Der lockere Däne
Als Christian Clausen im April 2007 Präsident und Vorstandsvorsitzender der Nordea Bank AB wurde, übernahm er das Ruder bei einer Finanzgruppe, die im Jahr 2000 aus der Fusion mehrerer nordischer Banken entstanden war. Nordea ist heute Skandinaviens größte Bank, und die Zeichen stehen weiterhin auf Expansion. | Jonas Dowen
Das lockere und oft verschmitzt wirkende Lächeln ist eines seiner äußerlichen Merkmale. Wenn Christian Clausen öffentlich in Erscheinung tritt, dann ist sein Auftreten von auffallender Lockerheit geprägt. Seine engsten Mitarbeiter sagen jedoch über ihn, dass dieses Lächeln auch schon mal einfrieren könne – dies aber meist nur für ganz kurze Zeit. Der Präsident und Vorstandsvorsitzende der Nordea Bank AB bleibe sich meist treu – selbst in besonders kritischen und von Anspannung geprägten Situationen. Klar, die globale Finanzkrise hat auch Clausen und seinen Kollegen bei Skandinaviens größter Bank eine Menge abverlangt. Da die Finanzlage des Instituts jedoch weitaus solider erscheint als zum Beispiel die der meisten britischen, amerikanischen oder auch kontinentaleuropäischen Konkurrenten können Clausen und seine Mitarbeiter auch jene bemerkenswerte Gelassenheit nach außen tragen, die man den meisten Skandinaviern ohnehin nachsagt.
Clausen nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Er ist einer jener Dänen, denen man eine besondere Lockerheit in fast allen Lebenslagen nachsagt. Mit „slap af“ nutzt auch der im Jahr 1955 geborene Banker hin und wieder einen jener Kernsätze, die das zwischenmenschliche Miteinander in Dänemark maßgeblich bestimmen. Mit Nordea-Zentrale in Stockholm und bei den Kollegen in der zweiten Firmenzentrale in Helsinki sehr gut an. Die Vertreter der oberen Gremien dieser Bank mit rund 1.400 Filialen in zahlreichen Ländern haben ihn im April des Jahres 2007 als Nachfolger von Lars G. Nordström zum Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der im Jahr 2000 aus der Fusion mehrere nordischer Institute entstandenen Finanzgruppe bestellt. In der Finanzwelt zuhause Dass Clausen mit seinem akademischen Grad des Master of Economic Science jedoch nicht unbedingt ein „typischer Däne“ ist, sondern sich auch an Aufgaben „festbeißen“ kann, mag auch darin begründet liegen, dass er über viele Jahre hinweg bei deutschen Banken – nämlich der früheren Vereins- und Westbank und der Commerzbank – tätig war. Der Däne Clausen ist nicht nur in seiner Muttersprache auf internationalem Parkett unterwegs – er spricht überdies Englisch und Deutsch perfekt. Dies ist nicht zuletzt dem Fakt zuzuschreiben, dass in Dänemarks Schulen zuerst Englisch und dann Deutsch als Fremdsprachen gelehrt werden. Dieser Mann kennt nicht nur das Bankengeschäft, sondern auch das globale Börsengeschehen aus dem Effeff. Schließlich war er über viele Jahre hinweg in leitenden Positionen für Skandinaviens Wertpapier- und Derivate-börse OMX Nordic Exchanges – heute Teil des Börsenkonzerns Nasdaq OMX – aktiv.
Er lenkt die Geschicke der Bank mit großer Weitsicht und viel Durchsetzungsvermögen. Und so scheint Clausen heute unangefochten auf seinem Stuhl zu sitzen. Dies ist bei der Nordea Bank keine Selbstverständlichkeit. Während sein Vorgänger Lars G. Nordström immerhin fast fünf Jahre am Nordea-Ruder stand, war dessen dänischer Vorgänger Thorleif Krarup nur gerade einmal zwei Jahre für die Geschicke der Bank verantwortlich gewesen. Krarup mangelte es bei der Umsetzung seiner Strategie letztlich an Fortune, so dass er rasch von Nordström abgelöst wurde. Erst unter dessen Ägide entstand aus der Fusion mehrerer kleiner und mittelgroßer nordischer Banken eine skandinavische Banken-Supermacht.
Nach der kurzen Amtszeit von Krarup waren zahlreiche Beobachter in Helsinki und Stockholm im Jahr 2007 davon überzeugt, dass sich Nordeas Verwaltungsrat keinen weiteren Dänen an die Spitze der Bank holen würde. Doch letztlich überzeugte Christian Clausen das Gremium durch Qualität. Seine Vorteile sahen die Entscheidungsträger vor allem in zweifacher Hinsicht. Zum einen hatte der Verwaltungsrat seine Fähigkeiten als strategischer Denker erkannt. Und dann trauten sie ihm darüber hinaus zu, sich mit seiner verbindlichen Art auch gegen die oft direkten und harten Worte finnischer Kollegen durchsetzen zu können.
Der beste Kandidat
Aber es gab auch Kritiker: Zum einen – so wurde argumentiert – sei Clausen zu jung für die vakante Spitzenstellung. Zum anderen mangele es ihm durch die Konzentration seines beruflichen Werdegangs auf das Asset Management an der notwendigen Erfahrung im Privatkundengeschäft. Und bekanntlich ist dieser Geschäftszweig eine der wichtigen Stützen des Nordea-Geschäfts in Skandinavien. Doch Chairman Hans Dahlborg ließ diese Kritiken nicht gelten, als er Clausen mit Wirkung vom 13. April 2007 zum Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der Nordea-Gruppe bestellte. „Wir haben nach intensivem Auswahl-Prozess und langer Suche innerhalb und außerhalb unserer Gruppe den am besten qualifizierten und am meisten geeigneten Kandidaten gefunden“, stellte sich der Nordea-Chairman expressis verbis vor Clausen.
