Der Makro-Mann
Dr. Zeno Staub (41) ist der neue CEO der Schweizer Traditionsbank Vontobel. Er promovierte 1997 an der Universität St. Gallen und war zunächst als Gründungsaktionär und Geschäftsführender Partner bei der IT-Firma Amalfin AG tätig. 2001 startete er seine Laufbahn bei Vontobel. Bis 2006 war er Finanzchef, danach Leiter des Bereichs Investment Banking. 2008 übernahm er den Bereich Asset Management. | Jonas Dowen
Als der Verwaltungsrat der Vontobel-Gruppe die Öffentlichkeit am 15. Dezember 2010 wissen ließ, dass sich die Mitglieder des Gremiums für Zeno Staub als Nachfolger von Herbert J. Scheidt auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden entschieden hatten, da lief das Leben im Schweizer Finanzzentrum rund um die Züricher Bahnhofstraße weiter, als sei überhaupt nichts geschehen. Klar, niemand hatte erwartet, dass eine solche Nachricht ein mediales Erdbeben auslösen würde. Und so kam es dann letztlich auch. Das Rauschen im Blätterwald der eidgenössischen Journaille blieb aus. Auch bei den Akteuren in der Finanzwirtschaft des Alpenstaats wurde die Nachricht völlig unaufgeregt zur Kenntnis genommen. Exakt das spricht dafür, dass das Vontobel-Gremium eine gute Entscheidung getroffen hat.
Für den CEO-Posten prädestiniert
Staub sei eine gute Wahl, war allgemein aus den Büros in- und ausländischer Banken zwischen Zürichsee und Hauptbahnhof zu hören. Der Schweizer Staatsbürger gilt als ruhig und klug – zwei Eigenschaften, die ihn für diesen Job prädestinieren. Die Berufung zum Vorstandsvorsitzenden erfolgte zum 4. Mai 2011. Es fällt auf, dass sich der jugendlich wirkende Banker bis heute medial völlig im Hintergrund hielt – und das will bei dessen bekannter Schlagfertigkeit schon eine ganze Menge heißen. Er wolle kein Aufsehen um sich machen, lautet in diesem Kontext das Statement der Pressestelle der Bank.
Zeno Staub hat sich in den vergangenen Jahren einen guten Namen im Hause Vontobel gemacht; denn ohne das Plazet der Vontobel-Familie, die die Mehrheit an der Bankengruppe hält, hätte er sich nicht durchsetzen können. Eingeweihte Kreise in Zürich wollen wissen, dass allen voran der weltweit angesehene „Senior“ Hans Vontobel heftig mit dem Kopf genickt haben soll, als ihm der Verwaltungsrat den Namen des CEO-Kandidaten Staub nannte. Auch der bisherige Vorstandschef hat sich für den 41-Jährigen stark gemacht, mit dem er seit vielen Jahren eng und gut zusammengearbeitet hat. „Ich freue mich sehr, dass der Verwaltungsrat Zeno Staub zu meinem Nachfolger ernannt hat. Er kennt wie kaum ein anderer unser Unternehmen und verkörpert durch offenen Führungsstil und konsequente Kundenorientierung wichtige Elemente der Vontobel-Kultur“, erhielt Staub Vorschusslorbeeren von seinem Vorgänger Herbert J. Scheidt.
Kein Zweifel: Staub hat das Zeug, die ihm anvertraute Aufgabe zu bewältigen. Dies vor allem deshalb, weil er nicht nur über eine Menge Fachkenntnis in einzelnen Banksparten verfügt, sondern weil er ein „Makro-Mann“ ist. Denn in seiner Freizeit beschäftigt sich der Vater von zwei Kindern literarisch unter anderem mit der Geschichte der Welt. Er habe sich durchaus vorstellen können, Geschichte statt Ökonomie zu studieren, hat er einmal gesagt. Staub ist also einer, der zunächst das große Bild in sich aufnehmen und den Kontext sehen und verstehen will, bevor er dann in der Folge mikroskopisch ins Detail geht. Der von Staub gepflegte Top-Down-Ansatz hätte möglicherweise manchem Politiker und Bank-Manager geholfen, im Vorfeld der Krise wichtige und richtige Entscheidungen zu treffen.
