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Jasager haben es schwerer

Die Scheu vor dem Nein ist verbreiteter als der Mut, den es braucht, eine ablehnende Antwort zu geben. Doch nur wer nein sagen kann, vermag seine Geschäfte und sein Leben überhaupt wirklich zu steuern. Schon Ovid, für seine freizügigen Liebesgedichte berühmter, später dafür allerdings auch verbannter Dichter im alten Rom, riet seinen Zeitgenossen: „Prinzipiis obsta!“ Gemeinhin übersetzt als: „Wehret den Anfängen!“ Ovids Erkenntnis: Wenn Dir eine Sache widerstrebt, sage sofort nein, ehe sie sich weiterentwickelt und es dann zu spät ist. | Hartmut Volk

Der Mut zum konsequenten Nein ist für Professor Jürg Frick, Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule Zürich, ein Rat, der in allen Lebenslagen und -bereichen beherzigt werden sollte. Der Schweizer Entwicklungspsychologe: „Wer nicht nein sagen kann, kommt im Leben ganz einfach zu kurz, übergeht sich und seine Bedürfnisse, tut aus Gewohnheit, falscher Loyalität, überzogener Angst vor den Konsequenzen oder schlicht anerzogener Bravheit Dinge, die ihm schaden und die er nachträglich bereut.“

Konsequent den eigenen Weg gehen
Auch Professor Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, sieht die Dinge so: „Jeder hat bestimmte Bedürfnisse, Wünsche, Ziele, die er gern verwirklichen möchte. Aber dazu muss er sich auch bekennen, aus ganzem Herzen „ja“ sagen können. Sonst fehlt ihm die Kraft, all das, was er im Leben will, auch wirklich umzusetzen. Gerade in unserer heutigen Multioptions-, Informations-und im wachsenden Maß auch Desinformationsgesellschaft laufen wir ständig Gefahr, uns von anderen Menschen benutzen, nach deren Interessen manipulieren, und in bestimmte Richtungen lenken zu lassen. Wer seinen eigenen Weg im Leben gehen will, muss deshalb nicht nur sehr klar „ja“ zu all dem sagen, was ihn auf diesem Weg hält, sondern auch ebenso deutlich „nein“ zu all dem, was ihn von diesem Weg abzubringen droht.“

Jeder weiß es: Die Gestaltung des eigenen Lebens verlangt laufend, zwischen unzähligen Optionen zu wählen, Vor- und Nachteile möglichen eigenen Tuns und Lassens abzuwägen. Ohne überlegte klare Jas und ebensolche Neins ist das nicht möglich. „Wer das nicht beherzigt, der lebt nicht, der wird gelebt“, bringt Frick das Thema auf den Punkt. Er weiß natürlich auch: Was für den einzelnen richtig oder passend ist, das lässt sich gar nicht so leicht und manchmal auch erst nachträglich klarer erkennen. Aber so ist das Leben nun mal. Ohne Korrekturen geht es nicht. Doch gerade auch aus dieser Perspektive heraus gewinnt das beherzte Nein wie auch das beherzte Ja als Ausdruck einer selbstbewussten Lebensführung Bedeutung.

Die Scheu vor dem Nein
Die Mehrzahl der Menschen neigt dazu, erst einmal abzuwarten. Selbst da, wo im Sinne Ovids und im eigenen Interesse ein beherztes klares Nein unbedingt angebracht wäre. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Entweder weil sie Angst vor vermeintlich vorschnellen Entscheidungen haben oder sich in einer Gruppe nicht mit einem Nein isolieren möchten. Ganz häufi g auch, weil sie hoffen, dass sich die Dinge schon irgendwie von allein regeln werden.

Nicht wenige warten auch darauf, dass andere sie für sie regeln. Eine Hoffnung, die sich erfahrungsgemäß meist als vergebens erweist. Dann geht es nicht mehr anders, dann muss man selbst eine klare Entscheidung treffen. Aber dann ist die Situation häufi g schon so verfahren, dass Auswege und Lösungsmöglichkeiten ungleich komplizierter als zuvor sind. Auch hier gilt das zwar etwas abgenutzte, gleichwohl zutreffende Wort Gorbatschows: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Wer sich selbst kennt, sich mit seinen Schwächen und Stärken akzeptieren kann, dem gelingt es eher, dann Nein zu sagen, wenn es geboten erscheint als jemandem, der über sich selbst wenig Klarheit besitzt. Wer sich seiner sicher ist, zeigt sich auch mutiger im Akzeptieren oder Ablehnen, getraut sich zu entscheiden, übernimmt die Verantwortung für diese Entscheidungen und steht für die eintretenden Folgen gerade. Ohne eine vertiefte Auseinandersetzung mit sich selber, den eigenen Werten, Wünschen, Vorstellungen und Zielen ist eine solche Haltung unmöglich.

Mit anderen Worten: Wer sich treiben lässt und eher unbewusst vor sich hin lebt, bekommt ungleich mehr Probleme als ein Mensch, der sein Leben bewusst lebt, ein Stück weit auch zielorientiert plant und gegebenenfalls irrige Entscheidungen auch beherzt korrigiert. Was unter dem Strich heißt: Jasager haben es schwerer.

