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Gesundheitsreport Kreditgewerbe

Eine Branche hält sich fit

Das Krankheitsgeschehen im deutschen Kreditgewerbe hat sich zuletzt gegen den Trend positiv entwickelt: Anders als in der Gesamtwirtschaft war bei den Banken der Krankenstand rückläufig, die Entwicklung bei psychischen Störungen blieb unauffällig und verlief günstiger als im Branchendurchschnitt. Auch die Gesundheitsangebote der Institute für ihre Beschäftigten bestehen den Fitnesstest: Die Arbeitgeber im privaten Bankgewerbe haben den ohnehin guten Standard im betrieblichen Gesundheitsschutz noch einmal erhöht. | Carsten Rogge-Strang

Krankenstand im Kreditgewerbe rückläufigDie gute Nachricht wiederholt sich: Das Kreditgewerbe bleibt die Branche mit dem niedrigsten Krankenstand in Deutschland. Durchschnittlich 10,1 Tage fehlten Bankbeschäftigte im Jahr 2010 wegen Krankheit, das ist ein Drittel weniger als in der Gesamtwirtschaft (14,8 Tage). In der Berufsgruppe der Bankfachleute lag der Krankenstand sogar nur bei 9,4 Tagen pro Kopf. Zu diesen Ergebnissen kommt der BKK-Bundesverband in seiner jüngsten Statistik (GRAFIK 1).

Neu und durchaus überraschend ist dagegen, dass sich die Krankenstände von Banken und Gesamtwirtschaft gegenläufig entwickelt haben: Während die Ausfalltage pro Kopf über alle Branchen hinweg gegenüber dem Vorjahr um 2,8 % zugelegt haben, gingen sie bei den Kreditinstituten um 3,8 % zurück, bei Bankfachleuten sogar um 5,1 %.

Krankenstand bei Banken konstant niedrig
Skeptiker geben zu bedenken, niedrige oder sinkende Krankenstände seien darauf zurückzuführen, dass besonders viele Beschäftigte wegen hoher Arbeitsbelastung oder aus Angst um ihren Arbeitsplatz krank zur Arbeit kämen (so genannter Präsentismus). Im Kreditgewerbe sprechen gleich mehrere Faktoren dagegen: Zum einen ist der Krankenstand seit vielen Jahren konstant niedrig, während die Branchenkonjunktur zuletzt erheblichen Schwankungen ausgesetzt war; weder in besonders guten noch in besonders schlechten Zeiten gab es beim Krankenstand spürbare Ausschläge in die eine oder andere Richtung.

Zufriedenheit gestiegenZum anderen sind die Beschäftigten im privaten Bankgewerbe mit wichtigen Faktoren, die ihr Wohlbefinden beeinflussen, zufriedener als im Vorjahr – unter anderem mit ihren Entscheidungsspielräumen, mit ihrem Zeit- und Ressourcenbudget, mit ihrem Arbeitsumfeld, der Bezahlung und insbesondere mit dem Führungsverhalten ihrer direkten Vorgesetzten. Das zeigt die jährliche repräsentative Beschäftigtenbefragung des Sozialforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag des AGV Banken (GRAFIK 2).

Darüber hinaus belegen verschiedene empirische Untersuchungen einen positiven Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Gesundheitszustand; soeben erst hat die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA), eine Kooperation gesetzlicher Krankenkassen und Unfallversicherungen, in ihrem jüngsten Report darauf verwiesen (IGA Barometer, 3. Welle 2010). Da die Akademiker- und Abiturientenquote im Kreditgewerbe überdurchschnittlich hoch ist, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass auch dies einen grundsätzlich niedrigen Krankenstand bei Banken begünstigt.

 

Bankbeschäftigte: kein spezifisches Risiko für psychische Erkrankungen

 

Krankheitsursachen im KreditgewerbeDie häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit sind im Kreditgewerbe Erkrankungen des Atmungssytems (34,8 % aller Krankheitsfälle), gefolgt von Krankheiten des Verdauungssystems (11,5 %), des Muskel-Skelett-Systems (11,1 %), von Infektionen und parasitären Krankheiten (9,8 %) sowie Verletzungen und Vergiftungen (5,7 %) (GRAFIK 3).

Besondere Aufmerksamkeit gilt zunehmend der Entwicklung von psychischen und Verhaltensstörungen. Auch im Bankgewerbe, das seit Jahren große Herausforderungen zu bewältigen hat, wird die Debatte darüber intensiv geführt – allerdings nicht immer sachlich. So sind immer wieder Äußerungen zu vernehmen, die Arbeitsbedingungen bei Banken und insbesondere im Bankvertrieb seien dafür verantwortlich, dass das Ausmaß an psychischen Störungen in der Branche deutlich zugenommen habe. Damit soll suggeriert werden, es gebe ein branchenspezifisches Risiko für psychische Störungen.

