzubauen. Um dieses Ziel zu erreichen, bediente er sich äußerst unseriöser Methoden, und sein Weg führte nach einem steilen Aufstieg schließlich in den Ruin. | Eckhardt Wanner
In einer seiner zahlreichen Anekdoten berichtet Karl Fürstenberg, der legendäre Inhaber der Berliner Handelsgesellschaft (BHG, heute BHF-Bank), über einen Anruf, der ihn auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1931 erreichte. Der Anrufer, Ivar Kreuger, war einer der schillernsten Finanziers der zwanziger Jahre und Fürstenberg wohl bekannt. Kreuger teilte Fürstenberg mit, dass er rund 10 % der Aktien der BHG besitze und einen Sitz im Aufsichtsrat beanspruche. Unter Hinweis auf die Rechtskonstruktion der BHG als KG auf Aktien, die nach Kommanditrecht keinen Aufsichtsrat, sondern nur einen (freiwilligen) Beirat besaß, konnte Fürstenberg dieses Begehren höflich, aber bestimmt zurückweisen.
Wer war Ivar Kreuger?
Wer aber war Ivar Kreuger? Geboren wurde er 1880 in Kalmar in Mittelschweden. Sein Vater Ernst war Eigentümer mehrerer florierender Zündholzfabriken, die das in Schweden erfundene „Sicherheitszündholz“ mit großem Erfolg vermarkteten. Der junge Ivar galt als introvertiert, aber blitzgescheit und besaß so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis. Die Schulausbildung absolvierte er im Eiltempo, begann 1897 mit dem Studium an der technischen Fakultät der Universität Stockholm, wo er bereits nach sechs Semestern die Staatsprüfung bestand und das Diplom als Bauingenieur erhielt.
Entgegen dem Wunsch seines Vaters trat er nicht in die Leitung des kleinen Kreuger-Konzerns ein, sondern versuchte sein Glück in den USA. Er spezialisierte sich auf die neue Technik des Stahlbetonbaus. Nach Tätigkeiten in den USA, Kanada, England und Südafrika kehrte er nach Schweden zurück und gründete zusammen mit seinem Freund Paul Toll die Baufirma Kreuger & Toll OHG, die er 1911 in eine Verwaltungs-AG umwandelte. Um 1900 wurde Europa von einer tiefgreifenden Rezession getroffen, die in Schweden noch dadurch verstärkt wurde, dass die europäischen Zündholzhersteller sich auf ihren asiatischen Märkten japanischer Dumpingimporte erwehren mussten. Unter diesem wirtschaftlichen Druck schloss sich die Mehrzahl der schwedischen Zündholzfabriken zur Jönköping-Vulcan-Gruppe (TEAB) zusammen, die bald den schwedischen Binnenmarkt beherrschte.
Dies brachte die Kreuger-Fabriken - die der TEAB nicht angehörten - in existentielle Bedrängnis. Ivar Kreuger, der nach dem Tode seines Vaters die Geschäftsführung übernommen hatte, gelang es - zusammen mit anderen freien Unternehmen - mit der Svenska Tändsticks AB (STAB) ein Gegengewicht zur TEAB zu schaffen und 1917 die weit größere TEAB in eine Fusion mit der STAB zur Swedish Match Company zu zwingen.
Die Vision vom Weltmonopol
Irgendwann in den 1920er Jahren verfestigte sich bei Ivar Kreuger die Idee, ein Weltmonopol für Zündhölzer unter seiner Regie aufzubauen. In den einzelnen Ländern sollten durch jeweils eine Monopolgesellschaft die Produktionsmengen begrenzt und der Absatz nach den erreichten Marktanteilen und zu festen Verkaufspreisen unter den Mitgliedsfirmen des Monopols aufgeteilt werden. Die Zeiten waren dafür günstig; Europa hatte nach dem ersten Weltkrieg einen riesigen Kapitalbedarf; Ivar Kreuger konnte ihn scheinbar mühelos befriedigen. So hatte er beispielsweise seine Gewinne in Deutschland aus der Kriegs- und Nachkriegszeit dazu benutzt, Konkurrenzunternehmen aufzukaufen und diese entweder stillzulegen oder auf den modernsten Stand der Technik zu bringen.
Nach der Stabilisierung der deutschen Währung 1924 besaß er ein riesiges, schuldenfreies Vermögen und war praktisch in ganz Europa Markführer bei Streichhölzern. Diese Stellung benutzte er, um in Ländern, die für die Banken nicht kreditfähig waren, ein staatliches Zündwarenmonopol gegen Vergabe von Krediten an die Regierungen zu errichten. Den Anfang machte er 1925 in Polen; 1931, auf dem Höhepunkt seiner Macht, waren es 17 Staaten.
