Nicht in der Routine versinken
Auch die sorgfältig abgearbeitete Routine ist eine unverzichtbare Stütze des betrieblichen wie persönlichen Erfolgs. Wer sie gering schätzt, irrt. Doch so hilfreich Routinen auch sind, fahrlässig handelt, wer ihr beträchtliches Problempotenzial übersieht: die Betriebs- und Lebensblindheit. Aus dem allmählich-unbemerkten Versinken in Routine erwachsen Gefahren für die persönliche Zukunftsfähigkeit. | Hartmut Volk
Wie sich behaupten im Strudel dessen, was kommen wird? Das beklemmende Empfinden von Unsicherheit und Verunsicherung ist für viele zum Begleiter im Berufsalltag geworden, war doch bislang keine Unternehmer- wie Arbeitnehmergeneration mit solch drastischen Veränderungen der Wirtschaftswelt konfrontiert – und auch keinem vergleichbaren geschäftlichen wie zwischenmenschlichen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Was die Orientierung nicht gerade erleichtert, ist das Riesenangebot an Ideen, Konzepten und Rezepten, die alle für sich reklamieren, für die Zukunft fit zu machen.
Wichtig ist, wandlungsfähig zu bleiben
„Die Kunst der Zukunftsbewältigung besteht zunächst darin, im Wandel wandlungsfähig zu bleiben“, sagt Professor Dr. Karl- Heinz Brodbeck, der an der Hochschule für Politik in München und an der Fachhochschule Würzburg lehrt. „Das mag banal klingen, ist tatsächlich aber der Bordstein an der Straße zur Zukunft, über den die meisten stolpern.“
Und das bedeute keineswegs, sich prioritär um den zügigen Erwerb und Einbau des aktuellsten Wissens und Know-hows in die eigenen Aktivitäten zu kümmern. Das sei eine unverzichtbare Selbstverständlichkeit, die noch keineswegs eine substanzielle persönliche Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit begründe. Deren tatsächliches Fundament sei das Vermögen, das Alltägliche und Gewohnte immer wieder in neuem Licht zu sehen, über vermeintliche funktionale Gebundenheiten hinauszudenken, Objekte in neuartiger Weise zu verwenden, Erlebnisse und altvertraute Sachverhalte anders als bisher zu betrachten und zu deuten. Kurz: Ganz anders auf das alltäglich Gewohnte zu blicken und mit ihm umzugehen und die Welt im Kleinen wie im Großen nicht starr und stur mit den jeweils bekannten und immer wiederholten Kategorien zu erfassen.
Bereits Nietzsche wies auf die Bedeutung dieser Fähigkeit hin: „Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehene und Übersehene neu wahrnimmt, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus.“ Womit die wohl größte Gefahr jedweder Wandlungs- und damit Zukunftsfähigkeit angesprochen ist: das geistlose Versinken in Routine.
Auch einmal neue Wege ausprobieren
Ganz in diesem Sinne fragt Carol Dweck, Psychologieprofessorin an der renommierten amerikanischen Stanford University: „Warum immer nur die ausgetretenen Pfade gehen, statt solche, mit denen wir unsere Grenzen überwinden? Die Leidenschaft, Grenzen zu überwinden, auch dann noch, wenn nicht alles nach Plan läuft, ist das Zeichen eines dynamischen Selbstbildes. Diese Grundeinstellung ermöglicht es Menschen, sich gerade dann weiterzuentwickeln, wenn sie vor großen Herausforderungen stehen.“
Nicht, dass Routine per se abzulehnen ist. Routine entlastet, spart Kräfte, indem sie von permanenter Aufmerksamkeit befreit. In diesem Sinne ist Routine, so die wissenschaftliche Erkenntnis, ein wesentliches Funktionsmerkmal des menschlichen Gehirns. Vorgänge, die sich im Lebensvollzug laufend wiederholen, werden deshalb routinisiert, und das heißt in der Sprache der Hirnforschung, sie werden unter der Bewusstseinsschwelle ausgeführt. Automatisch treten die entsprechenden neuronalen Netze im Gehirn in Aktion, und der Vorgang läuft unbewusst ab. Diesen simplen Sachverhalt kennt jeder: „Um Himmels willen, habe ich die Kaffeemaschine ausgeschaltet?“ Das fragt sich so mancher nach dem eiligen morgendlichen Verlassen des Heims auf dem Weg zur Arbeit.