In Stockholm werteten sie es seinerzeit nicht nur als eine Geste des guten Willens, sondern auch als einen notwendigen und vernünftigen Schritt, dass sich Christian Clausen nach seiner Berufung dazu entschloss, mit seiner Familie im Jahr 2008 nach Stockholm – also an den Hauptsitz der gesamtskandinavischen Bankengruppe – umzuziehen. Dies fiel Clausen auch deshalb nicht schwer, weil er seit der Formierung der Nordea-Gruppe im Jahr 2000 bereits einen großen Teil seiner Zeit in Stockholm verbracht hatte. „Das hat ihm seinerzeit sehr viel Respekt eingebracht“, berichtet ein finnischer Insider.
Und wenn sich ein Banker heute inmitten der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit mehr als 80 Jahren in seinen strategischen Überlegungen mit dem „neuen Gleichgewicht“ – oder der von den Angelsachsen als „new normal“ bezeichneten Situation – auseinandersetzen muss, dann gelingt das einem wie Christian Clausen aus der starken Position seiner Bank heraus sicher einfacher als einigen britischen oder amerikanischen Bankvorständen, deren Institute noch immer um das nackte Überleben kämpfen.
Dass man in diesem Jahr die derzeit bereits bei über 36.500 liegende Anzahl der Beschäftigten um 2 % erhöhen will, scheint für Clausen selbstverständlich zu sein. In diesem Kontext sagen sie dem Nordea-Chef eine ausgeprägte soziale Ader nach. Das Gemeinwohl, so sagen seine Freunde in Kopenhagen, liege ihm seit vielen Jahren am Herzen. Zu erkennen ist das auch darin, dass Clausen bei Öko-Protagonisten als eine Art Held gilt; denn schließlich hat er sich im Verlaufe seiner Karriere intensiv mit den Themen Ökologie und Windkraft auseinandergesetzt.
Dass er als Top-Banker nicht nur auf seinen Bonus für das Jahr 2009, sondern auch auf eine Gehaltserhöhung im laufenden Jahr verzichten will, macht ihn nicht nur in seiner Heimat sehr rasch zum. Doch aus Sicht von Clausen sind soziales Engagement und Gewinnorientierung im Finanzwesen nicht unbedingt Gegensätze. Und so ist er auch bereit, mit seinen Prognosen über eine sich aller Voraussicht nach weiter fortsetzende Konsolidierung im globalen Banking die Phantasien der Finanzmarkt- Teilnehmer freizusetzen. Hier merkt man: Da ist einer, der mit seinen Erfahrungen aus dem Asset Management die Bedeutung von durch Worte freigesetzten Phantasien erkennt. Dies lässt sich auch am Nordea-Aktienkurs erkennen, der sich in den vergangenen Monaten ausgesprochen positiv entwickelt hat.
Starke Finanzbasis
„Wir haben von unserer starken Finanzbasis aus einige Wachstumsstrategien initiiert“, sagt Clausen, der dabei im gleichen Atemzug organisches Wachstum allerdings als oberste Priorität seiner Bank bezeichnet. „Aber wir halten unsere Augen offen und schauen gleichzeitig auch welche Opportunitäten der Markt für Zukäufe bietet“, deutet Clausen auch externes Wachstum für seine Bank an. Dabei geht er davon aus, dass die zum Teil angeschlagene Konkurrenz nicht so sehr an Fusionen und Übernahmen interessiert sein wird als vielmehr am Verkauf einzelner Vermögenswerte. In der Tat können einige Banken mit diesem Vorgehen eines jener Ziele erreichen, das derzeit in der Strategie ganz oben steht – nämlich die Reduzierung ihrer Bilanzsummen.
Und wenn Clausen in diesen turbulenten Zeiten auf Reisen geht und mit Kapitalanlegern auf der einen und mit den Medien auf der anderen Seite spricht, dann ist er in seinem Element. „Wir schauen uns solche Dinge sehr genau an. Wenn sie zu uns passen und sie für unsere Aktionäre Wert schaffen, werden wir sie dem nordischen Weg folgend einordnen“, sagt Clausen locker. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und antwortet rasch und eindeutig auf Fragen. Ja, man strebe kleinere Zukäufe und möglicherweise auch eine große Fusion an, wird der Banker konkret und lächelt das dänische Lächeln.
In Stockholm pfeifen es in diesem Kontext die Spatzen von den Dächern, dass die Nordea-Bankengruppe in absehbarer Zeit die Swedbank AG übernehmen dürfte. „Sie sehen mich bei dieser Frage nicht überrascht; denn die Swedbank wird immer und immer wieder als ein idealer Zukauf für Nordea bezeichnet“, beobachtet Clausen mit hellwachen Augen seine Gesprächspartner. „Jeder, der sich die Bücher der beiden Institute anschaut, wird feststellen, dass wir gut zueinander passen würden“, nennt Christian Clausen die Dinge beim Namen. Auf das Ergebnis darf man sehr gespannt sein.

