Der Rufer in der Wüste
Georgios A. Provopoulos, der Gouverneur der Bank of Greece (BoG), hat die Fehlentwicklungen, die zur aktuellen Krise Griechenlands führten, früh erkannt. Bereits in seiner Zeit als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Athen oder als Vorstandschef der Piräus Bank und anderer Geschäftsbanken hatte er sich vor seiner Berufung zum BoG-Gouverneur im Juni 2008 immer wieder kritisch zu Wort gemeldet. | Jonas Dowen
Von der griechischen Mythologie ist in diesen Tagen kaum etwas übrig geblieben. Denn Griechenland steht am Abgrund – ökonomisch und finanziell zumindest. Für in der Gegenwart lebende griechische Eliten ist dies daher auch kaum der richtige Zeitpunkt für heroische Taten. Wer heute zu den großen Helden der langen und über die Jahrtausende hinweg erfolgreichen griechischen Geschichte aufschließen will, muss Unpopuläres fordern. Und solche Unbequemlichkeiten will die Mehrheit des Volkes nicht hören – und das ist nicht nur in Griechenland so. Die Ignoranz der Öffentlichkeit, das Wegschauen der Bürger, bekommt in diesen Tagen auch Georgios Provopoulos zu spüren. Denn der Gouverneur der Bank of Greece BoG – der Zentralbank der Hellenen – muss eine Aufgabe erfüllen, um die ihn wohl wirklich niemand beneidet.
Im Blickpunkt
Denn nicht nur in den europäischen Finanzzentren, sondern auch in anderen Monetär- Metropolen der Welt sind die Blicke der Öffentlichkeit in diesen Tagen vor allem auf Athen gerichtet. Dass Provopoulos dabei nicht nur im Fokus der Beobachter, sondern auch im Fadenkreuz der rund um den Globus zunehmenden Kritiker steht, ist nur allzu verständlich. Obwohl ihn keine direkte Schuld trifft. Wer in einer solchen Phase Verantwortung übernimmt, muss ein dickes Fell haben. Die Weichen für die Zukunft Griechenlands werden zwar in diesen Tagen nicht in Athen, sondern eher in Washington, Berlin, Paris, Brüssel und Frankfurt gestellt, doch ist Provopoulos‘ Büro in der Venizelos Avenue eine wichtige Anlaufstelle für die Entscheider an den anderen Orten.
Innerhalb Griechenlands genießt der Mann eine hohe Anerkennung – keine Frage. Aber der Sohn eines Eisenbahnarbeiters weiß, dass es für ihn nicht einfach ist, einem Volk, das auf der einen Seite zwar als höfl ich und gefällig gilt, dem auf der anderen Seite jedoch auch ein reizbares und streitbares Gemüt nachgesagt wird, die Wahrheit zu sagen. Offen und ungeschminkt. Und diese Wahrheit lautet nach dem Urteil der Finanzmärkte: Griechenland ist insolvent. Bereits in seiner Zeit als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Athen oder als Vorstandschef der Piräus Bank und anderer Geschäftsbanken hatte er sich im Jahr 2008 vor seiner Berufung als BoG-Gouverneur immer wieder kritisch zu Wort gemeldet. Zuvor hatte er sich als Chefökonom für Wirtschaftsinstitute und als Wirtschaftsprofessor ein tiefes wirtschaftstheoretisches Wissen erarbeitet.
Verhallte Warnungen
Der in Piräus geborene Notenbanker kann stolz darauf sein, dass er die jetzige Situation nicht nur vergleichsweise früh erkannt, sondern dass er expressis verbis auch die möglichen – jetzt sichtbaren – Folgen immer wieder zeitnah angesprochen hatte. Nur: So klar und deutlich wollte die griechische Öffentlichkeit rund um die Akropolis die Probleme wohl nicht unbedingt hören. Obwohl man Griechen allgemein die Tugend der Mäßigkeit nachsagt, haben die jüngsten Ereignisse innerpolitischer Unruhen auf den Straßen Athens auch daran erinnert, dass in der griechischen Mythologie vom Charakterzug der Unversöhnlichkeit die Rede ist.
Und so wurden seine Warnungen über einen längeren Zeitraum hinweg nicht nur immer leiser, sondern auch seltener. Der „Rufer in der Wüste“ wusste seine auf diesem Ohr tauben Landsleute nämlich sehr wohl einzuschätzen. Aber die sind halt nur ein Teil des riesigen Problems. Eine weitere Schwierigkeit liegt für den Zentralbankchef auch darin, die Bedürfnisse seines Landes und dessen Bürger mit denen der EU-Partner in Einklang zu bringen. Dass der Internationale Währungsfonds (IWF) in der großen Rettungsaktion auch noch mitspielt, erleichtert Provopoulos’ Aufgabe beileibe nicht.
