Strategische Antworten auf die Krise
Vor gut zweieinhalb Jahren – unmittelbar nach der Lehman-Insolvenz – begann eine bis dahin beispiellose Wirtschaftskrise. Sowohl die Tiefe des Einbruchs als auch die Geschwindigkeit der anschließenden Erholung waren extrem. Der folgende Artikel zeichnet die Gründe dafür nach. Diese lassen Schlussfolgungen für die Wirtschaftspolitik wie auch für die Unternehmensfinanzierung zu. | Markus Becker-Melching
Die Situation im Herbst 2008 war – gut ein Jahr nach Ausbruch der Subprime-Krise in den USA und den Rettungsaktionen für SachsenLB und IKB – ambivalent. Die Subprime-Krise führte zu erheblichen Verunsicherungen an den Märkten. Nach Jahren relativ guten Wachtums zeichnete sich ohnehin ein normaler zyklischer Abschwung ab. So fiel zum Beispiel der DAX-30 von Höchstständen um 8.000 Punkten vor der Subprime-Krise auf rund 6.000 Punkte. BIP-Rückgänge begannen bereits im 4. Quartal 2008. Zudem hatten einzelne Branchen – in der öffentlichen Diskussion wurde in diesem Zusammenhang immer die Automobilindustrie genannt – mit Strukturproblemen zu kämpfen.
Nach mehreren Schieflagen im Frühjahr und Sommer markierte die Lehman-Insolvenz und – in ihrer Konsequenz – die Rettungsaktion für die Hypo Real Estate im September 2008 den Beginn einer umfassenden Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, in deren Folge zunächst die Einlagengarantie der Bundeskanzlerin und dann wenige Tage später das Finanzmarktstabilisierungsgesetz erforderlich waren. Der massive Einbruch des BIP im 1. Quartal 2009 – insgesamt verlor Deutschland während der Krise über 6,5 % seiner Wirtschaftsleistung – war dann nicht überraschend, zumal er sich im Herbst 2008 zum Beispiel durch einen kräftigen Rückgang der Auftragseingänge bereits abgezeichnet hatte.
Deutsche Unternehmen gut gerüstet
Die Unternehmen hatten in den Jahren zuvor in der Breite allerdings ihre Hausaufgaben gemacht: Die Wertschöpfungsketten wurden verkürzt, der gesamte Arbeitseinsatz wurde flexibilisiert. Die während der rot-grünen Bundesregierung insbesondere mit den Hartz-Gesetzen geschaffenen oder ausgeweiteten Instrumente zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes – zum Beispiel Zeitarbeit oder Arbeitszeitkonten – wurden bereits umfangreich genutzt. Mit den Gewerkschaften wurden über Jahre produktivitätsorientierte Lohnabschlüsse vereinbart. So sind zum Beispiel die deutschen Lohnstückkosten in den drei Jahren vor der Krise sogar gesunken, während sie in wichtigen Konkurrenzländern teilweise erheblich gestiegen sind.
Einen weiteren wichtigen Anstoß zu diesen strukturellen Anpassungen haben auch die viel gescholtenen Baseler Eigenkapitalforderungen aus dem Jahre 2004 gegeben. Zuvor wurde die Eigenkapitalunterlegung für Bankaktiva – zum Beispiel für Kredite – nach der Gruppe der Kreditnehmer ermittelt. Mit den Basel II-Regeln wurde jetzt das tatsächliche Risiko eines Kredits zum Ausgangspunkt des Eigenmittelbedarfs. Die für diese Risikoermittlung erforderliche systematische Einführung aufsichtlich anerkannter Ratingsysteme hat zu einer erheblichen Veränderung der Kunde-Bank-Beziehung geführt.
