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At the Top: Pratip Chaudhuri

Der Mann des Volkes

Der 57-jährige Pratip Chaudhuri ist seit einem halben Jahr Chairman der State Bank of India – und damit einer der einflussreichsten Männer Indiens. Denn schließlich ist die SBI – gemessen an den Erträgen, Vermögenswerten, Filialen und Arbeitnehmern – die größte Bank des indischen Subkontinents. | Jonas Dowen

Nein – dieser Mann geht zum Lachen nicht in den Keller. Ganz im Gegenteil – Pratip Chaudhuri wird von seinen Mitmenschen meist wohlwollend wahrgenommen. Sowohl im ganz normalen Büro-Alltag als auch bei seinen inzwischen zahlreicher werdenden öffentlichen Auftritten vermittelt er seiner Umgebung durch ein strahlendes und gewinnendes Lächeln ein angenehmes Gefühl – also eine Art Wohlfühl-Atmosphäre. Der im Jahr 1954 geborene Inder ist seit dem 7. April diesen Jahres Chairman der State Bank of India (SBI) – und damit einer der mächtigsten und einflussreichsten Männer Indiens. Denn schließlich ist die SBI – gemessen an den Erträgen, den Vermögenswerten, Geldeinlagen, Filialen und Arbeitnehmern – die größte Bank des indischen Subkontinents.

Pratip Chaudhuri hat den Posten des Chairman von O.P. Bhatt übernommen, tritt also in große Fußspuren. Bhatt hatte die Entwicklung des indischen Bankwesens über viele Jahre hinweg maßgeblich geprägt. Sein Verdienst wird von Ana­lysten vor allem darin gesehen, dass er die SBI auf dem Subkontinent durch ein weitverzweigtes Filialnetz bis in den letzten Winkel des Landes hinein sichtbar und bekannt gemacht hat. Doch der alte Chairman agierte nach Meinung von Analysten nicht zuletzt deshalb etwas glücklos, weil er sich als Alleinkämpfer scheute, Verantwortung zu delegieren und andere fähige Mitarbeiter auf die lange Reise hin zum Erfolg einzubinden und mitzu­nehmen.

Keine Angst vor großen Herausforderungen
Doch das hat sich unter der neuen Führung rasch geändert, wie die engsten Mitarbeiter Chaudhuris bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt berichteten. Dass seine jetzige berufliche Aufgabe größer und schwieriger ist, lassen allein nackte Zahlen vermuten. Chaudhuri trägt nun Verantwortung für einen asiatischen Bankriesen mit 14.000 Geschäftsstellen, 150 ausländischen Filialen, fünf Verbund-Banken und unzähligen Finanzdienstleistungs-Tochtergesellschaften.

Angst vor der neuen Aufgabe kennt er nicht. Schließlich ist er in dieser Bank ganz nach oben gekommen, ohne sich durchbeißen oder durchkämpfen zu müssen. Er hat vielmehr überzeugt durch Leistung und Wissen. Bereits als Zwanzigjähriger – also seit dem Jahr 1974 – hat er der Bankengruppe seine Arbeitskraft zur Verfügung gestellt. Während Europäer und vor allem Amerikaner eine solch lange Bindung eines Arbeitnehmers an ein einzelnes Unternehmen nicht selten als negatives Element innerhalb eines Bewerbungszeugnisses betrachten, hat man im asiatischen Raum und damit auch im indischen Geschäftsleben einen völlig anderen Blickwinkel. Denn in dieser Region der Welt zählen Eigenschaften wie Tradition, Treue und Zugehörigkeit noch etwas.

