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At the Top: Marcus A.P. Agius

Der Dynastie-Banker

Bevor Marcus A.P. Agius die Rolle des Chairman der zweitgrößten britischen Bank Barclays plc übernahm, war er zwischen 1972 und 2006 in verschiedenen Positionen beim traditionsreichen Bankhaus Lazard & Co Ltd aktiv – auf dem Gipfel seiner dortigen Karriere ebenfalls als Chairman. | Jonas Dowen

In seiner Rolle als Chairman des Bankriesens Barclays plc kann Marcus Ambrose Paul Agius nicht nur auf der britischen Insel eine Menge Einfluss geltend machen. Der 64-jährige Finanzmanager hat sich auch auf andere Art und Weise Macht, Ruhm und Anerkennung gesichert. Als er vor vielen Jahren seine Ehefrau Kathrin – die er Kate nennt – zum Traualtar führte, war er in der britischen Öffentlichkeit nicht mehr allein nur der gefragte Top-Banker. Er galt damit urplötzlich auch im Finanzhochadel als eine ganz große Nummer. Denn seine Ehefrau ist keine Geringere als die Tochter von Edmund de Rothschild, einem Spross der weltberühmten Rothschild- Bankendynastie. Diese hatte von Frankfurt am Main aus seit Beginn des 19. Jahrhunderts das globale Bankenwesen maßgeblich geprägt. Noch heute steht der Name Rothschild als Synonym für Reichtum in der Welt.

Liebe zur Natur

Im Zeitraum zwischen 1815 und 1914 war die jüdische Bankiersfamilie im Besitz der weltgrößten Bank, die ihren Namen trug. Heute ist das Haus Rothschild durch seine verschiedenen Nachfolgeinstitute noch immer eine international bedeutende – hauptsächlich im Investment Banking vertretene – Bankengruppe. Agius' direkter Bezug zum Rothschild-Imperium besteht heute neben den familiären Banden vor allem auch darin, bei der Verwaltung des weltberühmten – mehr als 100 Hektar umfassenden – Exbury Gardens in der Nähe der britischen Stadt Southampton an der Südspitze der britischen Insel mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In diesem sich dem Besucher als paradiesisch darstellenden Anwesen kümmert sich Marcus A.P. Agius um die berühmte botanische Sammlung der Rothschilds. Die Anlage bietet eine wahrlich beeindruckende Botanik und umfasst Rhododendren, Azaleen, Kamelien sowie seltene Bäumen und Sträucher.

Und so überrascht es nicht, wenn der inzwischen grauhaarige Banker unter anderem das Interesse an Gärten und Botanik als eines seiner Hobbies bezeichnet. Sichtbares Zeichen dieser Vorliebe ist seine Tätigkeit als Chairman in den Gremien der Royal Botanic Gardens in Kew. Diese ausgedehnte Parkanlage im Südwesten Londons zählt zu den ältesten botanischen Gärten der Welt. Die Liebe zur Natur zeigt sich auch bei seinen anderen Hobbies wie Golf und Skifahren. Eine weitere Vorliebe teilt Marcus Agius mit vielen Bankern in der Welt – das Interesse an Kunst.

Der Weg an die Spitze
Dass Bindungen in die Hochfinanz und in den Hochadel hinein auf dem Karriereweg hilfreich sind, ist unbestritten. Das mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass sich Agius in den vergangenen Jahren nicht nur in der Finanzszene seine Sporen verdient hat. Der Harvard-Absolvent hat während seines erfolgreichen Berufswegs stets enge Beziehungen in die britische Wirtschaft hinein gepflegt. Im Jahr 1998 wurde er zum Beispiel wegen seiner breiten volks- und betriebswirtschaftlichen Kenntnisse zum stellvertretenden Chairman beim Flughafenbetreiber BAA plc berufen.

Begonnen hat der derzeit im Stadtteil Chelsea wohnende Agius seine Banker- Karriere im Jahr 1972 bei Lazard & Co Ltd – einem Bankhaus, das mit seinen im Jahr 1848 liegenden Wurzeln beinahe ebenso lange existiert wie das Rothschild- Imperium. Hier war Agius auf verschiedenen Positionen bis Ende 2006 aktiv, als er dann die Bank verließ und den Sessel des Chairmans räumte, um die Rolle als geistiger Vordenker der zweitgrößten britischen Bank Barclays plc zu übernehmen. Zur gleichen Zeit verabschiedete er sich dann auch von seinem Posten als Chairman bei der BAA plc, den er im April 2002 übernommen hatte.

Klar, mit seinen Erfahrungen ist Agius auch bei den Politikern in London ein gefragter Mann. Dass er als Non-Executive Director in das neu etablierte Executive Board der Mediengesellschaft BBC berufen wurde, bestätigt das. Gerade in diesen Zeiten, in denen die Briten die ärgste Krise seit fast einem Jahrhundert zu bewältigen versuchen, ist sein Rat gefragt. Dies vor allem deshalb, weil das Wohl und Wehe von Großbritanniens Wirtschaft stärker auf der Finanzdienstleistungsbranche basiert als das bei anderen Staaten in Europa der Fall ist.

