Bonitätsbewertung – eine Frage der Präzision
Die Bonität der deutschen Unternehmen wurde durch den hinter uns liegenden Konjunktureinbruch und die damit verbundenen Finanzierungsengpässe erheblich angegriffen. Das zeigt eine Untersuchung zur Entwicklung der Unternehmensbonität in der zurückliegenden Rezession. Als relevante Kennzahl wurde dabei der Creditreform Bonitätsindex herangezogen, der im Rahmen der Unternehmensfinanzierung eine Einschätzung der Kreditwürdigkeit ermöglicht. | Jörg Rossen
Die Studie zeigt, dass im Herbst 2010 deutlich mehr Unternehmen als vor Ausbruch der Krise mit einer sehr schwachen Bonität bewertet wurden. Sehr gute und gute Bonitätsbewertungen wurden hingegen weniger oft vergeben. Die Zahl der Unternehmen, die in die höchste Risikoklasse eingeordnet werden, stieg seit Rezessionsbeginn um 6,4 %. Gleichzeitig schrumpfte die Klasse der Unternehmen mit ausgezeichneter Bonität um 14,3 %. Aufgrund der eingetretenen Bonitätsverschiebungen ist es in der Phase der wirtschaftlichen Erholung jetzt umso wichtiger, potenziell ertragreiche und verlustreiche Geschäfte oder Geschäftspartner noch exakter unterscheiden zu können, als es bisher möglich war.
Dazu hat Creditreform die Berechnungsmethode für den Bonitätsindex weiterentwickelt. Das Ziel war, die Prognosegüte weiter zu steigern. In der Theorie liegen in einem perfekten Bewertungssystem in der besten Risikoklasse keine Ausfälle vor, während alle Ausfälle auf die schlechtesten Risikoklassen konzentriert sind. Um den Bonitätsindex in diese Richtung weiterzuentwickeln, müssen bonitätsstarke Unternehmen tendenziell besser bewertet werden als zuvor, bonitätsschwache Unternehmen hingegen tendenziell schlechter. Im Ergebnis glättet sich die Verteilung der Unternehmen über alle Risikoklassen hinweg. Die Bonitätsbewertung wird noch kleinteiliger und differenzierter. Creditreform integriert den Bonitätsindex 2.0 – das Ergebnis der Weiterentwicklung – seit Februar 2011 in die verschiedenen Auskunftsformate.
Grundlagen der Weiterentwicklung
Die Weiterentwicklung berücksichtigt Veränderungen in der Struktur der deutschen Wirtschaft ebenso wie Änderungen der Ausfallwahrscheinlichkeit in einigen Branchen oder Rechtsformen. Während die Ausfallwahrscheinlichkeit bei Gewerbebetrieben in den letzten Jahren stark anstieg, ist sie etwa bei der Gesellschaftsform GmbH & Co. KG gesunken. Die Ausfallwahrscheinlichkeit beschreibt dabei die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen in Deutschland innerhalb von zwölf Monaten in eine der beiden schlechtesten Bonitätsklassen des Bonitätsindex wandert. Diese Definition entspricht den Kriterien gemäß Basel II, wonach ein Ausfall dann vorliegt, wenn eine Forderung seit 90 Tagen überfällig ist oder die Zahlungen eingestellt werden.
Um den unterschiedlichen Ausfallwahrscheinlichkeiten in den verschiedenen Rechtsformen gerecht zu werden, wurden drei Rechtsform-Cluster gebildet. Die genaue Merkmalszusammensetzung und die Gewichtung der einzelnen Merkmale variiert je nach Cluster. Die Rechtsform-Zusammensetzung der einzelnen Cluster ist wie folgt:
- Cluster I: Freier Beruf, Gewerbebetrieb,
- Cluster II: Offene Handelsgesellschaft (OHG), Kommanditgesellschaft (KG), Einzelfirma (e. K.), eingetragener Verein (e. V.), BGB-Gesellschaft,
- Cluster III: Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), GmbH & Co. KG, Aktiengesellschaft (AG), eingetragene Genossenschaft (e. G.), ARGE.
