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At the Top: Christine Lagarde

Die Charme-Offensive

Die am 1. Januar 1956 geborene Politikerin Christine Lagarde ist seit Juli 2011 geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Die IWF-Chefin gilt als die „mächtigste Finanzfrau“ in der Welt. Zuvor hatte Lagarde von Juni 2007 bis Juni 2011 als Wirtschafts- und Finanzministerin in der französischen Regierung von Premierminister François Fillon nationale und internationale politische Erfahrung gesammelt. | Jonas Dowen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat inzwischen geradezu historische Dimensionen erreicht. Sie wird längst mit der großen Depression der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verglichen. Besonders prekär ist, dass die Krise sich inzwischen global ausgebreitet hat. Gerade jetzt wird der Ruf nach visionären Führungskräften laut. Und die Suche erstreckt sich schon längst nicht mehr nur auf männliche, sondern auch auf weibliche Elitekreise. Christine Madeleine Odette Lagarde ist eine jener Frauen, denen man die Fähigkeit zubilligt, ihren Teil zur Lösung dieser Krise beizutragen.

Reiche politische Erfahrung
Die am 1. Januar 1956 in Paris als Christine Lallouette als eines von vier Kindern ihrer Eltern – Universitäts-Professor Robert Lallouette und dessen Frau, der Pädagogin Nicole – geborene Politikerin sitzt seit Juli 2011 auf dem Chefsessel des Internationalen Währungsfonds (IWF) und gilt damit als die „mächtigste Finanzfrau“ in der Welt. Zuvor hatte die Rechtsanwältin von Juni 2007 bis Juni 2011 als Wirtschafts- und Finanzministerin in der französischen Regierung von Premierminister François Fillon nationale und internationale politische Erfahrung gesammelt.

Ihre Berufung wird von vielen als ein klares Signal verstanden. Denn möglicherweise wäre das Ausmaß der aktuellen Krise einzudämmen gewesen, hätten mehr Frauen politische Führungspositionen besetzt. Davon jedenfalls ist der Gießener Professor für Psychosomatik, Horst-Eberhard Richter, überzeugt. Der bekannte Psychoanalytiker und Friedensnobelpreisträger ist sicher, dass Frauen in Führungspositionen aufgrund ihrer besonnenen Art und ihrer im Vergleich zu Männern geringeren Machtorientierung in Krisensituationen besonnener reagieren. 

Richter räumt damit mit dem weit verbreiteten Vorurteil auf, in Führungspositionen stehende „mächtige Frauen” seien schwierig, schwach, emotional und einsam. Die Wahrheit sieht anders aus: Frauen in Top-Positionen sind in der Regel besonnen, beratungsoffen, abwägend, entscheidungsfreudig und weniger vom Machtstreben eingenommen als männliche Führungskräfte. Obwohl immer mehr Frauen in führenden Regierungsämtern als auch in wichtigen Institutitionen und Organisationen am Steuer stehen und Verantwortung übernehmen, ist deren Zahl im großen Vergleich noch vergleichsweise gering.

Dass nicht wenige meinen, Angela Merkel und Hillary Clinton würden in ihren Rollen als erste deutsche Bundeskanzlerin oder als erste US-Außenministerin nicht zuletzt wegen einiger dieser genannten Eigenschaften gute Arbeit verrichten, spricht für Horst-Eberhard Richters These. Beförderungen weiblicher Führungskräfte in Spitzenpositionen sorgen in der Regel für eine enorme Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die Berufung von Christine Lagarde. Die Französin will nachweisen, dass sie das Rüstzeug dazu hat, ähnliche Erfolge wie Merkel und Clinton an der Schnittstelle zwischen Politik und Finanzwelt – eben als Chefin des IWF – zu feiern. „Ich hasse es zu sagen, dass es weibliche und männliche Wege gibt, mit Macht umzugehen, weil ich glaube, dass in jedem Menschen ein weiblicher und männlicher Teil steckt“, sagt sie im Interview. Und sie fügt hinzu, dass sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen der festen Überzeugung ist, dass Frauen dazu tendieren, andere Menschen auf ihrem Weg mitzunehmen und sich ein wenig mehr um die allgemeine Lage zu sorgen.

Steiler Aufstieg
Als Lagarde als geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds  die Top-Position der supranationalen Finanzorganisation übernahm, setzte sich ihr steiler Aufstieg fort. Innerhalb kurzer Zeit war sie auf der Karriereleiter steil nach oben geklettert. Das spricht für ihr Wissen und für ihr Können.

Doch Lagardes Ernennung war auch deshalb  außergewöhnlich, weil es einen zusätzlichen Faktor für das enorme Echo der Weltpresse gab. Denn der einstige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn – ein Landsmann von Lagarde – hatte aus eher pikanten Gründen sein Amt niederlegen müssen. Und so richtete sich die Aufmerksamkeit der Weltpresse stärker als sonst üblich auf die Nachfolge-Entscheidung.

