Der Notengeber
Der neue S&P-Präsident Douglas Peterson muss sich in bewegten Zeiten bewähren. Die Finanzkrise hat die Rating-Agenturen in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt, denn sie entscheiden mit ihren Bonitätsabstufungen bei Unternehmen und Staaten über enorme finanzielle Zusatzbelastungen für die Schuldner. Daher konnte es nicht überraschen, dass Peterson-Vorgänger Deven Sharma der Zorn der amerikanischen Nation traf, als S&P am 5. August die Top-Note für die USA von AAA auf AA+ senkte. | Jonas Dowen
Wenn der Präsident eines Unternehmens in erster Linie wohl deshalb ausgetauscht wird, weil sich das betreffende Unternehmen über das ganze Land hinweg einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt sieht, dann ist das nicht unbedingt ein Vorteil für den Nachfolger. Douglas Peterson, neuer Präsident der Rating-Agentur Standard & Poor’s, wird allerdings mit dieser Herausforderung umgehen können. Er wird also damit leben müssen, dass seine Berufung zum neuen S&P-Präsidenten in der Öffentlichkeit weniger mit seinen zweifellos vorhandenen Fähigkeiten als vielmehr mit einer generellen Kritik am Verhalten seines Vorgängers begründet wird.
Die Kraft der Märkte
Nun ist es beileibe nicht so, dass der bisherige S&P Chef Deven Sharma allein für den Imageverlust seines Unternehmens oder gar der gesamten Branche verantwortlich wäre. Die Veränderung an der S&P-Spitze wurde vor allem durch die Kraft der Märkte erzwungen. Was aber war geschehen? Die Rating-Branche stand seit Ausbruch der Finanzkrise – wie noch niemals zuvor in der modernen Geschichte der Finanzmärkte – im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Die viel beachteten Notengeber haben in den vergangenen Jahren durch ein als eher zweifelhaft bewertetes Geschäftsgebaren weltweit Kritik auf sich gezogen.
Das Verhalten der Rating-Agenturen ist insofern von einer enormen Bedeutung, weil das Heben oder Senken des Daumens bei der Notengebung für Unternehmen, Kommunen und vor allem auch Staaten einen gravierenden Einfluss nicht nur auf die Kreditnehmer, sondern auch auf alle anderen Bereiche der Finanzwelt hat. Die Rating-Agenturen entscheiden mit ihrer Bonitätseinstufung über Milliarden-Bewertungen nach oben oder unten. Sie entscheiden mit darüber, welchen Zins ein Kreditnehmer zu zahlen hat. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich die Finanzmärkte auf das Urteil der Agenturen verlassen. Dass das Geschäftsmodell der „Credit Controller“ darauf beruht, für die Analyse und die Einstufung von Kreditnehmern Geld zu verlangen, ist seit langem bekannt.
Doch in der Krise wurde gerade dieses Geschäftsmodell zum Bumerang. Rund um den Globus verstärkte sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise die Kritik, Rating-Agenturen hätten an Objektivität eingebüßt. Gerade mit Blick auf die zweifelhafte Bonität von strukturierten Produkten des Kredit- und des Immobilienmarktes in den USA dürfte die Kritik durchaus berechtigt gewesen sein. Doch die „Credit Controller“ wollten die Vorwürfen nicht länger auf sich sitzen lassen und holten zum Gegenschlag aus.
Rating-Schock in den USA
Ein Top-Ereignis brachte das Fass dann zum Überlaufen. Was hätte sich wohl besser angeboten, als Unabhängigkeit dadurch zu demonstrieren, dem „Mutterland des Kapitalismus“ die Note des Klassenprimus abzuerkennen. Als S&P am 5. August die Top-Note für die USA von AAA auf AA+ senkte, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die weltweit größte Volkswirtschaft. Die USA waren in ihrem Nationalstolz getroffen. Doch nicht nur das: Dieser Schritt löste an den internationalen Finanzmärkten ein (allerdings nur kurzes) Beben aus.
Sogar Warren Buffett, berühmte Anleger-Legende und Lichtgestalt der globalen Finanzmärkte, wandte sich vehement gegen diesen Schritt und erklärte, die USA hätten nicht nur ein AAA-Rating, sondern sogar ein AAAA-Rating – also etwas, das in der Welt der Rating-Agenturen gar nicht existiert – verdient. Und so eskalierte die Situation. Unter dem Druck der Öffentlichkeit hatte die S&P-Muttergesellschaft McGraw-Hill in Deven Sharma rasch ein Opferlamm gefunden und der Öffentlichkeit präsentiert. Ob die Veränderung an der S&P-Spitze wirklich mit diesen Ereignissen zu tun hatte, ist schwer zu sagen. Sicher – ein Zusammenhang lässt sich möglicherweise herzustellen, doch einen wirklichen Beweis dafür gibt es wohl nicht.