Erfolge im Asset Management
Er ist nach seinem Ökonomie-Studium und dem Doktorat trotz der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Finanzthemen nicht sofort ins Bankgeschäft eingestiegen, sondern hat mit einem Partner zunächst eine IT-Firma gegründet, die er später nach Dissonanzen über die künftige strategische Ausrichtung an die BZ Informatik verkauft hat. Bei Vontobel hat er seine Laufbahn im Jahr 2001 in den Bereichen Controlling und IT-Projektportfolio gestartet. Im Jahr 2003 wurde er zum Finanzchef der Gruppe berufen. Diese Aufgabe füllte er vier Jahre aus. Der Verwaltungsrat übertrug ihm dann 2006 die Leitung des Bereichs Investment Banking. Seit dem Jahr 2008 ist Zeno Staub für das Asset Management verantwortlich, das er „strategisch neu ausgerichtet und erfolgreich am Markt positioniert hat“, kommt Lob aus den eigenen Reihen.
Er hat also fast alle Schlüsselstellen in der Vontobel-Gruppe kennengelernt. Mit einer Ausnahme: Im Private Banking hat Staub bisher wenig Erfahrung. Jene, die sich neben ihm aus den eigenen Reihen oder von außen um die Top-Stelle bei der Schweizer Bank beworben hatten, sahen und sehen hier seine Schwachstelle. Denn schließlich – und das weiß auch der neue CEO sehr genau – soll das Private Banking in Zukunft einen steigenden Beitrag zum Gesamtergebnis der Vontobel-Gruppe leisten.
Wer sich jedoch näher mit Staubs Einstellung und Meinung zur aktuellen global-ökonomischen Situation beschäftigt hat, der hat keinen Zweifel, dass Staub diese vermeintliche Schwäche überwinden wird. So ist er zum Beispiel davon überzeugt, dass die riesigen Ungleichgewichte in der Welt und die zunehmenden Emittentenrisiken künftig einen verstärkten „aktiven Ansatz an den internationalen Finanzmärkten unumgänglich machen“. Er spricht in diesem Kontext auch das aus, was viele nur hinter vorgehaltener Hand äußern: „Die Anleiherenditen werden mittelfristig negativ sein.“
Wissenschaftliche Expertise
Staub ist jedoch nicht nur der Makro-Ökonom. Dies zeigt unter anderem seine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema „Finanzderivate“. Bei Professor Heinz Zimmermann – einer europäischen Größe gerade im Bereich der komplexen Derivate-Materie – promovierte Staub an der Universität in St. Gallen zum Thema „Management komplexer Zinsrisiken mit derivativen Instrumenten“. Diese Dissertation hat ihm eine ganze Menge Anerkennung und Unterstützung bei führenden Unternehmenslenkern in der Schweiz eingebracht. So unter anderem auch bei Konrad Hummler, einem Querdenker des Schweizer Bankwesens, der als Teilhaber der Bank Wegelin in den vergangenen Monaten der Finanzkrise immer wieder für offene und kritische Worte gut war. Hier schließt sich ein Kreis; denn Staub hat während seines Studiums mehrmals bei dieser Bank gearbeitet.
Wer auf den von ihm zahlreich besuchten Fachkonferenzen die Chance hatte, mit ihm zu fachsimpeln, der hat einen hochintelligenten Ökonomen und verbindlichen Gesprächspartner erlebt, der sich stets auch mit anderen Meinungen auseinandersetzt. In seinem Bekanntenkreis weisen sie auf zwei besondere Hobbies von Zeno Staub hin, die für Top-Banker nicht gerade alltäglich sind – Kochen und Fußball. Auch bei seinen Ausflügen ins Kulinarische liefere er immer wieder Qualitätsarbeit ab, sagen die, die er schon einmal bekocht hat. Über dieses Hobby mag auch seine Ehefrau erfreut sei, die jetzt mit einer Kandidatur als Kantonsrätin für die CVP in die Politik eingestiegen ist.
Die Liebe zum Fußball ist zumindest ebenso stark ausgeprägt wie die Hingabe zum guten Essen. „Soccero“ Zeno Staub ist nämlich bekennender Fan des Züricher Fußballvereins Grasshopper Club Zürich. Es überrascht in diesem Kontext nicht, dass die Vontobel-Gruppe Hauptsponsor des Schweizer Rekordmeisters ist, der sowohl sportlich als auch finanziell allerdings schon wesentlich bessere Zeiten gesehen hat. Wohl auch deshalb war Staub im Jahr 2004 bereit, mit anderen Prominenten einen Gönnerkreis zu bilden und den „Griffith-Club“ ins Leben zu rufen, der den „Grashüpfern“ nicht nur national, sondern auch international wieder zu mehr Ansehen verhelfen will. Dieses ehrgeizige Ziel will Zeno Staub auch für die Vontobel-Gruppe ausgeben – kaum einer zweifelt, dass er die Vorgaben auch erreichen wird.

