Der Rallye-Kapitalist
Am 20. Mai 2009 löste der Franzose Xavier Rolet die Grande Dame der britischen Finanzszene, Clara Furse, als CEO der London Stock Exchange ab. Finanzexperten in der City haben keinen Zweifel, dass Rolet ein geeigneter Nachfolger ist. „Er ist ein sehr kluger und kompetenter Mann mit einer guten Karriere“, lobt beispielsweise Professor Bruce Weber von der London Business School. | Jonas Dowen
Xavier Rolet hat die sich ihm vor etwa einem Jahr bietende Chance des „ganz großen Kinos“ genutzt. Seinen großen Auftritt in der Welt-Finanzszene hat der gebürtige Franzose vor allem Clara Hedwig Frances Furse zu verdanken. Denn erst mit dem Rücktritt der Grande Dame der britischen Finanzszene vom Posten der Vorstandschefin der London Stock Exchange (LSE) wurde dem heute 50-jährigen Rolet am 20. Mai 2009 jene Hauptrolle zuteil, die er nach Meinung von Beobachtern in der Londoner City bis heute eher solide denn spektakulär ausgefüllt hat. Und dabei ist Rolet durchaus ein Mann, der das Spektakuläre liebt. Seine sportlich und abenteuerlich anmutenden Hobbies wie Skifahren, Autorallye und Scuba-Diving zeigen, dass er in seinem Privatleben der Aufregung nicht aus dem Weg geht.
Als „boring“ – also als langweilig – will Rolet nicht gelten. Das entspricht weder Xavier Rolet Der Rallye-Kapitalist seinem Naturell, noch seinem Sternzeichen. Denn Skorpion-Menschen wie ihm wird Leidenschaft, Willenstärke, Selbstbewusstsein und letztlich auch Ehrgeiz nachgesagt. Die Schwächen der im Tierkreiszeichen des Skorpion Geborenen liegen darin, dass sie es oft versäumen, einem diplomatischen Mittelweg zu folgen. Skorpione möchten, so sagen es astrologische Forscher, mit einer akribischen Analyse-Arbeit den Geheimnissen des Lebens auf die Spur kommen. Und Skorpione wie Rolet möchten ständig gefordert werden und ihre Ausdauer unter Beweis stellen können.
Dass er sich als LSE-Chef auf der einen Seite ständig wechselnden Herausforderungen stellen muss, es ihm allerdings auf der anderen Seite bisher noch nicht vergönnt war, den ganz großen spektakulären Auftritt hinzulegen, ist vor allem der globalen Finanzkrise zuzuschreiben. Denn auch Börsen sind in den weltweiten Abwärtssog geraten. Obwohl Kern und Herzstück der europäischen Börsenszene, konnte sich die mehr als 300 Jahre alte LSE in dieser Beziehung nicht freischwimmen.
Dass die Umsatzerlöse der Börse in der Londoner City krisenbedingt stark geschrumpft sind, ist nicht nur der mangelnden Risikobereitschaft auf Seiten der institutionellen und privaten Anleger zuzuschreiben. Was Rolet als ehemaligen Vertreter der Wertpapierhandelsbank Lehman Brothers stört, ist vielmehr auch der Fakt, dass seine einstigen Kollegen aus der Bankenszene Wertpapierorders immer stärker internalisieren oder aber egoistisch über MTF-Handelsplattformen abwickeln, die sie vor einigen Jahren selbst gegründet hatten.
LSE im Wettbewerbs-Dilemma
Wenn einer den richtigen Weg traditioneller Börsen aus dem Wettbewerbs-Dilemma kennen dürfte, dann ist es wohl Rolet. Schließlich hat er nicht nur für die insolvente Investmentbank Lehman Brothers gearbeitet, sondern war im Verlauf seiner langen Karriere auch für den Klassenprimus Goldman Sachs sowie zuvor für Credit Suisse First Boston (CSFB) tätig. Dass man Rolet auch in deutschen Bankerkreisen recht gut kennt, liegt an seinen früheren Tätigkeiten bei der (ehemaligen) Bayerischen Vereinsbank sowie bei Dresdner Kleinwort Benson. Für diese beiden Banken war er jeweils im Bereich globales Wertpapiergeschäft in verantwortlichen Positionen aktiv.
Der neue Job bei der LSE ist anspruchsvoll und stressig zugleich; denn hier muss er die Interessen aller großen Finanzhäuser mit den ureigenen Interessen einer Börse in Einklang bringen. Dies ist deshalb nicht unbedingt einfach, weil diese Börse nicht mehr – wie in früheren Jahren – allein dem öffentlichen Auftrag der Kapitalsammel- und Kapitalverteilungsstelle gerecht werden muss. Die LSE ist schließlich eine Aktiengesellschaft und muss im Interesse ihrer zahlreichen Aktionäre gewinnorientiert arbeiten.
Eher selten hat der Vater von drei Kindern die Chance, sich vor 22 Uhr in sein Heim in Pimlico im Stadtteil Westminster in Central London zurückzuziehen. Sein Kalender ist von morgens bis abends mit unzähligen Terminen gefüllt; denn Arbeit gibt es in diesen schwierigen Zeiten en masse.