Die Kunden waren gezwungen, mehr und qualitativ besser aufbereitete Informationen bereitzustellen, konnten diese aber gleichzeitig auch zur Unternehmenssteuerung einsetzen. Eventuelle Schwachstellen, die durch das Rating aufgezeigt wurden, gaben Anlass, die betriebliche Finanzierungsstruktur und Finanzierungspraxis zu optimieren. So hat sich zum Beispiel die Eigenkapitalausstattung der deutschen Unternehmen kontinuierlich verbessert und ist durch gutes Working Capital Management der Liquiditätsbedarf gesunken. Insbesondere aber wurde die Kommunikation zwischen Kunde und Bank insgesamt systematischer und regelmäßiger.
Umfangreiche staatliche Reaktion erforderlich
Für die Finanzmarktstabilisierung bewilligte der Bundesgesetzgeber im Oktober 2008 die bis dahin wohl unvorstellbare Summe von 80 Mrd € für die Rekapitalisierung von Banken und 400 Mrd € für Garantien. Dazu kamen zahlreiche Maßnahmen der Bundesländer für Landesbanken, die insgesamt über 100 Mrd € (21,0 Mrd € für Rekapitalisierungen und 80,3 Mrd € für Garantien) erreichten. Nachdem die Notmaßnahmen die Funktionsfähigkeit der Finanzdienstleistungsbranche gesichert hatten, rückte spätestens ab Dezember 2008 mit dem sich abzeichnenden Wirtschaftseinbruch die Lage von Industrie und Gewerbe auf die Tagesordnung. Mittlerweile zeichneten sich für viele Unternehmen massive Umsatzeinbrüche ab. Betroffen waren insbesondere die (exportorientierte) Industrie und deren Dienstleister, die den Abschwung praktisch allein verkraften mussten, während in vielen anderen Teilen der deutschen Wirtschaft zumindest keine Einbrüche zu verzeichnen waren.
Mit den Konjunkturpaketen I und II und dem dort enthaltenen Deutschland-Fonds wurden Maßnahmen ergriffen, die einerseits Handlungswillen und Handlungsfähigkeit der Politik auch in diesem Feld signalisierten und andererseits an tatsächlichen Problempunkten ansetzten. So wurde der Automobilindustrie mit der Abwrackprämie über ein erhebliches Absatzproblem hinweggeholfen. Die Verlängerung der Kurzarbeiterregelungen stützte die in den Betrieben gewonnene Flexibilität beim Arbeitseinsatz und verhinderte so vielfach sonst wahrscheinlich notwendig gewordene Entlassungen.
Gefahr eines Teufelskreises
Umsatzeinbrüche haben für die betroffenen Unternehmen immer auch Konsequenzen bei der Finanzierung. Investitionen werden zurückgestellt; Betriebsmittel für Produktion und Absatz werden weniger, zur Überbrückung und zum Kapazitätserhalt aber umso mehr benötigt. Die Nachfrage nach Finanzierungsmitteln ändert sich somit strukturell.
Schlechter verdienende Unternehmen mit wegbrechenden Absatzmärkten bedeuten aus Bankensicht eine Verschlechterung der Qualität der Kreditportfolien. Die Ratings der betroffenen Unternehmen verschlechtern sich – spätestens mit der Vorlage der problematischen Bilanzen. Die so genannte Rating-Migration macht eine erhöhte Eigenkapitalunterlegung erforderlich; wegen der Erwartung vermehrter Ausfälle erhöhen sich Abschreibungs- und Risikovorsorgebedarf. Die Bank reagiert mit der Anwendung schärferer Kreditvergabestandards und versucht, die Margen auszuweiten, wodurch sich die Finanzierungsbedingungen und perspektivisch mittelbar dann auch das Rating weiter verschlechtern. Den Unternehmen droht ein Teufelskreis, der sich durch eine risikoorientierte Banksteuerung, wie Basel II sie bezweckt, schneller und früher dreht.