Durch die Routine bleibt das ganz bewusste Leben zumindest teilweise auf der Strecke. Bildlich gesprochen: Man macht nicht mehr, man wird gemacht, lebt fremdbestimmt, wenn man sich diesen Mechanismus nicht verdeutlicht und dem vom Gehirn automatisierten Leben nicht ganz bewusst gegensteuert.
Den kritischen Blick auf sich selbst nicht vergessen
Burn-out-Forscher machen ebenso darauf aufmerksam wie Fachleute, die Unternehmensschieflagen und –zusammenbrüche analysieren: Gesundheits- wie existenzgefährdend ist, sein Tun und Lassen, Denken und Handeln, seine Zu- und Abneigungen nicht immer wieder einmal selbstkritisch in Augenschein zu nehmen und sich so die Welt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten wieder neu zu erschließen. Psychotherapeuten sprechen in diesem Zusammenhang oft von einem Prozess des Sich-neu- Definierens, der davor schütze, sich und die Welt in einengender Weise mit der gewohnten Elle zu messen und sie in stets wiederholten Schritten zu durchschreiten.
Jeder kennt es: Dies muss so und das darf auf keinen Fall anders gemacht werden. Privat wie beruflich-geschäftlich bilden sich so Routinen heraus, die in ihrem Ursprung durchaus hilfreich und nützlich gewesen sein mögen. Aber sind sie es immer noch? Es ist diese eine Frage, die vielfach über Wohl und Wehe gar nicht mal unbedingt einer stolzen Karriere, sondern oft schlicht über die berufliche Fitness entscheidet. Und vielfach auch über die Zufriedenheit im Leben.
Wer sich Gedanken oder gar Sorgen über seine berufliche Zukunft macht, tut also gut daran, sich auch die Frage nach seinem „Erstarrungszustand“ zu stellen. Weshalb verhalte ich mich eigentlich, wie ich mich immer verhalte? Wieso mache ich dies so und nicht anders? Warum rege ich mich bei diesem und jenem unverzüglich auf? Was lehne ich ab und warum? Wovor drücke ich mich und weshalb? Was ängstigt mich und aus welchem Grund eigentlich?
Im Wandel wirklich wandlungsfähig zu bleiben, verlangt diese Selbsterkundung. Alles, was die zur Routine verfestigten Denk-, Sicht- und Verhaltensweisen wieder aufweicht, stößt aus dem laufenden Lebensvollzug heraus einen enormen persönlichen Belebungs- und Neudefinierungsprozess an und lichtet den Grauschleier aus Ängsten, Befürchtungen und Sorgen.
Das Glück des Tüchtigen
Es ist die alte psychologisch-therapeutische Erfahrung: Wenn Menschen scheitern, scheitern sie weniger an den Umständen als an sich selbst. Keine Frage, die Umstände sind nicht belanglos. Niemand hat das wohl besser ausgedrückt als der große Militärtheoretikers Moltke. In seinen taktisch-strategischen Aufsätzen aus den Jahren 1857 bis 1871 findet sich diese Passage: „Über den Ruf eines Feldherrn freilich entscheidet vor allem der Erfolg. Wie viel daran sein wirkliches Verdienst, ist außerordentlich schwer zu bestimmen. An der unwiderstehlichen Gewalt der Verhältnisse scheitert selbst der beste Mann, und von ihr wird ebenso oft der mittelmäßige getragen. Aber Glück hat auf die Dauer doch zumeist wohl nur der Tüchtige.“
Und dieser Tüchtige, das zeigt die Lektüre von Moltke, ist keineswegs der unermüdliche Ackerer und Rackerer. Fleiß, Selbstdisziplin,
Einsatzbereitschaft, Zuverlässigkeit – das ist nur die eine Seite der Tüchtigkeit. Die andere ist der unvoreingenommene Blick, die Klarheit wie Möglichkeiten schaffende Distanz zu sich selbst und den sich stellenden Anforderungen. Wer sich in extremen Umbruchsituationen, wie wir sie derzeit durchleben, behaupten will und zudem die Lebensfreude nicht verlieren will, darf nicht in sich selber verstrickt und befangen sein. Das anhaltende Bemühen um innere Aufgeschlossenheit ist durchaus ein Stück harte Arbeit. Aber, wie Konfuzius es ausdrückte: „Wer die Arbeit liebt, wird nie in seinem Leben arbeiten.“
„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, kommt von unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken bauen wir die Welt“, mahnte Buddha. Es empfiehlt sich deshalb, Kants Rat zu folgen: „Wage es, zu denken. Habe den Mut, dich deiner eigenen Intelligenz zu bedienen.“

