Risikoeffekte durch Branchenverzahnung
Die verhaltene konjunkturelle Entwicklung wird auch im laufenden Jahr wichtige Wirtschaftszweige belasten und sich negativ auf die Bonität vieler Unternehmen auswirken. Angesichts der ausgeprägten Branchenverzahnung in der deutschen Volkswirtschaft können Risikoeffekte derart entstehen, dass die Krise eines Großunternehmens auf andere Firmen – beispielsweise aus der Zuliefererindustrie – ausstrahlt. Dieser Aspekt muss im Risikomanagement der finanzierenden Banken besondere Berücksichtigung finden. | Wolfgang Portisch
Folgendes Beispiel soll die Verzahnungseffekte von Branchen verdeutlichen: Aufgrund der Absatzkrise eines Automobilherstellers sind negative Folgen für die Auftragslage in der Zuliefererindustrie zu erwarten. In einem mittelgroßen Kreditinstitut bestehen mehrere Kreditverbindungen zu Automobilzulieferern. Das Risikokomitee der Bank macht sich Gedanken über die Ausstrahlungswirkungen des Krisenherstellers auf weitere wirtschaftlich verbundene Firmenkreditengagements.
Identifiziert werden zunächst zwei abhängige Zuliefererbetriebe, die im Falle einer Insolvenz des Herstellers in ihrer Existenz gefährdet sind. Das Gremium sieht zusätzliche Risiken bei Vorlieferanten. Es ist zu befürchten, dass die Probleme bei den insolvenzgefährdeten Keyplayern auch die angeschlossenen Zulieferer und deren Vorlieferanten erfassen. Eine Risikoanalyse verbundener Segmente offenbart eine erhebliche Konzentration von Risiken. Die Geschäftsleitung ist sich über die drohenden Gefährdungspotenziale unsicher und gibt den Auftrag, diese Effekte detailliert zu quantifizieren und Maßnahmen zum Risikoabbau einzuleiten (GRAFIK 1).
Risikokonzentrationen entstehen im Bankgeschäft unter anderem über hohe Einzelkreditnehmerrisiken in Relation zum Eigenkapital aufgrund von Branchenverdichtungen oder einer Mittelvergabe an große Kreditnehmereinheiten. Es existieren zum einen gesetzliche Regelungen zur Messung und Begrenzung von Klumpenrisiken (§ 13, § 19 Abs. 2 KWG). Zum anderen bestehen institutsspezifische Richtlinien zur Vermeidung dieser Konzentrationseffekte.
Gerade bei Problemkrediten in der Intensivbetreuung und Sanierung erfolgt meist eine starke Limitierung beim Kreditund Risikovolumen. Erfasst werden jedoch in der Regel keine Risikovernetzungen, die aufgrund einer engen wirtschaftlichen Verbundenheit in der Wertschöpfungskette bei rechtlich selbstständigen Firmen entstehen. So kann die wirtschaftliche Schieflage eines Kernengagements auf andere Unternehmen ausstrahlen und den Risikoeffekt für ein Institut vervielfachen. Die potenziellen Ausfälle sind transparent zu machen, und es ist falls erforderlich gegenzusteuern. Helfen können dabei eine Risikoanalyse mit einer Quantifizierung von drohenden Ausfällen bei miteinander verbundenen Branchen und gezielte Steuerungsmaßnahmen zum Abbau auftretender Risikokonzentrationen.
Ein Baustein der Kreditportfolioanalyse sollte daher der Untersuchung intersektoraler Verflechtungen gelten. Dies soll am Beispiel der Automobilbranche verdeutlicht werden und ist auf andere Sektoren übertragbar. So können sich Risikokonzentrationen daraus ergeben, dass bestimmte Branchen eng miteinander verwoben sind. Gerade der Automobilsektor ist durch eine geringe Fertigungstiefe gekennzeichnet. Kraftfahrzeuge werden häufig im Rahmen eines Modulbaus gefertigt. Daher kann sich ein sektorspezifischer Abschwung in dieser Branche sehr schnell auf den gesamten Vorleistungsverbund auswirken (vgl. Deutsche Bundesbank, Monatsbericht Februar 2009, S. 48-49).
Es liegen intensive horizontale Verflechtungen vor, da der Output von Bereichen als Input in andere Gütersektoren einfließt. In den intersektoralen Vorleistungslieferungen kommen die interdependenten Produktionsabhängigkeiten der Branchen zum Ausdruck. Beispiele sind Elektrotechnik, Maschinenbau oder Chemie. Die Verzahnung dieser Wirtschaftszweige kann sich im Kreditportfolio einer Bank stark niederschlagen, unter anderem aufgrund:
- regionaler Konzentrationen im Firmenkundengeschäft,
- Verdichtungen in bestimmten Branchen,
- Klumpenrisiken durch ausstrahlende Gefährdungen großer Einzelengagements.