Die Rating-Systeme stehen in einer solchen Situation vor besonderen Herausforderungen. Ein scharfer Konjunktureinbruch bedeutet zunächst eine Überschätzung der Rating-Noten: Aufgrund noch guter Kennziffern vor der Krise entsprechen die Rating-Noten nicht mehr vollständig der schwieriger gewordenen Situation. In der Phase des dann folgenden schnellen Aufschwungs gilt das Umgekehrte: Die Rating-Noten unterzeichnen.
Diese Entwicklungen waren in aller Schärfe während der Krise 2008 und 2009 zu beobachten. Insgesamt aber scheinen die Rating-Systeme der deutschen Kreditwirtschaft mit dieser Herausforderung gut fertig geworden zu sein. Die befürchtete massive Rating-Verschlechterung jedenfalls hat nicht stattgefunden.
Finanzkommunikation als strategische Antwort
Eine wesentliche Ursache dafür, dass dieser Teufelskreis nicht entstand, dürfte darin gelegen haben, dass viele Unternehmen bereits vor dieser Krise eine systematische Finanzkommunikation gegenüber der Bank aufgebaut haben. Finanzkommunikation in diesem Sinne umfasst vor allem die aktive und verlässliche Übermittlung aller für die Bank wichtigen Planungen und Daten des Unternehmens. Ausgangspunkt müssen dabei die Daten sein, die direkt oder indirekt in die Rating-Systeme der Banken einfließen: Viele Daten können dabei direkt aus den herkömmlichen Jahresabschlüssen entnommen werden. Genauso wichtig für die Bank sind darüber hinaus aussagekräftige Planungen und Unternehmensstrategien. All dies muss von einer stabilen persönlichen Beziehung zwischen den Verantwortlichen begleitet sein. Denn nur so lassen sich die harten Kennzahlen einordnen und interpretieren, Perspektiven und Chancen des Unternehmens abschätzen und letztlich auch Managementfertigkeiten überprüfen.
Richtig eingesetzt kann Finanzkommunikation auch helfen, schwierige Situationen, wie sie nach dem scharfen Wirtschaftseinbruch Anfang 2009 für viele Unternehmen bestanden, zu erläutern. Gute Finanzkommunikation stellt Stressszenarien bereit, erläutert die Abweichungen zu den ursprünglichen Planungen plausibel und zeigt Perspektiven und Rückfallpositionen auf, bevor die Bank beunruhigt wird. Durch aktive Finanzkommunikation gegenüber der Bank waren die Kunden so wesentlich besser vorbereitet und konnten die Krise auch finanzwirtschaftlich besser abfangen. Basel II stellt die Unternehmen also vor umfangreiche finanzwirtschaftliche Herausforderungen, liefert mit der Finanzkommunikation aber auch das Tool zu ihrer Lösung.
Unternehmen nutzen Marktopportunitäten auch bei der Finanzierung
Flexibilität haben die Unternehmen auch in der Finanzierung gezeigt. Deutliche Verbesserungen zum Beispiel im Working Capital Management haben es möglich gemacht, den kurzfristigen Finanzierungsbedarf während der Krise zu reduzieren. Umgekehrt haben die Unternehmen Marktopportunitäten zu ihre Gunsten genutzt. Dies zeigt sich besonders beim Ausbau der langfristigen Finanzierung: Nachdem Unternehmensanleihen Anfang 2009 nur mit sehr hohen Aufschlägen platzierbar waren, haben sich die Spreads spätestens seit dem 2. Quartal 2009 normalisiert. Viele Unternehmen haben die Gunst der Stunde genutzt und Bankkredite mittels Anleihen abgelöst. So stiegt der Umlauf von Unternehmensanleihen von Ende 2007 bis Ende 2010 um über 150 Mrd €; das Gesamtvolumen beträgt derzeit rund 25 % des Unternehmenskreditbestands. Aber auch beim Bankkredit haben die Unternehmen reagiert: Trotz schwacher Investitionslage wurde gerade in den letzten Quartalen die langfristige Bankverschuldung der Unternehmen ausgeweitet. Offensichtlich sichern sich die Unternehmen die günstigen Zinsen für die Zukunft und lösen kurzfristige Kredite ab.