Natürlich darf bei all dem Spontanität und Lebensfreude nicht zu kurz kommen. Vieles im Leben ist ja nicht oder nur bedingt planbar. Frick warnt deshalb vor einem überorganisierten oder gar überkontrolliertem Leben. Weist aber recht unmissverständlich darauf hin: „Nachdenken, reflektieren, hinterfragen, sich eine eigene Meinung bilden – das sind Fähigkeiten, die unverzichtbar sind für eine bewusste, zufriedenstellende Lebensführung. Das ergibt Sinn. Und Sinn setzt ungeahnte Kräfte frei.“

Und dennoch ist die Scheu vor dem Nein verbreiteter als der Mut zum Nein. Was steckt dahinter? Diese Scheu hat viele Facetten. Eine wesentliche ist die bereits erwähnte Angst vor der vermeintlichen Außenseiterrolle. Nein zu sagen birgt ja je nach Situation das Risiko, als Querulant, Störenfried, Spielverderber und Ähnliches mehr eingeschätzt und entsprechend von den anderen geschnitten, kaltgestellt zu werden. Das weist auf einen weitere Facette hin: die Angst vor der Ablehnung, der tatsächlichen oder auch nur der befürchteten.

So haben Eltern häufi g Angst vor dem Nein, weil sie den Liebesverlust ihrer Kinder befürchten. Damit ergeht es ihnen wie auch vielen Ehepaaren. Arbeitnehmer befürchten, sich beim Chef unbeliebt zu machen und damit eine Beförderung oder Lohnerhöhung zu verspielen. Geschäftsleute drücken sich aus Angst vor dem Kundenverlust vor dem oftmals eigentlich notwendigen Nein.

Eine Frage der Sozialisation Auch das Wissen, dass ein Nein von vielen beinahe automatisch als Affront aufgefasst wird, dass dem Gegenüber schlicht kein Nein zugebilligt wird, dass ein quasi automatisches Ja zur eigenen Person, ihren Vorstellungen, Vorschlägen, Wünschen erwartet wird, lässt viele sehr zögerlich mit dem Nein hantieren. Autoritär strukturierte, patriarchalisch orientierte, insbesondere aber auch höhergestellte Personen erwarten auf ihre Fragen oder Aussagen nichts anderes als Zustimmung und Beifall. Eine andere Sichtweise und Meinung ist für sie Widerspruch, Infragestellung der eigenen Person, stört ihre selbstverständliche Erwartungslogik. Und das eingespielte Ritual.

Und auch diese Erfahrung fördert im praktischen Leben die Scheu vor dem Nein nicht unbeträchtlich: Viele Menschen haben in ihrer Sozialisation einfach nicht (mehr) gelernt, anderen ein Nein zuzubilligen, geschweige denn, angemessen darauf zu reagieren. Trotz alledem: Die meisten Menschen machen sich viel zu große Sorgen über die möglichen schrecklichen Folgen ihres Neins. Viel sinnvoller als sich diese Sorgen zu machen, ist es, sich Sorgen über die Folgen eines nicht beherzt ausgesprochenen Neins zu machen.

Der Ton macht die Musik
Doch wie lässt sich die Scheu vor dem Nein überwinden? Erstens muss man sich klar überlegen, warum man nein sagen möchte oder müsste. Zweitens sollte man bereit sein, die möglichen Folgen dafür in Kauf zu nehmen. Und drittens spielt das Wie eine beachtliche Rolle. Auch das eine alte Erkenntnis. Schon Aquaviva, der 1615 gestorbene fünfte General der Societas Jesu, der Jesuiten, ermahnte seine Brüder: Suaviter in modo, fortiter in re – Milde in der Art, stark in der Sache. In diesem Sinne riet auch Goethe: „Das Was bedenke, mehr bedenke wie.“ Beim Nein macht der Ton ganz wesentlich die Musik. Doch hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem Nein und der eigenen Empörung misslingt dieser Ton recht oft.

Ein überlegt freundlich-sachlich ausgesprochenes Nein kommt besser an als das aggressiv-verbissene Nein aus augenblicklicher Erregtheit. Dahinter steht die Erfahrung: Wer so nein sagt, muss sich ja wohl etwas überlegt haben, könnte ja vielleicht sogar recht haben. Wichtig dabei ist aber vor allem: Die andere Seite kann so leicht spüren, ob das Nein sich auf die Sache bezieht oder als persönlicher Angriff auf die Person abzielt. Fühlt sich jemand durch das Nein getroffen und angegriffen, fördert das nicht dessen Verständnisbereitschaft.

Dennoch, bei eindeutigen Grenzüberschreitungen sollte sich niemand scheuen, ein unmissverständliches, auf die Sache, nicht die Person, zielendes Nein dagegenzusetzen. In diesen Fällen ist oft das klare „Stopp – Nein!“ die einzig angezeigte Lösung und jeder Argumentation vorzuziehen. Was selbstverständlich nicht ausschließt, in einer ruhigeren Minute im Nachhinein die Argumente für die situative Vollbremsung nachzuliefern.

Ein Nein muss also nicht immer begründet werden, wenngleich Begründungen im Normalfall immer sinnvoll sind, um der oder dem Anderen die eigenen Überlegungen dafür verständlich(er) zu machen. „Aber wohlgemerkt“, sagt Frick, „wir reden von einer Begründung, nicht von einer Rechtfertigung oder gar Verteidigung. Das gilt es fein zu unterscheiden. Ein Nein ist eine zum Leben gehörende Selbstverständlichkeit – nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.“

Hartmut Volk ist freier Wirtschaftspublizist in Bad Harzburg.
Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 06/2010
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  • » Brainstorming: Der Sturm im Gehirn: Mit Brainstorming, dem Klassiker der Kreativitätstechniken, lösen Teams Probleme und sorgen für frische Ideen - auch wenn nicht alle Einfälle brauchbar sind. Tüftelrunde, Grübelplausch, Denkgewitter, Gedankenquirl - das sind nur einige der mehr als 10.000 Vorschläge, das englische Wort Brainstorming durch einen passenderen deutschen Begriff zu ersetzen.
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