Als weiterer Auslöser für die Weiterentwicklung kommt hinzu, dass sich die Datenbasis für die Berechnung des Bonitätsindex erheblich erweitert hat. So stehen Informationsquellen wie Jahresabschlüsse, Zahlungserfahrungen und Branchenkennzahlen inzwischen in weitaus größerem Umfang für die Bewertung zur Verfügung. Für die Berechnung des Index wird darüber hinaus eine Vielzahl weiterer Informationen bewertet, auf denen die Bonität eines Unternehmens gründet. Dabei werden mehr als zehn Merkmale aus der Auskunft und aus branchenanalytischen Vergleichswerten sowie einzelne Kennzahlen daraus zur Bonitätsbestimmung herangezogen. Dies sind in alphabetischer Reihenfolge:
- Anzahl Mitarbeiter, Relation Umsatz/Mitarbeiter,
- Auftragslage, Unternehmensentwicklung,
- Branche,
- Erfahrung Management,
- Jahresabschlüsse,
- Kapital, Relation Kapital/Umsatz,
- Krediturteil,
- Rechtsform,
- Region, PLZ-Gebiet,
- Umsatz,
- Unternehmensalter,
- Zahlungsweise / Externe Zahlungserfahrungen.
Neben der beschriebenen Datengrundlage und qualitätsgesicherten Bewertungsprozessen kommt die Erfahrung der bewertenden Analysten als ein weiterer wesentlicher Faktor für die Prognosegüte der Bonitätsbewertung hinzu. Jede Bewertung wird final durch einen Analysten geprüft und freigegeben, es handelt sich also nicht um eine rein synthetische Bewertung. Alle öffentlich verfügbaren sowie die zusätzlich exklusiv recherchierten Bonitätsinformationen zu Unternehmen werden in Datenbanken erfasst. Die verwendete Firmendatenbank ist mit fast 4 Mio Datensätzen über deutsche Unternehmen, Gewerbetreibende und Freiberufler die weltweit größte ihrer Art.
In der Bilanzdatenbank stehen rund 4 Mio Jahresabschlüsse von mehr als 1 Mio Unternehmen für die Analyse zur Verfügung. Jede der jährlich knapp 1 Mio beim eBundesanzeiger hinterlegten Bilanzen und Geschäftsberichte werden in der Bilanzdatenbank erfasst. Exklusiv werden auch Jahresabschlüsse nicht hinterlegungspflichtiger Unternehmen im Dialog mit diesen Unternehmen für die Bewertung nutzbar gemacht. Auch unterjährige Daten aus Summen- und Saldenlisten sowie betriebswirtschaftlichen Auswertungen werden erfasst. Alle Jahresabschlüsse werden einer Bilanz- und Kennzahlanalyse unterzogen. Daraus resultieren jährlich mehr als 200.000 zusätzliche Klärungsprozesse im direkten Austausch mit den zu bewertenden Unternehmen.
Das Zahlungsverhalten der Unternehmen wird im Debitorenregister Deutschland erfasst. Der Pool dokumentiert die Zahlungserfahrungen deutscher Unternehmen mit ihren Geschäftspartnern und umfasst mittlerweile annähernd 90 Mio Zahlungsbelege über rund 1,9 Mio Debitoren. Die Daten werden systematisch und statistisch ausgewertet und fließen nach strengen Regeln mit in die Bonitätsbewertung von Unternehmen ein. Zusätzlich werden individuelle Erfahrungen mit der Zahlungsabwicklung durch Rückfragen bei Lieferanten erhoben. Die Fülle der Informationen ermöglicht ein aktuelles Urteil über das Zahlungsverhalten deutscher Unternehmen. Veränderungen oder Unregelmäßigkeiten können frühzeitig erkannt werden.
Ermittlung des Index
Der Bonitätsindex 2.0 kann Werte zwischen 100 und 500 oder 600 annehmen. Das entspricht dem Spektrum zwischen einer ausgezeichneten Bonität und der Zahlungseinstellung. Die Bonitätsbeurteilung erfolgt auf Grundlage der je nach Rechtsform-Cluster spezifischen Kombination qualitativer Bewertungen durch Analysten und quantitativer Merkmale. Die Merkmalsausprägungen ergeben sich aus der unternehmensbezogenen Recherche und aus dem Benchmarking mit Branchenvergleichswerten.
Im Kern werden alle bonitätsrelevanten Kriterien für jedes Unternehmen einzeln bewertet. Dabei wird jedem Kriterium eine Gewichtung zugeordnet. Die Gewichtungen der einzelnen Kriterien wurden über statistische Verfahren unter Zugrundelegung einer repräsentativen Gesamtheit von Unternehmensdaten ermittelt und unterliegen im Rahmen des Monitorings einer laufenden Überwachung und Qualitätssicherung.