Die Suche nach einem neuen Präsidenten sei bereits weit vor dem Downgrading angelaufen, versuchte McGraw-Hill die Gemüter zu beruhigen. „Es gibt wirklich keinen Zusammenhang zwischen der Bonitäts-Herabstufung der USA und Deven Sharmas Rücktritt“, äußerte sich S&P-Sprecher Edward Sweeney. In der Öffentlichkeit entstand jedoch ein völlig anderer Eindruck. Auf S&P und Deven Sharma sei von allen Seiten in den USA ein enormer Druck ausgeübt worden, sah sich sogar US-Vizepräsident Joe Biden zu einem Kommentar veranlasst. „S&P befindet sich in einer Krisenstimmung“, sagt der einst in Diensten der New York Stock Exchange stehende Finanz-Fachmann Richard Torrenzano.
Vorschusslorbeeren für den neuen S&P-Präsidenten
Nun muss Douglas Peterson es also richten. Dass er die Fähigkeiten hierfür besitzt, steht nicht nur für Harold McGraw III., dem allgewaltigen Chairman, Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der S&P-Muttergesellschaft The McGraw-Hill Companies, außer Frage. „Doug ist mit mehr als 25 Jahren weltweiter Erfahrung ein fähiger Manager, der sich in der Finanzdienstleistungsbranche, an den Kapitalmärkten und auch im Risikomanagement bestens auskennt“, verteilt McGraw III. Vorschusslorbeeren in Richtung seines neuen S&P-Präsidenten. Eine der ersten Aufgaben von Peterson liegt darin, wieder das Vertrauen der Finanzmärkte in die Arbeit von S&P herzustellen. Zunächst wird er wohl auch die bereits von Sharma initiierte Aufteilung von S&P in zwei Teile – nämlich in S&P Credit Ratings Services und McGraw-Hill Financial – umsetzen.
Auf globale Erfahrung kann der am 8. Mai 1958 Geborene durchaus bauen. Er war seit 1985 für die Citibank NA in New York, Buenos Aires, Costa Rica, Uruguay und zuletzt in Japan als Chief Operation Officer aktiv sowie für die Citibank Japan Holdings Co als Chairman, Präsident und Vorstandschef. Dass er ein „geborener Banker“ ist, lässt sich nicht gerade behaupten. Am Claremont McKenna College hat er im Jahr 1980 den Bachelor-Abschluss in Geschichte und Mathematik abgelegt, bevor er dann im Jahr 1985 seinen MBA-Abschluss an der Wharton University of Pennsylvania machte.
Das Mathematik-Studium in Claremont hat seinen Einstieg ins internationale Banking erleichtert. Und so bietet sich Peterson in der Welt der mit dem ganz großen Zahlenwerk hantierenden Rating-Agenturen eine auf seine Fähigkeiten möglicherweise sogar zugeschnittene neue Aufgabe. „Er ist ein Manager, der hervorragend analysieren und sich auf die wichtigen Dinge fokussieren kann“, sagt ein alter Weggefährte bei der Citigroup. Sowohl in New York als auch in Tokio sind sie meist des Lobes voll über ihn. Es sei maßgeblich ihm zu verdanken, dass die Citigroup in Japan schwierige Zeiten überstanden habe, heißt es. Nicht zuletzt durch den Erwerb japanischer Finanzdienstleister – darunter auch den drittgrößten Wertpapierbroker Nikko Cordial Corporation – stehe die Citigroup im Land der aufgehenden Sonne heute auf einer recht soliden Basis.
Dass er nicht nur Kenntnisse über die Finanzbranche in seinen neuen Job einbringt, ist auch daraus zu ersehen, dass er im Board der Paul Taylor Dance Company, des US-Japan Business Council und des Kravis Leadership Institute vertreten ist. Wesentlich schwieriger als die Wiederherstellung des Vertrauens in der Wirtschaft dürfte Petersons Aufgabe auf politischer Ebene sein. „Die US-Regierung versucht mit dem Dodd-Frank-Gesetz die Abhängigkeit der Märkte von der Bonitätsbewertung der Rating-Agenturen zu verringern, und die Europäer gehen in etwa den gleichen Weg“, zeigt Joshua Rosner vom Researchhaus Graham Fisher & Co die politischen Herausforderungen für Peterson auf.
Noch scheint die breite Öffentlichkeit aber nicht bereit, ein unvoreingenommenes Urteil über die Fähigkeiten Petersons fällen zu wollen. Noch immer heißt es, dass McGraw-Hill vor dem Hintergrund der scharfen Kritik zu raschem Handeln in der Führungsfrage gezwungen gewesen sei. Wohl jeder andere Top-Manager sei in der aktuellen Situation besser geeignet gewesen als Sharma, um den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen zu können, wird in New York bewusst übertrieben. Dass man Douglas Peterson mit einer solchen Wertung Unrecht tut, steht auf einem anderen Blatt. Doch im gleichen Maße wie ein gerechteres Urteil über Petersons Führungsfähigkeiten wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt gefällt werden kann, so scheint auch die auf Petersons Vorgänger Deven Sharma in diesem Kontext zuletzt niederprasselnde Kritik überzogen und nicht immer gerecht gewesen zu sein.