Davon kann jedoch keine Rede sein, die einschlägigen Statistiken weisen sogar in die entgegengesetzte Richtung. Zwar steigt im Kreditgewerbe der Anteil der Diagnosegruppe „psychische und Verhaltensstörungen“ am gesamten Krankheitsgeschehen – wie in der Gesamtwirtschaft – seit Jahren. Dafür sind aber verschiedene Gründe verantwortlich, die nicht unbedingt arbeitsbedingt sein müssen (vgl. S. 78). Vor allem aber zeigen die aktuellen Zahlen, dass das Ausmaß an psychischen Störungen im Kreditgewerbe im Branchenvergleich weiterhin unauffällig ist:

Psychische Störungen bei Krankheitsursachen erst an sechster Stelle: Bei den Krankheitsursachen im Kreditgewerbe stehen psychische Störungen gerade einmal an sechster Stelle, sie machen nur 4,7 % aller Krankheitsfälle aus. Das ist etwas mehr als im Branchendurchschnitt (4,0 %), aber weniger als beispielsweise im öffentlichen Dienst (5,2 %) oder im Gesundheits- und Sozialwesen (6,0 %). Dabei ist zu berücksichtigen, dass statistische Effekte die Vergleichbarkeit zu Ungunsten von Branchen verzerren, in denen die Beschäftigten – wie bei Banken – vorwiegend im Büro arbeiten. Dabei geht es im Wesentlichen um Muskel-Skelett-Erkrankungen und Verletzungen: Während diese beiden Diagnosegruppen gesamtwirtschaftlich über ein Viertel der Krankheitsfälle ausmachen, sind sie im Kreditgewerbe nur für ein Sechstel der Fälle verantwortlich.

Dadurch steigt bei Banken zwangsläufig der Anteil psychischer Störungen am (durch geringen Krankenstand gekennzeichneten) gesamten Krankheitsgeschehen, ohne dass die Branche tatsächlich außergewöhnlich davon betroffen wäre. Für eine bessere Vergleichbarkeit ist deshalb eine bereinigte Statistik hilfreich. Sie ergibt ein anderes Bild: Bezogen auf alle Krankheitsfälle ohne Muskel-Skelett-Erkrankungen und Verletzungen liegt der Anteil psychischer Störungen im Kreditgewerbe bei 5,7 % und damit unter dem Wert für die Gesamtwirtschaft (5,9 %).

Anteil der Ausfalltage wegen psychischer Störungen unauffällig: Nimmt man die Arbeitsunfähigkeitstage pro Kopf als Maßstab (also die Summe aller Krankheitsfälle multipliziert mit der durchschnittlichen Krankheitsdauer), dann bekommen psychische Störungen ein stärkeres Gewicht, weil hier die Krankheitsdauer über dem Durchschnitt liegt. Mit anderen Worten: Wer an einer psychischen Störung leidet, braucht länger, um wieder arbeitsfähig zu sein. Deshalb entfallen gesamtwirtschaftlich 12,0 % der Ausfalltage auf dieses Krankheitsbild, es steht damit an vierter Stelle der Diagnosen (hinter Muskel-Skelett-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und Verletzungen), im Kreditgewerbe sind es 15,6 % und Rang drei (hinter Atemwegs- und Muskel-Skelett-Erkrankun­gen).

Auf den ersten Blick scheint das Kreditgewerbe überproportional betroffen zu sein – doch das täuscht. Denn auch hier wirkt sich aus, dass in der Branche Muskel-Skelett-Erkrankungen und Verletzungen unterproportional vorkommen. Bereinigt man die Statistik erneut um diese beiden Diagnosegruppen, liegt der Anteil psychischer Störungen an allen Ausfalltagen im Kreditgewerbe (21,2 %) und in der Gesamtwirtschaft (20,0 %) nahezu gleichauf. Darüber hinaus ist die durchschnittliche Krankheitsdauer bei psychischen Störungen im Kreditgewerbe seit Jahren niedriger als in der Gesamtwirtschaft; im Jahr 2010 waren es bei den Bankmitarbeitern 32,0 Tage und damit 9,1 % weniger als bei allen Beschäftigten (35,2 Tage).

