Gibt es eine optimale Wertschöpfungstiefe?
Outsourcing – ein Modebegriff der lange Zeit als zentraler Hebel zur Steigerung von Profitabilität und Effizienz deutscher Banken gesehen wurde. Die Organisation sollte verschlankt, und die Kosten gesenkt werden. Doch hat es sich gelohnt – dem Vorbild der Automobilindustrie folgend – ganze Bereiche auszulagern? Die folgende empirische Untersuchung gibt Antworten auf diese und weitere Fragen rund um die Wertschöpfungstiefe. | Holger G. Köckritz, Roman Simschek, Markus Schimmer
Outsourcing bleibt ein wichtiges Thema der Bankenbranche. Wer nicht „outsourced“, liegt nicht im Trend. Die Fokussierung auf die Kernkompetenzen zwingt zu einer radikalen Verschlankung der eigenen Organisation. Die Senkung des Anteils der unternehmensinternen Leistungserstellung an der Gesamtwertschöpfung scheint dringend notwendig – so eine weit verbreitete Branchenmeinung.
Der häufig angestellte Vergleich zwischen der Automobilindustrie und dem Bankgewerbe erhöht vermeintlich den Druck auf die Kreditwirtschaft, aktiv zu werden. Die entsprechende Argumentation ist schnell zurechtgelegt: Eine Wertschöpfungstiefe von 80 % muss einfach zu hoch sein, wenn es die deutschen Automobilbauer auch mit einem Anteil von lediglich 20 % schaffen. Diese geringe Quote scheint sich als ideales Maß für die Effizienz von Banken unterschiedlicher Größe und Ausrichtung etabliert zu haben.
Was sicherlich nicht bezweifelt wird, ist, dass die Wertschöpfungstiefe im letzten Jahrzehnt gesunken ist. Zumindest scheint sie „gefühlt“ gesunken zu sein, denkt man an die Vielzahl der Sourcingprojekte in den Bereichen Zahlungsverkehr Wertpapierabwicklung und Kreditbearbeitung. Doch ist die Wertschöpfungstiefe dadurch auch tatsächlich gesunken? Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang ist, wie der Sourcinggrad bei Banken ermittelt werden soll. Zuletzt interessiert zudem, ob ein niedriger Sourcinggrad zwangsläufig auch eine Steigerung des Unternehmenserfolgs mit sich bringt.
Dieser Artikel versucht anhand einer empirischen Untersuchung der deutschen Bankenbranche diese Fragen zu beantworten. Dabei muss auf Daten der externen Rechnungslegung zurückgegriffen werden, da diese einzig in repräsentativem Umfang vorliegen. Trotz der empirischen Studien auf Basis von Rechnungslegungsdaten immer wieder entgegengebrachten Kritik, erscheint eine Approximation der Fragestellungen im Rahmen des nachfolgend aufgezeigten methodischen Ansatzes als sinnvoll. So ist davon auszugehen, dass sich Bewertungsergebnisse, volatile Handelsergebnisse sowie die Positionen der Risikovorsorge im statistischen Jahresvergleich ausgleichen.
Die Wertschöpfungstiefe – Maßstab für den Auslagerungsgrad?
In der Literatur werden verschiedenste Begriffe zum Thema „Sourcing“ synonym verwendet.1 Sourcing (Source = Quelle bzw. Herkunft) legt ein verändertes Verständnis der Unternehmung bezüglich der Wertschöpfung zugrunde. Dieses beinhaltet neben Beschaffungsaspekten auch die Gestaltung der gesamten Beziehungen mit Zulieferern und die Optimierung der Wertschöpfungskette.
Die Grenzen dieser Betrachtung zeigen sich in der Übertragung des Wertschöpfungsbegriffes der Industrie auf den Bankensektor. So weisen die Ergebnisgrößen der Kreditinstitute regelmäßig eine höhere Volatilität aufgrund ihrer stärkeren Kapitalmarktabhängigkeiten auf, als dies beispielsweise in Automobilsektor der Fall ist.
Die Bruttowertschöpfung gibt den Gesamtwert des Outputs an. Dieser setzt sich zusammen aus dem im Unternehmen selbst geschaffenen Wert sowie den durch Drittleistungen hinzukommenden Werten. Bei einem Automobilhersteller entspricht die Bruttowertschöpfung der zu Marktpreisen bewerteten Jahresproduktion an Fahrzeugen (Umsatz). In Kreditinstituten sind hierzu analog die ordentlichen Ertragsquellen bzw. deren Nettoposition – wie beispielsweise der Zinsüberschuss – als Bruttowertschöpfung zu betrachten.
