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Berufliche Anforderungen

Versagensängste überwinden

Wachsende berufliche und private Anforderungen in Verbindung mit zunehmender Zukunftsunsicherheit sind der Nährboden für Versagensängste. Viele kennen inzwischen dieses beklemmende Gefühl. Hilfe bringt in dieser Situation die Suche nach innerer Entlastung. Unterbleibt sie, baut sich ein Belastungspotenzial auf, das bis zur Handlungsunfähigkeit lähmend wirken kann. Professor Dr. Heinz Böker erläutert im Interview, wie Versagensängste entstehen und wie mit ihnen umgegangen werden sollte.

die bank: Professor Böker, Versagensängste, wie entstehen sie?

Heinz Böker: Angst hat eine lange Vorgeschichte in der Entwicklung der menschlichen Spezies und insbesondere in der Vorgeschichte des jeweiligen Einzelnen. Beim Aufkommen von Versagensängsten spielt sicherlich auch die Überprüfung der individuellen Möglichkeiten in der Auseinandersetzung mit der Umwelt eine Rolle. Also der Versuch, vorauszusehen und einzuschätzen, auf welche Anforderungen sich der Einzelne in Zukunft einstellen muss, was angesichts der zu erwartenden Veränderungen beibehalten werden kann und was verändert werden muss. Diese Überprüfung kann dazu führen, dass jemand dunkle Wolken über sich aufziehen sieht, die schließlich sein Denken beziehungsweise Empfinden zunehmend verdunkeln. Die Angst zu versagen stellt sich ein.

die bank:Was läuft dabei in den Menschen ab?

Heinz Böker: Das ist sehr komplex und hängt von mehreren Faktoren ab. Unter anderem vom Temperament, der überwiegend biologisch bedingten Grundgestimmtheit eines Menschen. Ferner von seiner Persönlichkeit, die sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt. Auf dieser individuellen Grundlage kann sich eine sorgenvoll-grüblerische Haltung herausbilden, die immer schon vom schlimmsten Fall ausgeht. Darüber hinaus können tatsächlich vorhandene aktuelle und chronische Belastungen, wie Trennungen, Verlust, Sorge um den Arbeitsplatz und eben die Befürchtung, zukünftigen Anforderungen nicht mehr zu genügen, eine Rolle spielen. Es entwickelt sich schließlich eine zunehmende Angst, die Kontrolle über wichtige Abläufe im Leben zu verlieren.

die bank: Betroffene berichten, die Versagensängste hätten sie urplötzlich überfallen. Wie ist das zu erklären?

Heinz Böker: Versagensängste haben vielfach eine lange Vorgeschichte, die dem Betreffenden selbst aber gar nicht bewusst ist. In der Vorgeschichte von Depressionen und auch im Verlauf depressiver Erkrankungen spielt die Angst eine besondere Rolle. Durch Veränderungen im Leben, insbesondere durch die erwähnten Verlust- und Trennungserfahrungen beziehungsweise die entsprechenden Befürchtungen kann es auf neurobiologischer Ebene unter anderem auch zu einer Aktivierung der Stressachse, sprich der Verbindung bestimmter Hirnzentren und der Nebennierenrinde kommen, die zur Ausschüttung von Stress-Hormonen beiträgt. Wird diese Aktivierung der Stressachse zum Dauerzustand, hat das vielfältige negative Auswirkungen, insbesondere leidet darunter auch die Konzentrations- und Merkfähigkeit. Ist das der Fall, reichen dann manchmal relativ banale Ereignisse im Alltag aus, um schließlich das Fass zum Überlaufen zu bringen: Der Betreffende wird scheinbar urplötzlich von Versagensängsten überschwemmt und die zuvor sinnvolle, realistische Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen verwandelt sich in ein dysfunktionales blockierendes Muster.

die bank: Können Sie das noch genauer erläutern?

Heinz Böker: In Menschen, die sich urplötzlich von Versagensängsten überfallen fühlen, ist bereits zuvor so etwas wie eine Aufspaltung von Gefühlen und Gedanken eingetreten. Der Betreffende ist oftmals in einer länger anhaltenden Anspannung, die er sich selbst vielfach gar nicht erklären kann. Die erwähnte Aktivierung der Stressachse ist eingetreten. Sie hat zu einer vermehrten Ausschüttung von Cortisol beigetragen. Das ist für die Bewältigung einer akuten Stress-Situation - einer Bedrohung beispielsweise - eine durchaus sinnvolle Reaktion.