Anstieg psychischer Störungen im Kreditgewerbe unterdurchschnittlich: Sowohl die Zahl der Krankheitsfälle als auch der Umfang an Ausfalltagen, die auf psychische und Verhaltensstörungen zurückgehen, sind im Kreditgewerbe zuletzt weniger stark gestiegen als im Durchschnitt aller Branchen. Im Jahr 2010 registrierte der BKK-Bundesverband in dieser Diagnosegruppe für das Bankgewerbe 4,93 Fälle pro 100 Beschäftigten, das entspricht einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 11,0 % (Bankfachleute: 4,59 Fälle pro 100, plus 10,6 %); dagegen stieg der Wert in der Gesamtwirtschaft um 14 % auf 5,05 Fälle pro 100 Beschäftigten. Dieselbe Tendenz zeigt sich bei den Ausfallzeiten wegen psychischer Störungen: Hier liegt das Kreditgewerbe mit 158 Tagen pro 100 Beschäftigten (Bankfachleute: 145 Tage) unverändert deutlich unter dem Durchschnitt aller Branchen (178 Tage), der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr betrug bei den Banken 10,5 % (Bankfachleute: 9,0 %), in der Gesamtwirtschaft dagegen 16,3 %.

Institute bauen Leistungen zur Gesundheitsförderung aus
So günstig die Entwicklung der Krankenstandsdaten bei näherer Betrachtung auch ist: Auch geringe Ausfallzeiten belasten die Betroffenen und die Unternehmen. Die Institute im privaten Bankgewerbe haben deshalb frühzeitig einen hohen Standard in der betrieblichen Gesundheitsförderung geschaffen, der deutlich über das ohnehin anspruchsvolle Maß des gesetzlich vorgeschriebenen Arbeits- und Gesundheitsschutzes hinausreicht. Auf dieser Basis haben die Tarifparteien im privaten und öffentlichen Bankgewerbe im Juni 2010 eine gemeinsame Erklärung zum betrieblichen Gesundheitsschutz unterzeichnet mit dem Ziel, diese gute Position zu behaupten und Verbesserungsmöglichkeiten in der Prävention und im Umgang mit körperlichen und mentalen Gesundheitsbelastungen zu nutzen. Gesundheitsleistungen: Immer mehr Mitarbeiter profitierenAnderthalb Jahre später lässt sich feststellen: Die Banken nehmen die Hinweise der Erklärung ernst, in allen darin genannten Punkten hat es – ausgehend von bereits hohem Niveau – Fortschritte gegeben. So hat sich innerhalb kurzer Zeit der Anteil der Beschäftigten signifikant erhöht, die von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung profitieren (GRAFIK 4).

Ein Schwerpunkt liegt mittlerweile auf Maßnahmen zur Prävention und zur schnellen und kompetenten Hilfe bei psychischen Problemen. Hier haben die Institute ihre Angebote erheblich ausgebaut: Mehrere große Häuser haben inzwischen breit angelegte Programme zur Mitarbeiterberatung eingeführt, so genannte Employee Assistance Programme (EAP). Dort stehen erfahrene externe Experten (in der Regel Therapeuten und Psychologen) teilweise rund um die Uhr telefonisch zur Verfügung und beraten die Bankmitarbeiter bei Problemen – unabhängig davon, ob deren Ursache im privaten Bereich liegt oder mit dem Job zu tun hat. Bei schweren Problemen werden Mitarbeiter teilweise innerhalb weniger Tage an niedergelassene Psychotherapeuten vermittelt, deutlich schneller als im regulären Gesundheitsbetrieb. Hier schließen die Arbeitgeber auch im eigenen Interesse Lücken, die durch die flächendeckende Unterversorgung mit Therapieplätzen entstehen.

 

Carsten Rogge-Strang ist Geschäftsführer Tarifpolitik beim Arbeitgeberverband des privaten Bankgewerbes, Berlin.

 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 02/2012
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  • » Brainstorming: Der Sturm im Gehirn: Mit Brainstorming, dem Klassiker der Kreativitätstechniken, lösen Teams Probleme und sorgen für frische Ideen - auch wenn nicht alle Einfälle brauchbar sind. Tüftelrunde, Grübelplausch, Denkgewitter, Gedankenquirl - das sind nur einige der mehr als 10.000 Vorschläge, das englische Wort Brainstorming durch einen passenderen deutschen Begriff zu ersetzen.
Buchtipp (BK)
  • » Die Weichmacher – Das süße Gift der Harmoniekultur: Der Titel des Buchs verrät es: Der Autor ist ein Freund der plakativen Diktion. Er spricht vom „süßen Gift der Harmoniekultur“ und kritisiert die seiner Meinung nach in deutschen Unternehmen weit verbreitete „Weichmacherei“, für die er wenig Schmeichelhaftes bereithält: „Weichmacher sind einfach nett. Sie wollen kommunizieren und andere einbinden.

 

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