Der stille Rebell
In wenigen Monaten soll Mario Draghi Nachfolger von Jean-Claude Trichet werden und auf den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) rücken. Draghi ist seit Ende Dezember 2005 als Chef der Banca d'Italia aktiv. | Jonas Dowen
Kein Zweifel – in diesen schwierigen Zeiten gibt es beileibe einfachere berufliche Aufgaben und Herausforderungen. Mario Draghi ist aber schließlich kein Mann für einfache Aufgaben. Der Italiener ist als ehrgeizig und zielorientiert bekannt. Er stellt sehr hohe Ansprüche an sich selbst – und auch an die Mitstreiter in seinem engsten Umfeld. Was ihn sympathisch macht, ist die Tatsache, dass er keiner ist, der große Töne von sich gibt und sich durch schrille Show-Einlagen in den Vordergrund schiebt. Dieser Mann glänzt durch Wissen und Können – und durch Prinzipien, bisher jedenfalls.
Lob von vielen Seiten
Im November 2011 soll der seit dem 29. Dezember 2005 als Chef der Banca d'Italia fungierende Draghi Nachfolger von Jean-Claude Trichet werden und auf den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) rücken. Der ehemalige italienische Spitzenbeamte, Investmentbanker und Professor war von Vertretern zahlreicher Finanzministerien in der Euro-Zone im Rahmen des Auswahl-Prozesses zuletzt mit auffallend viel Lob überschüttet worden.
Beobachter rieben sich in diesem Kontext verwundert die Augen und stellten sich die Frage, was die Politik wohl mit diesen Lobeshymnen bewirken wolle. Und viele Kommentatoren stellten unverhohlen die Frage, ob die politischen Entscheidungsträger in Berlin, Paris und den anderen europäischen Hauptstädten wirklich wissen, wen sie sich dort an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) holen.
Auch wenn ihm so mancher Politiker in Berlin und Paris zuletzt den sprichwörtlich berühmten Brei um den Bart geschmiert und in den höchsten Tönen gelobt hat, sind seine politischen und privaten Freunde in Italien davon überzeugt: „Mario Draghi wird auch als EZB-Chef Mario Draghi bleiben – ein Verfechter der Stabilität und der sozialen Marktwirtschaft.“ Was sie damit zum Ausdruck bringen wollen, ist: Es sei nicht davon auszugehen, dass der charismatische Römer und ehemalige Jesuitenschüler seine Gradlinigkeit aufgeben und sich durch politische Schönredereien und irgendwelche Versprechen verbiegen lassen wird.
Klar, an den Finanzmärkten herrscht die Angst vor, die Europäische Zentralbank (EZB) könne in ihrer Unabhängigkeit eingeschränkt werden und stärker unter den Einfluss der nach unkonventionellen Auswegen aus der Krise suchenden politischen Entscheidungsträger geraten. Gerade während der aktuellen Schuldenkrise waren Rufe laut geworden, die EZB solle sich dem Beispiel der US-Notenbank anschließen und eine Politik des Quantitative Easing – des Kaufs neu emittierter Staatsanleihen also – verfolgen, um Zeit für die Lösung der Dilemmas zu gewinnen. Dass sich EZB-Chef Trichet in einem schwachen Moment dazu überreden ließ, bereits am Markt befindliche und vor längerer Zeit emittierte Staatsanleihen am Sekundär-Bondmarkt zurückzukaufen, hat dem Image der EZB bei Stabilitäts-Protagonisten bereits geschadet. Bisher hat die EZB der Versuchung des QE nach amerikanischem Vorbild indes widerstanden.
Auf Stabilitätskurs
Doch die Hoffnung, dass der am 3. September 1947 in Rom geborene zweifache Vater und einfache Großvater diesen Widerstand beibehalten und auch in Zukunft einen Stabilitätskurs verfolgen wird, ist nicht nur groß, sie scheint nach all dem, was der bereits als „Mister Euro“ titulierte Draghi zuletzt geäußert hat, auch durchaus berechtigt zu sein. Jedenfalls kann man eine solche Auffassung vertreten, wenn man ins Kalkül zieht, was über Draghis geldpolitische Grundthesen bekannt ist. Stabilität in der Euro-Zone sei nur zu erreichen, wenn a) die nationalen Regierungen mehr Haushalts-Disziplin zeigten, b) eine wachstumsstimulierende Wirtschaftspolitik verfolgt werde und c) die EZB für Preisstabilität sorge, hat er zuletzt immer wieder betont.
Dass europäische Spitzenpolitiker möglicherweise bei der Wahl Mario Draghis davon ausgegangen sein könnten, in ihm einen gefunden zu haben, der im unruhigen Meer der Riesenverschuldung die Übersicht verlieren und sich zu stabilitätsgefährdenden Manövern hinreißen lassen könnte, glauben die, die seinen Karriereweg aufmerksam verfolgt haben, nicht wirklich. Auch wenn er immer wieder für einen guten Scherz aufgelegt zu sein scheint, kennt er in Sachen Geldpolitik keinen Spaß. Er gilt allgemein als ein Verfechter einer „Stabilitätspolitik made in Germany“ – das hat er in seinen Reden und Artikeln oft dargelegt.