Eine anhaltende innere Anspannung beeinträchtigt aber in hohem Maße die Merkfähigkeit und die Konzentration, also das Leistungsvermögen eines Menschen. Auf der Ebene des individuellen Erlebens erfährt der Betreffende dadurch zunehmend belastender, dass er sich nicht mehr in der Lage fühlt, die Herausforderungen seines Lebens im Alltag zu bewältigen. Das heißt, der Betreffende erlebt sich als hilflos, hat das Gefühl, nichts mehr in der eigenen Hand zu haben und kontrollieren zu können.

die bank: Nicht wenige Menschen neigen dazu, sich selbst an allem Möglichen die Schuld zu geben. Worin liegt dieses Phänomen begründet?

Heinz Böker: Es besteht sicherlich keine reale Schuld. Gleichwohl erleben sich paradoxerweise oftmals gerade diejenigen in besonderer Weise schuldig und stellen sich selbst an den Pranger, die sich in einer ganz besonderen Weise für andere Menschen, für die Arbeit und das Funktionieren der Gesellschaft verantwortlich fühlen. Zu erwähnen wäre in diesem Zusammenhang auch, dass bei Versagensängsten häufig auch überhöhte Ideale eine Rolle spielen, die beruflich wie privat dazu beitragen sollen, Sicherheit in sozialen Rollen und ein Aufgehobensein in Bindungen zu finden.

Eine Sicherheit, die auf diesem Wege aber nicht nachhaltig gefunden werden kann. Um hier Abhilfe zu schaffen, ist es wichtig, diese dysfunktionalen Denk-Automatismen zu identifizieren, nicht zuletzt auch die möglichen biographischen Zusammenhänge zu erkennen und günstigere Bewältigungsmechanismen zu entwickeln. Dazu kann es dann auch gehören, irgendwann einmal Abschied zu nehmen von Selbstbildern, die über lange Zeit eine mehr oder weniger vorhandene Sicherheit ermöglicht haben.

die bank: Stichwort „Ideale“. Sich als leistungsfähig zu erleben und sich entsprechend auch immer wieder zu fordern, ist für viele ein Lebenselixier. Wo zieht der Arzt die Grenze zwischen gesundem Sich-Fordern und bedenklichem Sich-Überfordern?

Heinz Böker: Die Grenze ist erreicht, wenn ein Teufelskreis eintritt zwischen angestrebtem Erfolg und erzieltem Resultat: Wenn sich der Betreffende immer mehr anstrengen muss, schließlich nicht mehr zur Ruhe kommt, keinen Schlaf mehr findet, sich zunehmend erschöpft. Viele sprechen dann vom Burn-out-Syndrom: Eine Mode-Diagnose, der weniger Makel anhaftet, vielleicht auch die erlebte Beschämung zu reduzieren hilft. Letztlich handelt es sich um den Beginn einer Depression mit der Notwendigkeit, Arbeits- und Lebensabläufe zu ändern und/oder therapeutische Hilfe zu suchen.

die bank: Niemand kommt als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Inwieweit haben die Gene Auswirkungen auf Weltsicht, Belastbarkeit und Bewältigungsfähigkeit eines Menschen?

Heinz Böker: Gene spielen gewiss eine Rolle. Wie sollte es anders sein? Vermutlich können auch gravierende körperliche Erkrankungen in wichtigen Entwicklungsphasen des menschlichen Organismus die spätere Belastbarkeit und Bewältigungsfähigkeit beeinträchtigen. Weiter wissen wir inzwischen recht viel über die nachhaltigen Auswirkungen traumatischer psychischer Erfahrungen in Kindheit und Jugend eines Menschen, die auch zum vermehrten Auftreten von Ängsten und im Weiteren Depressionen beitragen können.

Die Interaktionen von Anlage und Umwelt sind Teil eines dynamischen Systems, innerhalb dessen beispielsweise genetisch verankerte Informationen erst unter bestimmten Umwelteinflüssen wirksam und manifest werden. Und umgekehrt können auch bestimmte Bedingungen in der Umwelt, beispielsweise ein günstiges familiäres Milieu oder soziale Unterstützung im Erwachsenenalter, eine schützende Funktion erlangen.