Meldet sich der zweifache Vater aus seinem Büro in Canary Wharf in den berühmte Londoner Docklands in der breiten Öffentlichkeit zu Wort, dann lauschen sie nicht nur in der Londoner Finanzszene sehr aufmerksam. Hier von seinem großzügig geschnittenen Büro aus hat er eine atemberaubende Aussicht, zum Beispiel auf das neue Wembley Stadion. Angesprochen auf die sich abzeichnende schärfere Regulierung im Global Banking als Folge der aktuellen Finanzkrise wählt er Worte, die die Öffentlichkeit versteht. Dass die Regierungen jetzt die aufsichtsrechtlichen Zügel enger anziehen, könne er „sehr gut verstehen“, sagt er. Die Bankenbranche müsse sich nicht nur auf einen „regulatorischen Tsunami“ vorbereiten, warnt er.

Banken müssen profitabel arbeiten können
Auch der Druck der Politik und der Öffentlichkeit werde als Folge der Fehlentwicklungen in der Vergangenheit zunehmen. „Was mich in der Nacht nicht schlafen lässt, ist die Frage, wie wir Banken mit all dem jetzt umgehen werden, und wie sich all das auf unsere Erträge auswirkt“, sagt Agius nachdenklich. Zu viel Regulierung könnte dem Bankenwesen großen Schaden zufügen. „Banken müssen profitabel arbeiten können“, fordert er. Und noch eines treibt ihn um: Er fürchtet, dass nationale Regierungen ihre Banken durch eine laxe Regulierung im globalen Wettbewerb in eine vorteilhafte Position zu bringen versuchen. „Wir brauchen gleiche Wettbewerbsbedingungen“, kämpft der Gerechtigkeitsfanatiker Agius gegen die derzeit bereits sichtbar werdende regulatorische Arbitrage.

Großbritanniens Politikern hat er seine Sicht der Dinge in den vergangenen Monaten immer wieder klargemacht. Mitte dieses Jahres hat er sich bei einer Reise in die Republik Südafrika sehr weit vorgewagt. Auch wenn möglicherweise noch Abschreibungen und Wertberichtigungen notwendig seien, hätten die Banken das Schlimmste in der Finanzkrise hinter sich gelassen, hat er dort unten am Kap gute Hoffnung verbreitet und die Welt aufhorchen lassen.

Volksnah und offen
Dass auch einer wie er hin und wieder Rückschläge hinnehmen muss, gehört zum Geschäft. Und – das anspruchsvolle Bankgeschäft wird in einer globalisierten Welt immer härter. Dass er mit seinen Kollegen bei Barclays den Übernahmekampf um die niederländische ABN Amro Bank gegen RBS verloren hat, wurmt einen erfolgsverwöhnten Geschäftsmann wie Agius. Obwohl – er würde das wohl nie öffentlich zugeben. In der Nähe seines Büros ist an diesem Tag ein Barclays-Kunde des Lobes voll über den Chairman. „Ich habe ihm nicht nur als Kunde, sondern auch als Aktionär eine E-Mail geschrieben und mich darüber beklagt, dass meine Bank in Problemen steckt“, sagt der Mann beim Mittagessen hier im typisch britischen Pub. Und dann strahlt er urplötzlich: „Was ich nie für möglich gehalten hätte – Marcus Agius hat mich persönlich angerufen und mir die Lage erklärt.“

Hier zeigt sich der Mensch Agius: volksnah und offen. Er hat nicht vergessen, dass er sich auf andere verlassen konnte, als er sich mit Kraft und Energie ganz nach oben gearbeitet hat. Denn zunächst war er Mechanik-Ingenieur bei Vickers, bevor er durch ein Stipendium die Chance erhielt, sich am Harvard College, an der Cambridge University und der St Georges University in die Geheimnisse der Ökonomie und des Finanzwesens einweihen zu lassen. Heute ist er derjenige, der die während seiner Karriere gewonnenen Erkenntnisse an andere weitergibt. Und genauso sollte es auch sein.

 

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 09/2010
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  • » Brainstorming: Der Sturm im Gehirn: Mit Brainstorming, dem Klassiker der Kreativitätstechniken, lösen Teams Probleme und sorgen für frische Ideen - auch wenn nicht alle Einfälle brauchbar sind. Tüftelrunde, Grübelplausch, Denkgewitter, Gedankenquirl - das sind nur einige der mehr als 10.000 Vorschläge, das englische Wort Brainstorming durch einen passenderen deutschen Begriff zu ersetzen.
Buchtipp (BK)
  • » Die Weichmacher – Das süße Gift der Harmoniekultur: Der Titel des Buchs verrät es: Der Autor ist ein Freund der plakativen Diktion. Er spricht vom „süßen Gift der Harmoniekultur“ und kritisiert die seiner Meinung nach in deutschen Unternehmen weit verbreitete „Weichmacherei“, für die er wenig Schmeichelhaftes bereithält: „Weichmacher sind einfach nett. Sie wollen kommunizieren und andere einbinden.

 

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