Klar, besonders in Deutschland hört man so etwas gern – und so haben sie, von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark bis hin zu Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, das hohe Loblied auf Mario Draghi gesungen. Und in der Tat bietet der Mann seinen Kritikern nur wenige Angriffsflächen. Er gilt als bodenständig und vermeidet das grelle Rampenlicht – jedenfalls dort wo es geht. In Rom sagen sie über ihn, dass er bei von ihm oft als „notwendige Übel“ bezeichneten öffentlichen Empfängen zu den Ersten zählt, die sich wieder auf den Heimweg machen. Dass über sein Privatleben wenig nach außen dringt, passt in dieses Bild. Was allerdings bei seinen öffentlichen Auftritten immer auffällt: Draghi passt in das Bild des ewig adrett und modern gekleideten italienischen Geschäftsmannes. Der Mann ist modebewusst und immer im feinsten Zwirn anzutreffen.
Er ist gradlinig. Und so nimmt man ihm ab, wenn er klar und deutlich erklärt: „Die EZB muss für Preisstabilität sorgen.“ Schließlich hat sich der Mann bereits seit mehr als fünf Jahren sehr intensiv mit dem Thema Finanzmarktrisiken beschäftigt, kennt also die brennende Thematik der Stabilitäts-Gefährdung im Detail. Allerdings sind in diesem Zusammenhang auch durchaus Zweifel angebracht, ob er die von Teilen der Presse als Lob verliehene heldenhafte Bezeichnung vom „Super-Mario“ wirklich verdient hat. Denn man kann oder muss Draghi möglicherweise sogar vorwerfen, dass auch er wie viele andere Finanzmarktakteure und Politiker die Finanzmarktkrise nicht hat kommen sehen oder er jedenfalls nicht expressis verbis laut genug vor den Risiken der gigantischen Überschuldung gewarnt hat.
Profunder finanzwirtschaftlicher Hintergrund
Denn immerhin ist er nicht nur Mitglied des EZB-Rats, des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel und der Asian Development Bank (ADB) in Manila. Er hat vielmehr auch im Finanzministerium in Rom und in der italienischen Privatisierungsbehörde gearbeitet, war im Finanz-Komitee der G7 aktiv und leitete zudem eine OECD-Arbeitsgruppe. Auch bei der Weltbank hat Mario Draghi durch seine Tätigkeit sichtbar positive Spuren hinterlassen.
Draghi wurde nicht zuletzt auch dadurch geprägt, dass er sehr früh Vater (einen Ex-Banker) und Mutter verloren hat, von der Tante aufgezogen wurde und so bereits als Kind Verantwortung für die beiden Geschwister übernehmen musste. Das hat ihn geprägt. Er hat früh gelernt, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Diese „harte Kindheitsschule“ mag auch ein Grund dafür sein, dass er sich in Fragen der Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Vergangenheit nicht gerade selten mit dem schillernden italienischen Premierminister Silvio Berlusconi angelegt hat. Auch mit Italiens Wirtschaftsminister Giulio Tremonti ist Draghi oft aneinander geraten. Das hat ihm nicht nur in Deutschland, sondern auch in seiner Heimat eine Menge Respekt eingebracht.
Mario Draghi auf dem Sessel des EZB-Chefs – das ist also in diesem Zusammenhang so etwas wie Balsam auf der geschundenen italienischen Staatsseele.
Aus all diesen Fähigkeiten und vergangenen Tätigkeiten leiten seine Befürworter die Aufffassung ab, dass es kaum einen besseren Kandidaten für den EZB-Chefsessel geben konnte. Seine Kritiker werfen allerdings in die Wagschale, dass er dem Unwesen in der Finanzwelt wohl zu lange untätig zugeschaut habe. Denn bevor er den Chefsessel bei der Banca d’Italia besetzte, hat er von 2002 bis 2005 als Vize-Chairman und geschäftsführender Direktor bei Goldman Sachs International in London praktische Erfahrung im globalen Investment Banking gesammelt und Einblicke in interne Abläufe gewonnen.
Seit April des Jahres 2006 war er dann auch Chairman des Financial Stability Forum, des heutigen Financial Stabily Board (FSB), das unter dem Dach der BIZ angesiedelt ist. In diesen unterschiedlichen Positionen hätte er in der Vergangenheit eigentlich bereits recht früh erkennen müssen, dass in der Finanzwelt viele Dinge in die falsche Richtung liefen.
Seine Befürworter allerdings sagen, im Rahmen seiner Arbeit im FSB habe er mit Sicherheit jene allerletzten Erkenntnisse gewonnen, die ihn für den Job des EZB-Präsidenten prädestinieren.
All diese wichtigen theoretischen ökonomischen Erkenntnisse aus der Bildungsphase seines Lebens, die ihn unter anderem zu seinem Mentor Nobelpreisträger Franco Modigliani führte, wendet er heute konsequent an. Mario Draghi hat sein ökonomisches Studium im Jahr 1970 an der Universität in Rom abgeschlossen und sich anschließend im Jahr 1976 den Doktorgrad des Ph. D. am bekannten MIT (dem Massachusetts Institute of Technology) in Cambridge erworben. Im Zeitraum von 1981 bis 1991 gab Draghi sein Wissen als Wirtschafts-Professor an der Universität in Florenz an die interessierte Jugend weiter, was seine pädagogischen Fähigkeiten bestätigt.
Enge Beziehungen zum amtierenden und zum ehemaliggen US-Finanzminister Timothy Geithner auf der einen und Larry Summers auf der anderen Seite zeigen, dass Draghi Zugang zu großen ökonomischen Entscheidern und Geistern hat. Jetzt soll Draghi die europäische Idee vom Irrweg holen und auf den Erfolgkurs bringen - der stille Italiener hat die besten Voraussetzungen für diese anspruchsvolle Aufgabe. „Mario Draghi übernehmen Sie!“