Bei der Berechnung der Nettowertschöpfung wird die Bruttowertschöpfung um den durch Fremdbezug von Leistungen bzw. durch Outsourcing erbrachten Teil der Gesamtleistung vermindert. Bei einem Automobilhersteller ergibt sich demnach folgende Rechnung: Gesamtumsatz minus der Summe aller Kosten, die für Lieferanten und sonstige Dienstleister anfallen. Bei Kreditinstituten sind dies entsprechend alle Kosten für den Bezug von Leistungen Dritter. Ein Beispiel sind die Kosten für einen Dienstleister, der den ausgelagerten Zahlungsverkehr betreut. Die Wertschöpfungstiefe beschreibt den vom Unternehmen selbst geschaffenen Anteil an der Gesamtleistung in Prozent. Hierfür wird einfach die Nettowertschöpfung durch die Bruttowertschöpfung dividiert. Ihr Pendant ist der Sourcinggrad. Er weist den prozentualen Anteil der durch Dritte erstellten Leistungen aus.
Berechnung der Wertschöpfungstiefe
Um eine umfassende Aussage über die Höhe der Wertschöpfungstiefe bzw. des Sourcinggrads für das gesamte Kreditgewerbe in Deutschland machen zu können, wurden als Datengrundlage externe Rechnungslegungsdaten gewählt. Diese sind leicht zugänglich und für einen Großteil von Banken umfassend verfügbar. Um die Vergleichbarkeit zwischen Großbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken sicherzustellen, wurden für die Analysen die jeweiligen HGB-Jahresabschlüsse herangezogen. Basierend auf den ersten Ansätzen von Weisser2 wurde eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe sich aus der Gewinn- und Verlustrechnung Wertschöpfungstiefe und Sourcinggrad annähernd ableiten lassen.
Im ersten Schritt wird berechnet, welchen Wert eine Bank insgesamt schafft, also welche Bruttowertschöpfung sie überhaupt erzielt. Lässt sich das bei einem Automobilkonzern noch relativ einfach über die mit Marktpreisen bewertete Menge der erstellten Fahrzeuge ermitteln, gestaltet sich dies bei Banken schon deutlich schwieriger. Die Bruttowertschöpfung entsteht schließlich in mehreren Geschäftsbereichen einer Bank, deren jeweilige Geschäftsmodelle sich sehr stark voneinander unterscheiden können.
In dem hier dargelegten Berechnungsmodell stellen die Überschüsse aus dem Zinsgeschäft, aus dem Provisionsgeschäft und aus den Finanzgeschäften den Kern des geschaffenen Wertes dar. Auch die Position „Erträge aus Gewinngemeinschaften, Gewinnabführungs- oder Teilgewinnabführungsverträge“ wird in die Berechnung einbezogen – obwohl sie vom finanziellen Erfolg anderer Institute abgeleitet wird und als Eigenleistung unterdrückend gilt. Grund: In der Fachliteratur wird allgemein davon ausgegangen, dass „auch dieser Position eine in irgendeiner Form in der Vergangenheit getätigte Kapitalinvestition […] zugrunde liegt.“3
Von dieser Summe sind wiederum die Vorleistungen - also Leistungen Dritter - abzuziehen. Bei Banken zählen hierzu der Provisionsaufwand, der Sachaufwand und sonstige betriebliche Aufwände. Als Ergebnis dieser Rechnung erhält man die Nettowertschöpfung. Diese gibt an, wie viel des insgesamt geschaffenen Wertes von einer Bank selbst geschaffen wurde.
Repräsentative Analyse von mehr als 300 Banken
Die beschriebene Berechnungsmethodik wurde auf eine Stichprobe von insgesamt 300 Banken aus Deutschland angewendet. Verteilt auf die drei Säulen des Bankgewerbes wurden jeweils die nach Bilanzsumme Top 100 der Privatbanken, Genossenschaftsbanken mit Zentralinstituten und Sparkassen mit Landesbanken analysiert. Bezogen auf die Grundgesamtheit der 2007 in Deutschland gemeldeten Institute Institute von circa 2.300 Unternehmen beträgt der Abdeckungsgrad der Studie somit 13 %. Der Analysezeitraum für diese Stichprobe umfasste die Jahre 2000 bis 2007.
