Der Logiker
„The Group of 20 + 1“ hat Peter Sands, Group Chief Executive der Standard Chartered plc., zum „European Banker of the Year 2010“ gekürt. Diese Auszeichnung wird von „20 + 1“ – einer Vereinigung internationaler Wirtschafts- und Finanzjournalisten am EZB-Sitz Frankfurt/Main – seit 1994 jährlich vergeben. | Jonas Dowen
Ehrungen und Auszeichnungen sind für Banker in diesen äußerst schwierigen und durch Probleme gekennzeichneten Zeiten nicht gerade etwas Alltägliches. Und wenn einer wie Peter Sands dann - nach dem Votum eines journalistischen Kreises Frankfurter ECB-Watcher – den Thron als „European Banker of the Year 2010“ besteigen darf, ist davon auszugehen, dass die Jury eine gute und richtige Wahl getroffen hat. Und dies nicht zuletzt auch deshalb, weil der im Jahr 1962 geborene Sands eine vergleichsweise junge Karriere als Banker aufzuweisen hat und daher noch eine Art „Frischling“ in der Welt der Banken-Manager ist.
Konzentration auf dynamische Märkte
Der Brite ist seit November des Jahres 2006 Chief Executive Officer der Standard Chartered Group plc. Vor allem ihm ist es nach Meinung von Insidern in der Londoner City zu verdanken, dass die Standard Chartered Bank die am Nerv der Marktteilnehmer bohrende und schmerzende Finanzmarktkrise wesentlich besser überstanden hat als das Gros der Konkurrenten. Bereits zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt hat Peter Sands – wohl in der seinerzeit bereits reifenden Erkenntnis des auf die Welt zukommenden Debakels – darauf geachtet, dass seine Bank über eine solide Kapitalausstattung verfügt. Was dem Institut jedoch vor allem den Erfolg und die stabile Entwicklung beschert hat, war eine konsequente Konzentration des Geschäfts auf die boomende asiatische Region und auf andere Emerging Markets.
Wer Peter Sands kennt, der weiß, dass diese strategische Ausrichtung auf den Kontinent mit der größten Bevölkerungszahl letztlich kein Zufall war, sondern gezieltes Handeln. Schließlich ist Peter Sands als Sohn eines Navy-Offiziers aus Malaysia und einer Künstlerin aus Indien auf dem asiatischen Kontinent – vor allem in Singapur und Malaysia – aufgewachsen. Er hat also während seiner Kindheit vor Ort die seinerzeit aufbrechende Dynamik dieser Region sehr früh erleben dürfen. Als zweites von insgesamt vier Kindern seiner Eltern ist er nach mehrmaligen Umzügen im Süden Londons und in Kanada zur Schule gegangen. Später hat er ein Studium an der Oxford University erfolgreich bewältigt und den Masters-Abschluss in „Public Administration“ an der Harvard University erreicht.
Heute überrascht angesichts der konsequenten Asien-Ausrichtung der Standard Chartered Bank nicht, dass der Bekanntheitsgrad des Markennamens dieses Instituts – obwohl viertgrößte Bank des Landes nach HSBC, RBS und Barclays – in Großbritannien niedrig ist. Die Bank ist weitgehend im Verborgenen erblüht, weil sie sich sehr früh auf die Wachstumsregionen der Welt fokussiert und die sich derzeit als Problemzonen präsentierenden Regionen Europa und Nordamerika vernachlässigt hat.
Dass Name und Logo der Bank in Großbritannien weniger bekannt sind, lässt sich vor allem damit erklären, dass die Standard Chartered auf der Insel nicht wirklich ein Filialnetz errichtet hat. Dafür aber verfügt sie zum Beispiel heute in Indien über mehr Filialen als jede andere internationale Bank. Und sie erzielt zum Beispiel mit ihrem Verbrauchergeschäft in Hongkong mehr Gewinn als mit jedem anderen Geschäftsbereich. Dass sie selbst noch immer in Zimbabwe aktiv ist und ihr einige Kritiker vorwerfen, dabei möglicherweise auch das Kapital der Mugabe-Familie zu verwalten, nehmen ihr einige Menschenrechtler bis heute übel.
Für die Bank ist die Wahl Peter Sands zum Vorstandschef auf der einen und die von ihm angestoßene Ausrichtung auf die neuen Boomstaaten in Asien auf der anderen Seite ein wahrer Glücksfall. „Die Märkte, in denen wir besondern aktiv sind, stehen nicht im Epizentrum des globalen Sturms“, zeigt sich der sportlich interessierte Sands erleichtert. Der geschäftliche Erfolg sei letztlich auch durch die geografische Ausrichtung bestimmt, gibt er unumwunden zu. Weil seine Bank sehr liquide und gut kapitalisiert sei, ziehe sie sehr viel Kapitaleinlagen an. Zudem sei die aktuelle Krise eine interessante Zeit für das Institut, weil dessen Ausrichtung und finanzielle Stärke als Magnet zahlreicher Talente aus dem derzeit existierenden riesigen globalen Begabten-Pool der Bankenwelt diene.