Der Mann mit den festen griechischen Wurzeln hat seinen 60. Geburtstag am 20. April zu einem Zeitpunkt gefeiert, zu dem die Finanzmärkte nach der Subprime- Krise und der Lehman-Pleite innerhalb von nur zwei Jahren zum dritten Mal bebten. Der im britischen Essex promovierte Wirtschaftswissenschaftler weiß, dass Athen im Epizentrum dieses aktuellen Bebens lag. Mit seinem tiefen theoretischen Background hat der promovierte Banker erkannt, dass die heutige einmalige Situation von allen Beteiligten außergewöhnliche Maßnahmen erfordert. Er weiß, dass lockere Sprüche nicht helfen. Und so hört man in dieser Zeit von ihm auch nicht mehr jene „Weisheiten“, für die ihn europäische Banker noch vor kurzem kritisiert hatten. „Der beste Weg eine Krise zu managen ist, sie zu verhindern“, hatte er gesagt und damit Kritiker auf den Plan gerufen.
Tiefe Einschnitte
Der in diesen Tagen blass und fahl wirkende Banker weiß, dass Griechenland um tiefe Einschnitte nicht herumkommen wird, dass ein Paradigmenwechsel in der Finanz- und Wirtschaftspolitik des Landes eingeleitet werden muss und das Volk nicht länger im typischen südländischen Flair über seine Verhältnisse leben kann. Oft genug hat er dies in seinen Reden zuletzt gesagt – offen und schonungslos. Und er hat Premierminister Georgios Papandreou und den Mitgliedern der Regierung in Athen einige Wege zum Erreichen dieses Ziels aufgezeigt. In diesem Kontext verwendet er derzeit Worte von der „Krise mit zahlreichen Facetten“ und von der notwendigen „mehrjährigen Konsolidierung der Staatsfi nanzen“.
Und wenn die Mikrofone dann abgeschaltet sind, erfährt man auch, dass der Notenbanker den zuvor nicht genau definierten Begriff „mehrjährig“ klarer fasst. Er denke dabei an mehr als eine Dekade, hat er zuletzt gesagt. Es gelte, grundlegende und bahnbrechende Maßnahmen zur Reduzierung der griechischen Defi zite einzuleiten und umzusetzen. Wegen seiner Position als BoG-Gouverneur hat Provopoulos seit dem Eintritt Griechenlands in die Euro-Zone im Jahr 2001 zur Europäischen Zentralbank (EZB) auch einen Sitz im Rat der „Euro-Bank“. Er weiß, dass alle seine Reden von den Zuhörern inhaltlich sehr genau darauf abgeklopft werden, ob sie sich nicht nur allein an den griechischen Erfordernissen orientieren, sondern gleichzeitig auch die europäische Idee refl ektieren.
Und wenn er als ehemaliger Vize-Chairman der griechischen Bankenvereinigung heute sagt, dass Griechenland die Zukunft in Angriff nehmen und dabei auch rasch handeln müsse, dann mag er über die Reaktion in seinem Heimatland enttäuscht sein. Denn sowohl auf Seiten der Regierung als auch der Öffentlichkeit scheinen viele den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt zu haben. Doch das stört den energie-geladenen und dynamischen Notenbanker nicht. Er hält solche und ähnliche Reden immer und immer wieder und lässt nicht locker, Veränderungen und einen Paradigmenwechsel anzumahnen.
Über den Privatmann Georgios Provopoulos erfährt die Öffentlichkeit vergleichsweise wenig. Man weiß, dass er verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Zudem sagt man dem oftmals ernst dreinblickenden „Ur-Griechen“ nach, eine Schwäche für gutes Essen zu haben. Er ist einer von jenen, die wenig Aufsehen von sich selbst machen. Provopoulos stellt das große Ganze in den Mittelpunkt. „Der Ausweg aus der Krise ist lang, und er wird für unser Volk sehr hart werden“, sagt er mit ernstem Gesicht. Mit diesen Worten will er offensichtlich einem möglicherweise drohenden Laissez-faire vorbeugen, also einer sich möglicherweise im griechischen Volk ausbreitenden Einstellung, die Dinge einfach laufen zu lassen. Provopoulos sagt: Die Zeiten, in denen ein Volk über seine Verhältnisse leben konnte, gehören der Vergangenheit an.
Erst die Zukunft wird zeigen, ob der BoG-Gouverneur Georgios Provopoulos möglicherweise als ein griechischer Held in die lange und ereignisreiche Geschichte der Hellenen eingehen wird. Einige in Athen vergleichen ihn wegen seiner dem Volk Schmerzen bereitenden Mission bereits mit Ares, dem Gott des schrecklichen Krieges. Andere Betrachter, die drohende dunkle Wolken über Hellas sehen, vergleichen ihn mit Erebos, dem Gott der Finsternis. Doch noch sind in Griechenland die Lichter nicht ausgegangen – Provopoulos will dazu beitragen, dass das so bleibt.

