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At the top: Brian T. Moynihan

Der Balance-Künstler

Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit zeigt er als selbstkritischer Geist unverkennbar jene Größe und Weitsicht, die die Welt von jemandem erwarten kann, der das Amt des Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden der Bank of America (BoA) einnimmt. Brian T. Moynihan wählt dabei ganz bewusst Worte wie „Neuanfang“ und „Aufbruchsstimmung“ und spricht davon, dass der Aufstieg aus dem Konjunkturtal mühsam sein werde und er nach wie vor besorgt über die Zerbrechlichkeit der Wirtschaft sei. Sich selbst und seinen Kollegen in der Bankenbranche schreibt Moynihan die Weisung „never again“ ins Stammbuch.

Klare Worte
„Banken sollten sicherstellen, dass sie niemals mehr die finanzielle Unterstützung von Regierungen benötigen - das muss die entscheidende Lehre sein, die wir aus der Krise ziehen“, hat er seit seinem Amtsantritt am 1. Januar dieses Jahres mehrere Male gesagt. Diese Worte fallen dem in Marietta im US-Bundesstaat Ohio geborenen Banker wohl auch deshalb leicht, weil sein in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina ansässiges Finanzinstitut die TARP-Finanzhilfen der amerikanischen Regierung in Höhe von 45 Mrd US-$ inzwischen vollständig zurückgezahlt hat.

Lebensweg und Karriere des Brian T. MoynihanSo offen und klar kann nur einer sprechen, der allzu gut um die in seiner Branche gemachten Fehler weiß. Schließlich saß Moynihan als Präsident für das Verbrauchergeschäft bei der BoA mit an den Schaltpulten des Finanzkonzerns. Seine offenen Worte dürften so manchem ehemaligen Finanzmanager nicht wirklich gefallen. Aber so ist der Banker mit Wahlheimat Boston nun einmal - er nimmt kein Blatt vor den Mund. Rückblickend übt er harsche Kritik an dem allzu rasanten Wachstum der Finanzbranche und dem Aufblasen der Bilanzen. Dies, so sagt er, sei eine wichtige Keimzelle der globalen Wirtschaftskrise gewesen.

Und dennoch übt sich Moynihan derzeit als Balance-Künstler. Der 51-Jährige weiß, dass die jetzt zu ergreifenden Maßnahmen ausgewogen sein müssen. Aktionismus, davon ist er überzeugt, ist in der jetzigen Situation genau das Falsche. Daher gilt er trotz seiner kritischen Offenheit in der Branche auch nicht als Nestbeschmutzer. Seine Kollegen wissen: Ausgeglichenheit ist eine der Stärken des Brian T. Moynihan.

Man merkt ihm an, dass die Rolle als Präsident und Vorstandschef für ihn neu ist. Beim Interview bewegt er seinen Kopf unruhig auf und ab. Sein Blick geht von einer Seite zur anderen. Er spricht schnell, so als habe er Angst, dass er in der kurzen ihm zugestandenen Zeit nicht all das werde sagen können, was er zu sagen hat. Und es fällt auf, dass selten ein Lächeln über seine Lippen kommt. Zwar zeigt Moynihans Stirn keine Sorgenfalten, doch seinem ernsten Gesichtsausdruck ist die Anspannung zu entnehmen, die wohl normal ist, wenn jemand gerade den Top-Management-Posten bei einer der größten Banken der USA - und damit eine riesige Verantwortung für Arbeitnehmer, Aktionäre und die US-Wirtschaft - übernommen hat.

Die Komplexität reduzieren
„Banken müssen in ihrer künftigen Geschäftspolitik sehr sensibel den Mittelweg zwischen Wachstum und Stabilität suchen und finden“, leitet der ausgebildete Jurist seine referatsartigen  Reformvorschläge ein. Dass die Produkte und Dienstleistungen der Banken künftig weniger kompliziert sein müssen, steht für ihn fest. Und so fordert er mehr Klarheit, Beständigkeit und Einfachheit im Bankgeschäft. Die Zukunft der Banken liege in angemessenen Eigenkapital-Standards, einer besseren Liquiditätskontrolle, einem geringeren Leverage und einer allgemein konservativen Geschäftspolitik. Er werde alles daran setzen, diese Punkte umzusetzen und den Aufsichtsbehörden bei den in diese Richtung gehenden neuen Vorschriften die notwendige Unterstützung bieten.

Reformfreudig zeigt sich der neue BoA-Präsident, der den bisherigen Vorstandschef Kenneth Lewis ablöste, auch im Hinblick auf das künftige Regelwerk und die zu verändernde Infrastruktur der globalen Kapitalmärkte im Allgemeinen. Konkret weist er in diesem Kontext auf die Notwendigkeit besser greifender Standards im Handel mit Derivaten, in der Verbriefung von Vermögenswerten und in der Entlohnung von Mitarbeitern hin. Strengere Regeln fordert er nicht zuletzt mit Blick auf die Ratingagenturen.