Wertschöpfungstiefe im Zeitverlauf: Die konsolidierte Analyse über den Privatbanken-, Sparkassen- und Genossenschaftssektor zeigt einen relativ stabilen Verlauf für die Jahre 2000 bis 2007. Im Schnitt lag die Wertschöpfungstiefe im genannten Zeitraum bei 73,6 %. Demnach scheinen die Outsourcingprojekte der letzten Jahre zwar medial präsent gewesen zu sein, die Wertschöpfung der Banken aber eher wenig beeinflusst zu haben.
Ein differenzierteres Bild zeigt sich jedoch bei der getrennten Analyse nach einzelnen Sektoren. So sind zwischen den drei Bankenlagern deutliche Unterschiede zu erkennen. Der Sparkassensektor zeigt bis 2006 eine relativ konstante Entwicklung der Wertschöpfungstiefe von durchschnittlich 72,2 %. Im Genossenschaftsbankensektor lässt sich ein Entwicklungspfad vorweisen, der eindeutig unter dem des Sparkassensektors verläuft. Lag die Wertschöpfungstiefe im Jahre 2000 noch bei 74 %, so ist diese in den letzten Jahren auf knapp 71 % gesunken. Im Privatbankensektor scheint die ursprünglich getroffene Annahme einer sinkenden Wertschöpfungstiefe in ähnlicher Weise zuzutreffen. Ausgehend von einem Wert von 74 % ist diese auf unter 68 % gesunken. Hier scheinen die Outsourcingbemühungen gegriffen zu haben.GRAFIK 4 fasst die Trends innerhalb der einzelnen Sektoren zusammen. Insgesamt ist anzumerken, dass der Gesamteffekt - ob positiv oder negativ – relativ gering zu sein scheint, obwohl die Wertschöpfungstiefe aller Sektoren im Jahre 2007 gesunken ist. Die reine Beschreibung der Entwicklung der Wertschöpfungstiefe lässt zudem noch keine Schlüsse darüber zu, ob das Outsourcing auch wirklich erfolgreich war. Hierzu werden im nächsten Abschnitt die statistischen Zusammenhänge zwischen Wertschöpfungstiefe und Performance- Kennzahlen analysiert.
Für die Analyse des Sourcingerfolgs werden im Folgenden die Korrelationen zwischen Wertschöpfungstiefe und dem Return on Equity (RoE) bzw. der Cost Income Ratio (CIR) dargestellt. Diese Analysen sollen zeigen, ob einzelne Banken, die eine niedrigere Wertschöpfungstiefe haben, auch erfolgreicher sind. Denn diese Annahme steckt hinter der immer wieder aufgeworfenen Forderung, dass Banken ihre Wertschöpfungstiefe analog der Automobilbranche senken sollten.
Korrelation Wertschöpfungstiefe und RoE: Die untersuchten Banken hatten im Zeitraum 2000 bis 2007 einen durchschnittlichen RoE von 8,8 %. Die Analyse der Korrelation zwischen diesen beiden Kennzahlen zeigt, dass für die Jahre 2002, 2003 und 2004 ein signifikanter leicht positiver Zusammenhang zwischen Return on Equity und Wertschöpfungstiefe besteht. Das bedeutet, dass Banken, die einen hohen RoE haben, tendenziell auch eine höhere Wertschöpfungstiefe besitzen und vice versa.
Bei den einzelnen Sektoren zeigt sich, dass der Zusammenhang am stärksten bei den Privatbanken zu erkennen ist. So lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Banken mit einer hohen Wertschöpfungstiefe tendenziell einen höheren Return on Equity haben. Dieses Ergebnis widerspricht der allgemeinen Annahme, dass das Outsourcing von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Bereichen und Prozessen Banken erfolgreicher werden lässt. Zumindest nicht, wenn man den RoE als Erfolgsmaßstab nimmt. Festzuhalten bleibt, dass dieser Zusammenhang statistisch jedoch sehr schwach und seine Aussagekraft somit eher gering ist.
