Sparer und Anleger trotzen der Krise
Die Deutschen gelten als ein Volk leidenschaftlicher Sparer und konservativer Anleger. Zu Recht, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbandes belegt. Und: Obwohl sich angesichts der Finanz- und Staatsschuldenkrise verständlicherweise viele Bürger um ihr Erspartes sorgen, in ihrem Finanzverhalten lassen sich die Deutschen bislang nicht beirren. | Christian Jung
Jahr für Jahr legen die Deutschen mehr als ein Zehntel ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante. Die Sparquote, die diesen Anteil ausweist, betrug im vergangenen Jahr beachtliche 11,3 %. Selbst 2009, als Deutschland mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund 5 % die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte erlebte, lag die Quote mit 11,1 % nicht viel niedriger. Von Finanz- und Wirtschaftskrisen scheinbar unbeeindruckt, gehören die Deutschen im internationalen Vergleich damit zu den eifrigsten Sparern überhaupt.
Während sich die Ökonomen weiter darüber streiten, ob Sparen aus volkswirtschaftlicher Sicht nun zu begrüßen sei oder den Binnenkonsum abwürge, haben die Bürger ihr Urteil darüber längst gefällt. Wer es sich leisten kann zu sparen, tut dies in der Regel auch, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Das ist aus Perspektive jedes Einzelnen auch nur vernünftig, selbst wenn Zinsniveau und Renditemöglichkeiten zurzeit nicht ganz so verlockend erscheinen wie noch vor wenigen Jahren. Welche Folgen es jedoch haben kann, die finanzielle Vorsorge zu vernachlässigen oder längere Zeit gar über seine Verhältnisse zu leben, kann derzeit in vielen Ländern Europas am Verlauf der Staatsschulden- und Euro-Krise besichtigt werden. Diesem Beispiel sollten die Deutschen jedenfalls besser nicht folgen.
In einem gewissen Rahmen unterliegt natürlich auch das Sparverhalten hierzulande konjunkturellen Schwankungen. Wie Umfragen des ipos-Instituts im Auftrag des Bankenverbandes zeigen, ist etwa die Neigung, regelmäßig Geld zurückzulegen, momentan etwas schwächer ausgeprägt als beispielsweise im Rezessionsjahr 2009; dafür liegen die durchschnittlichen Beträge, die gespart werden, zurzeit höher als damals GRAFIK 1 und GRAFIK 2.
Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, entspricht durchaus der „Psychologie des Sparens“: In Jahren der Wirtschaftskrise und des Konjunkturrückgangs wächst mit der Sorge der Verbraucher um ihr künftiges Auskommen auch die Motivation, finanziell vorzubeugen. Gleichzeitig nehmen jedoch in einer Rezession die tatsächlichen Möglichkeiten zum Sparen ab, die individuellen Sparraten sinken. Nach dem zurückliegenden Wirtschaftsaufschwung besteht in Deutschland nun die genau umgekehrte Situation.
Der Zusammenhang zwischen Sparhäufigkeit, das heißt der Regelmäßigkeit des Sparens, und des „Sparen-Könnens“, das sich in der Höhe der Sparraten ausdrückt, zeigt sich besonders eindrücklich im Generationenvergleich. So ist die Neigung, regelmäßig einen Teil des verfügbaren Geldes zu sparen, unter Jüngeren deutlich stärker ausgeprägt als bei älteren Befragten. Der Anteil jener, die überhaupt nicht sparen, nimmt gar von 9 % bei den 18- bis 24-Jährigen bis auf 31 % bei den über 60-Jährigen stetig zu. Andererseits verfügen aber die noch jungen Erwachsenen bis 24 Jahre häufig nicht über annähernd so umfangreiche Finanzmittel wie die ältere Generation. Entsprechend niedriger fallen auch ihre Sparraten aus: Kleinere Beträge bis 50 € werden von ihnen doppelt so häufig zurückgelegt wie von den über 60-Jährigen (26 vs. 13 %), während es sich bei höheren Raten zwischen 200 und 500 € exakt andersherum verhält (13 vs. 26 %) (GRAFIK 3).
Sparmotiv Altersvorsorge gewinnt an Bedeutung
Jüngere verfügen im Durchschnitt über weniger Vermögen, haben aber dafür den größten Teil ihrer Lebensspanne noch vor sich, und damit die Möglichkeit, für ihre Zukunft langfristig vorzusorgen. Dennoch spielt die Altersvorsorge für viele erst in ihrer zweiten Lebenshälfte eine stärkere Rolle. So geben von den Befragten bis 40 Jahre nur 13 % die Altersvorsorge als Sparmotiv an, bei den über 40-Jährigen sind es mit 37 % fast dreimal so viele.
Immerhin hat die finanzielle Absicherung für das Alter in den letzten Jahren insgesamt als Sparmotiv zugelegt; mittlerweile ist sie sogar der am häufigsten genannte Grund (30 %) der Deutschen, Geld auf die hohe Kante zu legen. Gleichauf folgen das Vorsorgesparen für etwaige Notfälle und das Ansparen für größere Anschaffungen (beide 27 %). Das Motiv, eine finanzielle Reserve für die Wechselfälle des Lebens zu bilden, ist seit 2006 jedoch deutlich rückläufig, das des „Konsumsparens“ hat hingegen erkennbar an Boden gewonnen (GRAFIK 4).
Anlageziel Sicherheit weit vor Rendite
Unabhängig von der Frage, wofür die Deutschen sparen, ist der für sie bei einer Finanzanlage bei weitem wichtigste Aspekt die Sicherheit ihres Geldes: Sechs von zehn Befragten nennen dieses Ziel als vorrangig. Demgegenüber spielen die schnelle Verfügbarkeit der Mittel (22 %) oder die erzielbare Rendite (15 %) nach Angaben der Anleger nur eine untergeordnete Rolle.
Die Deutschen waren zwar in Geldangelegenheiten schon vor Finanz- und Staatsschuldenkrise eher risikoavers. Die in diesem Ausmaß eindeutige Prioritätensetzung zugunsten der Sicherheit, die im Übrigen durchgehend für alle Alters-, Bildungs- und Berufsgruppen gleichermaßen gilt, spiegelt gleichwohl auch die Krisenerfahrung der letzten Jahre wider. Mittlerweile machen sich vier von zehn Befragten, die ein nennenswertes Vermögen haben, Sorgen um die Sicherheit ihrer Ersparnisse. Selbst wenn mit 54 % die Mehrheit der Bürger davon überzeugt ist, dass ihr Geld weiterhin nicht gefährdet ist, weist das ambivalente Meinungsbild auf eine gewisse Verunsicherung hin.
Dennoch kam es im Finanzverhalten der Deutschen bislang zu keinen fundamentalen Umbrüchen. Selbst die in einigen Medien als „Run“ beschriebene Ausweichbewegung in Gold oder andere Edelmetalle fiel eher moderat aus. So berichten lediglich 4 % der Deutschen, dass sie in letzter Zeit auf wertbeständigere Anlagen dieser Art umgeschichtet hätten. Auch das zeigt: Die deutschen Sparer und Anleger haben in der Krise sehr besonnen reagiert; ihr Finanzverhalten hat sich bislang als Stabilitätsfaktor erwiesen.