Als französische Spitzensportlerin und Olympia-Teilnehmerin im Synchron-Schwimmen hat Christine Lagarde ein Faible für Teamarbeit entwickelt. Dass es ihr als französische Finanzministerin immer wieder gelang, Kollegen um den Finger zu wickeln, zeigt ihre enorme Fähigkeit beim Umgang mit Menschen zum Beispiel in der Einbindung von Kollegen und Kolleginnen in Entscheidungsprozesse. „Sie hat eine enorme Ausstrahlung und nimmt damit Menschen in ihrer Umgebung sehr rasch für sich ein“, sagen politische Kreise in Paris über die Mutter zweier erwachsener Söhne. Ihre persönliche Linie ist klar – sie folgt einmal getroffenen Entscheidungen, ohne vom Wege abzuweichen. Sie hält sich konsequent an vegetarische Ernährung und an strikte Alkohol-Abstinenz. Und sie unterdrückt ihre Feminität nicht. „Christine ist einem Flirt nicht abgeneigt“, heißt es in Paris. Ihre offene Art kommt auch in einer entsprechenden Körperhaltung und dem ständigen Lächeln zum Ausdruck.

Dass sie – im Gegensatz zu manchem eitlen Politiker – zu ihren silbergrauen Haaren steht und offensichtlich auch keine allzu großen Probleme mit dem Altern hat, ist Ausdruck einer enormen Stabilität und einer klaren Zielorientierung ihres Lebens. „Christine ruht in sich“, heißt es in Washingtoner Führungskreisen. Dort hatten sie auch sofort zugestimmt, als aus Europa bei der Suche eines DSK-Nachfolgers der Name Lagarde fiel. Schließlich hat die in der Idylle der Normandie in der Nähe von Rouen aufgewachsene Französin seit ihrer frühen Jugend einen sehr starken Bezug zu den USA.

Starker Bezug zu den USA

An der Holton-Arms-Privatschule in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland hat sie bereits als 18-Jährige ihre ersten US-Erfahrungen gesammelt. Später studierte sie Rechtswissenschaften in Paris und Politikwissenschaft in Aix-en-Provence. Im Jahr 1981 stieg sie bei der amerikanischen Kanzlei Baker and McKenzie in Paris ein und katapultierte sich auf der Karriereleiter innerhalb weniger Jahre zur Chairwoman in der Zentrale des Unternehmens in Chicago.

Dass sie dann in die große Politik einstieg, war bereits früh vorhersehbar. Als Studentin in den USA hatte sie bereits als Assistentin des US-Kongressvertreters William Cohen – dem späteren Verteidigungsminister in der Regierung von Bill Clinton – erste Erfahrungen gesammelt. Und so zog es sie im Jahr 2005 in die französische Politik, wo sie zunächst als Handelsministerin und im Mai 2007 dann als Landwirtschaftsministerin für Furore sorgte, bevor sie nur einen Monat später zur ersten Finanzministerin des Landes berufen wurde.

Was sie in Washington und in den USA auch an ihr schätzen, ist ihr perfektes akzentfreies Englisch. Es überrascht nicht, dass US-Finanzminister Timothy Geithner ein hohes Loblied auf Lagarde singt. „Ihr geistes-erfrischender Esprit und Witz, ihre aufrichtige Wärme und ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen und dabei gleichzeitig französische Interessen loyal zu vertreten, nötigen mir  große Bewunderung ab.“ Besser kann ein Lob in dieser schwierigen Zeit wohl nicht ausfallen.

Aber auch Christine Lagarde ist nicht völlig unumstritten. Denn in Paris wirft man ihr Amtsmissbrauch vor. In einem Entschädigungsverfahren soll sie sich vorschnell auf einen Vergleich mit dem französischen Geschäftsmann Bernard Tapie eingelassen haben, was die neue IWF-Chefin indes bestreitet. Einige sagen, das sei auch ein Grund, weshalb sie dem Ruf aus Washington gefolgt sei. Ihre Kritiker könnten versuchen, aus diesem Streit Honig zu saugen und ihr das Leben schwer zu machen. Und dann würde ihr möglicherweise auch ihr sprichwörtlicher Charme nicht helfen.

Jetzt kommt es für die Französin maßgeblich darauf an, eine Schulden-Situation zu bewältigen, wie sie die Welt noch niemals zuvor erlebt hat. Dass Christine Lagarde nicht gerade über wirklich detaillierte Finanzmarkt-Expertise verfügt, ist für einige Kritiker ein Manko. Denn gerade jetzt, so argumentieren sie, seien auf Top-Positionen wirkliche Fachleute mit detailliertem Wissen über die komplexen Zusammenhänge des Bankensystems gefragt. Die Kritiker erinnern in diesem Kontext an die Besetzung der politischen Führungsposten in Griechenland und Italien, wo mit Papademos und Monti zwei wirkliche Kenner und Praktiker Verantwortung übernommen haben. 

Keine Frage: Christine Lagarde ist gefordert. Und so hat sie bei einer Reise nach China zuletzt zunächst einmal mit einigen eindeutigen und markigen Warnungen vorgebeugt: Wenn nicht mutig und gemeinsam gehandelt werde, laufe die Weltwirtschaft Gefahr, in eine Abwärtsspirale der Unsicherheit, der finanziellen Instabilität und des potenziellen Zusammenbruchs der globalen Nachfrage zu geraten. „Uns droht ein verlorenes Jahrzehnt“, warnte die IWF-Chefin ganz offen. Über einen Mangel an Arbeit kann sie sich in ihrer neuen Position daher wohl nicht beschweren.
 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 01/2012
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