Erfolgreicher Quereinsteiger
Nun – man kann nicht sagen, dass auch Peter Sands einer aus diesem Begabten-Pool der Finanzszene war. Ein „geborener Banker“ ist er nämlich wirklich nicht. Er ist wohl eher als ein „Quereinsteiger“ in dieses Metier gekommen – dabei hat er aber tiefe Erfolgsspuren hinterlassen. Dass eine solche indirekte Karriere nicht unbedingt zum Schaden einer Bank sein muss, hat Sands unter Beweis gestellt. Denn er verfügt über die nicht gerade häufige menschliche Gabe, Dinge rasch aufnehmen und analysieren und aus dieser Analyse dann die richtigen Schlüsse ziehen zu können.
Seine ökonomischen und finanzwirtschaftlichen Fähigkeiten setzte er zunächst beim „United Kingdom's Foreign and Commonwealth Office” ein. Wie so manch anderer Top-Manager entschloss er sich dann, im Jahr 1988 als Berater bei der weltbekannten Consultant-Agentur McKinsey & Co anzuheuern. Hier hat er sich dann später als Partner und ab dem Jahr 2000 als Direktor intensiv mit Fragen rund um die Wirtschaftszweige Banken und neue Technologien beschäftigt.
Das in 13-jähriger Karriere bei McKinsey angeeignete Wissen und Können des begeisterten Tennisspielers wurde in der Folge von den Gremien der Standard Chartered plc. erkannt. Diese beriefen ihn am 14. Mai des Jahres 2002 als Finanzchef der gesamten Gruppe in den Verwaltungsrat. Hier konnte er letztlich auch sein Wissen einbringen; denn dass das Bankgeschäft auf eine immer engere Verzahnung der Bereiche Risikokontrolle, Strategie, Betriebsabläufe und Technologie hinauslaufen würde, war einem wie ihm sehr rasch klar.
Der Vater von vier Kindern muss mit seiner darauf ausgerichteten Arbeit die Gremien so sehr überzeugt haben, dass sie ihn am 20. November 2006 zum Vorstandschef ernannten. „Er ist nicht nur ein logischer Denker, sondern berücksichtigt bei seinen weisen Entscheidungen auch weiche und emotionale Faktoren“, sind seine engsten Mitarbeiter voll des Lobs.
Die Berufung zum Vorstandschef hatte er seinerzeit nicht zuletzt seinem Vorgänger Mervyn Davies zu verdanken, der sich für seine Berufung stark gemacht hatte. Davies hat danach die Rolle des Chairman der Bank übernommen. „Als Team ergänzen wir uns heute bestens”, singt Davies das hohe Loblied auf seinen Nachfolger. Die einzige Friktion, zu der es zwischen den beiden Top-Managern regelmäßig kommt, betrifft die „schönste Nebensache der Welt“ – den Fußball nämlich. Denn der eine (nämlich Peter Sands) schwört als Dauerkarteninhaber auf das Team von Arsenal London, während der andere (nämlich Mervyn Cavies) ein bekennender Fan des rivalisierenden Londoner Clubs Tottenham Hotspurs ist. Dass Peter Sands in den vergangenen Jahren wegen des sportlichen Erfolgs von Arsenal dabei mehr zu lachen hatte, erwähnen die beiden nur am Rande.
Gesellschaftliches und soziales Engagement
All das überrascht nicht, wenn man Peter Sands Selbstverständnis hinsichtlich gesellschaftlicher und sozialer Aufgabenstellungen kennt. „Als ich noch am Person College war, wurden die Wirtschaftsmächtigen und die multinationalen Einrichtungen als negative Kraft in der Welt betrachtet. Doch ich glaube, dass die Wirtschaftskräfte eine positive und nachhaltige Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung spielen können“, sagt Peter Sands.
Hinsichtlich der Rolle des von ihm geführten Finanzinstituts ist er davon überzeugt, dass diese Bank ungeachtet der Gewinnabsicht eine treibende Kraft in Richtung des Guten sein könne. Dass er sich gemeinsam mit seinem Vorgänger sozial engagiert, zeigt die gesellschaftliche Größe Peter Sands. Nach dem Motto „Seeing is Believing“ setzen sich die beiden Top-Banker zum Beispiel für den Kampf gegen Erblindung und darüber hinaus auch für den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit HIV ein.
Doch damit nicht genug: Peter Sands ist ein „Kompaktpaket an Überraschungen“, wie einer seiner Freunde in London die Neugier stärkt. „Oder hat schon mal jemand einen Top-Banker mit Millionengehalt erlebt, der eine bunte Plastikuhr der Marke Swatch trägt?“ Auf diese Besonderheit angesprochen, entfährt Peter Sands ein Lächeln. „Mich hat mal jemand gefragt, ob das lediglich meine Uhr für Reisen ist. Nein, nein – diese Uhr trage ich ständig, sie hat gerade ein neues Armband erhalten“, sagt Sands und lächelt erneut. Seine rare Freizeit verbringt er am liebsten mit den Kindern und seiner Ehefrau – der durch Werke wie Bone House, The Bounce und zuletzt Ice Land bekannten Schriftstellerin Betsy Tobin – im Landhaus in Wales. Dort kann er entspannen und Gedanken über die nächsten Schachzüge seiner Bank reifen lassen