Bereits seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise wurde die Befürchtung einer Kreditklemme in der Öffentlichkeit, teilweise auch von Unternehmen, breit diskutiert. Gegeben hat es eine Kreditklemme nie. So sind noch während der Phase der höchsten BIP-Einbrüche die Kreditbestände (unbereinigt gegenüber Vorjahr) gewachsen und erst im 4. Quartal 2009 erstmalig zurückgegangen – genau zu einem Zeitpunkt, als das nominelle BIP gegenüber Vorjahr erstmalig wieder gestiegen ist (GRAFIK 1). Eine solche Reaktion wundert auch nicht, da die Kreditnachfrage immer ein nachlaufender Indikator ist.
Die dann folgenden Rückgänge sind – so die Bundesbank – vor allem auf mangelnde Nachfragen zurückzuführen. Hinzu kommen die oben beschriebenen strukturellen Veränderungen, die Substitute zum Bankkredit für viele Unternehmen möglich und attraktiv machen. Dadurch wird auch erklärlich, warum in der öffentlichen Debatte entsprechende Vorwürfe gegen die Kreditwirtschaft nie überzeugen konnten. Wichtige Beiträge dazu, dass diese Diskussion – vor dem Hintergrund des ungewöhnlichen Einbruchs – relativ ruhig verlief, waren die verschiedenen Spitzengespräche mit der Bundesregierung und die abwägenden Stellungnahmen der Bundesbank.
Schlussfolgerungen für Unternehmen und Politik
Die sicherlich wichtigste Lehre bezieht sich auf die staatliche Reaktion: Eine Systemkrise erfordert eine starke staatliche Antwort. Diese hat die Bundesregierung mit der Finanzmarktstabilisierungsgesetzgebung und den Konjunkturpaketen gegeben. Genauso wichtig ist, aus staatlichen Stützungsmaßnahmen unverzüglich – das heißt so schnell wie möglich und sachlich angemessen – wieder auszusteigen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich Teilnehmer an den verschiedenen Märkten an staatliche Hilfen gewöhnen und die mit den unvermeidlich einhergehenden Wettbewerbsverzerrungen verbundenen Wohlfahrtsverluste gar nicht mehr bemerken.
Die zweite Lehre ist zweifelsohne, dass sich Reformen hin zu mehr Flexibilität an den Märkten lohnen. Dies betrifft die staatliche Verfasstheit zum Beispiel des Arbeitsmarktes wie auch die Reaktionsfähigkeit von Unternehmen zur Anpassung an geänderte Marktbedingungen. In beiden Feldern war Deutschland gut auf die Krise vorbereitet.
Die Krise zeigt aber auch die Bedeutung stabiler Haus- und Kernbankbeziehungen für die Unternehmen. Basel II hat dabei heilsam auf beiden Seiten gewirkt: Die Unternehmen waren in der Summe besser finanziert und in der Finanzierung anpassungsfähiger. Die Banken hatten durch ein deutlich verbessertes Kreditrisikomanagement ein geringeres Exposure, waren besser gesichert und konnten so auch bei einem scharfen Einbruch zu ihren Haus- und Kernbankkunden stehen.
Deutlich wird dies an den Insolvenzzahlen (GRAFIK 2). Infolge der letzten Rezession 2002/2003 (auch Insolvenzzahlen sind nachlaufende Konjunkturkennzahlen) waren im Höhepunkt fast 40.000 Unternehmensinsolvenzen zu beklagen. Während dieser Rezession, die viel tiefer ausgefallen ist, lag der Höhepunkt bei unter 33.000 Insolvenzen. Im zweiten Halbjahr 2010 war nach Schätzungen von Creditreform die Zahl der Insolvenzen bereits wieder rückläufig. Parallel dazu waren die Kreditausfälle der Banken viel geringer als noch zu Beginn der Krise befürchtet.

