Drei „O“ als Gütesiegel
Gordon M. Nixon ist einer, der herausragt. Er gehört jener Spezies an, die in einer mit Problemen kämpfenden Branche eine Menge Glanzlichter setzt. Denn auf den im Juni 1957 in Montreal geborenen Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der Royal Bank of Canada prasseln derzeit von allen Seiten Lobeshymnen hernieder. Ihn, den seine Freunde „Gord“ rufen, lässt so etwas allerdings eher kalt – äußerlich zumindest. | Jonas Dowen
Er kennt die Höhen, aber auch die Tiefen des Geschäfts seit Jahrzehnten. Obwohl: Sein beruflicher Weg ist beinahe ein einziger Höhenflug – wirklich kräftige Tiefschläge hat es in seiner Karriere als Banker nicht gegeben.
Problemfeld USA
Hier in seinem Büro im Royal Bank Plaza South Tower in Torontos Bay Street 200 geht Nixon im Gespräch sehr rasch zur eigentlichen Tagesordnung über. Denn er weiß nur allzu gut, dass es auch für ihn trotz des von unzähligen Erfolgen geprägten
Glücksweges auch etwas weniger gute Zeiten gab. Und diese schwierige Phase liegt noch gar nicht so lange zurück. Er erinnert sich an jene Zeit, als die Aktionäre seiner Bank unzufrieden waren und die Erfolgsaussichten des von ihm eingeleiteten Wechsels in der Unternehmensstrategie anzweifelten.
Diese Strategie hatte die RBC vor allem auf den wichtigen US-Markt geführt. Hier hatte Nixon bei Abwägung aller Fakten das größte Wachstumspotenzial für seine Bank gesehen. Doch nicht alles lief für die RBC beim südlichen Nachbarn nach seinen Vorstellungen. Als der Aktienkurs zwischen 2007 und 2009 von 60 CAD auf 25 CAD absackte, musste er von seinen Aktionären eine Menge Kritik einstecken. Doch Nixons weitsichtige Strategie hat sich inzwischen längst ausgezahlt. Dank Nixon ist die Royal Bank of Canada – gemessen an ihren nackten Bilanz- und Eigenkapitalzahlen Eigenkapitalzahlen – heute eines der Glanzlichter in einem düsteren Finanzmarkt-Umfeld.
Gordon M. Nixon gilt allgemein als ein bodenständiger Typ. Schließlich ist er jetzt rund 30 Jahre für seinen heutigen Arbeitgeber tätig. Sein Engagement hat Tradition. Denn „Gord“ Nixon wandelt mit dieser Karriere auf den Spuren seines Großvaters, der über viele Jahre hinweg in den Diensten der RBC gestanden hatte. Der heutige „Big Boss“ zeichnete sich während seiner RBC-Karriere sowohl in verschiedenen Geschäftsbereichen und Positionen als auch an unterschiedlichen Standorten rund um den Globus aus. Sein Wissen – Basis der weitreichenden Akzeptanz des oft freundlich lächelnden Bankers – hat sich dieser am Lower Canada College in Montreal und später an der Queens University erarbeitet, wo er im Jahr 1979 den Bachelor-Abschluss machte.
Dass er heute auf dem Chefsessel die wichtigen Entscheidungen von Kanadas größter Bank fällt, kommt nicht von ungefähr. Denn als ehemaliger Rugby-Spieler hat er gelernt, sich mit der dem Rugby- Sport eigenen Vorwärts-Dynamik im fairen Wettstreit zu behaupten und durchzusetzen. Wer Rugby, Football, Basketball oder irgendeine andere Mannschaftssportart betreibt, der weiß, dass der Einzelne allein überhaupt nichts zählt. Auf dem Podest steht letztlich nur, wer eine gute Truppe zusammenbringt, in der sich verschiedene Charaktere frei entfalten und so gemeinsam für den Erfolg sorgen können. Dieses Wissen hat den heute in Toronto lebenden Nixon geprägt.
Denn er ist Führungsspieler und Teamspieler zugleich – er war das im Rugby- Team der Queens University, und der dreifache Vater ist das auch heute als Kopf der Royal Bank of Canada. Er hat sich in all seinen Positionen mit Fachwissen und Führungsqualität durchgesetzt und ist so auf der Karriereleiter der Bank stetig nach oben geklettert. Was ihn auszeichne, sei der Fakt, dass er andere fähige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf diesem Weg mitgenommen hat, sagen sie hier in der Bay Street über ihren Boss. Darüber hinaus verfüge er über die Fähigkeit als „exzellenter Kommunikator“.