Es erfordert im Rahmen einer Risikofrüherkennung eine detaillierte Risikoanalyse, damit diese Wirkungen erfasst und gezielt gesteuert werden können. Zu identifizieren sind insbesondere Effekte von insolvenzgefährdeten Keyplayern auf angeschlossene Zuliefererbetriebe und deren Vorlieferanten. Die gesamte horizontale Wertschöpfungskette ist in Bezug auf die Kreditvolumina und drohende Ratingmigrationen in erhöht gefährdete Bereiche hin zu untersuchen GRAFIK 2. Zudem macht es eine Berichterstattung nach MaRisk an die Geschäftsleitung notwendig, um eine Überwachung dieser Risikoverbünde zu ermöglichen.
Es sind drei Schritte im Risikomanagement von verbundenen Kreditrisiken zu vollziehen. Zunächst sind die möglichen Risikogruppen zu identifizieren, anschließend sind die Auswirkungen zu quantifizieren, und schließlich sind die Einzelengagements zu steuern.
Identifizierung des intersektoralen Risikoverbundes
Ausgangspunkt der Risikoanalyse kann wie im Beispiel ein Großunternehmen in der Krise sein. Diese Firma muss nicht unbedingt Kreditkunde einer Bank sein. Von Interesse sind vielmehr die möglichen Auswirkungen der Schieflage auf andere Firmenkundenengagements des Kreditinstituts. Die Abhängigkeiten können über Debitoren- und Kreditorenlisten analysiert werden. Ziel ist es, festzustellen, in welchem Ausmaß sich Verzahnungen auf Kreditnehmer angeschlossener Branchen auswirken können. Treten enge geschäftliche Verbindungen auf, ist die Intensität der Geschäftsbeziehung unter Umständen auf einer Skala zu bewerten. Die Vernetzung sollte zudem über eine EDV-Verschlüsselung kenntlich gemacht werden. Diese Verschlüsselung sollte unter Umständen auf Gesamtbankebene für alle wirtschaftlich verbundenen Kreditnehmer eingeführt werden.
Wurden gewichtige Abhängigkeiten erkannt, ist im nächsten Schritt das Risikovolumen aus dem Firmennetzwerk zu messen, damit die Relevanz für das Kreditportfolio deutlich wird. Die betroffenen Engagements, die jeweiligen Volumina und die stressgetesteten Sicherungswerte sind zu quantifizieren. Ergibt sich ein erhebliches Risikovolumen in Relation zum Eigenkapital der Bank, sind unter Umständen Maßnahmen zur Reduzierung des Risikovolumens dieser Kreditnehmer einzuleiten.
Steuerung des Risikoverbundes
Abschließend ist über Maßnahmen hinsichtlich einzelner Engagements aus dem Risikoverbund zu entscheiden, so insbesondere:
- Risikoverringerung: Bestehen bei einem Engagement starke Abhängigkeiten zu einem großen Krisenfall, sind alle Möglichkeiten zur Reduzierung des Risikos zu prüfen und umzusetzen. Diese Schritte können in einem Abbau von Kreditvolumina oder in Nachbesicherungen bestehen.
- Risikotransfer: Existiert die Alternative, sich von einer Firma aus dem Verbund, bei der eine akute Gefährdung existiert, zu trennen oder diese Forderung abzusichern, sollten der Forderungsverkauf als True Sale oder die Kreditabsicherung nach Abschätzung der Kosten in Erwägung gezogen werden.
- Risikoüberwachung: Ist ein Kreditengagement im Zweifel nur mittelstark von der Krise eines Keyplayers betroffen, sollte es zunächst beibehalten, aber eng auf Risikomerkmale hin überwacht werden.
Besteht die Gefahr, dass eine drohende Insolvenz eines Großunternehmens auf andere Kreditnehmer ausstrahlt, ist es wichtig, diese Gefährdungskette innerhalb eines Branchen-Netzwerks genau zu analysieren. Die Analyse dieser Risikokategorie unterstützt eine wirkungsvolle Krisenfrüherkennung, so dass bereits zu einem frühen Zeitpunkt gegengelenkt werden kann. Wird eine hohe Relevanz für das Kreditportfolio einer Bank erkannt, sind die von der negativen Ausstrahlungswirkung betroffenen Firmenengagements und gegebenenfalls die Privatengagements, deren Volumina und die Blankorisiken in die Risikoberichterstattung nach MaRisk an die Geschäftleitung aggregiert aufzunehmen, da das Kreditportfolio einer Bank von diesen strukturellen Verschiebungen in der Zukunft stark betroffen sein kann (MaRisk BTR 1 Adressenausfallrisiken Tz. 7).
Die konjunkturellen Risiken werden in vielen deutschen Kernbranchen in den nächsten Jahren vermutlich stärkeren Schwankungen unterworfen sein. Dies wird Auswirkungen auf das Kreditgeschäft der Banken haben, wenn große gefährdete Einzelengagements eine Risikowirkung auf verzahnte Sektoren haben. Erforderlich ist aus Bankensicht die Erfassung und Steuerung der Kreditengagements entlang der Wertschöpfungskette. Die möglichen Risiken sind transparent zu machen und zu steuern. Auf diese Weise können Risiken mit einer stark negativen Wirkung auf das Eigenkapital vermieden werden.