Der Finanzjongleur
Sein „Meisterstück“ war das Zündwarenmonopol in Deutschland. Als 1930 das Deutsche Reich so gut wie zahlungsunfähig war, verschaffte er der Regierung einen Kredit über 125 Mio US-$ zu einem damals moderaten Zinssatz von 6 % und einer Laufzeit von 50 Jahren gegen Einräumung eines Zündwarenmonopols, an dem alle Hersteller entsprechend ihrem Marktanteil beteiligt waren. Erst mit Rückzahlung der letzten Rate dieser Anleihe 1983 erlosch in Deutschland das Zündwarenmonopol.
Für solche Kredite musste sich Kreuger refinanzieren. Das war nur in den USA möglich. Zusammen mit amerikanischen Geschäftsfreunden gründete er die International Match Company als Kapitalbeschaffungsgesellschaft. All das, was die nationalen Regierungen nicht erreichten, realisierte er scheinbar im Handumdrehen. Kreuger, der „Finanzmagier“ und „Streichholzkönig“, war auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Aber die Weltwirtschaftskrise ging auch an Kreuger nicht vorbei. Auslöser war ein Geschäft zwischen dem von ihm beherrschten Telefonhersteller Ericsson und der Telefongesellschaft ITT, die zum Morgan-Konzern gehörte. Kreuger hatte 1931 bei seiner letzten Geschäftsreise in die USA eine wechselseitige Beteiligung mit dem Hinweis eingefädelt, dass Ericsson über eine starke Liquidität verfüge, die beiden Unternehmen bei Bedarf zur Verfügung stehen würde. Als der Morgan-Konzern im Januar 1932 auf diese Liquidität zurückgreifen wollte, musste er feststellen, dass sie aus Forderungen an andere Kreuger-Unternehmen und nicht in Barvermögen bestand.
Das ließen sich die Amerikaner nicht gefallen, schon gar nicht von einem Ausländer. Sie setzten ihn so unter Druck, dass er zusagte, von Paris aus die fehlende Liquidität zur Verfügung zu stellen. Er, Kreuger, habe unter strikter Geheimhaltung mit der italienischen Regierung Mussolini einen Monopolvertrag abgeschlossen, ihr ein Darlehen über 400 Mio £ besorgt und dafür Schatzanweisungen in gleicher Höhe erhalten, aus deren Verwertung die Liquidität mühelos beschafft werden könnte. Im Übrigen könne er von Europa aus die Angelegenheiten am besten regeln.
Gefälschte Italien-Anleihe
Anfang März 1932 trat er die Rückreise nach Europa unter Bewachung durch Geheimagenten an. Nach seiner Landung in Le Havre begab er sich sofort nach Paris, wo er am 11. März 1932 früh morgens ankam. In pausenlosen Verhandlungen und Telefonaten versuchte er, die fehlende Liquidität in einer Größenordnung von 5 Mio US-$ zu beschaffen. Auf eine spätere Anfrage erklärte Mussolini für die italienische Regierung, dass sie mit Kreuger nie einen Monopolvertrag geschlossen und folglich auch keine Anleihe aufgelegt habe.
Die Papiere wurden später im Tresor Kreugers gefunden. Die Schatzanweisungen waren in Schweden auf Anweisung Kreugers gedruckt worden. Die Unterschriften stellten sich als gefälscht heraus. Auf den Vormittag des 12. März war die entscheidende Verhandlung angesetzt. Als Kreuger zur vereinbarten Zeit nicht erschien, begab sich sein engster Vertrauter, Christar Littorin, in die nahegelegene Wohnung Kreugers. Er fand Ivar Kreuger in seinem Schlafzimmer erschossen auf.
Von diesem Moment an gab und gibt es bis heute zwei Versionen: Mord oder Selbstmord. Ermittelt wurde, dass am Abend des 11. März ein Mann, der sich als Ivar Kreuger auswies, in einem nahegelegenen Waffengeschäft eine Pistole gekauft hatte. War es wirklich Ivar Kreuger gewesen? Fehler und seltsame Ermittlungsmethoden der Polizei - Parallelen zum Fall Barschel sind unübersehbar - führten zu mehr Fragen als Klärungen. Die Wahrheit über den Tod Kreugers wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.
Unbestreitbar aber ist, dass sein Tod vielen, auch in Schweden, zupass kam. Tatsache ist aber auch, dass Kreuger die wirkliche Lage seines Konzerns schon lange vorher mit Bilanzfälschungen verschleierte. Die angeblichen italienischen Schatzanweisungen waren eine Fälschung. Nicht die einzige. Auch eine Monopol-Anleihe Spaniens existierte nur in der Gedankenwelt Kreugers. Der heute weithin vergessene „Finanzmagier“ war am Ende doch nur ein großer Betrüger.