Korrelation Wertschöpfungstiefe und CIR: Die Cost Income Ratio betrug im Betrachtungszeitraum durchschnittlich 67,5 %. Die Analysen zeigen, dass zwischen der CIR und der Wertschöpfungstiefe kein Zusammenhang besteht. Mit leichtem Signifikanzniveau zeigt sich in den Jahren 2002 und 2003, dass Banken, die eine hohe Wertschöpfungstiefe haben, eine etwas niedrigere CIR aufweisen. Dieses Ergebnis scheint auf den ersten Blick überraschend. So wäre doch für alle Jahre zu erwarten gewesen, dass Banken, die mehr Prozesse ausgelagert haben als andere, dies aus Kostengründen getan haben. So müssten Banken mit einer geringen Wertschöpfungstiefe eigentlich auch eine bessere CIR haben.
Mehrere Interpretation sind möglich: Viele Banken scheinen die Kosten, die durch eine Auslagerung von Prozessen zusätzlich entstehen, in ihren Kalkulationen vernachlässigt zu haben. So werden beispielsweise Migrations- und Projektkosten von Outsourcingvorhaben zu gering kalkuliert. Auch die Kosten, die für das langfristige Management der Auslagerung notwendig sind, wie beispielsweise das Controlling, werden oft nicht ausreichend berücksichtigt. Auch die Annahme, dass die Leistungserbringung durch einen Dritten zu höherer Leistungsqualität führt, wird im Rahmen dieser Analyse nicht gestützt. Diese Erklärungsansätze gelten für alle drei Sektoren der Bankenbranche.
Mythos optimale Wertschöpfungstiefe
Die Auswertungen zeigen, dass sich die Wertschöpfungstiefe der deutschen Kreditwirtschaft im Zeitkorridor von 2000 bis 2007 auf einem im Vergleich zu anderen Branchen relativ hohen Niveau von im Schnitt 73 % befand. Noch in den 1990er Jahren lag dieser Wert bei deutlich über 80 %. Insofern haben die Sourcing- Projekte der Vergangenheit eventuell zu einer sinkenden Wertschöpfungstiefe geführt. Seit dem Jahr 2006 ist sowohl für den Sparkassensektor, den Genossenschaftsbankensektor als auch für den Privatbankensektor ein Trend zur Senkung der Wertschöpfung zu beobachten.
Die häufig aufgeworfene Forderung nach einer Senkung der Wertschöpfungstiefe in der deutschen Kreditwirtschaft lässt sich somit anhand der hier durchgeführten Analysen nicht begründen. Die alleinige Senkung der Wertschöpfungstiefe führt ohnehin nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung des Unternehmungserfolgs. Es scheint sogar teilweise das Gegenteil der Fall zu sein. Diesen Schluss lassen insbesondere die Korrelationsanalyse zu Erfolgskennzahlen wie dem Return on Equity und der Cost Income Ratio zu. So besteht zwischen der Wertschöpfungstiefe und Erfolgskennzahlen nur ein geringer Zusammenhang. So ist beispielsweise bei der Kennzahl CIR ein statistisch leicht signifikanter Zusammenhang für einige Jahre erkennbar. Dieser zeigt jedoch, dass gerade Banken, die wenig ausgelagert haben, eine niedrige CIR aufweisen.
Es liegt nahe, dass die Sinnhaftigkeit der Realisierung einer Outsourcinglösung somit sehr stark unternehmensindividuell geprägt ist. Ob die Auslagerung einzelner Bereiche bzw. Prozesse sinnvoll ist, hängt von den unternehmensindividuellen Faktoren und den damit zusammenhängenden Kostenstrukturen ab.
Die Autoren danken Sandra Romeis und Denise Liebschner für ihre tatkräftige Unterstützung bei der Durchführung der statistischen Analysen und deren graphischer Aufbereitung
1 Lamberti, Hermann-Josef, 2005: Kernelemente der Industrialisierung in Banken aus Sicht einer Großbank, in: Handbuch Industrialisierung der Finanzwirtschaft, Strategien, Management und Methoden für die Bank der Zukunft, S. 87 ff.
2 Weisser, Norman, 2004: Das Phänomen der falschen Zahl, in: Die Bank, Nr. 12, S. 3 ff.
3 Koch, Jens, 2009: Die Konzeption zur Messung und Beurteilung der Wertschöpfungstiefe in Banken, Dissertation, S. 56 ff.