Die Einzelbewertungen werden anschließend unter Berücksichtigung der Bedeutung dieses Kriteriums zu einer Gesamtbewertung verdichtet. Je höher der Bonitätsindex ist, desto größer ist das Risiko. Je geringer die Risikopunktzahl ausfällt, desto besser ist die Bonität des zu beurteilenden Unternehmens. Die Indexwerte werden in acht Klassen eingeteilt, die gemäß GRAFIK 1 definiert und entsprechend der damit verbundenen durchschnittlichen Ausfallwahrscheinlichkeit je Klasse interpretiert werden.
In der täglichen Praxis des Risikomanagements spielt die Zusammenfassung vergleichbarer Schuldner in eine Bonitäts- bzw. Risikoklasse eine große Rolle. Grund dafür ist, dass die aus den internen Kreditrichtlinien abgeleiteten Werte wie Kreditlimits und Zahlungsziele bei Lieferantenkrediten sowie risikoabhängige Margen und Standard-Risikokosten im klassischen Kreditgeschäft der Banken und Sparkassen vom Risikogehalt des Kredits und damit von der Risikoklasse abhängen. Daher ist der Bonitätsindex nicht nur für Industrieunternehmen und Kreditinstitute als externe Information in interne Ratingsysteme integrierbar, sondern wird von Creditreform zusätzlich auch in Risikoklassensysteme eingebettet.
Die zusätzliche Einordnung des ausgewiesenen Bonitätsindex in die sechsstufige Ratingskala der Initiative Finanzstandort Deutschland (IFD) ermöglicht die Übertragung der Bonitätsbewertung auf die Ratingskalen deutscher Banken. Bewertete Unternehmen können daran auf Basis ihres Bonitätsindex ablesen, wie ihre Bewertung durch die weiteren Ratingsysteme ausfallen würde. Darüber hinaus ermöglicht die IFD-Skala das Mapping der punktgenauen Ausfallwahrscheinlichkeit des Bonitätsindex auf die Ratingskala eines Finanzdienstleisters.
Die Aussagekraft der Bonitätsbewertung
Die Trennschärfe von modernen Ratingsystemen wird durch statistische Gütemaße wie den Gini-Koeffizienten beurteilt. Ein Ratingsystem ist umso trennschärfer, je besser der Ausfall oder Nicht-Ausfall eines Unternehmens im Voraus prognostiziert werden kann. Der Gini-Koeffizient des Bonitätsindex 2.0 liegt bei 57,3 %. Mit der bisherigen Berechnungsmethode wurde ein Gini-Koeffizient von 49,9 % erreicht. Diese Werte basieren auf einem Betrachtungszeitraum von zwölf Monaten und der Gesamtheit aller deutschen Unternehmen. Damit hat der Bonitätsindex 2.0 einen um mehr als sieben Prozentpunkte besseren Gini-Koeffizienten, was eine deutlich bessere Trennschärfe zur Folge hat.
Veränderungen in der Bonitätsbewertung
Durch die Weiterentwicklung der Berechnungsmethode und den Ausbau der Datenbasis für die Berechnung des modifizierten Bonitätsindex kann sich der bisherige Indexwert eines Unternehmens verändern. Diese Veränderungen sind das erwünschte Ergebnis der verfeinerten Bonitätsbewertung und der damit verbundenen Steigerung der Trennschärfe des Auskunftssystems. 90 % der Abweichungen liegen im Bereich zwischen einer Verbesserung des Bonitätsindex 2.0 um 42 Punkte und einer Verschlechterung um 18 Punkte. Über alle Unternehmen hinweg verbessert sich der Index durchschnittlich um neun Punkte, von 259 auf 250 Punkte.
Die Veränderungen basieren vor allem auf dem deutlichen Ausbau der Informationsbasis und dem damit verbundenen Anstieg der Bewertungssicherheit und Transparenz. Folglich steigt die Wahrscheinlichkeit für eine verbesserte Bonitätsbewertung mit dem Umfang der zur Verfügung stehenden Informationen.
Für die Unternehmen lässt sich aus diesem Zusammenhang ableiten, dass sie durch eine aktive Finanz- und Bonitätskommunikation mit zum weiteren Ausbau der Transparenz beitragen können. Ein offensiver Umgang mit den eigenen Kennzahlen – etwa den vollständigen Bilanzen inklusive der Gewinn- und Verlustrechnung – hilft, die eigene Kreditwürdigkeit zu kommunizieren sowie die Finanzierungsmöglichkeiten auszubauen und zu verbilligen