Nach 37-jähriger Bank-Zugehörigkeit ist Pratip Chaudhuris Berufung auf den höchsten Posten der größten indischen Bank aber nicht nur ein indischen Traditionen folgender logischer Akt der Höflichkeit und Dankbarkeit seines Arbeitgebers. Sie ist darüber hinaus vielmehr auch durch zahlreiche andere Faktoren motiviert. So sind es beileibe nicht nur die Attribute Treue und Erfahrung und die charismatische, von innerlicher Ruhe geprägte Ausstrahlung, die ihn auf den Chefsessel der Bank gehievt haben. Es sind vor allem jene besonderen Fähigkeiten, über die Pratip Chaudhuri im Umgang mit Menschen verfügt. Und es ist selbstverständlich auch die Wertschätzung und Akzeptanz, die er in den durch nicht immer durchsichtige Strukturen des indischen Kastenwesens geprägten Führungszirkeln genießt.

Konsequente Wachstumspolitik
In Mumbai sagen sie, dass Chaudhuri, der nach seinem Amtsantritt das große Eckbüro der Chefetage im 18. Stock des SBI-Gebäudes am Nariman Point der indischen Metropole bezogen hat, die vergleichsweise aggressiv auf Wachstum ausgerichtete Geschäftspolitik von Bhatt weitgehend übernommen hat. Der Neue wisse darüber hinaus aber nur allzu genau, dass er sehr auf die derzeit angespannten Margen der Bank achten müsse, sagen Wertpapier-Analysten indischer Finanzhäuser. Die Zahlen für das zweite Quartal 2011 machen Chaudhuri in dieser Hinsicht eine Menge Mut.

Wie sehr der in den Vorjahren als fast scheu bekannte und weitgehend im Hintergrund agierende Banker in Indien bisher unterschätzt worden ist, machten bereits die ersten Wochen nach Übernahme seines Amtes deutlich. Sowohl bei öffentlichen Diskussionen als auch bei Pressekonferenzen stellte er sich den unzähligen Fragen der Journalisten, antwortete meist nicht nur ausführlich und deutlich, sondern auch überzeugend. Und das in einer lebendigen und offenen Diskussion – und zwar so lange, bis den meisten Pressevertreten die Fragen ausgegangen waren. Dass er jedoch keiner ist, der im hellen Rampenlicht stehen will, wird dadurch verdeutlicht, dass über sein Privatleben nur wenig bekannt ist.

Bereits wenige Wochen nach seinem Wirken als Kopf der schon im Jahr 1806 gegründeten Bank – Aushängeschild des indischen Bankensystems – wurde offenbar, dass der Neue klare Strukturen liebt. „Es ist einfacher, bereits zur Gruppe gehörende Banken in das Gesamtkonzept zu integrieren, wenn sie fusioniert sind“, hat er zuletzt erklärt und die Fusion und Integration 100-prozentiger SBI-Töchter angekündigt. So will die SBI unter seiner Führung als nächsten Schritt die bereits vollständig zum Konzern gehörende – aber auf dem indischen Markt weitgehend frei agierende – State Bank of Indore in das Konzerngeflecht einbinden. Obwohl die Gewerkschaften zuletzt gegen diesen Deal opponiert haben, gehen Analysten von einer baldigen Umsetzung der Pläne aus.

Nach der bereits im Jahr 2008 unter Mitwirkung von Chaudhuri in die SBI-Konzernstrukturen eingefügten State Bank of Saurashtra sollen jetzt nicht nur die State Bank of Indore, sondern in nächster Zeit auch die anderen fünf mit der SBI verflochtenen Banken State Bank of Patiala, State Bank of Hyderabad, State Bank of Bikaner and Jaipur, State Bank of Mysore und die State Bank of Travancore unter dem Dach der SBI zusammengefasst werden. Eine solche Konzentration mag dem einen oder anderen Betrachter aus Wettbewerbssicht zwar befremdlich erscheinen, Patrip Chaudhuri jedenfalls sieht hierin eine Maßnahme zur Stärkung der SBI-Gruppe. Die Fusion der Töchter soll die Schlagkraft der Mutter erhöhen – national und vor allem auch international.

