Buchtipp
Die große Fondslüge. Falsch beraten von Finanztest, Sparkassen, Banken und Co.
 

Anleger in Deutschland verlieren durch systematische Fehlberatung beim Fondskauf Jahr für Jahr Milliarden Euro. Sie investieren in vermeintliche Spitzenfonds, die in Wahrheit reine Zufallsgewinner sind. Dies ist zumindest die These dieses Buchs, das kostengünstige Indexfonds (ETFs) als einzige empfehlenswerte Kapitalanlage betrachtet. Michael Ritzau, bankenunabhängiger Honorarberater, sieht in der Fondsbranche eine systematische Maschinerie, an der Banken und Sparkassen, Aufsichtsbehörden, Medien sowie Ratingagenturen wie Morningstar, Feri oder Lipper ebenso beteiligt sind wie die Stiftung Warentest, um Anleger in teure Spitzenfonds zu lotsen. Fondsratings betrachtet der Autor als völlig nutzlose Empfehlungen, die einzig Marketingzwecken der Fondsgesellschaften dienen. Die Stiftung Warentest (Finanztest) wird keiner generellen Kritik unterzogen, wohl aber deren Empfehlungsstrategie bei aktiven Fonds.

Ritzau vertritt eine radikale Perspektive des Verbraucherschutzes mit einer recht einfachen Quintessenz, nach welchen Kriterien Anleger ihre Fonds stattdessen auswählen können: die laufenden Kosten. Das Einzige, was mit einer gewissen Zuverlässigkeit vorhersage, welche Investmentfonds in Zukunft am besten abschneiden werden, seien ihre laufenden Kosten. Im Fondsvertrieb der Kreditinstitute verortet der Autor einen Systemfehler, der durch Provisionsmodelle den Vertrieb geradezu dazu zwingt, möglichst teure Produkte zu verkaufen. Eine indirekt über Provisionen bezahlte Beratung könne aufgrund des Interessenkonflikts bei den Kosten deshalb nichts taugen. Am Ende der Argumentation steht dann folgerichtig das Honorarberatungsmodell. Dass Banken ihren Kunden so gut wie nie kostengünstige ETFs anbieten, ist allerdings eine pauschale Unterstellung. Bei den Sparkassen konstatiert der Autor sogar eine generelle Weigerung, ETFs an Privatkunden zu vermitteln. Der Vorwurf, dass die Indexfonds der Deutschen Bank (DB X-Trackers) systematisch vor Privatkunden versteckt würden (S. 37-38), lässt sich nicht aufrechterhalten. Dem steht eine aktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit entgegen, für welche die Deutsche Bank eigens eine PR-Agentur beauftragt hat und mit der Presseabteilung der Deutschen Börse kooperiert. Allein im Jahr 2016 wurden in diesem Kontext über 20 Kommunikationsmaßnahmen ergriffen. Zu Recht wird dagegen u. a. das Modell der verkappten Indexfonds kritisiert, bei denen hohe Gebühren nur einem minimalen aktiven Management gegenüberstehen, sowie doppelte Gebührenstrukturen bei Dachfonds.

Richtigerweise wird ein zentrales Problem in der mangelnden ökonomischen Bildung gesehen, die in Finanzfragen Fehlern bei der Kapitalanlage überhaupt erst die Türen öffnet. Die von Ritzau kritisierte Rolle des Lobbyismus ist jedoch insofern zu einseitig, da insbesondere der Bankenverband mit dem Projekt „SchulBank“ ein hohes Engagement bei der Behebung dieses Missstands zeigt. Unterm Strich ist dieser Band ein absolut lesenswertes, hochkritisches Buch, dessen Thesen allerdings zeitweise stark überspitzt herüberkommen und zumindest in Einzelteilen einer Prüfung nicht immer vollends standhalten.

             

Michael Ritzau, Marburg, Tectum Verlag 2016, 238 S., 19,95 €, ISBN 978-3-8288-3728-7.

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Artikelinformationen 
Artikel veröffentlicht am:
27.04.2017
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