In diesem Zusammenhang sind einige Erkenntnisse des berühmten US-amerikanischen Depressionsforschers Kendler von besonderem Interesse: In der Liste der Risikofaktoren, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Depression innerhalb der nächsten vier Wochen einhergehen, stehen belastende Lebensereignisse an erster Stelle, erst dann folgen die Gene, weitere Faktoren sind die Persönlichkeit und frühere depressive Episoden.

die bank: Sind Menschen dadurch in ihren Möglichkeiten, mit verunsichernden Lebenssituationen umzugehen, ein für allemal festgelegt?

Heinz Böker: Nein. Ich habe bereits auf die dynamischen Wechselwirkungen biologischer, psychischer und sozialer Faktoren im Leben eines Menschen hingewiesen. Durch die Erkenntnisse der Hirnforschung der letzten 20 Jahre wissen wir von der erstaunlichen Plastizität des Nervensystems, der Neuroplastizität, die es auch ermöglicht, bereits eingetretene Schädigungen - zumindest in einem begrenzten Umfang - zu kompensieren. Aus der Depressionsforschung wissen wir, dass eine erlebte Depression auf neurobiologischer Ebene zu einer umfassenden Neu-Adaptation zentral-nervöser Abläufe beiträgt. Aus dem Alltag ist vielen von uns bekannt, dass verunsichernde Lebenssituationen die Tür zu Veränderungen aufstoßen können. Dies gilt auch zum Teil für schwerere Depressionen, die von dem Betreffenden im weiteren Verlauf auch als Chance erlebt werden können und wesentliche Veränderungen im Leben anstoßen.

die bank: Was kann der Einzelne aus seinem Lebensvollzug heraus tun, um Versagensängsten vorzubeugen?

Heinz Böker: Die Antwort wird von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfallen. Verlangen Sie also bitte keine perfekten Rezepte von mir. Ganz grundsätzlich aber geht es sicherlich darum, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Nur was ist das Wesentliche? Im Blick darauf, Versagensängsten vorzubeugen, gehört dazu, herauszufinden: An welcher Stelle reagiere ich auf die Erwartungen anderer und inwieweit stehen meine Reaktionen im Einklang mit meinen eigenen Bedürfnissen? Mit anderen Worten: Wie achtsam gehe ich mit mir selbst und anderen um? Wenn Sie so wollen, geht es letztlich darum, sich selbst schätzen zu können und sorgsam mit den eigenen Kräften umzugehen.

die bank: Ab wann ist es ratsam, bei Versagensängsten professionelle Hilfe zu suchen?

Heinz Böker: Spätestens dann, wenn die Tendenz zu sorgenvollem Grübeln immer mehr einmündet in einen dauerhaften Zustand von Anspannung und Erschöpfung und erste depressive Symptome im engeren Sinne, also gedrückte Stimmung, Leeregefühle, Antriebslosigkeit, körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen auftreten.

die bank: Wie kann oder sollte diese Hilfe aussehen?

Heinz Böker: Sie hängt - unter anderem - von der Schwere der Beschwerden ab und von den Zusammenhängen, die zu dem Auftreten der Versagensängste beigetragen haben: Die erste Anlaufstelle ist zumeist der Hausarzt, der den weiteren Verlauf entweder zunächst in Gesprächen mit dem Betroffenen aufmerksam beobachten kann oder bei mittelgradigen und schweren Ängsten eine medikamentöse Behandlung einleiten kann. Ratsam ist, diese Behandlung mit einer geeigneten Psychotherapie zu verknüpfen. Hierzu stehen mehrere Psychotherapieverfahren zur Verfügung: Psychodynamische Kurzzeittherapie, Psychoanalytische Langzeittherapie, Kognitiv-Behaviorale Therapie, Interpersonelle Therapie.

die bank: Professor Böker, aus Ihrer ärztlichen Sicht, Ihr abschließender Rat in Sachen Versagensängste.

Heinz Böker: Die Versagensangst ist wie jedes andere Gefühl auch ein Signal - ein Signal an andere und an sich selbst mit der Botschaft, dass eine Situation eingetreten ist, die Veränderung, unter Umständen auch Hilfe erfordert. Es geht also darum, dieses Signal selbst wahrzunehmen, ernst zu nehmen und nicht damit allein zu bleiben.

die bank: Vielen Dank für das Gespräch.

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 08/2009
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