Entsprechende „Hinweise und Ratschläge“ erhalten Pratip Chaudhuri und seine Manager-Kollegen in dieser Frage nicht zuletzt von der Regierung in Mumbai. Denn dort drängt man die Banken des Landes bereits seit geraumer Zeit – exakt seit dem Jahr 2008 – zu einem Konsolidierungsprozess des indischen Bankensystems. Über den Faktor Größe sollen die Kreditinstitute Indiens ihre internationale Wettbewerbsposition steigern, was im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung Indiens als Wirtschafts-Großmacht eine logische Denkrichtung ist. Dass in den Führungsetagen der SBI großer Wert auf die Meinung der Regierung gelegt wird, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass der Staat mit einem Anteil von 59,4 % am Aktienkapital Mehrheitsaktionär der SBI ist.

Wertschätzung für Mitarbeiter
Die zahlreichen Stärken der Bank will der neue Chairman dadurch ergänzen, dass er eine noch menschlichere Note in das Bankgeschäft hineinbringt. „Er ist ein Banker für die Menschen, für das Volk“, heißt es bei indischen Regierungsvertretern. Dass ihm seine Mitarbeiter auf dem schwierigen Weg folgen, hat vor allem damit zu tun, dass Chaudhuri überdurchschnittliche Leistungen belohnt. Als er noch General Manager der Filiale in der indischen Stadt Chennai war, soll er – so berichten die dortigen Medien – besonders erfolgreiche Mitarbeiter durch die Vergabe von Goldmünzen belohnt haben.

Er hat in diesem Kontext auch erkannt, dass Wissen der wohl wichtigste Erfolgsfaktor einer Bank ist. Und so hat Pratip Chaudhuri für seine Institute eine Art Wissens-Initiative angekündigt. Es dürfe nicht sein, dass der Bank möglicherweise Fachwissen verloren gehe, wenn immer mehr Mitglieder der „wissensstarken älteren Banker-Generation“ in den kommenden Jahren vor allem in den ländlichen Gebieten in Ruhestand gehen. „Wir werden sicher gut ausgebildete junge Leute bekommen, ob diese aber dann letztlich auch willens sind, in den ländlichen Gebieten zu arbeiten, ist fraglich“, zeigt er sich besorgt.

Was den Banker darüber hinaus besorgt, ist die Tatsache, dass der Anteil der notleidenden Kredite bei der SBI über dem der Konkurrenten im eigenen Lande liegt. „Hieran müssen wir arbeiten“, nennt der Chairman die Prioritäten seiner Politik für die nahe Zukunft. Und wenn er all die unzähligen Schwierigkeiten auf dem heimischen Markt einer entsprechenden Lösung zugeführt hat, erst dann denkt Pratip Chaudhuri an eine noch stärkere Internationalisierung seines Unternehmens. Dass für indische Banken auf deren Heimatmarkt noch sehr viel zu tun bleibt, wird allein dadurch offenkundig, dass Indien in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Wachstumsraten von durchschnittlich mehr als 8 % erzielt hat, dass jedoch mehr als drei Viertel der Bevölkerung davon kaum oder gar nicht profitierten.

Wachstum allein sei bei der internationalen Ausrichtung seiner Bank nicht unbedingt hilfreich. „Wachstum bringt uns nur etwas, wenn es mit Gewinnwachstum gepaart ist“, beantwortet er Fragen nach seiner Globalisierungs-Politik frank und frei. Der australische Kontinent ist einer der Märkte, die ihn in diesem Kontext ganz besonders interessieren. Dies auch, weil in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche indische Studenten und Geschäftsleute nach Australien gegangen seien. Auch Großbritannien, Indonesien und Singapur erwähnt er im Zusammenhang mit der Frage nach möglichen internationalen Expansionsplänen. Der neue SBI-Chairman hofft, dass ihm seine Aktionäre – allen voran der indische Staat als Großaktionär – diese Pläne mit einer notwendigen Kapitalerhöhung erleichtern werden.
 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 10/2011
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