Buchtipp
Weniger Markt, mehr Politik – Europa rehabilitieren
 

Schon der Titel des Buchs verrät, dass da jemand gewaltig gegen den Strich bürstet. In der Tat: War die wirtschaftspolitische Debatte der letzten Jahre nicht maßgeblich davon geprägt, dass der Markt das alles bestimmende Prinzip sein müsse? Dass sich die Politik weitgehend aus dem ökonomischen Geschehen heraushalten solle – je mehr Markt desto besser? Mit diesen Dogmen rechnet der Autor ab. Und er beschreibt, wohin die aus seiner Sicht stark ausgeprägte Marktgläubigkeit führte: Nach zehn Jahren Dauerkrise sei die europäische Integration in schlechter Verfassung und der Kontinent politisch und wirtschaftlich gespalten.

Der Verfasser nennt etwa die soziale Spaltung, die eine Folge des fehlgeleiteten Managements der Eurokrise sei. Im von der Krise nur gering betroffenen Norden, wo viele Ländern aus der Krise durch die niedrigen Zinsen sogar einen Vorteil beim Abbau der Staatsverschuldung gezogen hätten, könne man auf Niedrigstände der Arbeitslosigkeit und relativ geringe Armutsquoten verweisen. Dagegen leide Europas Süden immer noch unter einer verheerenden sozialen Schieflage, die das wiederanziehende Wirtschaftswachstum bislang nur ungenügend abbauen könne.

Ist die EU nicht mehr reformierbar? Droht gar das Ende der Gemeinschaft? So pessimistisch ist der Autor dann doch nicht, im Gegenteil: Europa könne zum Problemlöser werden, wenn es sich von der immer noch tonangebenden Marktgläubigkeit distanziere und den politischen Gestaltungsanspruch in das Zentrum stelle. Der Verfasser führt anhand von drei Reformfeldern – Wirtschafts- und Währungsunion, Migration sowie Soziales – aus, wie die EU politische Gestaltungsmöglichkeiten nutzen könne. Die Gemeinschaft könne somit einen Beitrag dazu leisten, dem weit verbreiteten Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus zu begegnen. Der Leser erhält eine gut durchdachte Beschreibung der aktuellen Aufgaben europäischer Politik – ein empfehlenswertes Buch.

Björn Hacker: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH 2018, 264 S.,
18 €, ISBN 978-3-8012-0534-8

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
04.06.2019
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