Eine gute Wahl?
Während er offensichtlich die meisten seiner Mitarbeiter auf diesem Weg hinter sich weiß, scheiden sich die Geister der amerikanischen Bank-Analysten hinsichtlich der Führungsqualität Moynihans, der noch heute im Verwaltungsrat von Firmen wie der LaSalle Bank N.A., der US Trust Co. und der FIA Card Services N.A. sitzt. Sein beruflicher Werdegang sei mit dem Abschluss des Bachelor’s Degree an der Brown University im Jahr 1981 und dem Juristen-Abschluss an der University of Notre Dame im Jahr 1984 okay, so sagen sie. Zweifel haben einige Beobachter der Bankenszene jedoch wegen angeblich fehlender Erfahrung mit wirklich großen Führungsaufgaben.

Er sei von der Wahl Moynihans wenig inspiriert, sagt zum Beispiel William Cohan, Buchautor von „House of Cards“ und geschätzter Kenner der Finanzbranche in Nordamerika. Demgegenüber äußert sich Jason Goldberg, Senior-Analyst von Barclays Capital, positiv zur Berufung des Wahl-Bostoners. „Das ist eine gute Wahl“, sagt Goldberg nicht zuletzt mit Hinweis auf die zahlreichen Funktionen, die Moynihan seit dem Jahr 1994 bei Fleet Boston Financial - von der BoA im Jahr 2004 übernommen - wie auch bei der Bank of America selbst innehatte. „Brian muss neu definieren, wo die BoA heute steht“, umreißt Mark T. Williams, Professor an der University of Boston und ehemaliger Berater der US-Notenbank Fed eine der Aufgaben Moynihans.

Nah am Kunden
Und Moynihan hat darauf bereits eine Antwort gegeben: Er wolle die Bank in eine verbraucherfreundlichere Institution umwandeln. „Wir müssen auf die Kunden hören; denn was der Kunde uns sagt, sollte für uns das Wichtigste sein“, hat er kürzlich in einem CNBC-Interview betont.

Er weiß, wovon er spricht; denn er ist bestens mit der Kundenbasis vertraut. Moynihan war in verschiedenen Funktionen in die BoA-Geschäftsleitung eingebunden und hat in praktisch jedem Bereich des Unternehmens Erfahrungen gesammelt. Zuletzt war er Präsident des Geschäftsbereichs für Privatkunden und kleine Unternehmenskunden, der Beziehungen zu etwa 53 Mio Haushalten und Kleinunternehmen in den USA pflegt.

Im Verwaltungsrat der Bank gab es jedenfalls keine Zweifel an Moynihan. „Brians umfassender Erfahrungsschatz, seine Beziehungen innerhalb und außerhalb des Unternehmens und seine bereits unter Beweis gestellte Fähigkeit, die Dynamik des Geschäfts zu verstehen und konstruktive Veränderungen durchzusetzen, machen ihn zum besten Kandidaten“, kommentiert Walter E. Massey, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Bank of America. Dieses Gremium sei nach Anhörung von Aktionären, Regulierungsstellen und anderen Parteien zu dem Ergebnis gekommen, dass Moynihan über gleich viel oder mehr Erfahrung als andere Kandidaten verfügt und so der Vorteil eines reibungslosen Übergangs gegeben sei. Und auch sein Vorgänger ist des Lobes voll: „Ich habe sechs Jahre lang eng mit Brian zusammengearbeitet und bin überzeugt, dass er die richtige Person ist, die BoA in die Zukunft zu führen“, sagt Ken Lewis.

Dass ihn die Mitarbeiter im Bank of America Corp. Center in der North Tyron Street in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina zunächst kritisch beäugt haben, mag seine Ursache auch darin haben, dass sie durch Gerüchte verunsichert waren, Moynihan könne den Firmensitz der Bank nach 135 Jahren von Charlotte nach Boston - seinem Wohnort - verlegen. Dass er solchen Gerüchten gleich nach seinem Amtsantritt entgegentrat und sich somit nicht nur als Balance- Künstler, sondern hinsichtlich der Wurzeln der Bank auch als bodenständig erwies, hat ihm bei der BoA-Crew eine Menge Sympathien eingebracht. Er teile die gleichen Visionen für die 2,3-Billionen-Bank wie seine Vorgänger, hat er die Menschen in Charlotte und Umgebung eruhigt. Moynihan erntete Jubelstürme bei der Belegschaft, als er sagte: „Unsere Bank hat sich über 135 Jahre hinweg als North-Carolina-Gesellschaft bestens entwickelt - und wird das auch weiterhin tun.“

Dass er die Mitarbeiter auf dem steinigen Weg aus der Krise mitzunehmen versucht, zeigen die folgenden Aussagen: „Wir haben bei der Bank of America alles, um uns als das weltbeste Unternehmen für Finanzdienstleistungen zu etablieren. Wir verfügen zudem über die richtigen Werte und die richtige Unternehmenskultur.“ So etwas hören Mitarbeiter gern. Und so darf man gespannt sein, ob in den nächsten Jahren von Charlotte aus ein neuer erfrischender Wind im US-Banking wehen wird.

Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 03/2010
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