Sowohl seine ehemaligen Sportkameraden als auch Mitarbeiter und Konkurrenten bezeichnen ihn als einen Menschen mit viel Geduld. Doch nicht nur das. „Gord ist ein guter Zuhörer“, schätzen die Mitarbeiter in seiner engeren Umgebung seine menschlichen Vorzüge. Was ihn zudem auszeichne, sei sein unverkennbarer Sinn für trockenen Humor. Und noch eines halten sie ihm zugute: Dass ein Top- Banker an den Menschen in seiner Umgebung sehr viel Interesse zeige, sei ja auch nicht unbedingt alltäglich.
Als er am 1. April 2001 zum Präsidenten und am 1. August des gleichen Jahres zum Vorstandsvorsitzenden der Royal Bank of Canada berufen wurde, war er der jüngste Chef, den eine bedeutende kanadische Finanzinstitution jemals hatte. Seinerzeit zählte er gerade einmal 44 Lenze. Ein Jahr zuvor hatten sie ihn zum Vorstandschef der Wertpapiertochter RBC Dominion Securities – der Vorgängerin von RBC Capital Markets – gemacht, für die er zuvor bereits seit dem Jahr 1979 tätig gewesen war, als der Wertpapier- Dienstleister noch unter Dominion Securities firmierte und später von der RBC übernommen wurde.
Bereits kurz nach seiner Amtseinführung richtete er das Unternehmen neu aus. Auf der einen Seite orientierte Nixon sein Handeln an der festen Überzeugung daran, dass die Globalisierung nicht aufzuhalten und nicht umzukehren ist. Und er erkannte vor allem, dass der Kunde das bei weitem wichtigste Asset einer Bank ist. Im Zeitraum von 2001 bis 2003 ging er mit dem Erwerb von zehn Finanzdienstleistern in den USA auf Einkaufstour. Namen wie Centura Bank, Liberty Life Insurance und Dain Rauscher (Wertpapierbroker) ergänzten in diesen Jahren das Konzernbild. Schon genoss Nixon sehr rasch den Ruf als „Dealmaker“.
Order of Ontario
Dass sein Name drei „O“ enthält, war nicht der Grund dafür, dass ihm gestrenge Juroren im Jahr 2007 die Auszeichnung „OOO“ – also Order of Ontario – zusprachen. Mit dieser Auszeichnung für Exzellenz – also für die besondere Güte
von Fähigkeiten und Leistungen – werden in der kanadischen Provinz Ontario wichtige Landsleute ausgezeichnet, die in verantwortungsvoller Position stehend besondere Leistungen vollbringen. Nixon wurde von den Juroren als eine solche Persönlichkeit erkannt und ausgezeichnet. Doch auch an anderen Ehrungen mangelt es dem Top-Banker nicht.
Denn im gleichen Jahr verliehen ihm Kanadas Medien den Titel als „Outstanding CEO“ – also als herausragender Vorstandschef. Von den Universitäten in Queens und Dalhousie hat er Ehrendoktor-Titel erhalten. Doch dies sind nur einige der zahlreichen Ehrungen, die Nixon schmücken. Er sieht all dieses Lob als ein Geschenk. Und so gibt er gemeinsam mit Ehefrau Janet in unzähligen ehrenamtlichen Stunden vieles an jene zurück, die nicht zu den Glücklichen dieser Zeit zählen.
Satt ist Gordon Nixon noch lange nicht. In diesen Tagen wird er nicht müde, vor einer Überregulierung der Finanzmärkte und des Bankensystems zu warnen. Es gehe bei der Diskussion unter anderem darum, das Regelwerk innerhalb der G20- Länder zu harmonisieren. Die Aufsichtsbehörden sollten dabei vor allem auf die Beziehung zwischen der Profitabilität einer Bank und den daraus abzuleitenden Kreditmöglichkeiten achten.
Noch immer sieht er den US-Markt als Wachstumsmarkt für sein Institut. Vielleicht will er den Amerikanern zeigen, dass es ungerecht ist, wenn kanadische Finanzinstitute in Wall Street in der Vergangenheit nicht wirklich ernstgenommen wurden. „Einen großen US-Deal sollte von uns indes niemand erwarten“, sagt Nixon, der allerdings die Möglichkeit einiger kleinerer Akquisitionen andeutet. Derzeit gelte es, die sehr gesunde Kapitalbasis von RBC, die in einer exzellenten Tier1-Ratio von 13 % zum Ausdruck kommt, nicht durch unüberlegte Aufkäufe zu schwächen. Dies zeigt: Der Mann weiß, wovon er spricht.
Gordon M. Nixon, seit 2001 Präsident und Vorstandsvorsitzender der Royal Bank of Canada, ist ein kluger Stratege. Der erfahrene Unternehmenslenker hat die größte Bank Kanadas erfolgreich durch die Untiefen der Finanzkrise gesteuert. Das belegt der Aufwärtstrend der RBC-Aktie, deren Kurs sich zwischen dem Frühjahr und dem Jahresende 2009 mehr als verdoppelt hat.