Finanzplatz mit Perspektive
Der begeisterte Land-Rover-Fahrer hat das Ruder der LSE zu einem kritischen Zeitpunkt übernommen. Eine solche Situation, das weiß Rolet bestens, weist zwar Risiken auf, bietet aber gleichzeitig auch Chancen. Und diese Chancen will er nutzen – mit der ihm eigenen Konsequenz. Auch deshalb, weil er weiß, dass die LSE ein Kernelement des Finanzplatzes London mit einer großen historischen Bedeutung ist. London ist darüber hinaus sowohl für die Amerikaner als auch für die Asiaten noch immer eine Art „globales Finanzzentrum“.
Und wer wäre besser geeignet, die Stärken der Börse in diesem wichtigen Money-Hub zutage zu fördern als Rolet, der in Paris zur Schule gegangen ist und zwei Studien an der Ecole Supérieure de Commerce in Frankreichs Hauptstadt sowie an der Columbia University in New York erfolgreich abgeschlossen hat. „Hier in London lässt sich etwas bewegen“, hat sich Globetrotter Rolet bei seinem Antritt selbst gesagt. Und wer den stets in bestem teuren Zwirn auftretenden Rolet seither bei seinen öffentlichen Auftritten beobachtet hat, der merkt: Hier genießt einer seine Rolle und die riesige Herausforderung. Solche Herausforderungen sucht er auch in sportlicher Hinsicht; denn dass ein Vorstandschef als Akteur die Rallye Paris-Dakar erfolgreich beendet – wie Rolet im Jahr 2007 -, gilt als eher selten.
Klug und kompetent
Londoner Finanzexperten hegen keinen Zweifel daran, dass Rolet der geeignete Nachfolger von Clara Furse ist. „Er ist ein sehr kluger und kompetenter Mann mit einer guten Karriere“, lobt Professor Bruce Weber von der London Business School. Rolet könne schließlich auch auf die Erfahrung zurückgreifen, als ehemaliger Investmentbanker Kunde der LSE gewesen zu sein. Der Franzose, dessen Englisch fast akzentfrei ist, kennt also die guten und die schlechten Zeiten des Geschäfts und betrachtet die Börse unter dem Blickwinkel des Kunden und nicht unter dem Aspekt des einstigen Monopols. „Er ist ein strategischer Denker“, erhält Rolet auch Lob von Konkurrenten wie Peter Randall, dem ehemaligen Vorstandschef der MTF-Handelsplattform Chi-X, der inzwischen die Geschicke von Equiduct Trading an der Berliner Börse leitet.
Es klingt ein wenig nach Eigenlob, wenn Rolet die folgenden Worte sagt: „Ich habe das Gefühl, mich exakt auf diesen Job seit mehr als einem Jahrzehnt vorbereitet zu haben.“ Betrachtet man dabei jedoch den Gesichtsausdruck des Franzosen, so erkennt man rasch, dass diese Worte kein Eigenlob darstellen, sondern dass sie aus voller Überzeugung ausgesprochen wurden. Mit einem steten Anflug des Lächelns setzt er in seinen Gesprächen sowohl seinen französischem Charme als nötigenfalls auch die britische Sturheit ein – und meist erreicht er mit dieser emotionalen Mischung seine Ziele.
Wenn Unternehmensberater in ihren Krisengesprächen bei Problem-Unternehmen in diesen schwierigen Zeiten verstärkt auf eine ausgeglichene Work/Life- Balance von Arbeitnehmern achten und dies als wichtiges Kriterium bei Einstellungsgesprächen zugrunde legen, dann ist Rolet mit Sicherheit hierfür nicht der ideale Kandidat. Denn der Faktor „Work“ überwiegt in seinem Kalender bei diesem Gleichgewichts-Akt bei weitem. Wenn er sein Haus in Pimlico am frühen Morgen verlässt, um mit der Tube – dem Londoner U-Bahnsystem – zu seinem Büro am Paternoster Square in der Nähe der St Paul’s Cathedral inmitten der Londoner City zu fahren, dann folgen nach dem Beginn der Bürozeit gegen acht Uhr nicht selten mehr als zwölf Stunden angestrengte Arbeit.
Doch wenn er Freizeit hat und sich den Luxus des Ausspannens gönnt, dann wählt er die Extreme. Auf der einen Seite verbringt er seinen Urlaub in Abenteuer- Manier zum Teil in der Nähe des Südpols auf einem ozeanografischen Schiff. Und auf der anderen Seite versteht er es aber auch, die Freizeit in vollen Zügen zu genießen. In der Nähe seiner Heimat bei Avignon sagen sie über ihn, er lebe dann wie „Gott in Frankreich“. In solchen seltenen Phasen kümmert er sich auch um die Bienenzucht auf seinem Weingut in der Nähe von Avignon, das von seiner Frau und seinem Bruder geführt wird.

